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METEORITEN: Der Meteorit Blaubeuren


Sterne und Weltraum - epaper ⋅ Ausgabe 11/2020 vom 09.10.2020

Beim Ausheben eines Kabelgrabens wurde im Jahr 1989 zufällig ein sonderbarer, mehr als 30 Kilogramm schwerer Stein gefunden. Sein Ursprung blieb jahrzehntelang verborgen, und er fristete als wenig beachtetes Dekorationsobjekt sein Dasein in einem Blaubeurer Garten. Im Sommer 2020 avancierte der Steinbrocken zu einer Sensation in den Medien. Denn er entpuppte sich als größter Steinmeteorit Deutschlands.


Von der Gartendeko zum Medienstar

Artikelbild für den Artikel "METEORITEN: Der Meteorit Blaubeuren" aus der Ausgabe 11/2020 von Sterne und Weltraum. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sterne und Weltraum, Ausgabe 11/2020

So unscheinbar sah der stark verwitterte Steinmeteoritenfund aus, der als 30,26 Kilogramm schwerer Brocken im Jahr 1989 aus einem Kabelgraben im ...

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... baden-württembergischen Städtchen Blaubeuren geborgen wurde.


Dieter Heinlein

Nicht nur einem glücklichen Zufall, sondern insbesondere der Aufmerksamkeit und Umsicht eines Blaubeurer Bürgers ist der Fund des größten deutschen Steinmeteoriten zu verdanken. Wir befinden uns in Blaubeuren, etwa 15 Kilometer westlich von Ulm in Baden-Württemberg. Im Sommer 1989 hob Hansjörg Bayer auf seinem Grundstück im Blaubeurer Ortsteil Weiler einen Kabelgraben aus, um ein leeres Rohr für eine spätere Stromverkabelung zu verlegen. Dabei stieß er zufällig mit dem Spaten auf einen Stein mit einer Größe von 28 x 25 x 20 Zentimetern. Aus einer Tiefe von 50 bis 70 Zentimetern grub der damals 38-jährige Hausbesitzer den Klotz mit einer Masse von mehr als 30 Kilogramm aus (siehe Bilder oben). Weil das Fundstück ein auffällig hohes spezifisches Gewicht besaß und offenbar eisenhaltig war, warf Bayer das ungewöhnliche Fundstück nicht weg, sondern ließ es 26 Jahre lang als dekorativen Stein in seinem Garten liegen – stets der Verwitterung ausgesetzt. Im Sommer 2015 hätte der Finder den Brocken fast mit anderem Abraum entsorgt. »Eigentlich lag der Klotz schon auf dem Anhänger, um ihn wegzuschaffen. «, erinnert sich Bayer. Zum Glück überlegte es sich der umsichtige Schwabe anders und bewahrte den Stein seitdem im Keller des Hauses in einem Schrank auf. Auf die Idee, dass es sich um außerirdische Materie handeln könnte, kam der Finder erst später.

Identifikation durch Profis

Im Januar 2020 wollte Bayer endlich Gewissheit über die Natur und Herkunft seines Funds haben und kontaktierte das Institut für Planetenforschung am Deutschen Zentrum für Luft-und Raumfahrt (DLR) in Berlin-Adlershof. Seit 15 Jahren bietet diese DLR-Einrichtung den Service an, Fundstücke zu begutachten, die von ihren Besitzern für Meteorite gehalten werden. Oft genügten zur Beurteilung übersandte Fotos, in mehreren hundert Fällen erfolgte auch eine persönliche augenscheinliche und gegebenenfalls instrumentelle Untersuchung der Objekte. Bis Ende 2019 hatten sich aus mehr als 2000 Zuschriften nur drei der Zufallsfunde in Deutschland als echte Himmelssteine herausgestellt, nämlich die Steinmeteorite Machtenstein (siehe SuW 1/2016, S. 46), Cloppenburg und Flensburg (siehe SuW 8/2020, S. 18).

IN KÜRZE

■ Der Meteorit Blaubeuren wurde bereits im Jahr 1989 bei Grabungsarbeiten entdeckt, aber erst jetzt als Meteorit erkannt.
■ Dieser »Stein von Blaubeuren« ist mit einer Gesamtmasse von 30,67 Kilogramm der größte bekannte deutsche Steinmeteorit.
■ Es handelt sich dabei um einen Chondrit des Typs H4-5, der relativ viel metallisches Eisen enthält.

Hier sehen wir die nun 29,40 Kilogramm schwere Hauptmasse des Meteoriten Blaubeuren unmittelbar nach dem Anschnitt im Fachbetrieb des Steinmetzund Bildhauermeisters Peter Fraefel in Mindelheim. Durch seine Größe und die attraktive Schnittfläche hat der Meteorit jetzt Museumsqualität.


Dieter Heinlein

Erste Analysen

Hansjörg Bayer sandte ein 23,4 Gramm schweres abgeschlagenes Fragment des seltsamen Steinbrockens zu mir nach Augsburg zur persönlichen Prüfung. Ich begutachte für das DLR seit vielen Jahren Meteorite. Auf den ersten Blick ähnelte das stark verwitterte Gestein irdischem Eisenerz. Das Bruchstück offenbarte dem Fachmann erst im Anschnitt das typische Gefüge eines Steinmeteoriten, nämlich eine Matrix aus millimetergroßen Schmelzkügelchen, den so genannten Chondren, und Einschlüsse von Metallen – Eisen mit etwa zehn Prozent Nickelanteil (siehe Bild S. 44 oben).

Durch eine Dünnschliffanalyse konnte schließlich Addi Bischoff am Institut für Planetologie der Universität Münster das Material als Chondriten klassifizieren (siehe Bilder S. 44 unten). Genauer gesagt handelt es sich um eine H4-5-Brekzie mit der Schockstufe S2 und dem Verwitterungsgrad W3. Dies bedeutet, der Meteorit zeichnet sich durch einen relativ hohen Gehalt an metallischem Eisen aus, hat nur mäßige Stoßwellenereignisse im Weltraum erlebt und ist recht stark verwittert. Weiterhin wurden Timothy Jull von der Universität Arizona in Tucson, USA, und die Abteilung Beschleuniger-Massenspektrometrie und Isotopenforschung am Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf damit betraut, durch die Analyse verschiedener langlebiger Radionuklide wie Kohlenstoff-14 (14 C) und Beryllium-10 (10 Be) das terrestrische Alter des Meteoriten zu ermitteln. Das Ergebnis dieser Messungen ist erstaunlich: Der Meteorit ist schon vor etwa 10 000 Jahren, also im Frühmesolithikum (Beuronien), auf die Schwäbische Alb gefallen.

Kleiner Nachfund auf dem Gartenbrunnen

Mitte April 2020 fand das Ehepaar Bayer in seinem Garten ein weiteres Fragment mit einer Masse von 410 Gramm, das offensichtlich 1989 beim Aushub des Grabens vom 30,26 Kilogramm schweren Hauptstück abgebrochen war. Es lag, ebenfalls als dekoratives Element, auf einer Brunnenabdeckung und passt mit der Bruchfläche genau an den großen Brocken. Mit einer »Flüssigkeit« aus 40 Mikrometer winzigen Glaskügelchen wurde das Volumen beider Steine ermittelt: Die Dichte von 3,34 Gramm pro Kubikzentimeter passt sehr gut zur Klassifikation eines recht stark verwitterten H-Chondriten. Anfang Juli 2020 bestätigte die »Meteoritical Society«, eine internationale Forscherorganisation, den Fund als anerkannten Meteoriten, der nun offiziell den Namen »Blaubeuren« trägt.

Dieses durchgeschnittene Fragment mit 17,25 und 2,95 Gramm verriet die meteoritische Natur des Fundstücks. Bei Blaubeuren handelt es sich um eine H4-5-chondritische Brekzie mit Metallpartikeln aus Eisen und Nickel in einem Gefüge aus Schmelztröpfchen, den Chondren.


Dieter Heinlein

Mit insgesamt 30,67 Kilogramm Fundmasse handelt es sich bei dem Blaubeuren-Meteoriten um den schwersten Steinmeteoriten, der je in Deutschland gefunden wurde. Bislang war der Rekordhalter der in der Nähe von Oldenburg gefundene Benthullen-Chondrit mit einer Masse von 17,25 Kilogramm.

Der schwerste deutsche Eisenmeteorit ist übrigens der im Jahr 1920 gefundene Untermässing mit einer Fundmasse von etwa 80 Kilogramm.

Aus dem Asteroidengürtel auf die Schwäbische Alb

Die allermeisten der auf der Erde gefundenen Meteorite, nämlich 99,8 Prozent, stammen ursprünglich aus dem Asteroidengürtel unseres Sonnensystems. Dieser Gürtel befindet sich zwischen den Umlaufbahnen von Mars und Jupiter und enthält mehr als eine halbe Million kleinere und größere Objekte. Der Zwergplanet (1) Ceres ist der größte von ihnen. Die kleineren unter ihnen, Meteoroiden genannt, können durch Kollisionen zwischen Asteroiden vom Mutterkörper abgeschlagen werden und auf eine Umlaufbahn um die Sonne geraten, welche die Erdbahn kreuzt. Es ist möglich, dass solche Körper auf Kurs zu unserem Heimatplaneten geraten, in dessen Gashülle eindringen und schließlich auf der Erdoberfläche landen. Vor dem Aufprall auf die Erdatmosphäre dürfte der spätere Blaubeuren-Meteorit noch etwa eine Tonne gewogen haben. Die Kollision erfolgte mit einer hohen Geschwindigkeit von etwa 72 000 Kilometern pro Stunde oder 20 Kilometern pro Sekunde. Durch die Atmosphäre wurde der Körper extrem abgebremst und verlor einen Großteil seiner Masse. Ein mehr als 30 Kilogramm schwerer Restmeteorit schlug schließlich mit etwa 350 Kilometern pro Stunde auf der Erde auf und drang einen halben Meter tief in den Boden ein.

Steinmeteorite vom Typ Chondrit sind vor 4,56 Milliarden Jahren entstanden und bestehen aus ganz ursprünglich erhaltener Materie aus der Zeit der Bildung unseres Sonnensystems. Das macht Meteorite für Wissenschaftler zu besonders interessanten Forschungsobjekten. Denn solche Fundstücke öffnen ein Fenster in die frühste Entwicklungsphase.

Ein detektivischer Nachweis

Die Fundgeschichte von Hansjörg Bayer ist absolut glaubwürdig und wird durch historische Fotos untermauert. Im Sinne des wissenschaftlich akribischen Arbeitens ist es jedoch ratsam, das Gesteinsmaterial auch hinsichtlich seiner Fund-und Lagerstätte genau zu untersuchen. Durch die Bestimmung der Barium-und Strontiumgehalte an der Oberfläche des Meteoriten konnte Beda Hofmann vom Naturhistorischen Museum Bern belegen, dass der Blaubeuren-Chondrit in Schwaben verwittert ist. Dieser Nachweis ist schon deswegen sinnvoll, weil es in letzter Zeit Versuche einiger unangenehmer Zeitgenossen gab, gekaufte »Wüsten-Meteorite« aus Nord-westafrika als Eigenfunde aus Mitteleuropa auszugeben, um dadurch eine deutliche Wertsteigerung der Objekte zu erzielen. Durch forensische Nachweismethoden konnten Meteoritenwissenschaftler solche Betrugsversuche aufdecken.

Beim Durchleuchten eines Dünnschliffs des Blaubeuren-Meteoriten mit polarisiertem Licht zeigen sich die gesteinsbildenden Minerale in charakteristischen Farben. Abgebildet sind zwei rundliche Chondren und eine Chondre mit radialen Strukturen (ganz rechts). Die einzelnen Kristalle in den Chondren sind überwiegend Silikatminerale der Pyroxen-und Olivin-Gruppen.


Addi Bischoff

Ein Paradefall zur Erforschung von Radionukliden

Später kam Detlev Degering vom VKTA-Strahlenschutz, Analytik & Entsorgung ins Spiel. Er erklärte sich bereit, im Dresdener Felsenkellerlabor mit einem hochempfindlichen Gammaspektrometer Messungen der Radionuklidgehalte im Material durchzuführen. Dabei untersuchte der Physiker die Meteoritenhauptmasse, den kleinen Nachfund sowie Bodenproben aus dem Garten der Bayers – aus dem Bereich Rasenfläche und der ehemaligen Fundstelle in 80 Zentimeter Tiefe.

Durch die kosmische Strahlung entstehen radioaktive Elemente in den Meteoroiden, solange sich diese noch im Weltraum befinden. Nach der Landung auf der Erde zerfallen die kurzlebigen Nuklide ziemlich rasch. Diese kosmogenen Radionuklide mit kurzen Halbwertszeiten von 16 Tagen bis 5,3 Jahren von Vanadium-48 bis Kobalt-60 (48V bis 60Co) waren in dem vor einigen tausend Jahren gefallenen Steinmeteoriten nicht mehr zu finden. Lediglich das vergleichsweise langlebige Aluminium-26 (26Al) – mit einer Halbwertszeit von 705 000 Jahren – ließ sich in entsprechender Menge nachweisen.

Eine Ausnahme für einen weiteren positiven Befund im kleinen Nachfundstück ist das kurzlebige Beryllium-7 (7Be), das alle 53 Tage zur Hälfte zerfällt. Dieses radioaktive Element wird nicht nur in Meteoroiden bei der Bestrahlung im Weltall produziert, sondern auch in der Erdatmosphäre. Von dort wird es mit Staub und mit Niederschlägen zur Erde transportiert und kontaminierte so beide Blaubeuren-Stücke.

Da der Finder die unterschiedlichen Lagerungsbedingungen bestens dokumentiert hat, ließen sich die gemessenen 7Be-Konzentrationen gut erklären: So befand sich im Nachfund von 410 Gramm, der von 1989 bis 2020 stets im Freien lag, das 7Be aus der atmosphärischen Kontami-nation in Sättigung. Im 30,26 Kilogramm schweren Hauptstück hingegen, das während der letzten fünf Jahre vor Umwelteinflüssen geschützt im Keller aufbewahrt wurde, wurde kein 7Be mehr detektiert.

Außer den kosmogenen und atmosphärischen Komponenten war in dem Meteorstein auch eine von Menschen gemachte (anthropogene) Radionuklidkontamination zu finden. Dabei handelt es sich um sehr geringe Mengen von Cäsium-137 (137Cs), ein Nuklid mit 30,19 Jahren Halbwertszeit, das vom Reaktorunglück in Tschernobyl im April 1986 stammt und das auf Grund der längeren Halbwertszeit noch nicht vollständig zerfallen ist. Die Oberfläche der Meteorite wurde während der Lagerung im oder auf dem Boden mit einer kleinen Menge 137Cs kontaminiert.

Die Karte zeigt die Namen und das Fundjahr von 19 Meteoriten, die zufällig in Deutschland entdeckt und als Meteorite identifiziert wurden (rote Punkte). Die blauen Punkte beinhalten die Namen und das Falljahr von 33 Meteoriten, deren Niedergang sogar beobachtet worden ist.


Sterne und Weltraum / Emde-Grafik, nach: Dieter Heinlein

Ein begehrtes Museumsstück

Als Rohstück sah der äußerlich stark verwitterte Steinmeteorit unscheinbar aus, fast wie ein Brocken irdisches Eisenerz. Um die Chondrenstruktur und die Metalleinschlüsse im Inneren des Meteoriten sichtbar zu machen, wurde Ende Mai 2020 eine Ecke des Steins abgetrennt. Dieser Abschnitt wird weiter wissenschaftlich analysiert.

Steine, die aus dem Weltraum auf die Erde fallen, haben keinen Vorbesitzer. Wer also in Deutschland einen Meteoriten findet, darf diesen »herrenlosen Gegenstand « behalten und darüber bestimmen. Bayer, welcher nach der Publikation seiner Rekordentdeckung einen wahren Medienrummel um seine Person erlebt hat, möchte, dass die Aufmerksamkeit künftig dem Meteoriten zukommt. Es ist der ausdrückliche Wunsch des Eigentümers, dass der jetzt 29,40 Kilogramm schwere Blaubeuren-Meteorit dauerhaft in einem Museum ausgestellt wird, damit die Öffentlichkeit einen Blick auf diesen »Schwaben, der vom Himmel fiel« werfen kann.

Meteorite werden in Mitteleuropa nur selten aufgespürt. Auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland gibt es lediglich 52 gesicherte Meteoritenfunde: 33 dieser Meteorite wurden sogar im Flug in der Erdatmosphäre beobachtet (sind also Fälle), und 19 wurden zufällig entdeckt (siehe Karte S. 46). Auf der Fläche des Bundeslands Baden-Württemberg sind lediglich zwei Meteorite bekannt: der Meteoritenfall Renchen aus dem Jahr 2018 und der Meteoritenfund Blaubeuren im Jahr 1989.

DIETER HEINLEIN betreut das Deutsche Feuerkugelnetz und ist Meteoritenspezialist des DLR. Seit vier Jahrzehnten ist er Mitglied der Forschervereinigung »Meteoritical Society«.

Literaturhinweise

Heinlein, D.: Machtenstein – Ein Meteorit vom Acker. Sterne und Weltraum 1/2016, S. 46 – 49
Jonas, C.: Ein wertvoller Meteoritenfund nahe Flensburg. Sterne und Weltraum 8/2020, S. 18 – 21

Dieser Artikel und Weblinks unter: www.sterne-und-weltraum.de/artikel/1767391

Eine frühe Vorahnung?

Hansjörg Bayer (rechts) zeigt Dieter Heinlein die Stelle in seinem Garten, an welcher er im Jahr 1989 einen Kabelgraben zog und auf den Steinmeteoriten stieß. Oben auf der Steinpalisade liegt der kleine, erst 2020 entdeckte, Meteoritennachfund von 410 Gramm Masse (im Kreis).


Gabriele Heinlein

Hatte der schwäbische Lyriker und evangelische Pfarrer Eduard Mörike (1804 – 1875) etwa eine Vorahnung bezüglich des Meteoriten von Blaubeuren, als er im Jahr 1853 in sein Märchen »Das Stuttgarter Hutzelmännlein« die Geschichte von der schönen Lau einflocht? Aus diesem Werk stammt ja der schwabenweit bekannte Zungenbrecher: »’S leit a Klötzle Blei glei bei Blaubeira, glei bei Blaubeira leit a Klötzle Blei.«

Die prophetische Aussage, dass gleich bei Blaubeuren ein Klötzchen Blei liegen soll, zeigt doch gewisse Parallelen zum Meteoritenfund von Blaubeuren: Der Dichter beschreibt, dass etwas im Verborgenen liegt, und 1853 offensichtlich noch nicht gefunden worden ist. Die mehr als 30 Kilogramm schwere Masse, auf die Hansjörg Bayer im Jahr 1989 einen halben Meter tief in der Erde stieß (siehe Bild rechts), kann man durchaus als Klotz bezeichnen. Mörike bezeichnet diesen Klotz – auf Grund der Neigung der Schwaben zum Diminutiv – als ein Klötzle. Der Meteorit lag nicht in Blaubeuren, sondern in Weiler, einem Ortsteil außerhalb der Stadt, also gleich bei Blaubeuren. Das Fundstück war metallhaltig und fiel durch eine besonders hohe Dichte auf; es war fast so schwer wie Blei.