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MEXIKO/GUATEMALA/EL SALVADOR: GEFÄHRLICHES ZUCKERROHR


Motorrad ABENTEUER - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 14.08.2019

Eine Motorradreise um die Welt: 100.000 Kilometer, 53 Länder in mehr als zwei Jahren. Davon erzählt Theo M. Schlaghecken in seinem Buch »Die Verlässlichkeit des Zufalls«. Heute ist er zurück und oft wird er gefragt: »Hattest Du Probleme oder gefährliche Situationen auf der Reise?« Ja, die hatte er …


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Bildquelle: Motorrad ABENTEUER, Ausgabe 5/2019

1Kleine Flussquerungen: Ohne die geht es nicht abseits der Hauptwege.


DIE VERLÄSSLICHKEIT DES ZUFALLS – NEBENWIRKUNGEN EINER WELTREISE

MotorradABENTEUER ist der Grund, weshalb es dieses Buch gibt. Das Magazin war ein Weihnachtsgeschenk seines Bruders. Darin fand er den Bericht von einem, der aufbrechen wollte, ...

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... die Welt mit dem Motorrad zu umrunden. Nie zuvor hatte Theo M. Schlaghecken einen Gedanken daran verschwendet, alles hinzuwerfen, Schluss zu machen, auszubrechen und einfach um die Welt zu reisen. Schon gar nicht mit einem Motorrad. Schließlich arbeitete er seit elf Jahren als Unternehmensberater, in ein solches Leben passte so etwas nicht hinein. Doch dieses Motorradmagazin und eine unbedacht spontan geschriebene E-Mail veränderten alles: Theo war danach mehr als zwei Jahre unterwegs! 848 Tage, randvoll mit Erkenntnissen über die Welt und die Menschen – und über sich selbst. Erst viel später wurde ihm klar, weshalb er diese E-Mail an den Reisenden aus der MotorradABENTEUER geschrieben hatte…

Es ist ein sehr persönliches Buch geworden. Eine Erzählung darüber, wie schwer es ihm fiel, diesen »Ausbruch« zu wagen, wie sehr die Begegnungen mit den Menschen, mit Gefahren und Armut seine Sicht auf die Welt verändert haben. Es geht um die Abenteuer einer Motorradreise, um Landminen und Überfälle, um Schicksale und das Glück. Es geht um Beziehungsflucht und Liebe, und um das Ankommen im Leben. »Die Verlässlichkeit des Zufalls« erzählt von den Nebenwirkungen dieser Motorradreise. Und der Autor erzählt davon, wie grob er nach der Rückkehr war bei seinen Versuchen, sich wieder einzufinden in ein Leben mit Erwartungen und Verpflichtungen. Doch vor allem ist dieses Buch eine Erzählung über seine Begegnungen mit dem Zufall und darüber, wie sehr wir uns auf ihn verlassen können. Zufälle, die dem begegnen, der mit dem Motorrad unterwegs und bereit ist, sich ganz auf die Welt und die Menschen, die er trifft, einzulassen.Paperback 14,90 Euro, E-Book 10,99 Euro

2Guanajuato in Mexiko, die mit Abstand bunteste Stadt.


DER AUTOR

Theo M. Schlaghecken, Jahrgang 1967, wuchs auf einem Bauernhof in Kleve am Niederrhein auf und studierte Betriebswirtschaftslehre in Bochum und Manchester. Nach dem Studium arbeitete er als Unternehmensberater in der Nähe von Frankfurt am Main. Nach Jahren in diesem Beruf entschloss er sich zu einer Weltreise auf dem Motorrad, und gab dafür seine Karriere auf. Nach über zwei Jahren kehrte er zurück. Heute ist er freiberuflicher Unternehmensberater. Er lebt in Kleve, zusammen mit seiner Lebensgefährtin, die er während seiner Reise kennengelernt hat. Alles läuft heute wieder in geregelten Bahnen. Doch wenn er sein Reisemotorrad in der Ecke der Garage stehen sieht, die Reisekoffer an der Maschine, die vielen Aufkleber aus den bereisten Ländern drauf und den zerkratzten Helm, so kommt auch heute noch ein wenig Sehnsucht nach Ferne und Fremde in ihm auf (www.emotionals.de).


Angeblich gibt es eine Verordnung, nach der kein Haus die gleiche Farbe wie sein Nachbarhaus haben darf


Gefährlich«, so sagte man mir, solle es in Mittelamerika werden. Dort gelte es, »sich in acht« zu nehmen. Ich hatte gehörigen Respekt vor diesem Teil der Reise, doch noch war es nicht so weit, noch war ich in Mexiko, doch auch dort können Probleme entstehen, auch wenn es dabei nur um ein »Buff« geht.

Guanajuato heißt die Stadt, in der ich für etwa drei Wochen eine Sprachschule besuchte, um endlich die Fragen und die Geschichten der Einwohner besser zu verstehen. Guanajuato liegt in einem Tal mit etwa 70.000 Einwohnern, voller Cafés, Restaurants, Theater, Museen und Straßenkünstler. Angeblich gibt es eine Verordnung, nach der kein Haus die gleiche Farbe wie das Nachbarhaus haben darf. Alle scheinen sich daran zu halten, verzieren ihre Häuser mit viel Liebe zum Detail mit kräftigen Farben und legen auf diese Art ihr Tal mit einem kunterbunten Häuserteppich aus.

Bald schon hinterlässt der vierzehntägige Spanisch-Crashkurs Spuren in meinem Sprachvermögen, und ich bin in der Lage, nach dem Weg zu fragen und Hotelzimmer inklusive Frühstück und WiFi-Zugang zu buchen. Doch alle Situationen lassen sich mit dem immer noch überschaubaren Wortschatz nicht meistern.

So gibt es den Tag, an dem ich mein Buff vermisse. Ein Buff? Das ist ein Halstuch, das man sich über den Kopf zieht. Es ist schlauchförmig geschnitten, damit es der Fahrtwind auf dem Motorrad nicht fortwehen kann, und es ist etwas, auf das ich auf keinen Fall verzichten will. Doch es ist einfach nicht mehr auffindbar. Ich ziehe durch die Gassen Guanajuatos, um mir ein neues zu besorgen. Einen halben Tag lang durchsuche ich vergeblich sämtliche Arten von Geschäften. Supermärkte, Sportgeschäfte, Outdoor-Shops, Ramschläden – alles Fehlanzeige.

3Seitenstraße in der Innenstadt Guanajuatos.


Und nun? Wenn ich es in dieser von Touristen heimgesuchten Stadt nicht bekomme, dann wohl auch so schnell nicht in einer anderen. Es muss irgendein Ersatz gefunden werden, aber was nur? Ich mache eine Pause und genehmige mir einen völlig überteuerten Kaffee am Theatro Juarez. Eine junge Familie flaniert an mir vorbei. Beim Anblick des kleinen Mädchens kommt mir eine Idee. Vielleicht etwas gewagt, doch es könnte funktionieren.

Ich trinke aus, bezahle und mache mich auf die Suche nach einem Babyausstatter. Irgendwo habe ich so etwas hier schon gesehen und ein paar Minuten später stehe ich tatsächlich vor einem großen, zweistöckigen Laden. Mal sehen, ob sie auch etwas Passendes für mich haben.

1Ein Mexikaner, wie ich ihn mir vorstelle.


2Die Eisenbahn »El Chepe« durchfährt eine Schluchtenlandschaft, vier Mal so groß wie der Grand Canyon.


Meine Frage nach einem Buff beantwortet der Verkäufer erwartungsgemäß mit Kopfschütteln. Also gut, dann geht es wohl nicht anders und ich betrete noch etwas zögerlich die erste Etage, die Abteilung für Mädchenbekleidung. So, mal schauen: Strickjäckchen, Blusen, Unterhemdchen, Söckchen. Ah ja, dort drüben neben dem Fahrstuhl, dort sind sie ja, die Röcke für kleine Mädchen. Die meisten in Rosa mit Blümchen oder kleinen Äffchen darauf. Keines mit einem geeigneten Motiv für Motorradfahrer, aber gut, ich bin angesichts der schwierigen Lage zu Kompromissen bereit. Aber welche Größe brauche ich? Die für »2 bis 4 Jahre« oder eher »5 bis 7 Jahre«? Ich bin mir nicht sicher und wühle in den verschiedenen Regalen herum, betrachte mir die Röcke, prüfe, wie stark der Gummizug im Bund ist, schließlich darf er mich nicht zu stark am Hals würgen. Ich schaue hinein, ob auch keine Innenhose darin ist, die das Überstreifen verhindern würde. So recht kann ich mich nicht entscheiden, nicht ohne sie vor dem Kauf einmal anprobiert zu haben.

Bestimmt schon zehn Minuten krame ich in den Mädchenröcken herum. Hinten in der Ecke stehen zwei Verkäuferinnen, schauen zu mir herüber, tuscheln. Es hilft nichts, um die richtige Größe zu finden, muss ich mir einige Modelle überziehen. Möglichkeit eins: Ich nehme mir drei Röckchen und verschwinde damit unter ständiger Beobachtung der Verkäuferinnen in eine der Umkleidekabinen. Diese Variante würde zweifelsohne die Phantasie der beiden Damen noch viel weiter beflügeln, und falls ihr Humor nicht sonderlich ausgeprägt ist, würden sie vielleicht die Sittenpolizei informieren. Die würde vermutlich in dem Moment den Kabinenvorhang beiseite ziehen, in dem ich gerade mit dem Gesicht mitten im Röckchen stecke. Mir würde es schwer fallen, diese Situation auf Spanisch zu erklären…

Alternative zwei: Ich bleibe bei den Regalen und ziehe sie mir dort kurz über den Kopf. Ja, das erscheint mir sinnvoller, so kann ich auch sehen, ob ich tatsächlich Aufmerksamkeit errege. Ich entscheide mich für ein hellblaues Modell mit zartrosa Blümchenmuster, schaue mich noch einmal kurz um und, schwupps, bin ich drin. Ein wenig würgt das Teil am Hals. »Vielleicht ist 5–7 Jahre doch besser«, denke ich noch, als ich in die entsetzten Gesichter der beiden Verkäuferinnen blicke. Jetzt nur nicht aus der Ruhe bringen lassen, Theo. Du bist so kurz vor der Lösung, außerdem tust du nichts Verbotenes, nur etwas eher … Seltsames.


Nicht mehr lange, und die Länder stehen auf dem Tourplan, vor denen mich vor allem die US-Amerikaner gewarnt haben


Ah, da ist er, das gleiche Modell für 5 bis 7 Jahre und, schwupps, ja, der passt besser. Würde mich eine deutsche Verkäuferin jetzt beraten, hätte sie wahrscheinlich gesagt: »Wissen Sie, wichtig ist, dass Sie sich wohl darin fühlen«, und ja, das tue ich und entscheide mich erleichtert für dieses Produkt.

Als ich meinen Kopf wieder aus dem Röckchen ziehe, sehe ich, wie eine der beiden Verkäuferinnen aufgeregt mit einem Mann vom Sicherheitsdienst spricht und mit ausgestrecktem Arm auf mich zeigt. Angriff ist die beste Verteidigung, sage ich mir und laufe mit dem Rock in der Hand auf die drei zu. »Hello, do you speak English?«, eröffne ich das Gespräch freundlich. »No Sir«, »No«, »Nada« lauten die drei Antworten aus ihren ernsten Gesichtern. Jetzt sind meine gesamten Spanischkenntnisse gefordert. Schließlich bin ich zu der Zeit schon seit vier Tagen in der Sprachschule und kann schon sagen wie ich heiße und woher ich komme. Wie allerdings diese Situation hier mit dem Röckchen zu erklären wäre, das werden wir wahrscheinlich erst in der nächsten Woche durchnehmen.

3Mexikanischer Mauerer mit seinem Hund.


4Möbeltransport – geht alles irgendwie.


5Mit offenem Visier nach Guatemala.


Also erkläre ich mit Händen und Füßen, dass ich Motorradfahrer bin, deute auf meinen Helm, auf meinen Hals, imitiere Windgeräusche und signalisiere, dass ich zum Fahren so etwas wie einen Schal benötige. Stelle dar, wie ein Schal vom Wind fortgerissen würde, zeige pantomimisch auf, wie dies bei dem Röckchen nicht passieren könne, und schließe meine kleine Theatervorstellung mit dem Fazit, dass dieser Rock nun genau das Richtige für mich sei und ich dieses Modell nun gern erwerben und zur Kasse gehen möchte.

Sichtlich beeindruckt von der Geschichte und von meinen Spanischkenntnissen, begleitet mich der Herr von der Security wortlos zu den Ausgängen, wo auch die Kassen sind. Ich zahle und er bleibt in meiner Nähe. So lange, bis er sicher sein kann, dass ich das Haus verlasse. Erst dann nickt er zufrieden, lässt seinen ungläubigen Blick von mir ab und läuft kopfschüttelnd wieder zur ersten Etage in die Mädchenabteilung hinauf.

Ich habe wieder ein Buff und bin wieder reisetauglich, das alleine zählt. Jetzt solle es nicht mehr lange dauern und die Länder stehen auf dem Tourplan, vor denen mich vor allem die US-Amerikaner gewarnt haben: Guatemala und El Salvador. Je weiter ich mich der Grenze zu Guatemala nähere, desto öfter fallen sie mir wieder ein, ihre Warnungen: »Bleib immer auf den Hauptstraßen und lass dich nicht von einem einzelnen Polizisten stoppen, schon gar nicht, wenn die Schuhe nicht zur Uniform passen. Dann kannst du davon ausgehen, es ist eine Falle«, war einer der gutgemeinten Ratschläge.

Ein anderer meinte: »Wenn die Straßen einsamer werden, sieh zu, dass du in einem Konvoi mit ein paar anderen Wagen fährst. Fahr mittendrin. Bandidos überall. Ach, und zieh keine Ringe an. Ich hab schon gehört, dass dafür Finger abgeschnitten werden.«

Zugegeben, da ist ein leicht ungutes Gefühl in mir, doch keiner, mit denen ich gesprochen habe, war selbst in diesen Ländern gewesen. Alles nur »Hörensagen « und oft wird in solchen Geschichten übertrieben, beruhige ich mich. Zudem erscheinen mir die Amerikaner ohnehin sehr ängstlich und ihr »Warning« gehört spätestens seit den Anschlägen vom 11. September zu ihrem typischen Verhaltensmuster. Ja selbst vor einem Ei wurde ich gewarnt, damals in Portland. Es war Frühstückszeit. Ich stellte meine BMW vor einem dieser Diner ab. In Motorradkluft nahm ich Platz auf den roten Kunstlederbänken und zusammen mit dem bestellten Spiegelei wurde mir ein Formular serviert, das ich zu unterschreiben hätte. »No signature, no egg«, sagte mir die Bedienung streng. Auf dem Formular sollte ich erklären, dass mir im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte bewusst sei, dass dieses Ei mit der »sunny-side up« nicht ganz durchgebraten sein könnte und das Lokal keine Haftung für eine mögliche Salmonellenvergiftung übernehmen würde. Ich unterschrieb. Ich aß. Ich überlebte. Und auch Mittelamerika werde ich überleben!

Tatsächlich sind es die gefährlichsten der 53 Länder meiner Reise. Und doch gibt es ein unerschütterliches Vertrauen in mir, dass nichts passieren würde. Vielleicht aber bin ich auch nur vertrauensselig und etwas naiv. So ist auch alles gut, als ich an meinem zweiten Tag in Guatemala die alte Hauptstadt Antigua erreiche. Es ist ein attraktives Städtchen, auch für Touristen. Hotels, Restaurants und Geschäfte säumen die Straßen aus Kopfsteinpflaster, über die ich langsam mit der BMW rolle, um mich umzusehen. Die kräftigen Farben der Häuser, die vielen Barockkirchen und der Blick auf die umliegenden Vulkane laden einfach zum Bleiben ein. Was das Bild aber stört, sind die vielen »Securities« und Polizisten mit ihren kurzen Schrotflinten oder Maschinenpistolen an den Straßenecken. Was stört, sind massive Stahltore und Gitterfenster, mit denen die Häuser offenbar gesichert werden müssen. Was stört, sind die vielen Berichte der Reisenden von Überfällen.

1Pause am Lago de Atitlán, kurz vor Antigua.


2Kaffeefelder sind häufig am Wegesrand zu finden.


Einer dieser Reisenden ist Daniel, ein Texaner. Genau wie ich ist er mit einer BMW F 650 GS unterwegs in Richtung Süden, auf dem Weg nach Ushuaia, der angeblich südlichsten Stadt der Welt. Er steckte in Antigua fest, da er auf seinen neuen Reisepass warten musste. Dieser war dem Dreißigjährigen samt Geld und Kreditkarten gestohlen worden, auf übelste Weise gestohlen. Er hätte einfach nicht diese Dirtroad entlang des Sees Atitlán nehmen sollen: Zwei Männer sprangen vor ihm aus dem Busch, stoppten ihn, ein Dritter kam von hinten. Eine Pistole hielten sie ihm durch das offene Visier an die Stirn, eine andere drückten sie ihm in den Bauch. »Die Angststarre setzte ein«, erzählt mir Daniel, »alles Wertvolle haben sie gefunden und genommen. Die wussten genau, wo sie suchen müssen.

Und dann haben sie mich wieder fahren lassen. Alles war eine Sache von zwei Minuten, wenn überhaupt. Seitdem sitze ich hier in Antigua. Ich traue mich kaum noch raus aus der Stadt. Ich glaube, ich werde paranoid«, beendet Daniel seine Geschichte und greift mit gesenktem Kopf nach seinem Bier.

»Uups«, sage ich und muss erst einmal schlucken. Diese Story hier ist aus erster Hand und sie passierte so einem Motorradreisenden, wie ich auch einer bin. Vielleicht waren die Warnungen der Amis doch nicht so übertrieben.

»Daniel, lass uns zusammen weiterfahren, das ist vielleicht sicherer«, schlage ich ihm spontan vor. Daniel nickt nur. Ryan, ein weiterer Biker, schließt sich uns ebenfalls an. Er ist Neuseeländer, fährt eine alte BMW K100 und angeblich ist es Englisch, was er spricht. Doch selbst Daniel muss lachen, als er seinen Dialekt das erste Mal hört und kann wie ich allenfalls raten, was er sagen will.


Diese Story hier ist aus erster Hand und sie passierte einem Motorradreisenden, wie ich auch einer bin


Doch noch müssen wir warten, bis Daniel den neuen Pass von der US-Botschaft bekommt. Bis dahin halten wir uns in der scheinbar sicheren Stadt auf und fahren ab und zu mit den Motorrädern durch die mit bunten Häuserfassaden gesäumten Straßen, deren Farben bei uns gleich richtig gute Laune verbreiten.

Daniel besteht darauf, in der Stadt zu bleiben, doch ich will noch mehr sehen und so buche ich mir in einer Event-Agentur eine Tour auf den 2.560 Meter hohen Pacaya. Er ist einer der aktivsten Vulkane auf der Erde. »Seit 1965 brodelt und fließt es dort oben, manchmal gibt’s auch heftigere Eruptionen«, erzählt mir José von der Agentur mit etwas Stolz in der Stimme, »und das alles hier vor unserer Haustüre, nur 30 Kilometer entfernt«.

Gleich am nächsten Tag werde ich mit etwa 30 anderen Touristen in einem Kleinbus zum Ausgangspunkt gefahren, an dem uns schon Fernando, unser Führer, erwartet. Ich schätze ihn auf etwas über 60 Jahre. Er sagt nichts, sondern läuft langsam und bedächtig durch die Gruppe. Dabei schaut er nur nach unten, scheint unsere Schuhe zu inspizieren. Dann nickt er zufrieden und stellt sich auf einen Stein, so dass jeder ihn sehen kann. »Wollen wir uns alle hier später wieder treffen?«, fragt er laut und ernst in die erstaunten Gesichter und betont dabei das »alle«. »Dann tut genau das, was ich sage, es wird kein Spaziergang und keiner soll in der Glut stecken bleiben. Das was wir tun ist nicht ungefährlich und nebenbei gesagt auch offiziell nicht erlaubt.«

Wissenswertes Mexiko

Allgemeines: Für die Reise durch Mexiko sollte man reichlich Zeit mitbringen, denn das Land hat viel zu bieten. Für die »Historiker« unter den Bikern sind die Besuche der Maya Kulturstätten ein Muss. Insbesondere in den Regionen Yucatán, Chiapas und Campeche lässt sich gut auf ihren Spuren wandeln. Vor allem der Süden bietet zudem mit üppigem Dschungel, tropischen Regenwäldern im Hochland, vulkanischen Gebirgen, Seen, Flüssen, Tälern und Schluchten einige Traumstraßen zum Cruisen und Staunen. Fehlen darf auf der Tour auch nicht Palenque, die ehemalige Maya-Metropole im Bundesstaat Chiapas.

Wer nach so viel Kultur Erholung, Sonne und Strand benötigt, fährt zu den Regionen im Norden des Landes. Allen voran zur Maya Riviera, deren touristisches Epizentrum Cancun ist, eine Stadt, die Platz 27 der meistbesuchten Städte der Welt belegt; sicherlich auch wegen ihres 23 Kilometer langen Strandes.

Eine andere Alternative zum Motorradfahren wäre die mehrstündige atemberaubende Zugfahrt durch Dschungel und Berge mit der Chepe (Eisenbahn) von Los Mochis nach Creel zum Copper Canyon. Eine Schluchtenlandschaft, die mittlerweile neben den gigantischen Aussichten auch anderes Aufregendes zu bieten hat, wie Kletterparcours über gigantische Abgründe oder eine der schnellsten Zip-Lines der Welt.

Straßen & Verkehr: Eine Besonderheit der mexikanischen Straßenbaukunst ist der Bau von »Topes« in fast allen bewohnten Gebieten. Dies sind Geschwindigkeitsbegrenzer, kleine »Bodenschwellen«, die jeden zwingen, stark abzubremsen, auch Motorradfahrer. Diese sind vor allem nervig, wenn man mit einem vollbepackten Weltreise motorrad unterwegs ist. Wenn man es sich aussuchen kann, sollte man in Mexiko ein Motorrad mit leichtem Gepäck, mehr Federweg und aufrechter Sitzposition wählen. Zudem hilft dies auch bei den vielen Schlaglöchern, wenn man die Hauptstraßen hinter sich lassen möchte.

Polizei-und Militärkontrollen sind in Mexiko an der Tagesordnung. Vielleicht fünfmal bin ich auf der Tour kontrolliert worden und obwohl Polizisten und Soldaten ein eher schlechter Ruf nachgesagt wird, wurde nie versucht, mir aus fadenscheinigen Gründen irgendwelche Strafen aufzubrummen. Im Gegenteil, geht man offen und freundlich auf sie zu, zeigen sich die Uniformierten in der Regel sehr freundlich und hilfsbereit.

Reisezeit: Da wir Motorradfahrer eher regenscheu sind, empfiehlt sich Mexiko in den trockenen Monaten von Dezember bis April zu befahren. Doch Mexico ist das fünftgrößte Land auf dem amerikanischen Kontinent und hat diverse Klimazonen. Vom Wüsten-und Steppenklima im Norden bis zum tropischen Savannen-und Monsunklima im Süden ist alles dabei. Zwischen Juni und November können immer wieder mal tropische Wirbelstürme aufkommen, vor allem im September und Oktober ist das Wetter oft instabil. Es lohnt sich also, die Tour ein wenig nach dem Klima auszurichten.

Tequila & Mezcal: Sowohl Tequila als auch Mezcal werden ausschließlich in Mexiko hergestellt. Während Tequila nur aus einer bestimmten Agavensorte hergestellt werden darf, ist für Mezcal jede Sorte erlaubt. Tequila selbst darf sogar ausschließlich im Bundesstaat Jalisco und rund um die kleine Stadt Tequila hergestellt werden. Die Hauptregion für Mezcal ist das Gebiet rund um Oaxaca. Überall an diesen Orten fährt man kilometerlang an Agavenfeldern vorbei, auf denen sich die 30 bis 50 Zentimeter hohen stacheligen Gewächse strahlenförmig in den Himmel ausrichten. Während Tequila oft in großen Fabriken hergestellt wird, übernehmen für Mezcal noch oft kleinere Familienbetriebe die Herstellung. Statt eine Führung in einer Fabrik zu buchen, lohnt es sich mehr, einfach einmal bei einem Kleinbetrieb anzuhalten und sich dort von den zumeist freundlichen Besitzern dazu einladen zu lassen und sich alles in Ruhe anzuschauen. Dass man dort anschließend eine Flasche Mezcal kauft, ist selbstverständlich.

Sprache: Es wird Spanisch gesprochen! Englisch hat seit der mexikanischen Grenze nur noch eine geringe Verbreitung, vor allem, wenn man abseits der großen Städte unterwegs ist. Mit »Händen und Füßen« kann man sich immer verständigen, doch wenn man Wert auf mehr legt, auf persönliche Kontakte zu Einheimischen, auf deren Geschichten und Lebensweise, wenn man neugierig ist und Fragen stellen möchte, dann lohnt sich ein Spanischkurs vorab auf jeden Fall.

1Lavastrom am Pacaya, nur einen Meter vor mir.


2Sechs Stunden Wartezeit an der Grenze zu El Salvador.


Schweigend und nachdenklich setzt sich die Gruppe nach dieser kleinen Ansprache in Bewegung. Wir haben über 700 Höhenmeter vor uns und durchqueren dafür zuerst ein Stück dichten Wald, bis 1 dieser von einem Schritt auf den nächsten endet und wir auf einen scheinbar endlos nach oben sich ausdehnenden Berg aus losem Basaltgestein kommen. Kurz darauf zieht Nebel auf, der uns die Sicht nach oben nimmt und wir mühen uns durch die vielen kleinen scharfkantigen Basaltbrocken, in die wir immer wieder versinken.

Nach etwa zwei Stunden winkt uns Fernando von oberhalb und zeigt nach rechts. Vorsichtig sollen wir uns dorthin begeben und bald schon taucht aus dem Nebel etwas Rotes auf, nur ein paar Meter entfernt von mir. Ich kann es nicht glauben: Es sind glühende Lava-Brocken! Langsam schieben und rollen sie sich bergab. »Take Care«, ruft jemand von oben und kaum schaue ich hoch, sehe ich, wie ein etwa medizinballgroßer rot glühender Brocken mitten durch unsere Gruppe rollt und dabei eine orange Glutspur hinterlässt. Alle springen zur Seite und schauen diesem kleinen Stück Urgewalt der Natur ehrfürchtig hinterher, keiner verbrennt sich, doch alle verstummen mit einem etwas mulmigen Gefühl im Bauch.

Die an mir nur wenige Zentimeter vorbeikriechende Lava strahlt mir ihre unglaubliche Hitze entgegen, die Luft flimmert und sogar die Härchen auf meinem Handrücken werden angesengt, so nah ist die Hitze. Jetzt erst merke ich, wie warm auch meine Füße werden, wie weich die Sohlen meiner Motorradstiefel schon geworden sind und ich sehe, wie sie hinten an der Hacke schon dahin schmelzen und Fäden ziehen. Erschrocken weiche ich zurück und dann wird mir auch klar, weshalb Fernando unser Schuhwerk vorhin prüfte. Ich frage mich allerdings, wie der heißpfötige Hund von einem der Touristen das nur aushält – so ganz ohne Schuhe. Glücklich sieht er jedenfalls nicht aus.

»Ein Schritt zu weit, ein unachtsamer Moment, eine leichte Berührung mit dem flüssigen Gestein …« denke ich, doch nein, ich will mir nicht ausmalen, was alles passieren könnte, als kurz darauf Fernando ruft: »Vamos, es ist zu nebelig, zu gefährlich, um noch höher zu gehen, wir sehen nicht, was auf uns zu kommen könnte. Wir gehen zurück!« Und das ist mir ehrlich gesagt auch ganz recht.


Die nur wenige Zentimeter an mir vorbei kriechende Lava strahlt mir ihre unglaubliche Hitze entgegen


Zwei Tage später händigt die US-Botschaft in Guatemala City Daniel den neuen Pass aus. Sofort brechen wir auf und halten nur noch kurz bei einem original BMW-Motorradhändler. Das Elektrokabel, das meldet, ob der Seitenständer an meiner BMW ausgeklappt ist, muss erneuert werden. Es ist mehr Arbeit als gedacht. Zwei Monteure brauchen über 40 Minuten dafür und präsentieren dann eine Rechnung von 33 Quetzales. »Hm, etwa 33 Euro« denke ich, »geht doch noch«. Doch bei genauerem Nachdenken wird mir klar, dass es umgerechnet nur 3,30 Euro sind. Ich kann es kaum glauben und frage noch mal nach. Doch ja, so ist es, 3,30 Euro.

Wissenswertes Guatemala & El Salvador

Allgemeines: El Salvador hat etwa die Größe von Hessen. Guatemala hingegen ist etwa fünf Mal größer. Es lohnt sich, wenigstens ein paar Spanischkenntnisse zu besitzen, denn die Menschen dort erzählen einem gern ihre Geschichten und Sorgen und erklären einem ihre Kultur und ihre Bräuche. Gerade abseits der touristischen Orte, dort, wo es natürlicher wird, wo die Geschichten noch mehr aus dem »echten Leben« der Menschen berichten, sind Gespräche in Englisch kaum möglich. Neben den Menschen bietet eine landschaftliche Vielfalt mit Seen, Dschungel, Vulkane und Stränden alles was das Motorradfahrerherz sich wünscht.

Reisezeit: Das Klima ist in beiden Ländern ähnlich. Die Temperaturen sind über das ganze Jahr relativ konstant. Mit durchschnittlichen Werten von 25 bis 30°C im Tiefland und an der Küste sind sie für Motorradfahrer ganzjährig für eine Reise zu empfehlen. Im Hochland können bei starken Temperaturschwankungen im Sommer allerdings die Werte bis auf 0°C fallen. Auch die Regenzeit (Winter) von Mai bis Oktober ist machbar für Biker, da der Regen hauptsächlich abends und nachts fällt und es daher selten langanhaltend oder gar tagelang regnet.

Essen: In beiden Ländern gelten Mais und Bohnen als Hauptnahrungsmittel. Anders als in Mexiko wird hier jedoch weniger scharf gewürzt. In Guate mala ist Pepián eines der bekanntesten Gerichte, ein würziger Eintopf mit meist Hühnerfleisch und reichlich Gemüse und Obst. In Guatemala aber vor allem in El Salvador sind Pupusas überall zu bekommen, dicke Maistortillas, die mit unterschiedlichsten Füllungen versehen werden. Darin finden sich Bohnen, Käse oder auch (Schweine-) Fleisch. Anschließend werden sie knusprig gebraten und traditionell mit Salsa und Kohl serviert.

Vulkane: Wer sich für Vulkane begeistern kann, ist in Guatemala besser aufgehoben. Diverse Agenturen bieten Touren auf die teils noch aktiven Vulkane an. Der als erloschen geltende Tajumulco im äußersten Westen des Landes ist mit 4.220 Metern der höchste Vulkan. Wer aber vulkanische Aktivität erleben möchte, ist mit einer Wanderung auf den Acatenango (3.976 m) und von dort aus mit einem Blick auf den rauchenden El Fuego, der 2018 das letzte Mal ausgebrochen war und über 100 Todesopfer forderte, gut bedient. Abenteuerlicher ist allerdings die Tour auf den seit 1965 wieder aktiven Vulkan Pacaya (2.552 m). Hier wird die Tour mit einer fast schon unheimlichen Nähe zum glühenden Lavastrom zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Orte: Ein unbedingter Stop in Guatemala ist die ehemalige Hauptstadt Antigua mit ihren beeindruckenden Bauwerken aus der Kolonialzeit. Und wer sich schon in der Nähe dieses UNESCO Kulturerbes befindet, sollte einen der schönsten Binnenseen der Welt nicht auslassen: den Lago de Atitlán, dessen glasklares Gebirgswasser von drei beeindruckenden Vulkanen umgeben ist.

Ein unbedingter Stop in El Salvador für diejenigen, die eine Pause benötigen, ist El Tunco oder El Cuco. Beides sind Surferparadiese mit Traumstränden, die einen dazu verführen, gleich ein paar Tage länger zu verweilen.

Sicherheit: Von allen bereisten Ländern auf meiner Weltreise erschienen mir Guatemala und El Salvador die risikoreichsten, auch wenn Länder wie Pakistan oder Iran bei manchen in der Wahrnehmung als »gefährlicher« gelten mögen. Es ist die Kleinkriminalität, die hier in Mittelamerika im Vordergrund steht. Während es mir in Ländern wie Pakistan eher unwahrscheinlich erschien, von einer Autobombe verletzt oder einem Heckenschützen der Taliban ins Visier genommen zu werden, erschien mir die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Überfalls in Mittelamerika zu werden, weitaus höher. Auffällige Motorräder und eine offensichtlich teure Ausrüstung schaffen eben schnell Begehrlichkeiten nach den vermuteten Kameras oder nach Bargeld. Wer allerdings darauf achtet, überwiegend auf den Hauptstraßen zu bleiben, nicht nach Sonnenuntergang unterwegs zu sein und vielleicht auch in einer Gruppe reist, sollte sicher unterwegs sein.

Währung: Die Währung in Guatemala ist der Guatemaltekische Quetzal (1 Euro = 8,75 GTQ). El Salvador hat seit 2001, seit Abschaffung des »Colon«, keine eigene Währung mehr und gezahlt wird heute in US-Dollar (1 Euro = 1,14 USD).

1Ryans eigenwillige »Body-Cam« – hat funktioniert.


2Unsere Unterkunft in Barra de Santiago am Ende der »Sackgasse«


Wir drei fahren endlich los in Richtung Süden. Ryan liebt es zu filmen. Einfach alles zu filmen. Doch eine Helmkamera scheint er nicht zu besitzen, nur eine spezielle Art »Handycam«. Als wir mit unseren Maschinen an saftigen Kaffeefeldern und beeindruckenden, urwaldähnlichen Gegenden vorbeziehen, kann er nicht anders und winkt uns zum Anhalten. Er findet es traumhaft hier, will unbedingt jetzt seine Fahrt filmen und bittet mich, seine Handycam, die er auf die Oberseite seines linken Handschuhs stellt, mit dickem Paketklebeband zu befestigten. Ich schmunzele, wickele und es sieht wirklich abenteuerlich aus – aber es funktioniert.

Ohne Zwischenfälle schaffen wir es bis zur Grenze nach El Salvador. Sechs Stunden dauert die Abfertigung, denn die Grenzer kommen mit Daniels neuem Pass nicht klar. Sechs Stunden warten wir in der Hitze der verdreckten Grenzanlage, dann am späten Nachmittag kommen wir endlich dort weg. Zu spät, um noch die nächstgrößere Stadt zu erreichen, denn im Dunkeln will keiner von uns hier noch unterwegs sein.

»Le ptnuup Taaiiinns«, klingt es aus Ryans Helm. Ich schaue Daniel fragend an, und er übersetzte den Vorschlag des Neuseeländers: »Ich glaube, Ryan meint so etwas wie »Let‘s put up the tents!« Was? Ryan will hier irgendwo zelten? Niemals! Weder Daniel noch ich sind so mutig oder so bescheuert, seinem Vorschlag zu folgen.

Doch es wird bald dunkel und wir müssen irgendwo unterkommen, schleunigst. Wir halten an, ich lege den Lonely Planet auf den Tankrucksack und wir alle drei stecken unsere Köpfe darüber zusammen. Wir finden tatsächlich ein Beach-Hostel in der Nähe, allerdings abseits der Hauptstraße. Zehn Kilometer wären es dorthin über eine Dirtroad. Ich erinnere mich an meine warnenden Amerikaner: »Never leave the mainroad!« Doch was bleibt uns übrig? Wir wagen es, entscheiden uns für die Abseitsroute bis zum Pazifikstrand. Barra de Santiago heißt das Ziel.

»Vielleicht nicht die beste Entscheidung «, denke ich, als wir unsere Maschinen durch die dichten, hohen Zuckerrohrfelder rechts und links der Piste steuern. Eine ideale Gegend, um uns hochzunehmen. Zu dumm, dass es eine Sackgasse ist und wir morgen auf diesem Weg auch wieder zurückfahren müssen. Genug Zeit für Gangster, einen sauberen Überfall vorzubereiten.

Egal, zum Umkehren ist es zu spät. Wir kommen durch ein kleines Dorf. Holzund Bambushütten am Wegesrand, Hunde rennen bellend hinter uns her, Hühner springen zur Seite, die Bewohner starren uns nach. Mehrfach fragen wir nach dem Hostel, so dass auch das ganze Dorf weiß, dass hier drei Gringos auf Motorrädern übernachten.


Banditen warten in den Feldern auf uns. Und nun? Ich bitte den Fahrer, die Polizei zu rufen. Die sollen uns eskortieren


Endlich angekommen, verläuft die Nacht ohne Zwischenfälle, und gleich nach dem Frühstück brechen wir auf. Immer noch habe ich ein ungutes Gefühl und so ermahne ich meine beiden Mitfahrer: »Lasst uns bitte eng zusammenbleiben bei den Zuckerrohrfeldern und möglichst zügig fahren!« Daniel nickt, Ryan schaut mich nur an. Ich hoffe, er hat mich verstanden.

Am Ende des Dorfes, kurz vor den Zuckerrohrfeldern, wartet ein weißer Kleintransporter mit etwa zehn Frauen auf der Ladefläche, eine Art Taxi. Daniel und Ryan fahren daran vorbei. Als ich mich nähere, gibt mir der Fahrer aus seinem Wagen heraus ein Zeichen zum Anhalten. Seine Miene ist ernst und obwohl er schnell spricht, verstehe ich sein Spanisch hundertmal besser als Ryans Englisch: »Fahrt hier nicht weiter!«, sagt er, »ich weiß, dass hier in den Feldern drei Bandidos auf euch warten, mit Schrotflinten.« In dem Augenblick treten zwei Bauern aus den Feldern heraus, sehen mich, zeigen auf die Felder und warnen ebenfalls: »Routa muy peligrosa…« – Straße sehr gefährlich!

3Ein Taxifahrer warnt uns vor den »Räubern« in den Zuckerrohrfeldern.


4Grenzstation Honduras.


Shit! Und nun? Ich bitte den Fahrer, die Polizei zu rufen. Die sollen uns dort hindurch eskortieren. Er greift zum Handy, wählt, spricht, legt auf und zuckt mit den Schultern. »No combustible en coche de la policía«, höre ich ihn sagen. Was? Die Polizei hat kein Benzin im Auto? Na, klasse.

Dann geht alles ganz schnell. »Fahrt dicht hinter mir her. Ich fahre, so schnell es geht, haltet auf keinen Fall an, egal was passiert. Das ist eure einzige Chance«, sagt er zu meiner Überraschung dieses Mal auf Englisch. Und schon gibt er Gas. Es bleibt keine Zeit zum Überlegen. Das ist unsere Chance.

Daniel und Ryan haben 100 Meter vor mir angehalten und fotografieren ahnungslos die Gegend. Ich starte sofort die BMW, schließe dicht auf den Kleintransporter auf und rufe Daniel und Ryan zu: »Come on, go, go, go … out of here, Bandidos!« Im Rückspiegel sehe ich, wie Daniel Ryan erklärt, was Sache ist, und wie sie dann endlich Gas geben und mir folgen.

Der Transporter wirbelt Staub auf, ich rase getarnt inmitten der Dreckswolke hinterher, Daniel ist kurze Zeit später neben mir. Vielleicht zwei Meter Abstand halten wir und fahren mehr als 80 Stundenkilometer. Keine Chance, einem Schlagloch auszuweichen. Die Stoßdämpfern haben richtig zu tun. Hoffentlich ist keines der Löcher so groß, dass es einen von uns aus dem Sattel wirft. Egal, weiter, schneller, nur dranbleiben. Ich höre, wie die Frauen hinten auf der Ladefläche kreischen und sehe, wie sie sich krampfhaft am Gitter des Wagens festkrallen.

Der Kleintransporter rumpelt weiter durch die Schlaglöcher. Mehr Staub um uns herum, der Dreck knirscht trotz geschlossenem Visier zwischen den Zähnen. Das meterhoch stehende Zuckerrohr fliegt an uns vorbei. Ich versuche einen Blick auf die Straße vor uns. Alles frei, doch jeden Moment könnte einer auftauchen. Ich stelle mir vor, wie sie mit ihren Flinten einige hundert Meter vor uns auf der Straße stehen und auf uns zielen. Schweiß vermischt sich mit dem Dreck und rinnt mir beißend in die Augen. Ich spüre meinen Herzschlag bis zum Hals.

Hoffentlich bremst der Transporter nicht, denke ich, dann hängen wir nämlich hinten drin. Jetzt nur kein großes Schlagloch, das die Gabel oder die Räder beschädigt, nicht hier! Hoffentlich schießen die nicht auf die Reifen oder streuen Nägel. Jetzt eine Motorradpanne, das war‘s dann. Hoffentlich hängt uns der Transporter nicht ab. Dann, nach gefühlten zwei oder drei Kilometern, wird es etwas heller um uns herum. Die Zuckerrohrfelder sind vorbei. Wiesen, weit einsehbare Wiesen sind jetzt erkennbar. Erleichterung macht sich breit! Doch noch geht es mit Vollgas einen Kilometer weiter. Dann endlich bremst der Transporter und hält an. Ich rolle zum Fahrer vor. »So, hier solltet ihr wieder sicher sein. Wo ist der Dritte?«, fragt er.

Erst jetzt bemerke ich, dass Ryan nicht da ist. »Der hat es dann wohl nicht geschafft «, meint der Fahrer trocken. »Shit, das kann doch nicht wahr ein. Wo ist der Kerl?« Dann ist ein Motorengeräusch zu hören und Ryan kommt auf uns zu gefahren. »Thärwoo doomashdiiistnonice«, sagte er, als er den Helm vom Kopf zieht. Daniel lacht: »Cannot believe: I think, Ryan just said: ‚There was too much dust, not nice.‘« Es war ihm zu staubig, um mit uns mitzuhalten, und daher war er langsamer gefahren!

Ich bedanke mich herzlich und erleichtert bei dem Fahrer und will ihm noch etwas Geld zustecken. Ich krame in der kleinen Seitentasche meines Tankrucksacks nach der Geldbörse, doch der Fahrer hat es eilig, will nicht warten, nickt uns nur kurz zu und setzt seine Fahrt mit den mittlerweile völlig eingestaubten Damen fort.

Nach zwei weiteren Kilometern gelangen wir wieder auf die Hauptstraße. Daniel ist leichenblass. »Fuck! No risks anymore in these countries!«, rief er. Wir nehmen uns vor, diese Gegend möglichst schnell hinter uns zu lassen. Doch noch stecken wir mitten drin in Mittelamerika. Unser nächstes Land ist Honduras …

Theo M. Schlaghecken erzählt von diesem und anderen Erlebnissen seiner Weltreise in seinem Buch »Die Verlässlichkeit des Zufalls – Nebenwirkungen einer Weltreise«, www.emotionals.de.