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MICHAEL BALLACK: LÖW SOLLTE HINTERF RAGT WERDEN


Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 16/2019 vom 17.04.2019

Ex-DFB-Kapitän vermisst ein Kontroll-Organ für die Nationalelf, er kritisiert den Rauswurf von Müller und Hummels und verrät, warum Bayern von Mourinho profitieren würde


Artikelbild für den Artikel "MICHAEL BALLACK: LÖW SOLLTE HINTERF RAGT WERDEN" aus der Ausgabe 16/2019 von Sport Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 16/2019

Löw arbeitet seit 2006 als Bundestrainer. Nachdem sich Ballack vor der WM 2010 verletzt hatte, setzte Löw nicht mehr auf seinen Kapitän


SPORT BILD:Herr Ballack, Star-Trainer José Mourinho, unter dem Sie von 2006 bis 2007 beim FC Chelsea in England spielten, sagte zuletzt im SPORT BILD-Interview: „Bayern ist ein Gigant.“ Wäre es gigantisch, wenn der Rekordmeister eines Tages Mourinho verpflichten würde?

MICHAEL BALLACK (42): Warum nicht? José Mourinho hat nicht nur einen ganz großen Namen und einen exzellenten Ruf, er verfügt auch über sehr viel Erfahrung und ist besessen davon, Titel zu gewinnen. Früher war der FC Bayern oft ein Thema, wenn wir uns unterhalten haben. Er hat in den höchsten Tönen über den Klub gesprochen. Und beim FC Bayern haben immer mal wieder ausländische Top-Trainer gearbeitet: Giovanni Trapattoni, Louis van Gaal, Pep Guardiola, Carlo Ancelotti.

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Im Moment ist Niko Kovac Trainer, und das sollte man respektieren. Er macht einen guten Job. Man kann aber nicht abstreiten, dass irgendwann in der Zukunft eine Verpflichtung von Mourinho dem Klub und der Bundesliga einen gewissen Glanz bringen würde. Man hat es ja bei Pep Guardiola gesehen(der Spanier war 2013 bis 2016 bei Bayern; d. Red.) : Es ist ein Riesen-Ruck durch die ganze Liga gegangen, auch wenn er am Ende mit Bayern nicht die Champions League gewann. Guardiola hat einen gewissen Spielsti eingeführ ein Ausnahmetrainer. Dazu ist die internationale Aufmerksamkeit bei jedem Verein um ein Vielfaches höher, wenn man Guardiola oder Mourinho holt.


„Eine Verpflichtung von Mourinho würde der Bundesliga einen gewissen Glanz bringen.“


Wie könnte Bayern noch profitieren?

Mit Trainern wie Mourinho ist es für einen Klub wahrscheinlich einfacher, Top-Stars zu kriegen. Die Bundesliga hat im Moment für die Weltklasse-Spieler nicht mehr diese Strahl kraft wie zum Beispiel die Premier League. AberBayern ist gut beraten, Weltstars in der Mannschaft zu haben.

Fehlen dem FC Bayern diese Weltstars denn?

Ich weiß nicht, ob ein Transfer von Cristiano Ronaldo für Bayern darstellbar ist. Karl-Heinz Rummenigge sagte Nein. Das glaube ich ihm. Fakt ist: Die Bayern haben Weltstars. Mit Manuel Neuer seit sieben, acht Jahren den besten Torhüter der Welt, er ist gleichzusetzen mit einer Ikone wie Gianluigi Buffon. Dann hat Bayern Robert Lewandowski, von seinen Fertigkeiten ein Weltklasse-Spieler. Die Frage bei ihm ist nur: Kann er seine Qualitäten im entscheidenden Moment abrufen? Ich sehe auch Joshua Kim mich ganz stark. Er wird in seiner Rolle weiter wachsen, Einfluss nehmen, er besitzt große Qualitäten. Auf der Position als rechter Verteidi ger sehe ich ihn am liebsten.

Ballack spielte von 2002 bis 2006 für den FC Bayern. Dreimal wurde er mit den Münchnern Meister, zweimal DFB-Pokal-Sieger


Auf den Außenbahnen sind Gnabry und Coman die Zukunft

Man muss ihre Entwicklung abwarten. Vor allem Gnabry sehe ich auf einem sehr guten Weg. Er verfügt über enorme Anlagen, kann rechts wie links nahezu gleich gut schießen, ist ge radlinig in seiner Spielweise, besitzt eine gute Wettkampf härte. Er ist nicht so fein im Dribbling wie Robben oder Ribéry. Aber er hat mehr Wucht und Zug zum Tor.

Bei Bayern spielen auch die Weltmeister Mats Hummels, Thomas Müller und Jérôme Boateng, die Bun destrainer Joa chim Löw im Bundestrainer JoachimMärz aussortierte. Waren Sie überrascht?

Eines möchte ich mal vorabschicken: Jedes Mal, wenn ich zu Jogi Löw befragt werde und mich klar äußere, wird oft unterschwellig gesagt, „Ach, der Ballack, der ist immer noch beleidigt wegen der Geschichte nach der WM 2010 in Südafrika(damals schied Ballack im Unfrieden aus der Nationalelf aus, weil Löw das Kapitänsamt an Lahm weitergegeben hatte; d.Red) .“ Das spielt für mich aber in der Bewertung von Jogi Löw und der Nationalmannschaft überhaupt keine Rolle! Bei allen Vorkommnissen können Sie mir schon eine unaufgeregte, sachliche und unemotionale Meinung zutrauen – und als diese möchte ich die folgende auch verstanden haben. Und um auf Ihre Frage zu kommen: Diese „PaketEntscheidung“, so nenne ich sie mal, wird den drei Spielern nicht gerecht. Mats Hummels, Thomas Müller und Jérôme Boateng haben großen Anteil daran, dass Deutschland 2014 Weltmeister wurde. Es wertet jeden einzelnen Spieler in seiner Wichtigkeit ab, wenn der Bundestrainer morgens zum Trainingsgelände des FC Bayern fährt und seine Entscheidung den drei Spielern auf diese Art und Weise mitteilt. Löw wird seine Beweggründe dafür haben. Aber aus meiner Sicht hat er in Sachen Kommunikation bei schwierigeren Entscheidungen Luft nach oben. Das hat ja schon die Vergangenheit bei dem einen oder anderen Spieler gezeigt.

Können Sie die Entscheidungen sportlich verstehen?

Es hat mich sehr überrascht, auf Müller und Hummels aus Leistungsund Altersgründen zu verzichten. Thomas ist 29 Jahre alt. Mats ist 30. Aber der Bundestrainer entscheidet und wird daran dann auch gemessen.


„Löw hat in Sachen Kommunikation bei schwierigen Entscheidungen Luft nach oben.“


Ballack mit Reporter Rumpf (l.) beim Interview im Seehotel Leoni in Berg am Starnberger See. Der frühere Superstar nahm sich zwei Stunden Zeit


Wie sehen Sie die Entwicklung der Nationalmannschaft?

Sie ist in letzter Zeit nicht optimal. Das sieht man – mit Ausnahme des 3:2 in der EMQualifikation in Holland zuletzt – auch an den Resultaten. Ein Bundestrainer wird generell an Erfolgen bei Turnieren gemessen. Wenn sich aber die Nationalelf mit einer derartigen Qualität bei der WM so präsentiert wie in Russland und in der Vorrunde scheitert, dann stimmt etwas nicht. In der Vorbereitung, in der Ansprache des Trainers, in der Mannschaft? Es fehlten nicht nur ein paar Prozent – es waren mehr als nur ein paar Prozent, wenn man so ausscheidet.

Löw hätte auch – wie Rudi Völler nach dem EM-Vorrunden-Aus 2004 in Portugal – von sich aus zurücktreten können…

Die Möglichkeit hätte auch bestanden, ja. Jogi Löw ist Weltmeister geworden, er hat der Nationalmannschaft eine tolle Art von Fußballspielen vermittelt, da war er jahrelang Vorreiter. Mittlerweile ist aber eine lange Zeit vergangen. Ich war nie Trainer, aber ich habe es bei vielen Trainern gemerkt: Wenn du lange da bist, wird es immer schwieriger – auch wenn regelmäßig neue Spieler dazukommen. Der negative Höhepunkt war die WM 2018.


„Er hat Hummels, Boateng und Müller rasiert. Das sollten wir hinterfragen.“


Interview im Seehotel Leoni in Berg am Starnberger See. Der frühere Superstar nahm sich zwei Stunden Zeit

Kriegt Löw die Kurve?

Er kann es nur selber entscheiden, ob er dazu in der Lage ist, alles rauszukitzeln, die beste Mannschaft zusammenzustellen. In den vergangenen acht Monaten hatte ich nicht das Gefühl, dass er auf die gezeigten Leistungen bei der WM konkrete Antworten hat, wie es weitergeht. Wir sind aus der Nations League abgestiegen. All seine Entscheidungen kamen aus dem Druck des Ausscheidens und Misserfolgs zustande. Das ist menschlich. Jetzt hat er die Reißleine gezogen, indem er mit Hummels, Boateng und Müller drei Spieler rasiert hat. Das mag öffentlichkeitswirksam sein. Das ist aber ein riesengroßer Einschnitt. Das sollten wir hinterfragen.

Warum?

Wie bewerten wir denn die Nationalmannschaft? Was sind die Kriterien, für sie zu spielen? Für mich ist – auch wenn perspektivisch gedacht werden sollte – der IstZustand am wichtigsten. Das war früher so, und das sollte man heute nicht außer Kraft setzen. Die besten Spieler sollen spielen. Einen Leroy Sané nicht mit zur WM zu nehmen, das war schon ein elementarer Fehler, das hat Oliver Bierhoff(DFB-Direktor Nationalmannschaften und Akademie; d. Red.) zuletzt selber zugegeben. Perspektivisch zu denken und so zu nominieren, um einen Spieler in zwei oder vier Jahren auf TopNiveau zu haben und dafür aktuell auf Spieler wie Hummels oder Müller zu verzichten, ist schwierig für mich zu verstehen. Die Sicht auf die Nationalmannschaft und die Bewertungen haben sich verschoben.

Es gibt also einige Baustellen beim DFB und der Nationalelf …

Ja. Dass Reinhard Grindel(Ex-DFB-Präsident; d. Red.) den Vertrag mit Löw kurz vor dem Turnier bis 2022 verlängert hat – obwohl dieser noch bis 2020 lief – war für mich nicht nachvollziehbar. Genauso, dass eine Analyse des WMScheiterns erst wochenlang nach dem Turnier erstellt wurde und sogar selbst von Löw durchgeführt werden durfte – Löw aber schon vorher von ihm eine weitere JobGarantie bekam. Das war das falsche Signal von Grindel. Er erweckt damit den Eindruck, der Bundestrainer kann machen, was er will, jede Entscheidung wird mitgetragen. Ich weiß nicht, wie der DFB in Bezug auf die Nationalmannschaft aufgestellt ist. Man hatte zuletzt den Eindruck, es ist eine ZweiMannPolitik.+


„Er hat Hummels, Boateng und Müller rasiert. Das sollten wir hinterfragen.“


Was sollte man ändern?

Vielleicht sollte man sich breiter aufstellen wie BundesligaKlubs. Sie haben Gremien. Die hinterfragen den sportlichen Bereich, wenn es nicht läuft. Es wird jetzt diskutiert, das Amt des DFB Präsidenten nicht nur neu zu besetzen, sondern auch die Struktur des DFB zu verändern. Das ist völlig normal und richtig. Es muss mehr Professionalität her. Ohne die Amateure im Verband zu verärgern.

Rudi Völler hat dem DFB geraten, mehr ehemalige Nationalspieler wie Sie einzubinden. Hätten Sie Interesse?

Alle spannenden Aufgaben finde ich interessant. Aber bislang gab es nichts Konkretes. Außerdem habe ich mich bewusst entschieden, nach meiner Spieler-Karriere eine Pause einzulegen. Grundsätzlich sollte das Hauptaugenmerk darauf liegen, Top-Leute mit großem Fußball-Fachwissen auch und besonders im Nachwuchsbereich einzubinden. Die Ablösesummen sind explodiert, Spieler sind ein Investment des Vereins. In Deutschland wird beklagt, dass die Klubs zum Beispiel im Vergleich mit den Verei nen aus der Premier League wirtschaftlich einen Wettbe werbs-Nachteil haben. Also muss noch mehr in die Nachwuchsförderung inves tiert werden, dort fangen alle Mannschaften bei null an.

Was halten Sie von Oliver Kahns künftiger Aufgabe als Bayern-Vorstand?

Olli ist als Spieler immer ein Aushängeschild des FC Bayern gewesen. Die Wahl auf ihn kommt für mich nicht überraschend. Es wird mit Sicherheit nicht ganz so einfach, so einen großen Klub zu führen. Ich traue es ihm auf jeden Fall zu.

Wie schwer es ist, für Bayern zu arbeiten, er lebt dort Ihr früherer Mit spieler Niko Kovac als Trainer. Klub-Boss Karl-Heinz Rummenigge sagte zuletzt bei Sky, dass es keine Job-Garantie für ihn geben würde.

Intern haben die Bayern nun mal die Ansprüche und stellen die Frage: Kann man mit dem Trainer und den Spie lern den eingeschla genen Weg gehen? Das ist ja ein Erfolgsrezept und die große Qualität, sich ständig zu hinterfragen. Vor allem im Erfolgsfall. Dass Dinge nicht schöngeredet werden. So funktioniert nun mal der FC Bayern.

Wie bewerten Sie den Titelkampf?

Bayern und Dortmund sind auf Augenhöhe.

Sie engagieren sich bei Ihrem Ex-Klub Chemnitzer FC, dort haben Sie eine Loge. Vor dem Regionalliga-Spiel gegen VSG Altglienicke gedachten zahlreiche Fans dem verstorbenen Neonazi und Hooligan Tommy Haller. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Dass der Verein hier die Kontrolle verloren hatte. Er hat aber darauf reagiert und Konsequenzen gezogen.

Mourinho war von

2006 bis 2007 Ballacks Trainer bei Chelsea. Der Portugiese gewann u. a. mit Porto (2004) und Inter Mailand (2010) die Champions League


FOTOS: DPA/ Sebastian El-Saqqa, DPA/Federico Gambarini

FOTO: DPA/Picture Alliance/Steven Paston