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MICHAEL EKUNDERMANN: Stress ist ein Freudl-uiller


maas - epaper ⋅ Ausgabe 13/2019 vom 17.05.2019

WER GESTRESST IST, KANN NICHT GLÜCKLICH SEIN. DAS EINE SCHLIESST DAS ANDERE AUS. AUS DIESEM GRUND IST EMOTIONALE STRESSKOMPETENZ ENTSCHEIDEND FÜR EIN ERFÜLLTES LEBEN. NUR WER IN HEIKLEN SITUATIONEN DIE KUNST DER SELBSTBERUHIGUNG BEHERRSCHT, KANN EINEN GESUNDEN ZUSTAND VON ZUFRIEDENHEIT ERREICHEN – UND FREUDE EMPFINDEN.


Artikelbild für den Artikel "MICHAEL EKUNDERMANN: Stress ist ein Freudl-uiller" aus der Ausgabe 13/2019 von maas. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: maas, Ausgabe 13/2019

Der Duden definiert das Wort »Freude« mit »hochgestimmter Gemütszustand« sowie »Froh- und Beglücktsein«. Den Begriff »Stress« hingegen löst das Lexikon mit »Belastung physischer und psychischer Art«, aber auch umgangssprachlich mit »Ärger« auf. Ob sauber definiert oder nicht – es wird ...

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... deutlich, dass Stress und Freude an unterschiedlichen Enden der Skala stehen. Und dass beides gleichzeitig nicht geht. Stress killt Freude, Freude killt Stress. Auch eine intuitive Betrachtung zeigt: Der Begriff Stress ist negativ besetzt. Alleine das Wort löst manchmal schon Bauchweh, schwitzige Hände und Herzrasen aus. Welchen Schluss ziehen wir daraus? Wer ein gesundes, glückliches und freudiges Leben führen will, muss belastenden Stress aus seinem Leben verbannen.

Was einfach klingt, scheint schwer zu sein. Nicht ohne Grund fühlen Menschen sich heutzutage fast täglich unter Strom. Wer sich selbst fragt, wann er das letzte Mal in Stress geriet, antwortet innerlich vielleicht: »Heute Morgen, auf dem Weg zur Arbeit« oder »Als ich die Bahn verpasste, mein Handy den Geist aufgab oder ich drei Sachen gleichzeitig erledigen musste.« Der Zustand ist in unserem Alltag so normal geworden, dass viele Menschen ihn oft gar nicht mehr wahrnehmen. Dabei ist ein nahezu stressfreies Leben möglich – auch in unserer modernen Welt, in einem fordernden Job, in Zeiten von Patchwork-Familien, Doppelbelastung und digitaler Komplexität.

E RSTE ERKENNTNIS: STRESS IST NICHT GLEICH STRESS —

Um Stress zu vermeiden, müssen wir ihn verstehen. Wofür ist er also ursprünglich gedacht? Um unser Überleben zu sichern! Nicht mehr und nicht weniger. Bedroht uns beispielsweise ein heranfahrender Laster, springen wir reflexartig zur Seite. Es fließen die Hormone Adrenalin und Noradrenalin, um eine schnelle Reaktion zu ermöglichen. Dieser urzeitliche Stress-Modus ist höchst clever und lebensrettend.

Heutzutage ist es jedoch eher emotionaler Stress, der uns das Leben schwermacht. Stehen wir im Stau, zickt der Computer oder lässt der Partner ständig Socken liegen, ist das zwar unangenehm, aber nicht lebensbedrohlich. Die üblichen Antworten – Kampf, Flucht oder Erstarrung – nützen bei solchen emotionalen Bedrohungen nicht. Sie führen kaum in eine Lösung, sondern versetzen den Körper in Daueralarmzustand, wenn keine passende Lösung erfolgt. Der Stress-Modus feuert immer weiter. Dass der Körper darunter leidet, äußert er in vielen Variationen: Müdigkeit, Black-out, unnötige Fehler, Krankheit, Erschöpfung, Beziehungskonflikte … Emotionaler Dauerstress hemmt die Leistungsfähigkeit und Kreativität. Menschen sehen eher schwarz und finden weniger Lösungen. Zuversicht und Freude leiden.

ZWEITE ERKENNTNIS: WIR LÖSEN DEN DAUERALARM SELBST AUS —

Die pathetische Wahrheit: Wir selbst aktivieren diesen Daueralarm, indem wir falsche Signale an den Körper schicken. Oft sind es unbewusste Gedanken und Entscheidungen, die die Stressgeister in heiklen Situationen auf den Plan rufen. Müssen wir eine unangenehme Aufgabe meistern, ist die erste Reaktion vielleicht Ablehnung, Ärger oder Wut! Genau dieser Widerstand ist das eigentlich problematische Verhalten. Das Abgelehnte mutiert zur Bedrohung, die die Stressfeuerwehr alarmiert.

Der Kern der Selbstberuhigung ist daher die Erkenntnis, dass Menschen sich in jeder emotional bedrohten Situation zwischen Freude und Stress entscheiden können. Wenn wir in jeder auch noch so unangenehmen Situation zuerst einmal beteuern: »Das ist gut (auch wenn ich noch nicht weiß wozu)«, entsteht keine Bedrohung. Wenn wir unsere Gedanken bewusst in eine zuversichtliche Richtung lenken, folgen die Emotionen nach und die Bedrohung bleibt aus. Das Gehirn bleibt klar und wir können uns konstruktiv und kreativ um die Lösung kümmern. Wer das versteht, macht den Weg zur Umwandlung eines »Misthaufens in Gold« und zur Freude frei.

DRITTE ERKENNTNIS: ES KOMMT AUF DEN BLICKWINKEL AN —

Ob das Glas halb voll oder halb leer ist, entscheide ich selbst. Die Frage lautet: Worauf will ich mich konzentrieren? Auf den Mangel? Oder den Gewinn? Das Gleiche gilt für heikle Situationen aus dem Alltag. Auch bei Streit mit dem Nachbarn macht uns eine geänderte Perspektive oft glücklicher: »Es ist toll, dass mein Nachbar den Hausflur putzt« statt »Er hört viel zu laut Musik«. In den seltensten Fällen ist der Nachbar wirklich eine Bedrohung. Es gibt immer etwas Positives, wir müssen es nur finden wollen. Auch Stau ist keine Bedrohung, sondern erst mal nur eine neutrale Situation. Erst unsere Bewertung der Situation erzeugt die weitere Entwicklung. Wir können sie entweder ablehnen und sie dadurch zur stressaktivierenden Bedrohung machen – oder sie annehmen und in eine positive Möglichkeit verwandeln. Wir können sie beispielsweise nutzen, um einen weiterbildenden Podcast zu hören, zu telefonieren, zu entspannen, innezuhalten und emotionale Achtsamkeit zu üben oder an den nächsten Urlaub zu denken.

Außerdem müssen unerwartete Dinge und Fehler passieren, damit wir daraus lernen können. Anders geht es nicht. Wer jeden Fehler als willkommenes Geschenk, als Lernerfahrung und als Schritt zum Erfolg und Glück betrachtet, geht anders mit ihnen um. Und löst andere Emotionen aus, nämlich positive. Das heißt nicht, dass Menschen einfältig und naiv sein sollen. Sondern nur, dass wir neue Botschaften – wie immer sie auch lauten – erst mal im Leben willkommen heißen. Wie viele Entdeckungen wurden schon gemacht, weil versehentlich etwas schiefgelaufen ist? Ich habe beispielsweise die Feinheiten des Word-Programms nach und nach dadurch entdeckt, dass ich versehentlich auf eine falsche Taste gedrückt habe.

Wenn alte emotionale Konflikte in einer Situation getriggert werden, kann es allerdings eine Herausforderung sein, die Situation zuerst einmal anzunehmen. Denn ein früherer, nicht verarbeiteter emotionaler Schmerz ist aufgestiegen und wieder fühlbar geworden. Doch gerade das ist unsere Chance, sich von diesen emotionalen Altlasten dauerhaft zu befreien.

ZU EINFACH, UM WAHR ZU SEIN? —

Die Kunst der Selbstberuhigung liegt im Bewusstmachen, dass uns nicht die Umstände in Stress führen – sondern unsere mental-emotionale Antwort auf eine Situation. Wir haben in jedem Moment die Wahl zwischen zwei neuronalen Autobahnen, die in unserem Nervensystem abgebildet sind: die Stress-Autobahn mit allen Verbindungen zu bisherigen Stresserfahrungen oder die Flow-Autobahn mit allen Verbindungen zu bisherigen positiven, zuversichtlichen, erfüllenden Erfahrungen. Lehnen wir eine Situation ab oder nehmen wir sie an? Das bestimmt, wie wir eine Situation erleben. Auch wenn es zu einfach klingt, um wahr zu sein: Der Schlüssel zur Richtung unseres emotionalen Erlebens liegt in unserer Hand. Die erste Antwort von Offenheit und Akzeptanz »Das ist gut« erlaubt einen neuronalen Zustand, der uns Energie, Kreativität, Lösungsorientiertheit und Zuversicht erleben lässt. Doch Annehmen heißt nicht Hinnehmen. Aber in diesem positiven Zustand lässt sich jede auch noch so schwierige Situation konstruktiv meistern. Nicht ohne Grund gibt es den Spruch »Glücklichsein ist eine Entscheidung «. Das gilt auch für Freude.

Praxistipps, um emotionalen Stress zu vermeiden

››› AKZEPTANZ

Egal, ob etwas schiefgelaufen ist oder sich ein Problem anbahnt – wichtig ist, die Situation zunächst einmal als gut zu definieren, statt sie zu verurteilen oder abzulehnen. Sage als erste Reaktion dreimal innerlich zu dir: »Das ist gut«. Dann erhält der Körper keinen Bedrohungsimpuls. Die emotionale Welle bleibt aus, der Kopf klar, um nach Lösungen zu suchen.

››› BELOHNUNG

Wenn dich Perfektionismus und Selbstkritik plagen, brich einmal in Jubel aus über deinen Fehler und belohne dich bewusst dafür. Denn nur, wer arbeitet und sich um etwas bemüht, kann Fehler machen. Wenn etwas nicht gelingt, erkenne dich selbst dafür an, dass du etwas Neues ausprobiert hast. Mache dir Komplimente. Niemand hat das bisher so angepackt wie du.

››› BERUHIGENDE SELBSTGESPRÄCHE

Gedanken sind Selbstgespräche. »Frühstücke« am besten gleich morgens konstruktive Gedanken: Denke an das, was dir lieb ist und wie du gerne deinen Tag verbringen möchtest. Vermeide Zweifel. Beispiele: »Ich bin gespannt, wie ich das heute meistere.« »Ich schaffe das!« »Ich vertraue mir und dem Wohlwollen in meinem Leben.« »Ich freue mich auf die schönen und spannenden Erfahrungen, die ich heute machen werde.«

››› POSITIVE SCHLÜSSELGEDANKEN

Ermutige dich und glaube an dich selbst. Beispiel: Schreibe alle wertschätzenden Gedanken gegenüber dir selbst auf, die dir einfallen. Präge dir die Gedanken ein, bei denen die emotionale Antwort am meisten applaudiert hat. Denke an sie in schwierigen Situationen, um dich zu beruhigen. Bei Zeit- / Arbeitsdruck hilft, sich für einen Moment vorzustellen, dass die aktuellen Aufgaben bereits gelöst sind. Das senkt das Bedrohungsgefühl, bremst Cortisol und ordnet das Gehirn.

››› EMOTIONEN ALS BOTSCHAFTEN VERSTEHEN

Erkenne negative Gefühle wie Wut oder Angst an. Beispiel: »Ich sehe dich, Wut, ich nehme dich wahr und an. Du hast einen legitimen Grund. Danke, dass du mir deine Botschaft sendest – auch wenn ich sie noch nicht verstehe.« Wenn das Gefühl wahrgenommen wurde und seine Botschaft abgeliefert hat, beruhigt es sich wieder.

››› BEWERTUNGEN VERÄNDERN

Erlaube dir unbeabsichtigte Fehler im Alltag und betrachte sie als Teil eines Lernprozesses. Kalkuliere sie als Chancen für Verbesserungen ein. Frei nach dem Motto: Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Wer Misserfolge vermeiden will, begünstigt sie, weil er sich dabei auf sie fokussiert. Sei lieber an Erkenntnis interessiert, als daran, perfekt zu sein.

››› ATEM- UND MOTORIKÜBUNGEN

In Anspannung neigen wir dazu, die Schultern hochzuziehen und leicht zu hyperventilieren. Daher hilft als erste Reaktion: Schultern bewusst fallenlassen, tief ein- und ausatmen. Augen schließen, sich beim Ausatmen vorstellen, Anspannung auszupusten und beim Einatmen, Ruhe aufzunehmen. Das beruhigt das Nervensystem.

››› DANKBARKEIT

Dankbarkeit ist eine der stärksten positiven Gefühle, die ein Mensch haben kann. Im Körper wirkt sie wie ein Heilmittel. Mache dir öfter am Tag bewusst, wofür du dankbar bist – fühle es eine Weile. Fühle, was das Leben dir gerade jetzt gibt und empfange es in Dankbarkeit. Führe ein Dankbarkeitstagebuch, in das du jeden Abend einträgst, wofür du am Tag dankbar warst. Wenn du einmal niedergeschlagen bist, lies es dir einfach durch – du wirst dich schnell besser fühlen.

Michaele Kundermann ist Expertin für die Psychologie der Emotionen und entwickelte eine Methode, mit der die Kunst der Selbstberuhigung in vielen Lebenslagen gelingt. Sie begleitet Unternehmen, die emotionalen Kompetenzen und die Stresskompetenzen ihrer Teams zu fördern. Außerdem bietet sie offene Seminare und Workshops zur Vertiefung der emotionalen Stresskompetenzen und zur Befreiung von emotionalen Altlasten an.

www.michaele-kundermann.com