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Michael Riesner


Traders - epaper ⋅ Ausgabe 7/2021 vom 24.06.2021

ZYKLEN BESTIMMEN DIE MÄRKTE

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Bildquelle: Traders, Ausgabe 7/2021

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TRADERS´: SIE HABEN VIELE JAHRE BEI BANKEN GEARBEITET. WAS WAREN DIE WICHTIGSTEN MEILENSTEINE UND ERKENNTNISSE, DIE SIE AUS DIESER ZEIT MITGENOMMEN HABEN?

Riesner: Ich war schon immer Technischer Analyst. Mitte der 1980er-Jahre, als ich anfing, habe ich zur Berechnung von Indikatoren noch den Taschenrechner bemüht. Allerdings war die Investmentbranche auch damals schon hauptsächlich von der Fundamentalanalyse geprägt. Es war also wohl etwas Glück dabei, dass ich den Berufseinstieg im Bereich der Technischen Analyse schaffte - ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Unser kleines Team war in eine Abteilung eingebettet, in der Fundamentale Analysen die Richtung vorgaben, und wir waren für das richtige Timing zuständig. Später baute ich bei der UBS Investment Bank eine kleine Abteilung für Technische Analyse ...

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Riesner: Ich war schon immer Technischer Analyst. Mitte der 1980er-Jahre, als ich anfing, habe ich zur Berechnung von Indikatoren noch den Taschenrechner bemüht. Allerdings war die Investmentbranche auch damals schon hauptsächlich von der Fundamentalanalyse geprägt. Es war also wohl etwas Glück dabei, dass ich den Berufseinstieg im Bereich der Technischen Analyse schaffte - ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Unser kleines Team war in eine Abteilung eingebettet, in der Fundamentale Analysen die Richtung vorgaben, und wir waren für das richtige Timing zuständig. Später baute ich bei der UBS Investment Bank eine kleine Abteilung für Technische Analyse komplett neu auf, als sich herausstellte, dass die Kunden nach dem Bärenmarkt bis zum Jahr 2003 auch abseits der zuvor schlecht gelaufenen fundamentalen Ansätze nach Ideen suchten. Ich war damals „Analyst mit eigenen Handelsaktivitäten“. Später sollte das Ganze auch internationalen Kunden angeboten werden. Aber Technische Analyse blieb letztlich ein Nischenprodukt, für das man intern nicht die notwendigen Kapazitäten schaffen wollte. Und dann kam ohnehin die Finanzkrise, nach der es mit dem Eigenhandel der Bank und meinen dortigen Handelsaktivitäten aus regulatorischen Gründen vorbei war.

TRADERS´: ZYKLEN SIND DER GRUNDPFEILER IHRER ANALYSE. KÖNNEN SIE UNS DAS ETWAS GENAUER ERKLÄREN?

Riesner: Es gibt erstaunlich wenige Technische Analysten und Trader, die Zyklen nutzen. Und die wenigen, die es tun, gehen dabei nicht wirklich systematisch vor. Das Ganze beginnt damit, dass Zyklen letztlich auf Naturgesetzen beruhen, die zunächst nichts direkt mit der Wirtschaft oder Finanzen zu tun haben. Ein gutes Beispiel ist der Sonnenfleckenzyklus, der einen Zeitraum von etwa elf Jahren umfasst und indirekt über Klimaauswirkungen Einfluss auf Ernten und damit Rohstoffpreise und Zinsen hat - und damit im Finanzsystem angekommen ist. Wichtig ist, dass sich Zyklen auch auf kleinere Zeitebenen herunterbrechen lassen, sodass man sie für Analysen im kurzfristigen Trading verwenden kann. Dabei sind sie als antizyklisches Element zu verstehen, werden überwiegend also zum Erkennen beziehungsweise zur Bestätigung von Wendepunkten am Markt eingesetzt.

TRADERS´: ALLERDINGS WÜRDEN WIR DABEI EIN HOHES RAUSCHEN, ALSO EINE SCHLECHTES SIGNAL-TO-NOISE-RATIO VERMUTEN.

Riesner: Das stimmt durchaus, auch wenn sich einige klare Zusammenhänge ausmachen lassen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass es sich bei den Zeitfenstern der einzelnen Zyklen um Durchschnittswerte handelt. Wenn ich also einen 20-Tages-Zyklus betrachte, kann die Streuung zum Beispiel bis zu fünf Tage betragen (siehe Bild 1). Die Zyklusanalyse ist also nicht so perfekt, wie man es anhand der Zahlen der angegebenen Zykluslänge vermuten könnte. Aus diesem Grund verwende ich zusätzlich verschiedene technische Instrumente, um den Streubereich einzugrenzen und bessere, klarere Signale zu erhalten.

TRADERS´: UM WELCHE INSTRUMENTE HANDELT ES SICH DABEI GENAU?

Riesner: Das sind eine ganze Menge. Zum Beispiel die allgemeine Trendanalyse, relative Stärke, klassische Indikatoren, sowohl trendfolgende als auch antizyklische, und die Elliott-Wellen-Analyse. Aber auch Sentiment, Marktstruktur und Marktbreite sowie die Intermarktanalyse spielen eine wichtige Rolle.

TRADERS´: WORAUF SCHAUEN SIE BEIM SENTIMENT UND WELCHE ERFAHRUNGEN HABEN SIE DABEI GEMACHT?

Riesner: Im Prinzip sind es zwei Gruppen an Sentimentfaktoren. Zum einen die klassischen Umfragen etwa von sentix, zum anderen die vom Flow an den Märkten getriebenen Statistiken wie etwa die Put/Call-Ratio. Wichtig ist dabei zu verstehen, dass diese Dinge nur dann interessant sind, wenn sie ausreichend extrem sind. Ein Sentiment im neutralen Bereich sagt mir dagegen gar nichts. Außerdem gibt mir das Sentiment nur eine Indikation. Diese Indikatoren haben letztlich keine analytische Qualität in Sachen direktes Markttiming.

TRADERS´: WIE SETZEN SIE DIESE INDIKATOREN IN DER PRAXIS AM HÄUFIGSTEN IN ANALYSEN EIN?

Riesner: Eine gute Möglichkeit sind Divergenzanalysen. Es ist zum Beispiel ein Trugschluss, dass Bullenmärkte „in der Euphorie sterben müssen“, wie oft behauptet wird. Vielmehr ist es meist so, dass an den Hochs des Marktes starke Divergenzen zwischen Kursentwicklung und Sentiment auftreten (Bild 2). Das ist zum Beispiel auch aktuell der Fall (Stand: 29. April, der Tag des Interviews), wenn auch nicht in dem Maße, dass es ein ganz langfristiges Hoch markiert. Wir erwarten ein wichtiges taktisches Markttop mit einer Korrektur bis Ende Juli, was uns das Jahrestief bringen sollte.

TRADERS´: WENN SIE SCHON EINE PROGNOSE WAGEN, WIE GEHT ES NACH ZYKLISCHER SICHT DANN WEITER?

Riesner: Aus heutiger Sicht ist der übergeordnete, nach oben gerichtete Zyklus weiterhin intakt und sollte dann dazu führen, dass die Kurse wieder steigen. Der März 2020 war ein Tief im 4-Jahres-Zyklus und aus der Elliott-Wellen-Analyse ergab sich eine dynamische Welle 5, die minimal bis Mai 2021 und maximal bis zum zweiten Quartal 2022 anhalten sollte. Soweit sind wir also im Plan. Ich würde danach den 4-Jahres-Zyklus weiter fortschreiben und erst anschließend mit einem Bärenmarkt über sechs bis zwölf Monate rechnen (Bild 3).


„Es gibt erstaunlich wenige Technische Analysten und Trader, die Zyklen nutzen.“


TRADERS´: HABEN SIE IN DEN LETZTEN ZWÖLF MONATEN AUCH SELBST ENTSPRECHEND BULLISCH GETRADET, WIE ES IHRE ANALYSE SAGTE?

Riesner: Ja, ab April 2020 war ich überwiegend long etwa im DAX Future unterwegs. Das heißt aber nicht, dass in der Praxis auch alles optimal funktioniert. Je länger eine Position läuft, sofern sie im Gewinn ist, desto größer werden auch die Schwankungen im Portfolio, was durch ein entsprechendes Positionsmanagement ausgeglichen werden muss. Das führt unter anderem auch dazu, dass man in schnellen und sehr starken Anstiegen Long-Positionen abbaut und letztlich nicht mehr in den Markt kommt. In seinen Langfristprognosen kann man damit sehr gut liegen, wobei die Kunst ist, das auch im kurzfristigen Bereich über das richtige Positionsmanagement umzusetzen und einen Trend auszunutzen.

TRADERS´: ALLERDINGS HABEN SIE DOCH EINEN SYSTEMATISCHEN ANSATZ. SOLLTE DAS NICHT AUCH EINEN WIEDEREINSTIEG FÜR DEN FALL BEINHALTEN, DASS MAN EBEN TEURER WIEDER EINKAUFEN MUSS?

Riesner: Mein Ansatz ist in der Tat systematisch, aber mein Handel dennoch diskretionär. Es handelt sich um eine Art Scorecard-System, das ich über die Jahre entwickelt und erweitert habe. Und der Wiedereinstieg ist eben ein klassisches Problem diskretionärer Trader, die einer Systematik folgen, aber ihre Regeln nicht in Blei gegossen haben. Wie gesagt, nichts ist perfekt, weder bei den Zyklen noch in der praktischen Umsetzung. Doch damit kann ich leben, denn am Ende des Tages geht es um Wahrscheinlichkeiten - und über eine Trefferquote von deutlich über 50 Prozent und ein entsprechendes Money- beziehungsweise Positionsmanagement kann das Handeln dann langfristig sehr erfolgreich sein.

TRADERS´: SIE ERWÄHNTEN VORHIN ZU IHREN ANALYSEN AUCH DIE MARKTBREITE. KÖNNEN SIE DARAUF ETWAS GENAUER EINGEHEN?

Riesner: Auch hier kommen verschiedene Elemente zusammen. Ich schaue zum Beispiel auf den Anteil der Aktien am Gesamtmarkt, die über ihren Gleitenden Durchschnitten über 20, 50 und 200 Tage liegen. Das ist eine gute Indikation dafür, wie gesund sich der Markt in der Breite entwickelt, und sie lässt sich der entsprechenden Indexentwicklung gegenüberstellen. Gleichzeitig gibt mir das auch Hinweise auf die Reife eines Trends, da diese dazu neigen, in späten Phasen an Marktbreite zu verlieren, also Divergenzen zu den Indizes auszubilden (Bild 4).

TRADERS´: DAS IST EINE GANZE MENGE, WAS SIE NEBEN DEN EIGENTLICHEN ZYKLEN EINBEZIEHEN.

Riesner: Die Zyklen sind und bleiben das Grundgerüst, auf denen die Scorecards für einzelne Time Frames basieren. Neben den gut dokumentierten Zusammenhängen wie etwa dem 30-Jahres-Zyklus in allen Anlageklassen verwende ich noch viele weitere, vor allem auch auf den kurzfristigen Zeitebenen. Tatsächlich geht das bis in den Intraday-Bereich und im Extremfall bis zum 1-Minuten-Chart. Die entscheidende Frage ist dabei, wo die Zyklen nachhaltig drehen oder umgekehrt: wo sie eben nicht drehen. Das Ganze ist immer in Bewegung und natürlich abhängig von der Zeitebene. Und das macht die fortlaufende Analyse so spannend.

TRADERS´: ANGENOMMEN, SIE HABEN IHRE ANALYSE DER ZYKLEN UND INDIKATOREN ABGESCHLOSSEN UND SIND ZU EINER MARKTEINSCHÄTZUNG GEKOMMEN. SIE BEZIEHT SICH DOCH IMMER NUR AUF EINE BESTIMMTE ZEITEBENE, ODER?

Riesner: Ja. Der Markt kann zum Beispiel kurzfristig short und langfristig long sein, falls Sie das meinen. Es hängt alles von der betrachteten Zeitebene ab. Die Märkte sind fraktal organisiert und verhalten sich im Kleinen ähnlich wie im Großen (Bild 5). Das heißt, dass sich die Zyklenanalyse bei einer neuen, überraschenden Bewegung auch der Reihe nach verändert, zuerst im Kleinen und bei Anhalten der Bewegung immer weiter auch im Großen. Zusätzlich verwende ich verschiedene Statistiken zur Orientierung, etwa wie groß die Korrekturen vom Hoch zum Tief auf 12-Monats-Basis in der Vergangenheit waren. Auch das gibt mir Anhaltspunkte darüber, wo wir gerade sind.

TRADERS´: BERÜCKSICHTIGEN SIE BEI DER FORTLAUFENDEN ANALYSE DER ZYKLEN AUCH DEN ALLGEMEINEN MARKTTREND?

Riesner: Durchaus. Ein 20-Tages-Zyklus ist zum Beispiel davon abhängig, wo er im übergeordneten Bild auftritt. Wenn er in einem Seitwärtsmarkt auftritt, könnte es in 20 Handelstagen zehn Tage mit steigenden und zehn Tage mit fallenden Kursen geben. Der gleiche Zyklus hätte aber in einem Bullenmarkt vielleicht 15 Tage mit steigenden und fünf Tage mit fallenden Kursen. Deshalb ist das Management der offenen Positionen im kurzfristigen Trading an die übergeordnete Marktphase anzupassen. In einem besonders steilen Aufwärtstrend könnte das Verhältnis noch einseitiger sein, aber in einer um die Marktbewegung bereinigten Betrachtung würde sich der Zyklus wahrscheinlich immer noch zeigen.

TRADERS´: IST ES BEI DER ZYKLENANALYSE NICHT TROTZDEM EIN PROBLEM, WENN DER MARKT STEIL ANSTEIGT?

Riesner: Für einen Zyklusanalysten sind extreme Phasen in der Tat ein Problem. Da die Methode einen antizyklischen Charakter hat, erwartet sie die Gegenbewegungen in solchen Phasen zu früh. Das liegt daran, dass extreme Phasen dazu neigen, länger als gewöhnlich anzuhalten und zu überschießen. Das ist auch in der aktuellen Marktphase der Fall. Allerdings muss man auch sagen, dass Tops aufgrund der potenziellen Rechtsverschiebung eines Hochpunktes generell schwieriger zu bestimmen sind und Tiefs dagegen eine höhere Signifikanz beziehungsweise Prognosesicherheit aufweisen.

TRADERS´: WIE SETZEN SIE IHRE ANALYSEN IN KONKRETE TRADES UM?

Riesner: Angenommen, ich habe einen aktuellen Wendepunkt nach oben mit ausreichend guter Signifikanz im 20-Tages-Zyklus identifiziert. Dann eröffne ich eine entsprechende Position und setze den Stopp so, dass er nur dann greift, wenn sich meine Analyse als falsch erweisen sollte. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn der Markt das Wochentief unterschreitet. Dann würde der ganze Zyklus drehen (Bild 6).

TRADERS´: WELCHE MÄRKTE HANDELN SIE AM HÄUFIGSTEN?

Riesner: Überwiegend Rohstoffe, vor allem Metalle sowie Währungen. Und bei den Aktien die Mini-Futures auf DAX, S&P 500 und ab und zu Sektoren.

TRADERS´: WO SEHEN SIE MÖGLICHE FALLSTRICKE FÜR TRADER, DIE SICH EBENFALLS INTENSIVER MIT ZYKLEN BEFASSEN MÖCHTEN?

Riesner: Es braucht unbedingt einen systematischen Ansatz zur Analyse. Sonst lässt sich so ziemlich alles in die Kursbewegungen hineininterpretieren. Das ist die klassische Falle der selektiven Wahrnehmung: Man sucht unbewusst nur nach Belegen für die Sichtweise, die man sowieso vertritt. Wer in der Analyse nur wenige oder zu einseitige Instrumente nutzt, läuft Gefahr, die Lage nicht wirklich objektiv zu beurteilen, und das ist keine gute Erfolgsgrundlage. Das Gleiche gilt auch für Chartmuster: Eine Schulter-Kopf-Schulter-Formation ist eine tolle Sache für einen Technischen Analysten, aber man muss die Dinge intern schon auch miteinander verknüpfen. Wer nur auf Basis einer solchen Formation einen Trade eingeht, bewegt sich auf ziemlich dünnem Eis. Analytisch gibt es nichts, was subjektiver ist als die reine Chart- oder Patternanalyse.

TRADERS´: WIR SPRECHEN IM MAGAZIN SONST NICHT VORDERGRÜNDIG ÜBER ZUKUNFTSPROGNOSEN, ABER AUF BASIS DER ZYKLEN HABEN SIE DOCH BESTIMMT AUCH EIN SZENARIO FÜR DEN LANGEN ZEITHORIZONT PARAT?

Riesner: Was die USA betrifft, habe ich tatsächlich ein recht wahrscheinliches Szenario, allerdings ein negatives. Wir erwarten im zweiten Quartal 2022 ein großes Markttop, welches wir vor allem in der inflationsbereinigten Betrachtung als Beginn eines strukturellen Bärenmarkts erwarten, der bis in die 2030er-Jahre hinein anhalten sollte. Dieser könnte ähnlich zu dem ausfallen, was wir von den späten 1960er- bis zu den frühen 1980er-Jahren gesehen haben - nominal sehr volatil seitwärts mit kurzen, ein bis eineinhalb Jahre anhaltenden Bullen- und Bärenmärkten. Real würde das über den langen Zeitraum hohe Verluste bedeuten. Das gilt vor allem dann, wenn wir wirklich eine höhere Inflation bekommen - diese killt früher oder später jeden Bullenmarkt.

Das Interview führte Marko Granitz.