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MICHAEL SELBSTERFAHRUNG SCHENKER


Gitarre & Bass - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 23.08.2019

Ortstermin Greven bei Münster, Frühjahr 2019, das ‚Kidpool Studio‘ von Betreiber und Mad-Max-Gitarrist Michael Voss. Geladen hat heute Ausnahmemusiker Michael Schenker, der weltweit wohl bekannteste deutsche Rockgitarrist. Schenker ist in blendender Laune, er strahlt über beide Ohren, scherzt und wirkt gelöst wie seit Jahren nicht mehr. Der Grund: Nach handfesten Krisen und einer spürbaren Popularitätsdelle hat sich der gebürtige Hannoveraner zurück in die internationale Bedeutsamkeit gekämpft.


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FOTOS: STEPHANIE CABRAL, NUCLEAR BLAST, MINEUR
[9939]

J etzt befindet er sich – laut eigener Zeitrechnung – im ...

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J etzt befindet er sich – laut eigener Zeitrechnung – im dritten Abschnitt seines Lebens, und der soll im Gegensatz zur erfolgreichen Frühphase mit den Scorpions, UFO und MSG sowie den schwierigen Jahren als Solokünstler nun ausschließlich dem Spaßfaktor dienen.
Diese Spielfreude ist auf Schenkers neuem Album ‚Revelation‘ tatsächlich in jedem Ton zu hören, nicht zuletzt durch die Hinzunahme fünf erstklassiger Sänger: Doogie White, Ronnie Romero und Graham Bonnet (alle drei auch ehemalige/aktuelle Mitglieder von Ritchie Blackmore’s Rainbow), sowie Gary Barden und Robin McAuley (beides ehemalige MSG-Vokalisten). Wie die Zusammenarbeit mit den charismatischen Rockbarden ablief und weshalb Schenker den Blues in seinem Spiel wiederentdeckt hat, erzählt uns der 64-Jährige in einem offenen und interessanten Gespräch.

interview Michael, wie darf man sich die Zusammenarbeit mit fünf unterschiedlichen Sängern vorstellen? Du lieferst die Basis der Songs, und jeder Vokalist kocht darauf sein eigenes Süppchen?
Na ja, so ganz falsch ist diese Beschreibung jedenfalls nicht, denn Texte und Melodien überlasse ich tatsächlich immer dem jeweiligen Sänger. Es sei denn, ich habe gerade eine zündende Idee, wie seinerzeit in ‚Time Knows When It`s Time‘ auf dem letzten Album ‚Resurrection‘. Ansonsten schreibe ich einfach die Musik und verlasse mich darauf, dass sie dem Sänger als Inspiration dient.

Oder aber du konzipierst – wie bei deinem Klassiker ‚Into The Arena‘ – eine Nummer als Instrumentalversion.
Stimmt, aber auch ‚Into The Arena‘ ist damals eher zufällig zum Instrumental-Track geworden, weil dem Sänger zu dieser Nummer nichts Brauchbares einfiel. Das ist mir in meiner Karriere übrigens drei Mal passiert, zum ersten Mal – wie erwähnt – auf dem Album ‚Assault Attack‘, dann zum zweiten Mal auf ‚Resurrection‘ und jetzt zum dritten Mal auf ‚Revelation‘. Wobei ich in diesem Fall bei Judas Priest angefragt hatte, ob einer ihrer Gitarristen als Gast mitmachen möchte. Aber denen war die Nummer offenbar zu schnell, oder aber sie hatten keine Zeit.

Wie nimmst du deine Gitarren im Studio auf? Immer mit deinem Marshall-Top, oder auch schon mal über Plug-ins oder einem Kemper-Amp?
Ich weiß gar nicht, was das ist. (lacht) Ich verlasse mich voll und ganz auf meinen Produzenten Michael Voss. Solange es gut klingt, ist mir egal wie der Sound erzeugt wird. Ich spiele einfach nur Gitarre, den Rest macht der Engineer oder der Produzent. Ich packe meine Songs aus, dann wird solange am Gitarren-Sound getüftelt, bis er mir gefällt, und anschließend nehme ich meine Parts auf.
In welcher Form lieferst du deine Ideen an?
Ganz simpel: Clicktrack und meine Gitarre auf einem Zoom-Achtspur-Gerät, mehr nicht. Michael Voss weiß anfangs nie, was ihn genau erwartet. Ich erkläre ihm, wie die Drums gedacht sind, und Michael programmiert sie. Wenn ich meine Gitarren aufgenommen habe, gehen die Bänder zu meinen Schlagzeugern, die dann die Computer-Drums durch echte Schlagzeugspuren mit der für sie typischen Persönlichkeit ersetzen.
Die Computer-Drums sind nur eine vage Orientierungshilfe, das Gleiche gilt für die Bass-und Keyboard-Spuren, die von uns zunächst rein elektronisch erstellt und dann durch echte Instrumente ersetzt werden. Wenn alles fertig ist, bekommen die Sänger die Spuren und steuern ihren Teil dazu bei.
Wer entscheidet, welcher Song von welchem deiner Sänger gesungen wird?
Die Sänger selbst. Wer als erstes aufsteht und sich meldet, bekommt den oder die gewünschten Songs. Auch diesmal war Doogie White wieder der erste, der sofort zwei Songs abgegriffen hat. Robin McAuley hat ebenfalls einen tollen Job gemacht, obwohl er eigentlich nur das bekommen hat, was übrig geblieben ist. Nachdem sich Graham Bonnet und Gary Barden ihre Stücke ausgesucht hatten, waren für Robin nur die beiden Doublebass-Nummern übrig. Aber was er aus denen gemacht hat, ist wirklich der Wahnsinn.

„ Kemper-Amp? Ich weiß gar nicht, was das ist.

Schenker und sein Produzent Michael Voss


Die größte Überraschung auf ‚Revelation‘ ist allerdings Ronnie Romero, der aktuelle Sänger von Rainbow.
Der Kontakt kam über Michael Voss zustande, der mit Ronnie schon mal gearbeitet hatte. Ich kannte ihn vorher gar nicht. Ronnie hat sich über die Anfrage total gefreut und wirklich toll abgeliefert.
Gleiches kann man wohl auch von deinem Schlagzeuger Simon Phillips sagen, den viele Fans von Toto, Jeff Beck, Gary Moore oder The Who kennen.
Die Verpflichtung von Simon war für mich eine Notfallsituation, hervorgerufen durch den unerwarteten Tod meines Schlagzeugers Ted McKenna am 19. Januar 2019. Simon war bekanntlich der allererste Schlagzeuger der Michael Schenker Group. Der zweite Drummer auf ‚Revelation‘ ist Bodo Schopf, der schon zu Zeiten der McAuley/ Schenker Group bei uns getrommelt hat. Insofern passen beide perfekt zu mir. Simon stand für unsere Tour im März nicht zur Verfügung, deshalb haben wir Bodo gebeten einzuspringen. Bodo wiederum wäre logistisch überfordert gewesen, wenn er das komplette Album eintrommeln und sich zusätzlich auf unsere zweieinhalbstündigen Shows mit mehr als 30 Songs hätte vorbereiten müssen. Deshalb haben wir die Aufgaben verteilt: Bodo hat auf dem Album nur drei Songs getrommelt und sich auf die Tour konzentriert, während Simon den Rest der Scheibe übernommen hat. Von ihm kam übrigens ein Lob, über das ich mich besonders gefreut habe. Simon schrieb unserem Produzenten: „Viele Grüße an Michael Schenker, unglaublich tight gespielte Gitarren, es war die reine Freude, zu diesen Songs zu trommeln.“ Aus derart berufenem Munde ist das natürlich ein sagenhaftes Kompliment!
Wie entscheidend für die Songs sind deine aktuellen Vorlieben als Gitarrist? Dermaßen bluesige Soli wie auf ‚Revelation‘ habe ich von dir noch nie gehört.
Gut beobachtet! Wobei ich dazu sagen muss, dass ich ja ursprünglich vom Blues komme. Auch in dieser Hinsicht schließt sich bei mir im dritten Kapitel meiner Karriere der Kreis: Ich bin zurück im Blues. Meine Interpretation des Blues ist allerdings sehr improvisatorisch geprägt und hält sich nicht an vorgegebene Standards. Das muss man erwähnen, denn sonst könnten die Leute denken, dass ich jetzt nur Blues-Klischees abfahre. Doch genau das mache ich nicht.
Was bedeutet der Blues für dich generell?
Vor allem die Freiheit, komplett aus dem Bauch heraus zu spielen. Mit dem Album ‚Temple Of Rock‘ fing es an, dass ich mich nach dieser Freiheit sehnte. Denn diese Freiheit lässt einem unzählige Möglichkeiten des Phrasierens, mit schönen Vibratos, langen Bendings und so weiter. Man kann beim Timing besser variieren. Diese freie, bluesigere Art des Solierens ist einzigartig und niemals exakt wiederholbar.
Welche Gitarren hast du auf ‚Revelation‘ gespielt?
Meine Dean Retro, die Power Channel mit dem roten Magneten, dazu die Yin&Yang und die ‚Strangers In The Night‘, eine meiner früheren Übungsgitarren, die schon mal einen Halsbruch hatte. Mit der hat übrigens Uli Jon Roth in Japan gespielt, als wir dort zusammen aufgetreten sind. Uli hatte seine Gitarre vergessen und zum ersten Mal mit meiner Flying V gespielt. Ich war erstaunt, wie gut er damit klingt. Uli musste mit meiner Gitarre nicht so laut spielen wie mit seinen eigenen Modellen, dadurch war der Gesamtsound der Band für den Mischer weitaus leichter zu kontrollieren.

„ Immer nur 50 Watt, und immer nur auf eins!

Die Dean Strangers-In-The-Night-Flying-V


Schenkers Dean Retro-Flying-V


Schenkers Dean Yin&Yang-Flying-V


Mit seinem 50-Watt-Marshall 2205 fährt Schenker schon seit den Achtzigern eine moderate Lautstärke. Man beachte den vollständig zugedrehten Treble-Regler.


Wie ist es bei dir? Spielst du laut auf der Bühne?
Nein, kann ich nicht. Ich muss zwar hören, was ich spiele, aber in einem schönen warmen Sound, um mich von einem Ton zum nächsten inspirieren zu lassen. Wenn auf der Bühne alles kracht, habe ich kein Gefühl mehr. Deswegen verwenden wir auch generell keine Sidefills.
Als Monitor also nur deine 4x12er-Boxen und die Wedges?
Ja, und manchmal nicht einmal die. Oft reicht mir der Sound aus meinen 4x12er-Boxen. Mein Amp steht nur auf 1, nicht lauter. Ich suche dann den Sweet Spot, bei mir muss alles warm und inspirierend klingen. Nur Leute, die sich nicht auf die Songs an sich konzentrieren können, verlassen sich auf Sound und Lautstärke. Es war vor 20 Jahren ja durchaus mal ein Trend, dass Gitarristen – anstatt sich die Mühe zu machen, mit Steve Vai oder Joe Satriani mithalten zu können – einfach ihre Gitarren tiefer stimmten und lauter drehten. Musiker wie Jeff Beck könnten dazu gar nichts spielen, weil die Grundlage für ihr Spiel dort fehlt.
Apropos Vai und Satriani: Fühlst du dich mit ihnen und ihrem Spiel verbunden?
Absolut! Die beiden kommen ja aus einer ganz ähnlichen Stilrichtung wie ich. Dazu gehört übrigens auch Eddie Van Halen, der zu Beginn seiner Karriere viele Dinge von mir übernommen und sie dann zu seinem eigenen Stil weiterentwickelt hat.
Eddie hat das Tapping berühmt gemacht, eine Spielart, die ich bis dahin noch gar nicht kannte. Er ist einer meiner Lieblingsgitarristen. Sogar in Zeiten, in denen ich selbst kaum Musik konsumiert habe, um nicht von meinem eigenen Weg abzukommen, habe ich seine Songs immer gerne gehört. Yngwie Malmsteen war am Anfang auch sensationell, akrobatisch, wie Zirkus, hat aber letztlich immer das Gleiche gespielt. Eddie dagegen konnte schnell und melodisch spielen, hatte ein tolles Vibrato, und klang immer schön warm.
Unterscheidet dich von Van Halen oder Malmsteen der geringere Grad an Verzerrung?
Schwer zu sagen. Mein Spiel und deshalb auch mein Sound sind vor allem auf Präzision ausgerichtet. Zu viel Verzerrung verwässert den Sound. Mir ist wichtig, dass man aus meinem Spiel auch die kleinen Details heraushören kann. Bei mir muss jeder Ton eine Bedeutung haben.
Ist das der Grund, weshalb du nach wie vor 50-Watt-Marshalls spielst, und nicht die 100-Watt-Tops?
Immer nur 50 Watt, und immer nur auf eins! (lacht)
Wann gibt es endlich einen Michael-Schenker-Signature-Amp?
Ich glaube, dass Marshall ganz glücklich sind, dass ich seit 50 Jahren für sie umsonst Werbung mache. (lacht) Mir ging es noch nie ums Geld, mein Motto lautet: Bleib dir treu, und alles andere – und noch viel mehr – wird sich von selbst ergeben. Ich habe sozusagen mein Haus auf sicherem Fundament gebaut, ich bin künstlerisch rundum zufrieden und habe das Gefühl, alles aus mir herausgeholt zu haben. Die Pflicht habe ich lange bereits abgeliefert, alles was jetzt kommt ist nur noch die Kür. Anstatt größtmöglichen kommerziellen Erfolg zu haben, habe ich mich entschieden, meinem Motto „pure self expression and experimenting with music“ weiter zu folgen. Das Ergebnis ist eine tiefe Zufriedenheit.
In der Tat: Dermaßen ausgeglichen wie zurzeit hat man dich noch nie erlebt.
Weil ich mich entschieden habe, vom Leben zu lernen, von den Krisen zu lernen. Man muss Krisen durchstehen, um sich entwickeln zu können. Ohne Krisen entwickelt sich nichts, dann herrscht nur Stillstand. Ich habe immer gewusst, dass ich Krisen brauche, um vorwärtszukommen.
Deshalb habe ich Kurse in Selbsterfahrung belegt, was mir sehr viel Spaß gemacht hat. Nach den großen Erfolgen in meinen jungen Jahren hatte ich irgendwann das Gefühl, dass ich diese Popularität nicht mehr brauche. Deshalb konnte ich auch die Jahre mit weniger Erfolgen durchstehen. Ich habe diese Zeit als Schule des Lebens angesehen. Ohne diese Schule wäre ich heute nicht so entspannt und zufrieden.
Ich wünsche dir alles Gute und dass deine tiefe Zufriedenheit anhält!