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Michel ade: Christoph Schoener geht in Pension


Musik & Kirche - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 15.11.2019

Wie viele Jahre braucht es, um eineÄra zu begründen? Der Duden bietet unter verschiedenen Möglichkeiten auch diese Deutung an: „unter einem bestimmten Aspekt gesehener Zeitabschnitt“. Der Zeitabschnitt, von dem hier die Rede sein soll, beträgt 21 Jahre und elf Monate. Unter welchem Aspekt aber ist der Abschied von Christoph Schoener als Michel-Kantor in Hamburg zu würdigen? Die Schwerpunkte seiner Arbeit lassen sich unter dem Stichwort des Neuen zusammenfassen. Neu für den Michel, ja, für Hamburgs etabliertes Musikleben überhaupt, war die konsequente Hinwendung zur historischen Aufführungspraxis, was ...

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Bildquelle: Musik & Kirche, Ausgabe 6/2019

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Wie viele Jahre braucht es, um eineÄra zu begründen? Der Duden bietet unter verschiedenen Möglichkeiten auch diese Deutung an: „unter einem bestimmten Aspekt gesehener Zeitabschnitt“. Der Zeitabschnitt, von dem hier die Rede sein soll, beträgt 21 Jahre und elf Monate. Unter welchem Aspekt aber ist der Abschied von Christoph Schoener als Michel-Kantor in Hamburg zu würdigen? Die Schwerpunkte seiner Arbeit lassen sich unter dem Stichwort des Neuen zusammenfassen. Neu für den Michel, ja, für Hamburgs etabliertes Musikleben überhaupt, war die konsequente Hinwendung zur historischen Aufführungspraxis, was ebenso ein anderes Umgehen mit den Singstimmen bedeutete. Das wiederum führte zum Abwandern nahezu des gesamten vorgefundenen St. Michaelis- Chors, kein leichter Start für den erfahrenen Kantor und Landeskirchenmusikdirektor der rheinischen Kirche. Neu war die Öffnung des Repertoires bis ins 20. Jahrhundert, zugleich aber den großen Kollegen, quasi Vorgängern, Georg Philipp Telemann und Carl Philipp Emanuel Bach wiederbelebte Ehre erweisend. Neu schließlich ist das Gesamtkunstwerk der mit seinem Betreiben glanzvoll restaurierten, teils neu erbauten Orgeln.

Erst schwieriger Start, dann Legende. Christoph Schoener, von 1998 bis 2019 Kantor am Hamburger Michel


(Foto: Michael Zapf)

Mit derart ungewöhnlichen Programmen mutete Christoph Schoener der Gemeinde neben Romantischem auch Modernes zu: etwa zu Bruckners e-Moll-Messe, StrawinskysPsalmensinfonie und von Petr Eben dasPrager Te Deum . Auch das OratoriumGolgotha von Frank Martin brachte befremdlichere Töne ins heilige Haus, ebenso dasGloria von Francis Poulenc oder Leonard BernsteinsChichester Psalms und die PassionsmusikDeus Passus von Wolfgang Rihm aus dem Jahr 2000. Drei Mal, betont Schoener im Gespräch, führte erDeus Passus auf, 2003, 2005, 2007. Aber solche Werke gehören nicht zur wirklich zeitgenössischen Avantgarde. Da lag für Schoener offenbar die Grenze dessen, was er an diesem repräsentativen Ort für möglich hielt. Doch wirkte die KirchenoperJeremias von Petr Eben im Bach-Jahr 2000 als szenische Produktion im Michel durchaus wie ein Kontrapunkt zur Kooperation seines Vorgängers Günter Jena mit Ballettdirektor John Neumeier, die beide zwanzig Jahre davor im Michel erste getanzte „Skizzen zur Matthäus-Passion“ präsentiert hatten – freilich in einer musikalischen Interpretation, die meilenweit von Schoeners Bach-Auffassung entfernt war und bis heute als Tonkonserve zum bewegenden Ballett „Matthäus-Passion“ erklingt. Zu gern, bekennt Schoener, hätte er mit Neumeier ein neues Projekt erarbeitet, doch es kam zu keiner Einigung.

Dass Christoph Schoener nicht nur ein inspirierender Chorleiter ist – viele Rundfunkaufnahmen und Live-Übertragungen belegen das –, sondern „auch Orgel spielen kann“, wie er einer erstaunten Besucherin einmal zugeben musste, dokumentiert eine Reihe von CD-Veröffentlichungen. 2016 erhielt er für die Aufnahme von Bachs Orgel- Toccaten den Echo Klassik in der Kategorie „Audiophile Mehrkanaleinspielung des Jahres“, ein Verdienst auch des Produzenten Werner Dabringhaus. Seine zwei Jahre als Orgeldozent an der Musikhochschule Leipzig empfand Schoener als besonders beglückend. Als dann der Michel umfassend renoviert wurde, bekamen auch die Orgeln ihre Chance. Die Firmen Freiburger Orgelbau und Klais, Bonn, restaurierten die große Steinmeyer-Orgel von 1962, die Marcussen- Orgel von 1914 und erneuerten das Fernwerk auf dem Dachboden der Kirche, das durch eine Deckenrosette ins Kirchenschiff strahlt – seit 2010 alle drei von einem zentralen Spieltisch aus zu spielen. Dazu kam die neue Carl Philipp Emanuel Bach- Orgel der Freiburger auf der Südempore.

Wenn man rückblickend auf seine Hamburger Jahre von einer Ära sprechen könne, dann mache ihn das stolz, sagt Schoener. Der Titel Professor, der ihm vergangenes Jahr vom Senat der Freien und Hansestadt Hamburg verliehen wurde, beglaubigte, was seine Arbeit der so gerne beschworenen „Musikstadt“ gebracht hat. Am Silvesterabend gibt Christoph Schoener sein Abschiedskonzert als Chorleiter und Organist, in der abendlichen Krippenandacht am 1. Januar 2020 wird er verabschiedet, beide Male mit viel Bach. So geht eine Ära zu Ende.