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Michelle Phillips will über alles reden


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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 27.10.2022

E IN BESCHEIDENES HAUS MIT EINEM STUCKDACH IN CHEVIOT HILLS, EINEM WOHLHABENDEN Viertel an der Westside von Los Angeles. Ein Jacarandabaum vor dem Haus und ein 89er Mercedes 560SL in perfektem Zustand, der in der Einfahrt steht. Hinter einer Veranda mit Windspielen und einem Sofakissen mit der Aufschrift „This is our happy place“, vorbei an einer Küche mit Kupfertöpfen, die über der Spüle hängen, betritt man ein Wohnzimmer mit einer geblümten Glasmalerei-Lampe in einer Ecke. Es ist genau die Lampe, die Michelle Phillips einst aus ihrer Villa in Bel Air mitnahm, als sie beschloss, ihren Mann zu verlassen. „Ich habe drei Sachen mitgenommen“, sagt Phillips, 78: „meine Tochter, ihr

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 11/2022

HEUTE Michelle Phillips zu Hause in L.A.

„Von der Liebe zwischen John und mir war am Ende nichts mehr übrig. Ich sah, wie die Sucht den gut aussehenden Jungen ver wandelte. Er war nicht mehr derselbe Mensch“

Kinderbett und die Tiffany-Lampe, die ich quasi stehlen ...

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... musste, weil ich solche Angst vor John hatte.“

John Phillips, dieser grausame, herrschsüchtige, aber auch charismatische und begabte Typ, der sich selbst als „The Wolf King of L.A.“ bezeichnete, hat in ihrem Leben eine große Rolle gespielt, seit sie sich in den ersten Monaten der Kennedy-Regierung kennenlernten, als Michelle noch ein Teenager war. In den folgenden Jahren hatten sie eine stürmische Romanze und gründeten The Mamas & The Papas, die sechs Top-Ten- Hits landeten und mit ihren sonnigen, innigen Harmonien den Pop neu definierten. Wenn der Durchschnittsamerikaner sich Hippies vorstellte, sah er aufgrund ihrer häufigen Fernsehauftritte genau diese vier Menschen vor sich.

Michelle war 24, als die Gruppe implodierte und auch ihre Ehe zerbrach, was tiefe Narben hinterließ. Sie hatte eine lange Karriere als Schauspielerin, spielte in diversen Filmen und Serien mit, von „Unter der Sonne Kaliforniens“ bis „Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert“, und hatte eine Reihe von Hollywood-Romanzen (ganz zu schweigen von einer achttägigen Ehe mit Dennis Hopper). „Sie hat sich geschworen, nie wieder in eine Situation zu kommen, in der sie von einem Mann abhängig ist“, sagt ihre Tochter, Chynna Phillips, die Wilson-Phillips- Sängerin. „Sie ist eine entschlossene Frau.“

Dennoch wird sie oft auf das Image der schönen Blondine in einer kurzlebigen Band reduziert, die einem exzentrischen Songwriter zur Hand geht und wie in Bernstein eingefroren ein Tamburin hält. „John Phillips und Denny Doherty schrieben die Songs, Mama Cass hatte die großartige Stimme, Michelle Phillips hatte das blonde Haar und die Beine“, heißt es in einem typischen Bericht von 1986. Sie war aber schon immer mehr, und das hat sie auch immer wieder zu sagen versucht.

Wie will sie in einer Welt, die sich seit dem Summer of Love so sehr verändert hat, gesehen werden?

In der Scheidungsphase hatte John ihr gedroht: „Du wirst nie wieder in einer Limousine fahren!“ Aber Michelle bevorzugt eh ihren alten Mercedes. Sie fährt damit zum Pastina, dem italienischen Restaurant, wo sie Spaghetti aglio e olio und Chicken Milanese bestellt. Oder sie fährt damit zur Hollywood Bowl, wo sie kürzlich Andrea Bocelli gesehen hat. Der Besuch des Konzertsaals erinnerte sie an den ersten Auftritt der Mamas & Papas 1966. „Ich weiß noch, wie ich mich übergeben musste“, sagt sie. „Cass wollte gerade rausgehen, und ich war wie erstarrt. Sie ergriff meine Hand: ‚Wir müssen jetzt gehen!‘“

Neben der Tiffany-Lampe finden sich in Phillips’ Haus noch weitere Relikte aus ihrer Vergangenheit. An der Wand hängen die Grammy-Trophäe, die die Band für „Monday, Monday“ gewann, und mehrere Goldene Schallplatten. Auf dem Klavier steht ein Foto von John und Michelle mit drei Marlboro Reds, die aus ihrem Mund ragen.

Phillips führt mich durch ihren Garten, in dem sich eine Tiki-Bar befindet. Ihre Hunde Chloe und Lulu laufen ihr um die Beine, während sie sich mit einem Glas Wassermelonensaft in der Hand hinsetzt. In schwarzen Leggings, einem schwarzen Top und mit einem schwarzen Haargummi sieht sie eher aus wie eine New Yorkerin als wie eine Legende aus Laurel Canyon. Eine große Sonnenbrille verdeckt ihre stechend blauen Augen, und als die Sonne unterzugehen beginnt, streicht sie ihren blonden Pony zur Seite.

Im Garten steht eine monströse Gorillaskulptur aus Autoreifen, aber sie deutet lässig darauf, als wäre es ein Gartenschlauch. „Das ist die Vorstellung meines Vaters von einer schönen Gartendekoration“, sagt sie. Phillips stand ihrem Vater, Gardner „Gil“ Gilliam, sehr nahe, der sie und ihre ältere Schwester in Mexiko City aufzog, nachdem ihre Mutter gestorben war. Da war Michelle Phillips gerade mal fünf Jahre alt gewesen. „Er sagte: ‚Du bist eine Frau, du kannst alles machen, was du willst‘“, erinnert sie sich. „Als ich dann älter wurde, dachte ich: Das scheint aber nicht für viele Frauen, die ich kenne, zu gelten.“

Phillips war etwa zwölf Jahre alt, als ihre Familie nach L.A. zurückkehrte. Sie versuchte die Leere zu füllen, die ihre Mutter hinterlassen hatte, indem sie sich mit älteren Mädchen wie ihrer Nachbarin Tamar Hodel anfreundete. (Hodels Vater galt später als Verdächtiger im Mordfall Black Dahlia, und in Phillips’ Bücherregal finden sich gleich mehrere Bücher zu diesem Thema.)

1961, mit siebzehn, folgte Phillips ihrer Freundin nach San Francisco, wo Hodel ihr einen gefälschten Ausweis und ein schwarzes Cocktailkleid kaufte. Eines Abends waren sie im hungry i, als sie sich in den Gitarristen auf der Bühne verliebte. John war verheiratet und hatte zwei Kinder, aber wie seine damalige Frau, Susan, ihr später bei einem Martini erzählte, hatte er „in jeder Stadt eine Michelle“.

John ließ sich von Susan scheiden, heiratete Michelle, und die beiden zogen nach New York, wo Michelle Arbeit als Model fand. „Ich hatte eine tolle Zeit“, sagt sie. „Man hatte mir gerade einen gut dotierten Vertrag für Teenager-Dessous angeboten, und Dessous brachten das Doppelte im Vergleich zu anderen Klamotten.“

Die Geschichte, wie sie „California Dreamin’“, den Hit, der den Mamas & Papas den Durchbruch brachte, geschrieben haben, ist fast so bekannt wie der Song selbst – aber wenn Phillips sie erzählt, ist es, als würde man sie zum ersten Mal hören. Sie wird ganz lebhaft, wenn sie sich daran erinnert, wie sehr sie den Winter an der Ostküste hasste („Ich hatte keine Handschuhe. Ich hatte keine Mütze. Ich dachte: Wer würde hier freiwillig leben?“), wie John sie mitten in der Nacht mit den ersten Zeilen weckte und wie sie mürrisch half, den Text fertig zu schreiben. „Er sagte: ‚Eines Tages wirst du mir dafür dankbar sein.‘ Und, oh Gott, ich danke ihm wirklich jeden Tag!“

Der Sonnenuntergang ist jetzt an seinem Höhepunkt angelangt, und ein gold-rosa Schleier legt sich über den Garten. Phillips erinnert sich an die Anfänge der Band: den Umzug zurück nach L.A., die erste Begegnung mit Cass Elliot auf LSD, den heimlichen Kuss mit Denny Doherty am Strand der Jungferninseln, den Vertrag mit dem Produzenten Lou Adler. Wie Jimi Hendrix beim Monterey Pop seine Gitarre anzündete. Ein Festival, das, wie sie gern betont, vor einem anderen stattfand, dem der ganze Ruhm der Gegenkultur gebührt. „Woodstock war einfach riesig und hässlich“, sagt sie. „Die Leute wälzten sich im Schlamm und froren sich den Arsch ab.“

Die Geschichte der Mamas & Papas ist genauso dramatisch und aufschlussreich wie die von Fleetwood Mac, ist den meisten jüngeren Menschen aber nur zu einem Bruchteil bekannt. Cass Elliot war in Doherty verliebt, der wollte aber nicht mehr als eine Freundschaft und hatte derweil eine Affäre mit Michelle. „John hat uns nicht wirklich beim Sex erwischt, aber er kam nach unten und ich saß in meinem Nachthemd auf Dennys Bett und fütterte ihn mit Süßigkeiten“, erzählt sie. „Er sagte: ‚Du kannst vieles mit mir machen, Mich, aber du vögelst nicht meinen Tenor!‘“

John wiederum stand es natürlich frei, so viele Affären zu haben, wie er wollte. „Er hat den Song ‚Young Girls Are Coming To The Canyon‘ geschrieben“, sagt Phillips. „Ich habe immer zu ihm gesagt: ‚Ja, John, und du hast sie alle gevögelt.‘“ Ihre turbu-lente Ehe fand 1966 ihr erstes Ende, als er herausfand, dass Michelle eine Affäre mit Gene Clark von den Byrds hatte, und sie aus der Gruppe warf. Kurz darauf platzte sie in eine Aufnahmesession, riss ihrer blonden Nachfolgerin (Jill Gibson, Freundin des Produzenten Lou Adler) das Tamburin aus der Hand und schrie: „Ich werde euch alle begraben!“ Elliot starb tragischerweise weniger als ein Jahrzehnt später, und John folgte 2001; mit dem Tod von Doherty im Jahr 2007 wurde ihre Prophezeiung wahr. „So weit, so gut“, sagt sie. „Alle außer Jill.“

Als letzte Verbliebene des Quartetts kann sich Phillips an die Arbeit für das Biopic machen, das sie seit Jahrzehnten anstrebt. „John ist zum Glück tot“, sagt sie. „Er kann mir also nicht mehr im Weg stehen, und Denny auch nicht.“ Sie möchte, dass ihre Enkelin, Brooke Baldwin, für die Rolle der Michelle vorspricht. „Wenn man erst einmal das Messer aus dem Herzen genommen hat, ergibt das eine wunderbare Geschichte“, sagt sie. „Wir werden diesen Film auf Teufel komm raus machen.“

Phillips möchte nicht über ihre kurze Ehe mit Dennis Hopper sprechen, das sei „der Name, der mir nie über die Lippen kommen wird“. Aber sie strahlt, wenn sie über Warren Beatty („Ich habe lange gebraucht, um über ihn hinwegzukommen“) und über Jack Nicholson spricht, der sie in den frühen Siebzigern ermutigte, Schauspielunterricht zu nehmen. „Er sagte: ‚Wenn du Schauspielerin werden willst, nimm an jedem Workshop teil, den du kriegen kannst‘“, erzählt sie. „Das war der beste Ratschlag.“

Die Schauspielerei fiel Phillips leicht. „Ich habe das Spielen mehr genossen als das Singen“, gibt sie zu. „Singen war für mich schwierig.“ 1974 lernte sie den Produzenten Aaron Spelling kennen, der sie in einem schrägen Fernsehfilm über die Selbstjustiz der Polizei besetzte. Die nächsten 25 Jahre verbrachte sie in wiederkehrenden Rollen in Spellings TV-Imperium, von „Fantasy Island“ über „The Love Boat“ bis hin zu „Beverly Hills, 90210“, wo sie in neun Episoden die Mutter von Tiffani Thiessens Figur spielte. 1977 nahm sie ein heute weitgehend vergessenes Soloalbum auf:„VictimOfRomance“.

ABSCHIED VON DER GOLDENEN ÄRA

In all diesen Jahren hat sie ihr Bestes getan, um das Erbe der Mamas & Papas zu schützen, indem sie deren Geschichte aus ihrer eigenen Perspektive neu erzählt hat. 1986 veröffentlichte sie ihre Memoiren, „California Dreamin’“, im selben Jahr, in dem ihr Ex-Mann sein Buch „Papa John“ veröffentlichte. „Mein Buch ist nicht so spektakulär wie das von John“, sagte Phillips in diesem Jahr. „Ich wollte, dass die Menschen wissen, wer John war, als er am besten war.“

Selbst heute noch blickt Phillips mit Bewunderung und Respekt auf ihn zurück, obwohl viele ihn als eine toxische, manipulative Kraft sehen. Zumindest was seinen Abstieg in den Kokain- und Heroinkonsum nach seiner Zeit bei den Mamas & Papas angeht, zeigt sie keine Scheu. „Von der Liebe zwischen John und mir war am Ende nichts mehr übrig“, sagt sie. „Überhaupt nichts. Ich sah, wie sich dieser gut aussehende, gesunde amerikanische Junge durch die Sucht verderben ließ und wie er sich verwandelt hatte. Er war nicht mehr derselbe Mensch, den ich einmal geliebt hatte.“

Die Gruppe wurde 1998 in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen, und Phillips erinnert sich, wie sie den Atlantic-Gründer Ahmet Ertegun gedrängt hatte, sie zu nominieren. „Ich saß auf Ahmets Schoß und sagte: ‚Wir sind nicht nominiert worden‘“, erzählt sie. „Er sagte: ‚Tja, Michelle, John hat sich eine Menge Feinde gemacht.‘ Ich sagte: ‚Wie wäre es, wenn du einfach die Mamas nominierst? Wir haben euch doch nichts getan!‘“

Selbst für die Verhältnisse im L.A. der 60er-Jahre hatte John zu Lebzeiten den Ruf eines unberechenbaren, lüsternen Mannes, der ständig Grenzen überschritt. Dieser Ruf wurde 2009 noch verstärkt, als Mackenzie Phillips, seine Tochter aus erster Ehe, ihre Memoiren „High On Arrival“ veröffentlichte. Mackenzie, die in „American Graffiti“ und der Sitcom „One Day At A Time“ mitspielte, war drei Jahre alt, als ihr Vater erneut heiratete. In „High On Arrival“ schreibt sie, dass John sie 1979 vergewaltigt habe und dass sie daraufhin eine einvernehmliche inzestuöse Beziehung begonnen hätten, die zehn Jahre lang angedauert habe. Bei der Veröffentlichung des Buches äußerte Michelle Zweifel an den Anschuldigungen. In unserem ersten Interview behauptete sie, Mackenzie habe sich mit den Anschuldigungen an sie gewandt, als ihr Vater noch lebte – nur um ihre Geschichte dann zurückzuziehen. „Ehrlich gesagt, ich glaube es nicht“, sagt Michelle. „Sie rief mich an und sagte: ‚Ich hatte eine Liebesaffäre mit meinem Vater.‘ Ich fühlte mich völlig gedemütigt. Acht Minuten später rief sie mich zurück und sagte: ‚Michelle, ich hoffe, du weißt, dass das ein Scherz war.‘ Ich sagte: ‚Das ist nicht lustig!‘ Sie sagte: ‚Tja, ich schätze, wir haben einfach einen unterschiedlichen Sinn für Humor.‘“

„Stellen Sie sich vor, wenn meine Memoiren während MeToo veröffentlicht worden wären! Ich frage mich manchmal, wie das wohl gewesen wäre“

Phillips erzählt mir später, dass dieser Teil unseres Gesprächs noch den ganzen Abend lang an ihr genagt habe. Während unserer nächsten drei Interviews schwankt sie in ihrer Überzeugung hin und her – sie hat schwer mit den Skandalen zu kämpfen, die das Erbe ihres verstorbenen Ex-Mannes getrübt haben. Als ich sie frage, ob er ihr gegenüber während der Scheidung je gewalttätig geworden sei, hält sie inne und sagt dann ruhig: „Ich habe das nie meinen Kindern oder meinen Freunden gegenüber erwähnt, aber es gab eine Nacht, da hat John mich verprügelt“, sagt sie. „Er hat es in seinem Buch erwähnt. Ich glaube, er sagte, es gab eine kleine Ohrfeige. Es war mehr.“

Sie betont mehrmals, dass die Inzestvorwürfe Mackenzies Geschichte seien, nicht ihre. „Ich werde nicht sagen, ob es wahr ist oder nicht, denn ich glaube nicht, dasssieweiß, ob es wahr ist oder nicht“, schließt Phillips. „Sie wartete – praktischerweise – auf Johns Tod (bissiedasBuchveröffentlichte).“In einer E‐Mail an ROLLING STONE weist Mackenzie die Behauptungen ihrer Stiefmutter entschieden zurück. „Ich stehe zu meiner Wahrheit, wie ich es immer getan habe und wie ich es immer tun werde“, schreibt Mackenzie. „Außerdem: Wer um alles in der Welt würde so eine Geschichte erfinden? Zu welchem Zweck? Das ist nicht gerade ein Baustein für den Lebenslauf, um Himmels willen! (‚HighOnArrival‘)ist wahr, und es war meine Geschichte, die ich erzählen wollte. Da ich sie leben musste, hatte ich das Recht, sie zu erzählen.“ Sie fügt hinzu, dass sie sich damit tröstet, dass sich die Sichtweise der Welt auf Missbrauchsvorwürfe in den vergangenen zehn Jahren verändert hat. „Stellen Sie sich vor, wenn (meineMemoiren)während MeToo veröffentlicht worden wären! Ich frage mich manchmal, wie das wohl gewesen wäre.“

Auch die Pandemie forderte Michelle Phillips emotional einiges ab. „Alles kam einfach zum Stillstand“, sagt sie. „Ich blieb einfach ein paar Tage lang in meinem Pyjama. Ich habe zum Frühstück Rotwein getrunken.“ Chynna machte sie mit Wellbutrin bekannt, einem Antidepressivum, das ihre Tochter als „die dünne, glückliche, geile Pille“ beschreibt, und es befreite sie von dem Drang zu trinken. Tatsächlich habe sie seit sechs Monaten keinen Alkohol mehr getrunken.

Seit dem Tod ihres langjährigen Freundes, des Schönheitschirurgen Steven Zax, 2017 ist Michelle Single. Sie sei offen dafür, sich wieder zu verabreden. Sie würde auch gern wieder vor der Kamera stehen und schauspielern. „Ich wünschte, ich könnte Jean Smart sein und etwas wie(dieHBO-Dramedy-Serie)‚Hacks‘ machen, aber für ältere Schauspielerinnen ist es sehr schwer“, sagt sie. „Und ich bin viel älter als Jean Smart.“

An einem Samstag im September ruft Phillips mich spontan an, um ein letztes Gespräch zu führen. Sie hat eigentlich bald nach Spanien reisen wollen, hat die Reise aber verschoben. Stattdessen fährt sie nun auf ein Anwesen, das ihr im kalifornischen Idyllwild gehört, um „Zeit für mich“ zu haben. Sie erzählt, dass sie über unsere gemeinsamen Stunden nachgedacht hat und darüber, was sie der Welt wirklich von sich zeigen möchte. „Das Wichtigste sind meine Kinder und meine Enkelkinder“, sagt sie. „Der Rest ist meine Vergangenheit.“