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Militär und Technik: Waffen und Kriegführung der Wikinger: Der Hammer des Nordens: Vom späten 8. bis zum 11. Jahrhundert


Clausewitz - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 05.08.2019

Die Kriegszüge der Wikinger erschüttern Europa. Die unglaublichen militärischen Erfolge der Nordmänner sind nicht zuletzt auf ihren Umgang mit den Waffen und die völlig neuartige amphibische Kriegführung zurückzuführen


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Bildquelle: Clausewitz, Ausgabe 5/2019

KRIEGERKULTUR: Die Wikinger sind hervorragende Kämpfer und streiten auch gerne untereinander, wie hier in der Schlacht am Hafrsfjord (um 872). Das Bild zeigt Onund, der bei seinem Versuch, ein Schiff der unter Harald kämpfenden „Wolfskrieger“ zu entern, sein Bein verliert. Doch warum sind die Nordmänner so gute und furchtlose Krieger?


Abb.: akg-images/Osprey Publishing/Viking Hersir ...

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... 793-1066AD/Gerry Embleton

Das Jahr 1000, Svolder, Öresund: Der norwegische König Olaf Tryggvason steht zusammen mit wenigen noch lebenden Gefolgsleuten am Heck seines Schiffes „Große Schlange“. Er trägt einen mit Gold verzierten Helm, einen Kettenpanzer und kämpft gegen eine immer stärker werdende Übermacht von Feinden, die sein Schiff entert. Pfeile und Speere fliegen so dicht, dass die Schilde kaum genügen, sie abzuwehren. Als der Kampf aussichtslos wird, springt der König über Bord und seine schwere Ausrüstung zieht ihn in die Tiefe. So bleibt er auf ewig dem Zugriff seiner Feinde entzogen. Dies ist ein Heldentod nach wikingischem Geschmack, den die nordischen Dichter noch lange besingen, und der zeigt, welch hohen Stellenwert der Kampf und ein heldenhafter Tod in der Schlacht im Denken der Wikinger einnehmen.

Auf nach Walhall!
Die würdigsten unter den Gefallenen geleiten Odins Walküren direkt vom Schlachtfeld nach Walhall, wo sie kämpfen und feiern bis zum Tag Ragnarök, dem Ende der Welt. Diese Vorstellung erklärt zumindest zum Teil, warum sich die Wikinger für den Krieg begeistern können.

Ihre Hauptwaffe ist die Kampfaxt, die in vielen mönchischen Chroniken als die „Mordwaffe der räuberischen Heiden“ schlechthin gilt. Von dieser gibt es zwei Grundtypen. Die eine bildet die einhändig geführte Axt mit kurzem Schaft. Deren Blatt ist oft nach hinten zurückgezogen ausgearbeitet, sodass man sie als „Bartaxt“ bezeichnet. Der zweite Typ erscheint erst im 10. Jahrhundert. Wegen seiner nach beiden Seiten ausschwingenden Klinge nennt man ihn auch „Breitaxt”.

Beide Waffentypen sind oft noch mit einer extra angeschweißten Schneide aus besonders hartem Stahl versehen. Der hölzerne Schaft der Breitaxt ist bis zu 150 Zentimeter lang. Daher führt man diese Waffe nur beid- händig. Die Hiebe einer Breitaxt sind von einer dermaßen gewaltigen Wucht, dass ihnen weder Schild noch Helm oder Panzer widerstehen können. Wahrscheinlich dient die Breitaxt ähnlich wie die Bidenhänder des 15. Jahrhunderts dazu, einen feindlichen Schildwall aufzubrechen. Andere Historiker sind der Ansicht, dass die Breitaxt eine Antwort auf die berittene Kriegführung der Franken war. Bald übernehmen auch die angelsächsischen Huscarls diese furchtbare Waffe und sie bildet auch das Markenzeichen der im byzantinischen Dienst stehenden Warägergarde, die aus Wikingersöldnern gebildet ist.

HINTERGRUND: Wichtige Wikingerschlachten

836, Schlacht von Carhampton: Wikinger schlagen die Angelsachsen 880, Schlacht von Thimeon: Die Ostfranken bezwingen die Wikinger 885/886, Belagerung von Paris: Wikinger ziehen nach einer Lösegeldzahlung ab 991, Schlacht von Maldon: Wikinger besiegen die Angelsachsen 1000, Seeschlacht von Svolder: König Olaf Tryggvason von Norwegen unterliegt einer feindlichen Koalition aus Dänen und Schweden 1014, Schlacht von Clontarf: Iren schlagen die Wikinger 1066, Schlacht von Stamford Bridge: Angelsachsen triumphieren über die Wikinger

LEGENDÄR: Die Schlacht von Brunanburh wird 937 zwischen der Armee des Königreiches England und den vereinten Armeen von Olaf Guthrithsson ausgetragen. Der genaue Ort ist bis heute unbekannt, doch das Gefecht gilt als eine der wichtigsten Schlachten der nordischen und angelsächsischen Geschichte vor Hastings (1066) Abb.: akg-images/Osprey Publishing/Viking Hersir 793-1066AD/Gerry Embleton

Lanze, Speer und Bogen
Neben der Axt bilden auch Lanze und Wurfspeer einen Teil des wikingischen Waffenarsenals. Die Lanze verfügt über unterschiedlich geformte Spitzen aus Stahl, die oft sehr schlank und von beträchtlicher Länge sind. Diese Waffen führt man entweder einhändig zusammen mit dem Schild oder beidhändig in einer Art von Lanzenfechtweise, wobei hier die große Reichweite der Waffe einen erheblichen Vorteil gegenüber einem mit einer Axt oder Schwert bewaffneten Gegner bildet. Der etwas kürzere Speer ist in erster Li nie eine Fernwaffe, die zu Beginn einer Schlacht zum Einsatz kommt. Seine Spitze durchschlägt die Schilde und wenn man den Sagen glauben darf, sogar manchmal auch den dahinter befindlichen Mann.

Die zweite Fernwaffe der Wikinger ist der Bogen. Der aus einem Stück geschnitzte Bogenstab besteht aus Eibenholz und ist zwischen 160 und 200 Zentimetern lang. Er ähnelt den späteren englischen Langbögen, erreicht aber mit einem Zuggewicht von 40 Kilogramm nicht ganz die Stärke der hochmittelalterlichen Waffen. Dennoch ist seine Durchschlagskraft beachtlich.

Die eisernen Spitzen der Pfeile sind unterschiedlich gearbeitet und bis zu 15 Zentimeter lang. Der Bogen ist nicht wie in späterer Zeit in Europa die Waffe der „kleinen Leute“. In seinem Umgang sind, nicht zuletzt wegen der Verwendung bei der Jagd, auch die hochrangigen Krieger geschult. Dennoch dürfte sich in den großen Schlachten der Einsatz des Bogens auf die leichter bewaffneten Bondi beschränkt haben. Diese befinden sich in den hinteren Reihen eines Schildwalls und decken von dort aus den Gegner mit einem Pfeilhagel ein. Die effektive Reichweite der wikingischen Bögen dürfte zwischen 150 und 200 Metern liegen.

Die den Wikingern teuerste Waffe ist das Schwert und zu Beginn der Wikingerzeit bleibt es noch den Königen und Häuptlingen vorbehalten. Im Rahmen der zahlreichen Kriegszüge findet es wohl nicht zuletzt als Gabe der großen Kriegsherren an ihre Gefolgschaft weitere Verbreitung. Die besten Schwertklingen dieser Zeit stammen aus dem fränkischen Rheinland, wo die Schwertschmiede die teuren und begehrten damaszierten Klingen herstellen. Diese sind zwischen 60 und 90 Zentimeter lang und basieren auf den römisch-germanischen Schwertern („Spatha“) der Spätantike.

Eine der bedeutendsten Werkstätten ist die eines gewissen Ulfberth, dessen Name zahlreiche wikingische Schwertklingen ziert. Trotz königlicher Verbote floriert der Export dieser tödlichen Waffen nach Norden, wo sie meist von dortigen Handwerkern mit verzierten und vergoldeten Griffen und Scheiden versehen werden. Die Wikinger verehren ihre Schwerter so sehr, dass diese nicht selten eigene „sprechende“ Namen wie „fotbitr“ (etwa „Beinzerschmetterer“) erhalten und häufig weitervererbt werden. Als zusätzliche Waffe tragen alle Wikinger noch einen kurzen Sax (Kurzschwert) in einer Lederscheide quer vor dem Körper. Dieser lässt sich vor allem in Nahkampfsituationen gut einsetzen.

Teurer Körperschutz
Die Hauptschutzwaffe eines Wikingerkriegers bildet der große hölzerne Rundschild mit einem Durchmesser zwischen 70 und 90 Zentimetern. Die aus einzelnen Brettern bestehende Grundkonstruktion ist beidseitig oft noch mit Rohleder überzogen, in der Mitte befindet sich der eiserne oder hölzerne Griff, der von einem aus Eisen bestehenden Schildbuckel überdeckt wird. Der Rand ist entweder mit Metallbeschlägen oder durch eine Ledereinfassung zusätzlich geschützt. Originalfunde aus Gokstadt weisen auch eine schwarz-gelbe Bemalung auf, so dass man sicher sein kann, dass alle Schilde geometrische Motive oder wahrscheinlich sogar Motive im sogenannten „Tierstil“ aufgewiesen haben.

Als Körperpanzerung tragen die Wikinger das meist bis über die Hüfte reichende kurzärmelige Kettenhemd. Dessen Herstellung aus Tausenden kleinen, miteinander vernieteten Eisenringen bleibt Spezialisten vorbehalten. Es ist dementsprechend teuer, sodass zu Beginn der Wikingerzeit wohl nur Könige und Häuptlinge Kettenhemden tragen. Doch die gewaltigen geplünderten Reichtümer, die mit der Zeit in den Norden Europas gelangen, versetzen die großen Kriegsherren in die Lage, ihre Gefolgschaft mit den besten Waffen auszurüsten. Daher dürfte bald eine viel größere Anzahl von Kriegern Kettenhemden genutzt haben. Unter dem Kettenhemd trägt man im europäischen Mittelalter – um die Wucht der Hiebe zu dämpfen – einen aus gestepptem Stoff oder Leder bestehenden Panzer, der als Gambeson bezeichnet wird. Ob die Wikinger derartige Panzer unter dem Kettenhemd oder auch alleine getragen haben, ist zwar nicht nachweisbar, aber auch nicht ausgeschlossen.

WIKINGER

Die Bezeichnung „Wikinger“ ist umstritten, da sie eigentlich keine Ethnie meint, sondern Männer auf Raubzug. Heute verstehen wir darunter meistens dennoch die Bewohner Schwedens, Norwegens und Dänemarks. Andere Namen sind: Waräger, Rus, Normannen.

HINTERGRUND


Harald Hardrada – „Der letzte Wikinger“


Harald Sigurdson „der Harte“ (altnordisch hardrada), geboren 1015, ist ein Halbbruder des norwegischen Königs Olaf II. Haraldsson, der 1030 in der Schlacht von Stiklestad fällt. Nach dessen Tod begibt sich Harald nach Byzanz, wo er in der Warägergarde eine hohe Stellung einnimmt. Hier sammelt er gewaltige Reichtümer an, die ihm nach seiner Rückkehr nach Norwegen dienlich sind, und er besteigt 1047 den Thron des Landes. Harald erhebt auch Ansprüche auf den dänischen Thron, kann diese aber nicht durchsetzen. Im Inneren kann er sich gegen Thronkonkurrenten behaupten und verschafft so der Königsmacht in Norwegen Geltung. Seiner unnachgiebigen Härte in diesen Konflikten verdankt er auch seinen Beinamen, dennoch gilt er in den Sagen als großer Krieger und Herrscher. Nach dem Tod Edward des Bekenners erhebt er Ansprüche auf den angelsächsischen Thron und segelt mit seinem Heer nach England. Dort wird er 1066 in der Schlacht von Stamford Bridge geschlagen und fällt durch einen Pfeilschuss in den Hals, nachdem er seinen Panzer abgelegt hat, um auf Berserkerart zu kämpfen und wohl auch zu fallen.

EIN LEBEN FÜR DEN KRIEG: Jomswikinger testen die Standfestigkeit eines Schildwalls Abb.: akg-images/Osprey Publishing/Viking Hersir793-1066AD/Gerry Embleton


HINTERGRUND: Eine Legende: die Jomswikinger

Bei den Jomswikingern handelt es sich um eine Art Kriegerbund, der seinen Sitz in der an der Odermündung gelegenen Handelsstadt Jumne oder auch Jomsburg, dem späteren Wollin, hat. Der Überlieferung zufolge ist es der dänische König Harald Blauzahn, der den Bund Ende des 10. Jahrhunderts gründet. Als Elitesöldner fechten sie in den diversen Kriegen der skandinavischen Könige. König Magnus der Gute von Norwegen zerstört Jomsburg im Jahr 1043 und dies hat wohl auch das Ende der Jomswikinger zur Folge.

Ihre Taten finden Eingang in die isländischen Sagen des 13. Jahrhunderts, deren Autoren sie fantastisch ausschmücken. So ist hier von der gewaltigen Jomsburg die Rede, in deren Hafen 300 Schiffe Platz gehabt hätten. In der Burg leben die Männer unter strengster Zucht, Frauen ist der Zutritt verwehrt. Moderne Ausgrabungen haben jedoch weder einen befestigten Hafen, eine Stadtbefestigung noch eine Burg zutage gefördert, was zeigt, dass vieles, was man von den Jomswikingern zu wissen glaubte, in das Reich der Legenden gehört.

Ebenso verhält es sich mit dem aus dem östlichen Europa und Zentralasien stammenden Lamellenpanzer, dem Schuppenpanzer sowie der aus einzelnen, nebeneinander gesetzten Metallstreifen bestehenden Panzerung für die Unterarme und Unterschenkel. Diese Rüstungstypen sind im Byzantinischen Reich sehr verbreitet und es ist gut möglich, dass auch Wikinger einige da- von tragen. Doch hierfür fehlt – bis auf die Darstellung eines Kriegers mit Lamellenpanzer aus Birka in Schweden – ebenfalls jeder Nachweis.

Zu den ebenfalls sehr teuren Schutzwaffen gehört der Eisenhelm, der jedoch von Anfang an von mehr Kriegern als der Kettenpanzer getragen wird. Die wikingischen Eisenhelme sind von halbrunder oder konischer Form und mit einem Naseneisen beziehungsweise einem brillenartigen Augenschutz versehen. Oft sind sie mit einem Nacken- und gelegentlich einem Gesichtsschutz aus am Helmrand befestigtem Kettengeflecht versehen. Diese Helme gehören zum Typ „Spangenhelm“, der aus einzelnen, miteinander vernieteten Segmenten besteht und der auch in der nichtwikingischen Welt Europas weitverbreitet ist.

Gefolgschaft bis in den Tod
An der Spitze der wikingischen Gesellschaft stehen die Könige und Jarle. Auf sie folgen die Hersirs, mächtige Häuptlinge. Jeder dieser Kriegsherren verfügt über eine eigene militärische Gefolgschaft, die Hirdmen, die für ihren Herren, wenn nötig, bis zum Tod kämpfen. Dieser gibt ihnen im Gegenzug dafür reiche Geschenke und Waffen. Die freien Bauern und Handwerker werden als Bondi bezeichnet und sie bilden die leichter bewaffneten Kontingente der Wikingerheere. Sklaven rufen die Wikinger nur in den seltensten Ausnahmefällen zu den Waffen.

Eine nordische Besonderheit stellen die Berserkerkrieger dar. Bei ihnen handelt es sich wahrscheinlich um Angehörige von Kriegerbünden, die sich im ekstatischen Drogenrausch in der Schlacht für Wölfe oder Bären halten und in rasender Berserkerwut alles niederhauen, was ihnen in die Quere kommt. Ihr großer Kampfesmut verschafft ihnen höchsten Respekt, und so dienen sie auch in Zwölf-Mann-Einheiten als Leibwache der großen Kriegsherren.


„Vor dem Zorn der Nordmänner schütze uns, o Herr!“


Weitverbreitetes Gebet im Zeitalter der Wikinger (8.–11. Jahrhundert)

Berufskrieger gegen Bauern
Die wikingischen Waffen unterscheiden sich von denjenigen der Franken und Angelsachsen kaum, da sie sich alle aus der Bewaffnung der römisch-germanischen Spätantike entwickelt haben. Doch viele Wikinger sind als Angehörige der Hirds eine Art Berufskrieger und somit von frühester Jugend an im Umgang mit den Waffen geschult. Dies gibt ihnen eine Überlegenheit über die oftmals zu einem großen Teil aus Bauern zusammengesetzten Aufgebote der Franken und Angelsachsen, deren Truppen nur zum Teil aus Berufskriegern bestehen. Die Kampftechniken und Waffen der Wikinger sind alles andere als primitiv. Obwohl es an direkten schriftlichen Quellen in Bezug auf die Waffen und ihre Handhabung fehlt, fin- den sich in den isländischen Sagen des 13. Jahrhunderts doch einige Hinweise auf deren Einsatz und Wirkung. Moderne Rekonstruktionsversuche mit Wikingerwaffen zeigen, auf welch unterschiedliche Weise diese einsetzbar sind.

„MARKENZEICHEN“ DER WIKINGER: Drachenschiffe („Drakkar“) kennt beinahe jedes Kind. Die Abbildung stammt vom Teppich von Bayeux und zeigt Harold II. beim Anlanden an der englischen Küste


Abb.: picture-alliance/Leemage

So kann man beispielsweise den Bart der einhändigen Streitaxt dazu nutzen, dem Gegner den Schild wegzuziehen. Außerdem können die Wikinger den eisernen Schildbuckel auf offensive Weise als „gepanzerte Faust“ einsetzen. Wie bereits oben beschrieben, sind die wikingischen Waffen überwiegend von hoher Qualität. Die isländischen Sagen beschreiben deren verheerende Wirkung oft anschaulich und auch wenn es sich hier um Dichtung handelt, gibt es keinen Grund, diese Aussagen übermäßig anzuzweifeln.

So werden abgeschlagene Köpfe und Gliedmaßen erwähnt und archäologische Knochenfunde weisen furchtbare, oftmals sofort tödliche Verletzungen auf, die die in den Sagen gemachten Aussagen bekräftigen. Neben dem Einzelkampf verwenden die Wikinger die feste Schlachtlinie des Schildwalls, die je nach Umstand mehrere Glieder tief gestaffelt ist. Diese lanzenstarrenden Formationen sind nicht leicht aufzubrechen, wobei die am besten bewaffneten Krieger in den vorderen Reihen aufgestellt sind. Eine Sonderform bildet die als „Eberkopf“ bezeichnete keilförmige Aufstellung, die dazu dient, einen feindlichen Schildwall zu durchstoßen.

Amphibische Kriegführung
Hinsichtlich der Belagerungskunst sind die Wikinger trotz der Eroberung vieler befestigter Städte nicht besonders erfolgreich, wie man an der gescheiterten Belagerung von Paris in den Jahren 885/886 erkennen kann. Die großen Städte jener Zeit wie Paris oder London sind noch von den alten römischen Mauern umgeben, während die Mehrzahl der neu entstandenen Städte von Grabensystemen, einem hohen, eventuell mit vorgeblendeter Holz- oder Steinfassade versehenem Erdwall und darauf gesetzten hölzernen Palisaden umfasst sind. In den wenigen Berichten über wikingische Belagerungen ist zwar gelegentlich vom Einsatz von „Maschinen“ durch die Wikinger die Rede, doch hierbei handelt es sich wohl eher um dichterische Freiheit. Die Wikinger verfügen wahrscheinlich nie über Katapulte oder Belagerungstürme, allerdings gab es wohl Rammböcke, Leitern, Brandpfeile und Enterhaken.

Die große Neuheit, die zum außerordentlichen militärischen Erfolg der Wikinger maßgeblich beiträgt, ist die bis dahin in Europa völlig unbekannte amphibische Kriegführung. Die wendigen Drachenboote können praktisch an jeder Küste schnell anlanden. Ihre Besatzungen plündern und bis geeignete militärische Aufgebote zur Stelle sind, sind sie längst mit ihren Schiffen verschwunden. Die Drachenschiffe mit ihrem flachen Tiefgang können selbst kleinste Flüsse problemlos befahren und so stoßen die Wikinger tief in das Fränkische Reich vor. Sind sie gezwungen, zu lagern, nutzen sie Flussinseln, auf denen sie für Feinde, die über keine Boote verfügen, praktisch unangreifbar sind.

Ihre Lager sind zusätzlich durch Feldbefestigungen geschützt. Obwohl die Wikinger Meister in der amphibischen Kriegführung sind, ist ihnen doch das Konzept der echten Seeschlacht fremd. Ihre Seeschlachten sind auf das Wasser verlagerte Landschlachten, bei denen sie die Schiffe oft zusammenbinden.

Otto Schertler, M. A., Archäologe und Autor aus München.

HINTERGRUND: Wikinger im Film: Hörnerhelm, Doppelaxt und Lederwams

KLASSIKER: Die kriegerischen Nordmänner sind ein gern genommenes Sujet der Populärkultur, oft wird aber auf historische Authentizität wenig Wer t gelegt. Ein nach wie vor sehenswer ter F ilm ist Die Wikinger von 1958 mit Tony Cur tis und Kirk Douglas Abb.: picture alliance/Mar y Evans Picture Librar y


Auch heute noch folgt die Darstellung von Wikingern und deren militärischer Ausrüstung im Film eher dramaturgischen Effekten als der historischen Realität. Wenn auch der mit Flügeln oder Hörnern geschmückte Helm mittlerweile „ausgestorben“ ist, setzen die Macher von Serien wie Vikings (seit 2013) auf fantastische Lederwämse mit Metallbeschlägen, riesige Streithämmer und Augenschminke, um die Wildheit der Wikinger anschaulich wiederzugeben. Deren Feinde hingegen sind mit einer kruden Mischung unterschiedlichster Kleidungs- und Rüstungsteile versehen, sodass man denken könnte, sie wären teilweise einer Wagneroper aus dem 19. Jahrhundert entsprungen.

Lediglich die sehr gute Darstellung der Wikingerschiffe entspricht der historischen Wirklichkeit. Etwas anders verhält es sich bei dem Film Der 13. Krieger (1999), in dem Antonio Banderas den arabischen Reisenden Ibn Fadlan darstellt. Dabei tragen die 13 Krieger zwar eine völlig untypische Ausrüstung für die Wikingerzeit, zum Beispiel einen römischen Gladiatorenhelm oder eine gotische Plattenrüstung, sodass man hier schon fast dem Fantasygenre nahekommt.

Dennoch ist der Film mit eindrucksvollen Bildern und harten Schlachtenszenen sehr gekonnt optisch umgesetzt, sodass zumindest eine Art „Feeling“ für das oft grausame und archaische Leben in der Wikingerzeit bleibt. Bis heute einer der besten Wikingerfilme ist der Film Die Wikinger (1958) mit Kirk Douglas und Tony Curtis. Der Film mag heute in vieler Hinsicht veraltet wirken, doch er hält sich in Bezug auf Waffen und Ausrüstung weitgehend an den Forschungsstand der 1950er-Jahre. Es gibt keinerlei Hörnerhelme, Helme und Kettenpanzer sind auf wenige Krieger beschränkt und auch die Schwerter sowie die übrige Bewaffnung entsprechen wikingischen Vorbildern.

Ebenso befinden sich die kleinen Islandpferde als Reittiere weit näher an den historischen Gegebenheiten als die in anderen Filmen oft eingesetzten modernen Reitpferde. Wenn er auch genau genommen nicht in die Wikingerzeit gehört, so ist der isländische Spielfilm Beowulf und Grendel (2005) ein Musterbeispiel historischer Recherche. Die Krieger sind hier fast vollständig im Stil der vorwikingischen Vendelzeit (550 bis 750) ausgerüstet.