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MINUS 55%


Businessart - epaper ⋅ Ausgabe 2/2021 vom 17.06.2021

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BUSINESSART: Laut einer WKÖ-Umfrage sehen wir eine Rekord-Insolvenzwelle auf uns zukommen. Gleichzeitig sind die Auftragsbücher bei der exportorientierten und der Bauwirtschaft voll. Was bedeutet diese Entwicklung für die vielen EPU und KMU in Österreich?

Sigrid Stagl: Für manche ist Corona eine Goldgrube, für andere ein Vorziehen des Wandels, manche Branchen, wie der Tourismus, sind ganz besonders schwer getroffen. Das ist auch der Grund, warum Österreich die Krise stärker spürt als viele andere Länder. Klar ist, dass jene, die durch Digitalisierung schneller reagieren konnten, besser abgeschnitten haben.

Wir sollten daher darüber nachdenken, wie wir uns krisenfester aufstellen können. Die Regionalentwicklungskonzepte der Vergangenheit waren zu sehr auf den Tourismus abgestellt. Ländliche Räume brauchen eine diversere strukturelle Komposition ihrer Wirtschaft. ...

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... Vergleicht man Tirol und Vorarlberg, die sehr ähnliche Grundgegebenheiten aufweisen, zeigt sich, dass sich Vorarlberg in der Krise viel leichter getan hat, weil dort auch Technologie und Industrie zuhause sind.

Das aktuelle Regierungsprogramm und auch das Recovery-Programm der EU setzen auf ein „Rausinvestieren“ aus der Krise. Wie gut ist Österreich unterwegs?

Die Umweltkomponenten in den Recovery-Ausgaben sind in vielen Ländern wie Norwegen, Finnland, Schweiz oder Kanada viel höher als in Österreich, nämlich über 50 Prozent; Österreich liegt bei 20 Prozent. Diese Länder gehen zudem viel systematischer vor. In Österreich wird der Klimaschutz noch als Spezialbereich gesehen und nicht systematisch in alle Prozesse integriert. Das braucht es aber, um die Klimaziele des Regierungsprogramms und der EU zu erreichen.

Viele Unternehmen setzen sich ehrgeizige Wachstumsziele. Ist das mit dem Ziel der Klimaneutralität 2050 vereinbar?

Global gesehen müssen wir bis 2050 klimaneutral sein. Johan Rockström, Direktor des Stockholm Resilience Centre empfiehlt eine Orientierung an einem so genannten Carbon Law (angelehnt an Moore’s Law): Die Emissionen müssen alle zehn Jahre halbiert werden. Dieses Ziel sollten sich Unternehmen setzen und sich auf den Weg machen.

Durch Corona haben wir zwar ein paar Kleinigkeiten gelernt – etwa, dass vieles mit Videokonferenzen möglich ist. Aber bei vielen anderen Praktiken wird es ein Drängen zum vorherigen Zustand geben. Die Europäische Klimaagentur erwartet, dass Emissionen steigen werden. Die Messungen zeigen, dass sie im Dezember 2020 (Lockdown in vielen Bereichen) höher waren als im Dezember 2019 (ohne Corona)! Es braucht dringend gesetzlich verankerte Maßnahmen und ein entsprechendes Monitoring.

Was bedeutet diese extrem aggressive Wachstumspolitik und die Digitalisierung für KMU. Werden sie vom Markt verdrängt? Bleiben dann nur mehr große Konzerne übrig, die den Markt beherrschen?

Das wird von Branche zu Branche unterschiedlich sein und, ja, die Institutionen der Wettbewerbspolitik funktionieren nicht immer.

Was wir brauchen ist eine zielgerichtete Industriepolitik, denn es hängt von den Regelungen ab, wer sich durchsetzen kann. Die Regierung muss sich Ziele setzen und dann eine entsprechende Politik machen, um diese Ziele zu erreichen. Dafür braucht es viel mehr Kooperation und viel mehr Diskussion mit allen relevanten Entscheidungsträger*innen aus Politik und Wirtschaft. Der Staat kann nicht neutral agieren. Das bedeutet nicht, dass er eine Technologie präferiert, aber er muss auf einen zielorientierten Pfad kommen.

Eine integrierte Politik, die mehrere Ziele gleichzeitig unterstützt, kann sehr viel erreichen und Synergien nutzen. Die Sanierung von Gebäuden beispielsweise bringt Umweltschutz, Gesundheit und Arbeitsplätze, reduziert Energieverbrauch und Luftverschmutzung. Die Erfolge sieht man sehr schnell. Was viele nicht wissen: Jedes Jahr sterben in Europa 400.000 Menschen frühzeitig an der Luftverschmutzung. Dafür fühlt sich niemand zuständig. Dabei wissen wir, wie man das Problem lösen kann!

Es scheint so, als ob unser Wohlstand nur mit Wachstum erhalten werden kann. Ist das so?

Neben dem Einkommen sind Gesundheit, soziale Beziehungen oder Zeit für Familie die wichtigsten Einflussfaktoren auf das Wohlbefinden. Ab einem Einkommen von 75.000 Dollar im Jahr trägt mehr Einkommen nicht mehr zum Wohlbefinden bei. Um Wohlbefinden zu schaffen, ist zusätzliches Einkommen also für manche Einkommensniveaus ineffizient.

Wirtschaftswachstum wäre kein Problem, wenn es nicht mit steigendem Ressourcenverbrauch und Emissionen verbunden wäre. Da müssen wir global denken – es zählt die absolute Menge. Effizienzsteigerung verbessert den Verbrauch pro Einheit BIP, aber mit mehr BIP steigt der Verbrauch weiter.

In Österreich wird der Klimaschutz noch als Spezialbereich gesehen und nicht systematisch in alle Prozesse integriert.

SIGRID STAGL

Was empfehlen Sie der Politik?

Die Politik sollte sich nicht nur am BIP, sondern an gesellschaftlichen Zielen orientieren, wie die Zufriedenheit der Menschen, die Reduktion der Ungleichheiten, Ressourcenverbrauch, Emissionen. Die Politik sollte diese Ziele direkt angehen und nicht versuchen, sie über ein höheres BIP zu erreichen. Das BIP ist bloß ein Mittel zum Zweck.

Wir haben die höchste Arbeitslosigkeit seit Jahrzehnten. Ohne Wachstum keine Arbeitsplätze, heißt es. Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus? Wie schaffen wir genügend Arbeitsplätze?

Ob Wachstum Arbeit schafft, hängt davon ab, wo investiert wird. Wenn in arbeitssparende Technologien investiert wird, generiert das keine Beschäftigung. Im Gegenzug dazu schaffen ressourcenschonende Technologien häufig mehr Arbeitsplätze.

Abhängig von den relativen Preisen wird in unterschiedliche Technologien investiert. Derzeit ist Umweltverbrauch zu billig und Arbeit zu teuer. Für eine Änderung braucht es nur den politischen Willen. Viele Unternehmer*innen sind für eine CO 2 -Steuer, wenn gleichzeitig bei den Arbeitskosten entlastet wird.

Gegeben was wir über Wohlbefinden und Umweltprobleme wissen, wäre es sinnvoll, Produktivitätszuwächse durch Arbeitszeitreduktion abzugelten. Das hat es ja sehr lange gegeben. Erst in den 1980er-Jahren haben wir damit aufgehört und quasi ein Dogma verkündet, dass es unter einer 40-Stunden-Woche nicht geht. Das ist natürlich Unsinn.

Univ. Prof. Dr. Sigrid Stagl ist Gründerin des Instituts Ecological Economics und Vorständin des Department of Socioeconomics, Co-Director des Competence Center STaR (Sustainability Transformation and Responsibility) und Research Group Leader an der WU Wien.

www.wu.ac.at

Viele Menschen arbeiten ja bereits Teilzeit, weil sich das besser mit ihren anderen Lebensbereichen (Familie, Sport, Weiterbildung) vereinbaren lässt. Ist das ein richtiger Schritt?

Ja, individuell haben wir das schon – Frauen arbeiten viel häufiger in Teilzeit. Besser wäre allerdings eine durchgehende Arbeitszeitreduktion, weil dadurch die Chancengleichheit gesteigert wird und man eher das Gefühl hat, vollwertig zur Gesellschaft beizutragen.

Wer werden die Gewinner*innen und wer die Verlierer*innen sein?

Gewinner*innen sind jene, die die Wahlmöglichkeit haben, ob sie zu Fuß oder mit dem Auto in die Arbeit kommen können. Jene, die weiter weg wohnen – weil sie sich das Wohnen im Zentrum nicht leisten können – und keine öffentlichen Verkehrsmittel zur Verfügung haben, müssen mit dem Auto in die Arbeit. Auch für sie braucht es eine Lösung. Es gibt ja zum Glück schon viele gute Beispiele. Ähnliches gilt für Unternehmen. Entscheidend wird sein, dass sie den Klimaschutz systematisch mitdenken, dass er Teil aller Politiken wird. Da tut sich einiges, auch in der Wissenschaft.

Wir haben doch schon so viele Abkommen und Vereinbarungen. Wie schaffen wir Ergebnisse? Wir blicken auf 50 Jahre Klimawissenschaft, 40 Jahre Klimaökonomie, 30 Jahre Klimarhetorik, 25 Jahre Klimakonferenzen und fünf Jahre Pariser Klimaabkommen zurück und sind noch immer viel zu sehr in der Ankündigungsphase und zu wenig in der Tun-Phase. Wir müssen die Ziele in Gesetzen festschreiben, die wirklich beißen können. Als Entscheidungsträger*in muss man geklagt werden können, wenn man wider besseres Wissen handelt.

Wir brauchen auch keine „glossy“ Nachhaltigkeitsberichte. Unternehmen müssen einen Wettbewerbsnachteil haben, wenn sie sich nicht reinhängen. Erste Zeichen sehen wir schon, weil Investoren viel strikter darauf achten, wie gut das Monitoring der ESG (Environmental Social Governance) ist. „Do no significant harm“ ist die Basis der EU-Taxonomie- Verordnung für nachhaltige Investments. Es wird spannend, ob die Atomenergie hier dazugezählt wird. Auf Basis der akademischen Literatur kann man das nicht mehr argumentieren – weil sie keine „Best-of-Class-Technologie“ ist. Es ist sehr eindeutig, dass es bessere und billigere Alternativen gibt.

Wichtig ist, dass alle Entscheidungsträger*innen CO 2-sparende Alternativen zur Verfügung haben oder wissen, dass sie sie schaffen müssen.

Welche Ziele sollen sich Unternehmen setzen?

Ein österreichischer Akteur sollte bis 2030 ein Minus von 55 Prozent bei den Klimagasemissionen schaffen. Und zwar nicht pro Einheit oder Umsatz, sondern als Unternehmen. Es zählen die absoluten Emissionen. Es geht nicht darum, nicht zu wachsen, sondern darum, die planetarischen Grenzen ernst zu nehmen.∎

WOVON REDEN WIR?

Kohlenstoffneutralität oder Klimaneutralität?

Kohlenstoffneutralität bezieht sich rein auf CO 2 . Reden wir von Klimaneutralität, dann sind – neben dem CO 2– auch alle anderen klimarelevanten Gase wie Methan oder Lachgas einbezogen. Die Ziele der österreichischen Bundesregierung und der EU beziehen sich auf die Klimaneutralität, die 2040 bzw. 2050 durch Reduktion und Kompensation erreicht sein soll.

Klima-positiv

Manche Projekte werden als „klima-positiv“ bezeichnet. Sie schaffen zusätzliche Kohlenstoffsenken und entziehen der Atmosphäre dauerhaft mehr CO 2 als sie produzieren.