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Mission Liebe in Berlin


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Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 16/2022 vom 16.04.2022

Der große abgeschlossene LIEBES-ROMAN

Was dem dunkelblauen Polo da aus der Motorhaube ragte, gefiel Valentin ausgesprochen gut. Es waren zwei lange schlanke Beine, die in einer knappen Shorts endeten. „Hübsch, ausgesprochen hübsch!“, sagte er und trat auf die Bremse.

Sein Bruder Leander, der in einem Buch über den ‚Goldenen Saal von Augsburg‘ las, schreckte auf und sah seinen Bruder erstaunt an. „Weshalb hältst du plötzlich an?“

Valentin deutete mit einer Kopfbewegung auf den Polo und dessen Besitzerin. „Ich vermute mal, wir müssen Pannenhilfe leisten.“

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„Die Dame hat doch bestimmt ein Handy dabei. Am Ende verpasse ich noch meinen Vortrag!“

„Kannst du an gar nichts anderes denken als an alte Gemäuer?“, fragte Valentin und streifte ihn mit ironischem Blick. Er hatte noch nie verstanden, was seinen Bruder dazu getrieben hatte, ausgerechnet Kunsthistoriker zu werden.

Leander und er waren so ungleich wie ...

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... Fisch und Pferd. Valentin lebte im Hier und Jetzt. Dabei war er humorvoll und genoss sein Dasein. Leander hingegen war durch und durch Kopfmensch und etwa so steif wie ein Bügelbrett. Er sah grundsätzlich aus wie aus dem Modejournal geschnitten, trug am liebsten aufs Feinste gebügelte Hemden und italienische Schuhe. Dazu das dunkle Haar und die tiefblauen Augen ihrer Mutter …

Den Frauen schien das zu gefallen, denn Leander brauchte nur den Mund aufzumachen, und die Täubchen flogen ihm von ganz allein hinein. Dabei interessierten ihn Frauen nicht besonders, die heißesten Blicke ließen ihn kalt. „Wahrscheinlich fließt Blei in deinen Adern“, hatte Valentin ihn neulich verspottet. Hässlich war Valentin zwar auch nicht, aber er kam mehr nach seinem bodenständigen Vater, und es fehlte ihm dieser Glanz, den Leander auszustrahlen schien.

Valentin stieg aus, überquerte die Straße und steckte seinen Kopf unter die Motorhaube. Sein erster Blick galt dem Obenherum der jungen Dame, das ihm ebenfalls gut gefiel, dann sah er ihr in die schönen Augen, die allerdings ziemlich finster dreinblickten. „Haben Sie eine Panne?“, fragte er.

„Nein, ich tu das aus lauter Spaß an der Freude!“, fuhr sie ihn an. „Wo fehlt es denn?“ „Genau das versuche ich ja eben herauszufinden“, fauchte sie und richtete sich auf. „Verstehen Sie vielleicht was von Autos?“

„Überhaupt nichts“, gab Valentin zu. „Aber ich könnte Sie abschleppen.“ Er lächelte vieldeutig.

Ein tiefgekühlter Blick traf ihn. Die Schöne knallte die Motorhaube zu, setzte sich hinters Steuer und versuchte zu starten. Ein paar müde orgelnde Töne waren zu hören, dann Stille. „Also gut.“ Sie seufzte und rang sich endlich ein Lächeln ab. „Ich nehme Ihr Angebot an. Kennen Sie die Werkstatt in der Amalienstraße?“

„Sie meinen die Werkstatt, vor der ein halbierter VW-Käfer der ersten Generation hängt?“

„Ja, genau die.“

„Gut, ich bringe Sie hin.“

Valentin setzte seinen Wagen vor den Polo, nahm das Abschleppseil aus dem Kofferraum und befestigte es an beiden Autos. Und gerade als er damit fertig war und sie losfahren konnten, stieg Leander aus. Er begrüßte die Frau mit einem gleichmütigen Hallo und sah Valentin an. „Dauert es noch lange?“

„Bin gerade fertig“, antwortete Valentin. Mit einem kurzen Seitenblick auf die Schöne stellte er fest, dass die Unmutsfalten auf ihrer Stirn plötzlich wie weggebügelt waren, und ein Lächeln um ihren Mund spielte, das einfach zauberhaft war. Doch leider galt es nicht ihm, denn sie lächelte haarscharf an ihm vorbei Richtung Leander.

„Hallo“, erwiderte sie seinen Gruß, und ihre Stimme war nicht mehr kratzig, sondern samtweich. „Ich heiße Elena Sontheimer.“

„Angenehm, Leander Fröhlich.“ Er musterte sie ohne Interesse.

Wieder mal Leander, dachte Valentin. Der kam, sah und siegte!

Valentin sah von Leander zu Elena. Obwohl sein Bruder sie offensichtlich abblitzen ließ, himmelte sie ihn mit verheißungsvollem Glanz in den Augen an. Valentin seufzte still. Also wieder mal Leander. Der kam, sah und siegte! Und er, Valentin, konnte sich einstweilen die Finger schmutzig machen.

Valentin schleppte Elena 15 Kilometer bis zur Werkstatt des Oldtimerclubs – Elena bedankte sich bei Leander. Valentin bezahlte den Kaffee, den sie anschließend noch tranken – Elena flirtete dabei mit Leander. Valentin fuhr sie nach Hause – Elena reichte ihm nur flüchtig die Hand, Leander strahlte sie an, wie die aufgehende Sonne. War das gerecht? Nein, war es nicht! Valentin war stocksauer.

Als er auch Leander vor dessen Haustür abgesetzt hatte, und sich im Wagen umsah, entdeckte er auf dem Rücksitz ein Buch. Er kurbelte das Fenster runter und rief seinem Bruder, der gerade im Eingang verschwand, nach „He, du hast dein Buch vergessen!“

Leander sah sich um. „Ich habe mein Buch hier.“ Er hielt es wie zum Beweis hoch. „Das Exemplar muss wohl dieser Elena gehören.“

Tatsächlich, auf der ersten Seite standen ihr Name und ihre Adresse. Valentin durchschaute die Sache sofort. Elena hatte es absichtlich liegen lassen, damit Leander einen Grund hatte, bei ihr vorbeizukommen. „Dann nimm es, und bring es ihr!“, rief er. Aber Leander hatte keine Lust: „Bring es ihr doch selbst, schließlich wolltest du sie ja unbedingt abschleppen.“

An einem der nächsten Tage fuhr Valentin zu Elena. Eigentlich wollte er das Buch in den Briefkasten werfen, aber es passte nicht durch den Schlitz. Also klingelte er.

„Ach, du bist es …“, sagte sie gedehnt, als sie Valentin sah.

Die Enttäuschung, dass nicht Leander das Buch gebracht hatte, war ihr nur allzu deutlich anzusehen. „Ich wollte dir das Buch bringen. Hast es wohl vergessen.“

„Ja, ich habe es schon vermisst, aber ich dachte, es liegt noch im Polo. Und der ist immer noch in der Werkstatt, die brauchen ein Ersatzteil, das sie so schnell nicht auftreiben können. Komm rein.“

„Eigentlich habe ich gar keine Zeit“, behauptete Valentin.

„Ach was, eine Tasse Kaffee wirst du ja wohl trinken können.“ Sie nahm ihm das Buch ab und führte ihn ins Wohnzimmer.

Es war ganz nach Valentins Geschmack eingerichtet. Zwischen modernen Möbeln standen ein paar Antiquitäten, die die straffe Klarheit der Einrichtung auflockerten. An der Wand über dem Sofa hingen Fotos in verspielten Rähmchen und überall standen Topfpflanzen, darunter sogar eine blühende Yuccapalme, die den ganzen Raum mit süßem Honigduft erfüllte.

„Du scheinst eine gute Hand für Pflanzen zu haben“, sagte er. „Yuccapalmen blühen nur ab einem gewissen Alter und nur dann, wenn sie sich besonders wohl fühlen.“

„Verstehst du denn etwas davon?“, fragte Elena überrascht.

Valentin lachte. „Und ob. Topfgewächse sind mein Hobby.“

„Nicht möglich, meins auch!“ Diesmal war ihre Freude echt. Sie brachte Kaffee, setzte sich zu Valentin und fragte scheinbar nebenbei: „Wie geht es deinem Bruder?“

Das musste ja kommen. Dass er hier saß, hatte er schließlich Leander zu verdanken. „Ich nehme an, gut. Leander geht es immer gut.“

„Ach“, machte sie und lachte aufgekratzt. „In der Regel geht es keinem Menschen immer gut.“

Valentin nahm einen Schluck Kaffee. Na prima, das Thema Leander wäre hiermit angeschnitten und mit genügend Allgemeingültigkeit getarnt, um ausführlich darauf herumzukauen.

Aber mit mir nicht, dachte er. Fast wäre er aufgesprungen, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden, als er plötzlich diesen boshaften Wunsch verspürte, Elena ihren Leander so lang um die Ohren zu schlagen, bis ihr selbst klar wurde, was für eine Seifenblase sein Bruder in Herzensdingen war. Valentin blieb also, um dafür zu sorgen, dass Elena Leander kennen lernte. Und zwar recht gründlich!

Die richtigen Worte beschrieben Leander ganz und gar falsch

„Mein Bruder“, sagte er, „ist in vielerlei Hinsicht anders als andere Männer. Er hat eine Art, das Leben anzupacken, die mich manchmal geradezu fasziniert.“

Offenbar war Elena schon zu verliebt, um den spitzen Unterton in Valentins Stimme zu bemerken. „Ja, mich fasziniert er auch“, hauchte sie. „Wie packt er sein Leben denn so außergewöhnlich an?“

„Mit beneidenswerter Ruhe. Was er tut, überdenkt er genau. Er weiß, was er will und was er nicht will, Halbheiten hasst er. Oder in kurzen Worten ausgedrückt, er ist in sich selbst so gefestigt, dass ihn nichts erschüttern kann.“ Valentin war selbst erstaunt, wie einfach es doch war, den Charakter eines Menschen mit den richtigen Worten so falsch zu beschreiben.

Leanders beneidenswerte Ruhe war nichts als Gleichgültigkeit gegenüber allem, was nicht seinen Beruf betraf. Erschüttern konnte ihn nichts, weil ihn nichts berührte. Halbheiten hasste er, weil er ein fast krankhafter Perfektionist war. Und dass er alles überdachte, hatte nichts mit Besonnenheit zu tun, sondern lag daran, dass er grundsätzlich nie etwas riskierte, aus Angst, er könnte versehentlich in ein Abenteuer schlittern.

Leander nahm nicht einmal die Chancen wahr, die ihm sein gutes Aussehen bei den Frauen bot … aber wozu auch? Frauen stellten Ansprüche, das war unbequem.

„Ein Mann mit solchen Charaktereigenschaften, der auch noch so gut aussieht“, nahm Elena den Faden wieder auf und lächelte dabei möglichst gleichmütig. „Da kann man seine Frau oder Freundin ja nur beglückwünschen.“

„Kann man leider nicht“, sagte Valentin. Auch er lächelte möglichst gleichmütig. „Er hat keine.“

Das hätte Elena eigentlich zu denken geben müssen, stattdessen atmete sie erleichtert auf. Sie griff nach der Kaffeekanne und fragte: „Willst du noch eine Tasse?“

„Ja, sehr gern“, sagte Valentin und betrachtete sie nachdenklich. „Wie alt bist du eigentlich?“

Sie zog Stirnfalten. „Wieso?“ Dann lachte sie. „32, und du?“

„33. Leander ist zwei Jahre älter. Er gefällt dir wohl, mein Bruder.“ Das klang eher wie eine Feststellung, als wie eine Frage.

Elena zuckte die Schultern. „Na ja. Ein bisschen, das muss ich zugeben.“ Aber dann berichtigte sie sich. „Stimmt nicht, er gefällt mir sogar sehr. Ich würde ihn gerne wiedersehen, aber er hat wohl kein Interesse an mir.“ Sie seufzte.

„So kann man das nicht sagen. Bei Leander weiß man nie, er ist keiner von der schnellen Sorte.“

„Ach!“ Jetzt strahlte Elena wieder. „Du meinst, es bestünde da vielleicht eine Chance?“

„Ich könnte ja ganz unauffällig ein Wiedersehen arrangieren.“

„Das würdest du für mich tun?“ Elena sprang auf und fiel Valentin glücklich lachend um den Hals.

Valentin und Elena hatten sich ein paarmal getroffen und neben ihrem gemeinsamen Hobby, den Topfpflanzen, noch andere gemeinsame Leidenschaften entdeckt. Beide tanzten und fotografierten gern und aßen am liebsten griechisch mit viel Knoblauch.

Valentin hoffte, sie würde sich doch noch in ihn verlieben und sein blödsinniges Versprechen vergessen, aber jedes Mal wenn sie sich verabschiedeten, fragte sie: „Und was ist mit Leander … du wolltest doch ein Treffen arrangieren.“

Dass eine Frau wie Elena, die als virtuelle Unternehmens-Assistentin mitten im Leben stand, so beharrlich auf jemand wie Leander fixiert sein konnte, ging Valentin nicht in den Kopf. Aber bitte, wenn es unbedingt sein musste!

Er seufzte und sagte: „Leander wollte Samstag für ein paar Tage nach Berlin fahren, aber sein Auto macht Mucken. Er hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte mitzukommen, dann könnten wir meinen Wagen nehmen. Wenn du also möchtest, kannst du mitkommen.“

Elena strahlte. „Berlin – der Gendarmenmarkt, eine Schifffahrt auf der Spree, gut essen gehen!“ Sie ließ ihren Blick verträumt in die Ferne schweifen, dann nickte sie. „Mir stehen noch ein paar Tage Urlaub zu, das könnte klappen!“

Hatte Elena sich für die Berlinreise extra neu eingekleidet?

Valentin verstaute Leanders Gepäck und schlug dann den Weg zur Vorstadt ein. „Zur Autobahn geht es da!“, wunderte sich Leander.

„Wir holen Elena ab, sie wird uns begleiten“, erklärte Valentin.

„Elena?“ Leander brauchte eine Weile, bis er sich an sie erinnerte. „Ach, die Frau mit der Panne?“

„Genau die. Wir haben uns einige Male getroffen. Sie liebt Topfpflanzen“ – und dich, wollte er eigentlich anhängen, verkniff sich die Bemerkung dann aber doch. „Wir haben Stecklinge getauscht.“

„So, so, Stecklinge“, grummelte Leander in sich hinein. Es passte ihm gar nicht, dass Elena mitkommen wollte, aber es war Valentins Wagen, und wenn er sich unbedingt mit dieser Frau belasten wollte, so war das seine Sache.

Valentin klingelte, und prompt ging oben das Fenster auf. „Bin gleich da!“, flötete Elena. Mit einem riesigen Koffer, den sie hinter sich herzog – vermutlich hatte sie sich für diese Reise neu eingekleidet – erschien sie zehn Minuten später. Das Strahlen in ihrem Gesicht hätte gereicht, um eine stockfinstere Nacht zu erleuchten. Sie küsste Leander zur Begrüßung rechts und links auf die Wangen. „Freue mich, dich wiederzusehen.“

„Guten Morgen“, antwortete er sachlich, „hoffe, es geht dir gut.“

„Wunderbar!“ Während Valentin ihren Koffer verstaute, reichte Elena Leander ein Buch mit dem schlichten Titel: Zwölf Stadtpalais von Berlin aus dem 17. und 18. Jahrhundert kunstgeschichtlich betrachtet. „Das habe ich gestern zufällig in einem Antiquariat entdeckt und dachte dabei an dich.“

Leander taute etwas auf. „Nett von dir. Woher weißt du denn, dass mich so etwas interessiert?“

„Ach, ist doch nicht schwer zu erraten! Ein Kunsthistoriker fährt vermutlich nicht allein des guten Essens wegen nach Berlin.“

Valentin seufzte still in sich hinein. Wie recht sie hatte! Allerdings konnte sie das kleine Wörtchen ‚allein‘ getrost weglassen. Leander fuhr nie wegen des Essens irgendwohin. Der wäre glatt fähig, sich bei einem Stehimbiss ein Brötchen reinzustopfen, bloß um schnell wieder irgendein grandioses Museum bestaunen zu können.

Leander hielt Elena die Wagentür auf. Sie bedankte sich, nicht ahnend, welch großes Kompliment diese kleine Geste von Leanders Seite war. Ihr Interesse an seinem Beruf hatte den Bann gebrochen.

Valentin nahm es mit einem lachenden und einem weinenden Auge zur Kenntnis. Einerseits würde sein Plan nicht aufgehen, wenn Leander sich für Elena interessierte, andererseits schmerzte es, sie an den Bruder zu verlieren. Aber er tröstete sich. Er hatte Elenas Zuneigung ja ohnehin nie besessen …

Sie saßen zu dritt im Frühstückszimmer eines kleinen Berliner Hotels und besprachen den Tagesplan. Aus dem Fenster sah man den Alex, wie die Berliner ihren Fernsehturm nannten. Dort war Elena gestern mit Leander gewesen. Aber statt mir ihr hoch in die rotierende Kugel zu fahren, hatte er fast zwei Stunden in alten Büchern eines Antiquariats gestöbert. Elena hätte genauso gut in Buxtehude sein können, er hätte es nicht bemerkt.

„Ich treffe mich heute mit einer alten Freundin, die zufällig auch in Berlin ist und ein paar Franzosen, die ich gestern kennen gelernt habe.“ Valentin verschränkte die Arme hinterm Kopf und sah Elena augenzwinkernd an. „Witzige Leute, einer davon ist Tänzer an der Oper. Ihr könnt ja mitkommen?“

Leander sah ihn mitleidig an. „Leute treffen – Tänzer! Nein danke. Ich verstehe dich nicht, wir sind jetzt drei Tage hier und du hast noch nichts von Berlin gesehen.“

„Meinst du?“, fragte Valentin und grinste seinen Bruder breit an. „Also wenn für dich Berlin aus alten Gemäuern und Museen besteht, dann hast du natürlich recht. Mein Berlin sieht eben anders aus.“

„Ich statte heute dem Humboldt Forum einen Besuch ab“, sagte Leander. „Auf 30 000 Quadratmetern wundervolle Kunst und Kultur – dort muss man gewesen sein, oder man kennt Berlin nicht.“

Valentin schien sich seit drei Tagen nur bestens zu amüsieren

Valentin nickte bedeutungsvoll. Er sah Elena an, um seinen Mund zuckte ein mitleidiges Lächeln. „Und was ist mit dir?“, fragte er.

„Also ich …“ Sie zögerte einen Moment. Vorgestern war sie mit Leander im Bode Museum gewesen. Den ganzen Tag waren sie dort herumgelaufen! Hatten sich Gemälde und Skulpturen, byzantinische Sarkophage und Mosaik-Ikonen angesehen, bis ihre Füße so schmerzten, dass sie am liebsten selbst zu Stein zu erstarrt wäre.

Gestern war sie mit Leander von einer Sehenswürdigkeit zur anderen gelaufen und hatte gelauscht, wie er ganz Berlin in seine historischen Einzelteile zerpflückte.

Sie seufzte still und dachte: Ach, käme Leander doch endlich mal zu meinen Einzelteilen – und würde in meinen Augen lesen, statt immer nur in seinem kunsthistorischen Reiseführer oder irgendwelchen verstaubten Büchern!

Valentin hingegen schien sich seit drei Tagen prächtig zu amüsieren. Wenn sie sich abends im Hotel wiedertrafen, wirkte er gelöst und kein bisschen müde. Dann begann das Leben erst für ihn. Er zog sich um und verschwand gleich wieder, um sich bis in den frühen Morgen mit netten Leuten zu vergnügen. Ach, wie sie ihn beneidete!

Sie sah weidwund von Valentin zu Leander und sagte dann mit einem tapferen Lächeln auf den Lippen: „Ich gehe mit Leander, ich finde auch, dass man … ich meine, da ich nun schon mal hier bin …“ Sie brach ab, denn Valentins Grinsen trieb ihr einen Hauch von Schamröte auf die Wangen.

„Na dann“, Valentin stand auf, „wünsche ich euch einen vergnüglichen Tag.“ Er tippte sich an die nicht vorhandene Mütze und schlenderte pfeifend davon.

Als Valentin gegen 18 Uhr ins Hotel kam, klopfte er bei Elena. Sie öffnete und sah ihn aus großen Augen an, die verdächtig nach Tränen glänzten. „Was ist denn los, hast du Sorgen?“, fragte er.

„Nein, bloß Schmerzen!“ Sie humpelte zum Bett, sank stöhnend hin und deutete auf ihre Füße.

Valentin betrachtete zwei große, offene Blasen. „Oh weh, das sieht aber böse aus. Und wo ist Leander?“, fragte er mitfühlend.

„Weiß nicht. Wahrscheinlich noch im Humboldt Forum.“

„Wie bitte? Hat er dich denn nicht nach Hause gebracht?“

Elena schüttelte den Kopf und blinzelte sich die Tränen aus den Augen. „Ich könne mir ja ein Taxi kommen lassen, meinte er. Und das hab ich dann auch getan.“

Elena tat Valentin leid, aber sie hatte es ja selbst so gewollt. „Ist er denn immer so? Ich meine, auch zu Hause?“, fragte sie noch.

„Immer. Er wusste schon im Alter von sieben Jahren, dass er einmal ein Museum leiten würde.“ „Tatsächlich?“ Valentin lachte. „Nein, natürlich nicht. Damals wollte er unbedingt Archäologe werden und in Hünengräbern rumbuddeln. Dafür hat er schon in der Sandkiste geübt.“

„Und was wolltest du werden?“, fragte sie, während sie ihre offenen Blasen mit Pflaster versorgte.

„Zuerst Rennfahrer, dann Schlagzeuger. Letzteres zum Leidwesen meiner Eltern. Ich trommelte mit allem, was sich als Schlegel missbrauchen ließ auf Tellern, Tassen, Lampen oder Töpfen herum.“

„Und jetzt bist du Physiotherapeut und trommelst auf den leidgeplagten Rücken deiner Patienten herum“, versuchte Elena mit schmerzverzogenem Gesicht zu scherzen. „Ist das nicht eigentlich furchtbar, wenn man sich tagein und tagaus die Krankengeschichten leidender Leute anhören muss?“

„Im Gegenteil. Ich tröste sie und kann ihnen helfen, das ist doch eine schöne Aufgabe. Und die Patienten mögen meinen Humor. Ich arbeite gerne mit Menschen.“ Elena nickte. Das spürte man sofort.

Valentin fragte sie, ob sie heute Abend mit ihm in die Oper gehen wolle. „Ich habe Pascal, dem französischen Tänzer, ein Schreiben ins Deutsche übersetzte. Dafür hat er mir im Gegenzug zwei Karten für den Ballettabend besorgt.“

„Mit diesen Füßen? Jeder Schritt ist ein Martyrium für mich!“

„Du sollst ja nicht selbst tanzen. Aber wir könnten auch morgen …“

Leander hatte Elena eingeladen – das war mal was Neues

Sie schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, aber für Morgen hat mich Leander zum Essen eingeladen. Er hat schon den Tisch bestellt.“

Valentin grinste. „Leander will mit dir essen gehen? Das ist ja mal was Neues! Na, guten Appetit!“

Elena räumte das Pflaster in die Schublade und legte sich aufs Bett.

„Wie heißt das Restaurant, in das er dich führt?“, fragte Valentin. „Irgendwas mit Chapelle.“ Valentin nickte. „Chapelle de la Marie … Das ist ja nur ein paar Ecken von unserem Hotel entfernt.

Na ja, dann wünsch ich euch viel Spaß.“ Er ging zur Tür, dort sah er sich noch mal nach Elena um.

Sie öffnete den Mund, als ob sie etwas sagen wollte, schloss ihn dann wieder und lächelte gequält. „Dir auch viel Spaß“, murmelte sie, doch da hatte Valentin schon die Tür hinter sich zugezogen.

„Ein Taxi brauchen wir nicht, die paar Meter gehen wir besser zu Fuß“, entschied Leander.

Elena nickte. Sie hatte sich heute Morgen neue Schuhe gekauft, eine Nummer zu groß. Und ihre Blasen waren dick mit Pflaster umwickelt. Trotzdem war der Schmerz bei jedem Schritt heftig.

Leander ging voraus. Als er bemerkte, dass Elena nicht Schritt halten konnte, blieb er stehen und sah sich ungeduldig nach ihr um. „Geht es nicht etwas schneller?“ „Die Blasen“, erinnerte sie ihn. „Ach ja, die Blasen.“ Leander rang sich ein Lächeln ab. Als Elena endlich neben ihm stand, legte er seinen Arm um sie und strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. „Du bist außergewöhnlich tapfer. Das gefällt mir so gut an dir.“

Elena sah erstaunt zu ihm auf. Und sie hatte geglaubt, er hielt sie für eine wehleidige Mimose.

„Schau nur, ist das nicht wunderschön?“ Er deutete auf einen kleinen Park, in dem eine Kirche stand. Unter einer große Eiche verwitterten ein paar alte Grabsteine. Und auf einer Bank, im sanften Lichtschein einiger Laternen, küsste sich ein verliebtes Paar.

„Ja, wunderschön.“ Elena ließ ihren Kopf an seine Schulter sinken – wie gerne hätte sie jetzt auf dieser Bank gesessen, ihre Schuhe abgestreift und sich von Leander küssen lassen. Doch er nahm ihre Hand und zog sie weiter. Mit Tränen in den Augen zählte Elena die Schritte – jeder eine Qual.

Als sie um die nächste Ecke gebogen waren, blieb Leander stehen und deutete auf die Spree, die vor ihnen lag. Im Wasser spiegelten sich die Lichter der Häuser, die das Ufer säumten, von der Kirche her schlug es gerade acht Uhr. Er atmete tief ein und flüsterte ergriffen: „Ist das nicht ein Traum?“ „Ein Traum“, bestätigte Elena. Leander sah sie unvermittelt an. Er drehte sie zu sich herum, nahm sie um die Taille und zog sie in seine Arme. „Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt.“ Er hob ihr Kinn an und küsste sie.

Seit sie Leander kannte, hatte Elena sich in ihren Träumen ausgemalt, wie es sein würde, wenn er sie zum ersten Mal küsste – wundervoll! Ihr Herz würde wie verrückt hämmern, sie würde ihm an die breite Brust sinken und …

… und jetzt, wo es endlich passierte, spürte sie absolut nichts. Kein Herzklopfen, nicht das kleinste Gefühl von Leidenschaft. Nichts.

Stattdessen tauchte Valentins Bild auf. Sein Gesicht, sein Lachen, seine Augen, die sie so oft zärtlich, wütend oder voller Ironie blitzend angesehen hatten. Augen, die Bände sprachen – wenn man nur bereit war, in ihnen zu lesen.

Als sie sich von Leander löste und ihm in die Augen sah, dachte sie: Leanders Augen sind leer. Er ist eine Seifenblase, schön, in allen erdenklichen Farben schillernd, aber innen leer. Oder nein, das stimmte ja nicht. Innendrin angefüllt mit alten verstaubten Büchern und leblosen Dingen. Wie konnten zwei Brüder nur so ungleich sein?

Der Märchenprinz existierte wohl nur in Elenas Fantasie

Leander nahm wieder ihre Hand, sie gingen weiter. Während sie schweigend neben ihm her humpelte, wurde ihr plötzlich klar, dass es Valentin war, den sie liebte. Ihn hatte sie hinter der schönen Maske seines Bruders Leander gesucht.

Sie hätte gern beide gehabt. Valentins Charakter und Leanders Aussehen. Beides zusammen würde einen Traummann, einen Märchenprinzen ergeben. Aber der Märchenprinz, hinter dem sie die ganze Zeit hergejagt war, existierte nur in ihrer Fantasie. Dafür gab es einen sehr lieben Mann, der Valentin hieß, und mit dem sie doch eine ganze Menge verband.

Auf einmal verstand Elena sich selbst nicht mehr. Wie hatte sie sich so beharrlich in ihre vermeintlichen Gefühle zu Leander verrennen können? Sie musste mit Blindheit geschlagen gewesen sein!

Leander hatte einen Tisch am Fenster reservieren lassen. Er wählte sorgfältig das Menü aus und bestellte einen Château Peyrabon Pierbone von 2015 dazu. Sie aßen einsilbig vor sich hin, als plötzlich die Tür aufging und Valentin hereinkam. Er hatte eine Frau bei sich, blond, groß und auffallend schön.

Als er Leander und Elena sah, winkte er ihnen zu, kam zu ihnen und stellte sie vor. „Das ist Maximiliane, oder kurz: Maxi! Das ist mein Bruder Leander, und das ist Elena, Leanders Freundin.“

Elenas Herz krampfte sich bei dieser Bemerkung zusammen. Elena, Leanders Freundin – fast hätte sie hysterisch aufgelacht!

Die beiden setzten sich und strahlten sich verschwörerisch an. „Wir haben einen aufregenden Tag hinter uns!“, erzählte Valentin, nahm Maxis Hand und küsste sie.

Maxi lachte. „Kann man wohl sagen. Zuerst hat uns Pascal die Hängeböden der Oper gezeigt. Ein tolles Erlebnis! Dann haben wir mit einem Fischweib auf dem Markt gehandelt und einen Hecht wahnsinnig billig erstanden.“

„Einen richtigen Hecht?“, fragte Leander. „Wozu das denn?“

„Nur so zum Spaß. Die Alte war ein harter Brocken! Den Hecht haben wir durch halb Berlin geschleppt und ihn schließlich einer alten Dame geschenkt. Sie hat sich so darüber gefreut, dass sie uns einlud, ihn mit ihr zu verspeisen.“ Maxi sah Valentin an, die beide lachten sich fröhlich an.

„Und gerade waren wir noch auf einem alten Friedhof und haben zwischen verfallenen Grüften und alten Grabsteinen Verstecken gespielt. Uih, gruselig! Jetzt sind wir hungrig wie die Löwen!“

Die beiden beugten sich gemeinsam über die Karte, bestellten „quer durch den Gemüsegarten“, wie sie sich ausdrückten, aßen mit großem Appetit, erzählten und blödelten dabei vergnügt herum.

Elena brachte keinen Bissen mehr hinunter. Valentin und Maxi also. Sie konnte ihn sogar verstehen. Eine wunderschöne Frau, herzlich und vergnügt wie er selbst. Es war klar, sie, Elena, hatte ihre Chance bei Valentin verspielt.

Sie gingen noch in eines der vielen Straßencafés. Elenas Herz war bleischwer, und in ihren Augen nisteten Tränen. Als Valentin sie einmal erstaunt ansah und fragte: „Hast du Kummer?“, lachte sie und schüttelte heftig den Kopf.

„Aber nein, nur der Rauch, meine Augen brennen entsetzlich!“

„Oh, entschuldige.“ Valentin drückte sofort seine Zigarette aus. Dann sah er auf die Uhr. „Himmel, schon ein Uhr! Und ich hatte Falk versprochen, dich um Mitternacht ins Hotel zurückzubringen.“

„Falk ist mein Mann“, klärte Maxi Elena auf, dann sah sie Valentin an und lachte. „Er weiß ja, wie das so ist, wenn wir beide losziehen. Mit einer Stunde Verspätung rechnet er allemal.“ Dann wandte sie sich wieder an Elena. „Falk, Valentin und ich kennen uns schon seit der Schulzeit. Valentin war sogar unser Trauzeuge.“

„Aber nur sehr widerwillig“, wandte Valentin ein. „Denn eigentlich wollte ich Maxi heiraten.“

„Er schwindelt“, rief Maxi, „in Wahrheit war er froh, dass ihm Falk das Revier streitig machte. So, und jetzt bestell endlich ein Taxi und bring mich zu meinem Mann!“

Valentin nahm sein Handy, entschuldigte sich, stand auf und entfernte sich ein paar Schritte von den Tischen. Elena blickte ihm nach. Und plötzlich tränten ihre Augen kein bisschen mehr, sondern strahlten voller Hoffnung.

Maxi, die es bemerkte, lächelte. Sie nahm Elenas Hand und sagte: „Gegen so empfindliche Augen sollten Sie etwas tun. Denn Sie sind viel zu hübsch für Tränen.“

Valentin klopfte und schlüpfte schnell zu Elena ins Zimmer

Sie teilten sich das Taxi. Der Fahrer setzte zuerst Elena und Leander ab, fuhr dann weiter zu dem Hotel, in dem Maxi wohnte.

Leander begleitete Elena zu ihrem Zimmer. Vor ihrer Tür wollte er sie in die Arme nehmen, aber Elena schob ihn von sich und verabschiedete sich hastig.

Eine halbe Stunde später klopfte es. „Wer ist da?“, fragte Elena.

„Ich bin’s, Valentin.“

Sie öffnete, er schlüpfte ins Zimmer und drückte die Tür hinter sich zu. Sie sahen sich lange und schweigend an, dann lächelte Valentin und sagte: „Ich dachte, wenn sie jetzt allein im Zimmer ist und nicht bei Leander, dann küsse ich sie. Mein Bruder ist wirklich ein Hornochse, mit Verlaub gesagt. Eine Frau wie dich müsste er auf Händen tragen, erst recht, wenn sie Blasen an die Füßen hat.“ Er zog sie zärtlich an sich. „Apropos, tun die Blasen noch sehr weh?“

„Ja, ganz schrecklich“, antwortete Elena. „Würden sie mich nicht so quälen, dann würde ich nämlich jetzt vor lauter Glück einen Luftsprung machen. Aber hattest du nicht eben etwas von Küssen gesagt? Denn wenn du mich jetzt küsst, würde ich den Schmerz bestimmt nicht länger fühlen.“

Valentin lachte, hob Elena auf und trug sie zum Bett. „Mal sehen, ob ich mich auch als Medizinmann eigne.“ Sagte es und küsste sie sehr ausführlich. „Und jetzt?“, fragte er nach einer Weile.

„Die Schmerzen sind wie weggezaubert, aber dafür ist plötzlich irgendetwas mit meinem Herzen nicht mehr in Ordnung – es pocht und hämmert wie verrückt!“

„Na so was!“ Valentin öffnete Knopf für Knopf ihre Bluse und flüsterte dabei: „Aber ein paar geringfügige Nebenwirkungen musst du schon in Kauf nehmen, wenn ich dich richtig kurieren soll …“

ENDE

Nächste Woche lesen Sie den großen abgeschlossenen

HEIMAT-ROMAN