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Mister Bad Guy


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tennisMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 90/2022 vom 15.08.2022

TITELSTORY PORTRÄT

Artikelbild für den Artikel "Mister Bad Guy" aus der Ausgabe 90/2022 von tennisMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Foto: Getty Images; Mitarbeit: Ingrid June Dua Lucu CHARAKTERKOPF: Nick Kyrgios könnte auch in die Rapperszene passen. Er liebt die Provokation.

Neulich auf Mallorca. „Okay, wir fragen ihn?, flötete die PR-Dame von der ATP. Es klang fast so, als habe man um eine Papst-Audienz gebeten. Wobei: Das ist bei den Stars der Szene meistens so. Wer an Federer, Nadal oder Djokovic ran will, muss demütig anklopfen. Immer wieder. Beim Management, Sponsoren oder der ATP. An die süßesten Früchte der Tour kommt man nur schwer. Aber ein Interview mit einer Nummer 63 der Welt? Sollte eigentlich kein Problem sein. Es sei denn, der Mann heißt Nick Kyrgios.

Der Australier ist nämlich – Rangliste hin oder her – einer der Superstars im Circuit. Ob einem das passt oder nicht. Seine Eskapaden mögen nerven. Aber Kyrgios hat den USP, wie es bei Marketinggurus so schön heißt. Er hat ein Alleinstellungsmerkmal. Kein anderer Profi ist mit ihm vergleichbar. Kyrgios ist heute noch das, was schon galt, als er bei den Australian Open 2015 als 19-Jähriger ...

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... bis ins Viertelfinale stürmte und erst dort von Andy Murray gestoppt wurde: „the special K“. Das müssen auch seine Kritiker zugestehen.

Wunderschöne Freundin und Haus auf den Bahamas

Als der Schreiber dieser Zeilen auf Mallorca weilte, hätte er nicht ahnen können, welch’ irre Story in den nächsten Wochen sportlich passieren sollte.

Abseits des Courts dürfte sich auch nach seinem Erfolg beim berühmtesten Turnier der Welt nichts geändert haben. Kyrgios demonstriert in den sozialen Netzwerken cooles Superstargehabe, postet gerne Neidbilder. Zum Beispiel die Villa, die ihm Weindorfer auf der Lieblingsinsel der Deutschen gestellt hat. Inklusive Pool, Basketballkorb und Privatkoch. Oder einen giftgrünen Tesla, ein Modell X für rund 120.000 Euro, an dem er lässig lehnt. Er wirkt dann wie ein NBA-Star oder ein Fußball-Promi. Rund drei Millionen Followern gibt Kyrgios private Einblicke.

Es ist später Nachmittag geworden an diesem schwül-heißen Junitag. Die Dame von der ATP signalisiert: „Es klappt.“ Geholfen haben dürfte, dass er gerade sein Auftaktmatch gegen den Serben Laslo Djere gewonnen hat, wenn auch denkbar knapp mit 7:6 im dritten Satz.

Rund 20 Minuten später hat Kyrgios auf einem Barhocker auf der Terrasse des Mallorca Country Clubs Platz genommen und bedankt sich artig, dass man ihm zum Sieg gratuliert hat. Heiß ist es immer noch, aber er trägt einen dicken Kapuzenpulli und das obligatorische, tief ins Gesicht gezogene Basecap. Er sieht ein bisschen müde aus. tennis MAGAZIN: Sie haben in Stuttgart, Halle und auf Mallorca konstant gute Ergebnisse geliefert. Erleben wir gerade „Ich wollte ihn unbedingt bei meinen Turnieren dabei haben“, sagt etwa Veranstalter Edwin Weindorfer, zuständig für die Herren-Events in Stuttgart und Mallorca. Weindorfer weiß: Kyrgios verkauft Tickets. Für den 1,93-Meter-Mann mit den Tattoos stehen die Leute an der Kasse an. Weil er wild ist, interessant. Weil man bei dem 27-jährigen aus Canberra nie weiß, was als nächstes kommt. Und: Weil er unfassbares Tennis spielen kann, wie man zuletzt im Wimbledonfinale gegen Novak Djokovic gesehen hat. Fotos: Getty Images

GIORGOS KYRGIOS Vater. Begleitet seinen Sohn meist nur in Melbourne und Wimbledon. HALIMAH KYRGIOS Schwester, fünf Jahre älter als Nick. Ist als Sängerin und Tänzerin tätig. DANIEL HORSFALL Bester Freund und Manager. Steht mit ihm auch gerne auf dem Platz. WILL MAHER Physiotherapeut. und Fitnesscoach. Sorgt dafür, dass Kyrgios derzeit so fit wie selten wirkt. COSTEEN HATZI Freundin. Die 21-Jährige ist seit Dezember 2021 mit Kyrgios liiert.

Die Skandale des Nick K.

AUGUST 2015

Während der Partie beim Masters in Montreal gegen Stan Wawrinka wurden folgende Sätze gut hörbar über die Platzmikrofone eingefangen. „Kokkinakis hat deine Freundin geknallt, sorry, dir das sagen zu müssen, Kumpel.“ 28 Tage Sperre auf Bewährung.

OKTOBER 2016

Beim Masters-Turnier in Shanghai schenkte Kyrgios das Match gegen Mischa Zverev mit lustlosem Verhalten ab. Die ATP verdonnerte ihn zunächst zu einer Strafe von 16.500 US- Dollar. Kurz darauf wurde er für acht Wochen von der ATP-Tour gesperrt.

OKTOBER 2017

Wieder Shanghai. Kyrgios kassierte eine Punktstrafe und kündigte an, dass er das Match gegen Steve Johnson beenden würde, wenn er den ersten Satz verliere. So kam es auch. Er stürmte nach verlorenem Tiebreak vom Platz. Die Folge: Geldstrafe und Preisgeldentzug.

HABE ICH WAS FALSCH GEMACHT? Nick Kyrgios fragt beim Shanghai-Turnier 2016 beim Schiedsrichter nach.

JUNI 2017

Wegen einer obszönen Geste mit einer Wasserflasche beim Seitenwechsel kassiert Kyrgios beim Turnier im Londoner Queen‘s Club eine Geldstrafe von 16.500 US-Dollar.

MAI 2019

Eklat beim Masters-Turnier in Rom. Im Duell gegen Casper Ruud bekam Kyrgios nach dem Beschimpfen eines Zuschauers eine Spielstrafe. Daraufhin warf er wutentbannt einen Stuhl in die Platzmitte. Bevor der Schiedsrichter ihn disqualifizierte, verließ er bereits den Platz.

VITA

NICK KYRGIOS

Der Australier, 27, begann 2013 seine Profikarriere. Aktuelles Ranking: 63. Der 1,93-Meter-Mann aus Canberra gewann bisher sechs ATP-Titel im Einzel. Größte Erfolge: Wimbledonfinale 2022 gegen Djokovic und Australian Open-Doppelsieg (2022 mit Kokkinakis). Beste Weltranglistenplatzierung: 13 (2016). Karrierepreisgeld: 11,2 Millionen Dollar. Der Sohn eines Griechen und einer Malaysierin lebt auf den Bahamas. einen neuen Nick Kyrgios? Wie meinen Sie das?

Sie wirken ehrgeiziger. Wollen Sie der Tenniswelt beweisen, dass Ihr Fokus jetzt voll auf dem Platz liegt? Nein. Ich glaube nicht, dass ich irgendetwas beweisen muss. Ich habe als Kind nie geglaubt, dass ich auf diesem Niveau spielen kann und so ziemlich jeden Profi schlagen würde. Ich habe die Big Four geschlagen, Titel gewonnen, ich inspiriere Millionen von Menschen. Ich bin einfach ich selbst. Das Match heute war ein weiteres Beispiel dafür, dass es nicht stimmt, wenn die Leute sagen, ich würde nicht kämpfen.

In der Vergangenheit konnte man aber manchmal den Eindruck bekommen. Ich hatte zwei super Wochen in Stuttgart und Halle. Ich habe schon viel Geld verdient und es besteht für mich nicht wirklich die Notwendigkeit, dieses Match zu gewinnen, aber ich habe mich durchgekämpft.

Warum haben Sie die Sandplatzsaison nicht gespielt? Ich verbringe gerne Zeit mit meiner Familie. Meine Freundin und ich wohnen zusammen. Für einen Australier ist es zu hart, alles zu spielen: Hartplatzsaison, Sandplatzsaison, Rasensaison. Ich muss einen Teil des Kalenders opfern, um ein normales Leben führen zu können.

Es hat also nichts damit zu tun, dass Sie auf Asche weniger erfolgreich sind als beispielsweise auf Rasen? Ich bin immerhin gut genug, um die French Open-Sieger Federer oder Wawrinka geschlagen zu haben. Ich habe Sandplatzspezialisten wie Cuevas oder Pella besiegt. Ich hatte starke Matches auf Asche. Ich finde, ich spiele ganz okay. Mein Leben und meine Familie sind mir nur etwas wichtiger als Sandplatztennis.

Können Sie ein Privatleben führen, ohne dass Sie ständig angesprochen werden? In Australien ist das sehr schwer. Wenn meine Freundin und ich abends essen ENDLICH WELTRUHM: Im Wimbledonfinale war Novak Djokovic (li.) zu stark für Kyrgios. gehen, machen die Leute die ganze Zeit Fotos von uns. Als ich Nadal in Wimbledon schlug, haben die Leute zwei Wochen lang vor meinem Haus in Australien gecampt. Ich konnte nicht mal vor die Tür gehen.

Wie wichtig ist der Unterhaltungsfaktor im Tennis? Sehr wichtig. Ich glaube, Sport und Unterhaltung waren noch nie zuvor so eng mit-

DIE IRRE AUSSIE-SHOW: Mit Kumpel Thanasi Kokkinakis (li.) gewann er die Australian Open. einander verzahnt. Es ist gut, eine Balance zu haben. Es gibt Spieler wie Goffin, die sich nur auf ihr Tennis konzentrieren. Aber Typen wie Monfils oder ich, die Zuschauermengen anziehen, sind genauso wichtig. Wenn niemand zusieht, macht Profisport keinen Sinn. Sie sagten neulich, dass Ihnen die Weltrangliste nicht wichtig ist. Warum sehen Sie das so? Ich glaube nicht, dass die Rangliste dem Können gerecht wird. Sie belohnt Beständigkeit. Ich habe in Miami gegen Rublev 6:3, 6:0 gewonnen. Er war die Nummer 7 der Welt. Also haben Ranglistenplätze offensichtlich nichts zu bedeuten.

Viele Leute behaupten, Sie seien so talentiert. Sie müssten ein Grand Slam-Turnier gewinnen. Ich höre mir nie an, was die Leute sagen.

Ich bin mehr als zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. Ich bin 27 Jahre alt, ich bin gesund, meine Eltern sind gesund, ich habe eine wunderschöne Freundin und ein Haus auf den Bahamas.

Sie lieben Basketball. Haben Sie je davon geträumt, in der NBA zu spielen? Ich habe bis 14 Jahre Basketball gespielt, aber dann musste ich aufhören, weil der Fokus auf Tennis lag. Ich spiele aber ständig, wenn ich zu Hause bin.

Für viele Kids sind Sie ein Held. Hatten Sie ein Idol, als Sie aufwuchsen? Ich habe zu vielen NBA-Spielern aufgeschaut. Wenn ich einen nennen müsste, wäre es Kevin Garnett. Ich liebe den Stil von Basketballern. Tennisspieler sind nicht so, vielleicht Jo-Wilfried Tsonga. Aber ich liebe es auch, Roger spielen zu sehen. Federer ist ein riesen Vorbild für jeden.

Im Februar sprachen Sie über Ihre Depressionen und Drogenkonsum. Können Sie Näheres dazu sagen? Ich war 22, 23 Jahre alt, reiste sieben, acht Monate pro Jahr. Ich war weit weg von meiner Familie, hatte keine Stabilität, war einsam auf der Tennistour. Es war deprimierend. Ich kämpfte mit mir, versuchte, jemand anderes zu sein, weil ich mit all den Erwartungen nicht zurechtgekommen bin. Man wollte, dass ich Grand Slam-Turnier gewinne, aber das war nicht, was ich wollte. Es war nicht, was ich sein wollte, und dann habe ich angefangen, Drogen zu nehmen und es ist aus der Kontrolle geraten. Ich habe das aber in den Griff bekommen.

Sind Sie jetzt in einer besseren Phase Ihrer Karriere und eine ausgeglichenere Person? Sie zertrümmern immer noch Schläger. Ja, tue ich. Aber ich versuche, jeden Tag ein besserer Spieler und Mensch zu sein. Ich bin älter und reifer. Ich habe mehr erlebt und durchgemacht als 20 Leute zusammen. Ich habe die Welt bereist, bin überall gewesen, war in einigen wirklich üblen Orten untergebracht, hatte mit wirklich schlimmen Dingen zu tun. Ich weiß inzwischen, dass ich stark bin und ein dickes Fell habe.

Verraten Sie uns noch etwas über Ihre Charity, die Nick-Kyrgios-Stiftung. Meine Stiftung befindet sich in Melbourne. Es geht darum, benachteiligten Kindern zu helfen, die keine guten Lebensumstände haben und für die es keine Möglichkeit gibt, Sport zu treiben. Mir ist es wichtig, etwas zurückzugeben.

Das Interview ist zuende. Kyrgios bedankt sich für das Gespräch, verschwindet im oberen Stockwerk des Clubhauses und lässt einen nachdenklichen Reporter zurück. Wie kann einer, der höflich ist, mit Tiefgang redet, sich auf dem Platz oft so daneben benehmen? Oder ist das gar kein Widerspruch? Mehr als eine halbe Millon Dollar hat er an Strafgeldern kassiert. Wenn er Offizielle und Zuschauer bepöbelt, wird einem Angst und Bange. Wie tickt Nick Kyrgios? In einem 15-Minuten-Interview wird man es nicht erfahren. Wahrscheinlich wissen es auch die Psychologen nicht, die ihn betreut haben.

Am nächsten Tag trifft man sich morgens zufällig beim Shuttle-Service. „Man, I am out“, sagt Kyrgios und sieht wirklich leidend aus. Zu seinem Match gegen Roberto Bautista Agut tritt er wegen Magenschmerzen nicht mehr an.

GRIFF IN DIE TRICKKISTE: Bei Nick Kyrgios weiß der Gegner nie, was ihn erwartet. Das Spektrum des Australiers: von Genialität bis Arbeitsverweigerung.

AUGUST 2019

Beim Masters-Turnier in Cincinnati kassierte Kyrgios insgesamt 113.000 US-Dollar Strafe (ATP- Rekord!) für fünf verschiedene Delikte. Unter anderem spuckte er in Richtung des Schiedsrichters.

20 tennismagazin.de 9/2022

MÄRZ 2022

JULI 2022

In Wimbledon spuckte er nach seinem Auftaktsieg auf den Rasen in Richtung eines Zuschauers. Im Match gegen Stefanos Tsitsipas fiel er mal wieder mit unflätiger Ausdrucksweise auf. DAS WAR KNAPP: Kyrgios hatte Glück, dass sein Schlägerwurf in Indian Wells den Balljungen nicht traf.

Nach der Niederlage gegen Rafael Nadal beim Masters- Turnier in Indian Wells zerstörte Kyrgios seinen Schläger. Dieser flog in Richtung Balljungen – und verfehlte diesen nur knapp.