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Mit 63 in Rente ohne Abschlag!


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Rente & Co - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 15.06.2022

Die Renten-Wünsche

Das Wunsch-Rentenalter der Bundesbürger liegt deutlich vor den gesetzlichen Regeln. Das zeigen aktuelle Studien.

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Bildquelle: Rente & Co, Ausgabe 4/2022

Wenn es um das Wunsch-Rentenalter geht, sind sich die meisten Arbeitnehmer einig: spätestens mit 63.

53 % möchten vor dem oder spätestens mit dem 63. Geburtstag in Rente gehen.

40 % (sowohl Arbeiter wie Akademiker) wünschen einen Berufs-Ausstieg zum 61. Geburtstag.

64 % auf jeden Fall vor dem eigentlichen gesetzlichen Rentenalter.

G anz genau 22 Wochen sind es noch, dann habe ich es endlich geschafft – es reicht auch einfach.“ Reinhard Brune lächelt, als er an diesem Morgen um kurz vor fünf seine Code-Karte durch das Zeit-Erfassungsgerät am Werkstor zieht. „Ich arbeite jetzt fast 49 Jahre hier im Betrieb“, erzählt der gelernte Maschinenschlosser, „mit 16 habe ich hier meine Lehre begonnen. Und jetzt mit 64 bin ich immer noch da.

Dabei wollte ich eigentlich immer mit 60 oder 61 in Rente gehen.“

Mit 60 oder 61 in Rente – für 40 % der Arbeitnehmer in Deutschland wäre dies das ...

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... Wunsch-Rentenalter, spätestens aber mit 63 müsste es so weit sein, sagen 54 %, so eine neue Studie der Universität Frankfurt (Main). Doch für die meisten bleibt dies ein Wunschtraum, denn die gesetzlichen Altersgrenzen für die Rente steigen kontinuierlich – aktuell liegt das Renteneintrittsalter bei gut 64 Jahren (s. re.). Also Abschied nehmen vom Wunsch nach einem möglichst frühen Rentenbeginn?

„Keineswegs“, sagt Thomas Neumann, Präsident des Bundesverbands der Rentenberater, „klar ist es weiter möglich, mit 63 in Rente zu gehen. Und das geht auch mit wenig oder keinen Abschlägen“, so der Renten-Experte aus Berlin. „Wer dann allerdings möglichst wenig Abschläge möchte, muss dies gut planen – und zwar langfristig.“

So wie Stefan Zirbinsky. Der heute 63-Jährige ist bereits seit gut einem Jahr aus dem Job raus. „Wenn Freunde mich fragen, ob ich jetzt schon in Rente bin, sage ich immer: Nein, ich erhalte zwar Geld von der Rentenversicherung, aber noch nicht meine Rente“, schmunzelt er. Der gelernte Buchhalter lässt sich derzeit sein Wertguthaben auszahlen (siehe Seite 10). „Für mich war bereits mit 50 klar, dass ich so früh als möglich aus dem Job rauswill“, erzählt Zirbinsky, „und als ich irgendwann von der Möglichkeit des Wertguthabens erfuhr, habe ich mit meinem Arbeitgeber gesprochen und konsequent Urlaubstage, Überstunden, Weihnachts- und Urlaubsgeld dort gutschreiben lassen. An meinem 62. Geburtstag hatte ich meinen letzten Arbeitstag – mein Arbeitgeber übertrug

Viele Möglichkeiten

das Wertguthaben auf die Rentenversicherung. Und bis April 2023 zahlt mir die nun jeden Monat stückchenweise das Guthaben zurück, sodass ich quasi bei der Rentenkasse angestellt bin. Danach folgt dann ganz regulär meine Rente für besonders langjährig Versicherte – ohne Ab- schlag“, erzählt der Essener.

90 % der Arbeiter glauben, dass man körperlich nicht in der Lage ist, bis 65 berufstätig zu sein.

„Klar ist es möglich, mit 63 in Rente zu gehen. Wer dann allerdings möglichst wenig Abschläge möchte, muss gut planen"

Thomas Neumann, Präsident des Bundesverbands der Rentenberater

Bereits vor 63 in Rente?

Ja, auch das ist möglich. Allerdings ist vor dem 63.

Geburtstag nur eine Erwerbsminderungsrente möglich, für die es keine Altersgrenze gibt. Allerdings muss die Gesundheit so stark eingeschränkt sein, dass nur noch maximal 3 Stunden pro Tag gearbeitet werden kann. Oft wird diese Rente erst nach langem Kampf mit vielen Attesten gewährt.

Aber es gibt auch andere Wege, um bereits vor 63 aus dem Job ausscheiden zu können:

► Altersteilzeit – viele Firmen bieten dies weiter an.

Bei 6-jähriger Altersteilzeit arbeitet man von 57 bis 60 voll, erhält aber weniger Gehalt, von 60 bis 63 ist man bereits zu Hause, erhält noch das gleiche Gehalt wie zuvor. Mit 63 folgt eine Rente.

► Wertguthaben: Über Jahre werden Teile des Einkommens (Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, Überstunden oder Gehalt) beim Arbeitgeber gespart, dann mit dem Ausscheiden auf die Rentenkasse übertragen, die dann den angesparten Betrag in Raten auszahlt (das ist noch keine Rente). Alles wird so geplant, dass es bis zum 63. Geburtstag reicht.

► Arbeitslosengeld: Natürlich kann man mit 60 oder 61 den Arbeitsvertrag kündigen und sich bis zu einer Rente arbeitslos melden.

► Erspartes: Niemand ist gezwungen, berufstätig zu sein. Wer genügend Erspartes hat, kann auch davon in den letzten Jahren vor der offiziellen Rente leben. Doch Vorsicht: Man muss dann auch die Krankenkasse selbst zahlen oder sich über den Partner mitversichern lassen.

„Das ist ein gutes Beispiel dafür, was heute möglich ist, wenn man frühzeitig aus dem Job und in Rente möchte und es sich natürlich leisten kann“, sagt der Rentenberater Karlheinz Wolbecker aus Duisburg, „meine Beobachtung ist nämlich, dass viele Arbeitnehmer frustriert sind,

Nach Alternativen suchen

weil die Altersgrenzen für die Renten bzw. die Abschläge steigen, wenn man doch in Frührente will, dass man aber gleichzeitig sich nicht die Mühe macht, nach Alternativen Ausschau zu halten“, so Wolbecker. „Denn die gibt es nach wie vor. Entscheidend aber ist, dass man sich frühzeitig informiert – und plant.“

Maßgeblich für das Planen einer möglichst frühen Rente sind folgende Dinge, so Wolbecker:

• Wo liegt die Regelaltersgrenze für den eigenen Geburtsjahrgang (siehe dazu auch Seite 12)?

• Wie viele Jahre Wartezeit hat man aktuell beziehungsweise zum Wunsch-Ausstiegstermin?

• Die früheste Frührente ist mit exakt 63 möglich, die Rente für langjährig Versicherte. Dafür sind 35 Jahre Wartezeit nötig. Aber für diese Rente wird ein Abschlag berechnet, ausgehend von der Regelaltersgrenze.

• Eine Frührente ohne Abschlag ist nur über die Rente für besonders langjährig Versicherte möglich. Dafür sind aber 45 Jahre Wartezeit nötig. Und: Für diese Rente steigt ak- tuell noch für jeden Jahrgang die Altersgrenze an (s. S. 12). Wichtig:

Wer diese Altersgrenze nicht erreicht, sondern früher in Rente will, auch wenn man mehr als 45 Jahre Beiträge gezahlt hat, erhält trotzdem nur die Rente für langjährig Versicherte – und damit höhere Abschläge.

„Hat man diese Fakten zusammen, sollte man noch einen Blick auf das Ersparte werfen“, rät Karlheinz Wolbecker, „manchmal kann es notwendig sein, ein paar Monate mit Erspartem zu überbrücken, z. B. wenn man die Altersgrenze für die Rente für besonders langjährig Versicherte noch nicht ganz erreicht hat, die 45 Jahre aber schon voll sind, man aber trotzdem unbedingt aus dem Job möchte.“

Wichtig sei dann nur, an die Krankenkasse zu denken. „Denn wer nicht mehr beschäftigt ist, aber noch nicht in Rente, sollte sich für eine kurze Phase freiwillig bei der Krankenkasse versichern“, rät der Experte.

Zwei grundsätzliche Wege

Doch welche Möglichkeiten gibt es generell, ohne Abschläge mit 63 in Rente zu gehen? „Es gibt ganz generell zwei Wege“, sagt Karlheinz Wolbecker, „der eine Weg beruht darauf, dass man möglichst schon ab 50 zusätzlich Geld oder Arbeitszeit investiert, um dann mit 63 oder sogar früher aus dem Job auszusteigen. In diese Kategorie fallen die freiwilligen Beiträge in die Rentenversicherung und das Wertguthaben. Immer geht es darum, frühzeitig ein Guthaben zu schaffen, das dann eingesetzt werden kann.“ Natürlich würden beim konkreten Renten-Start mit exakt 63 formal immer noch Abschläge auftauchen, so Wolbecker, „weil man aber einen höheren Renten-Anspruch habe, wirkt es so, als hätte man keine Abschläge mehr.“ In beiden Fällen rät der Renten-Experte, bereits mit Anfang 50 die konkrete Planung einzuleiten.

„Wer früh in Rente will, muss privat vorsorgen. Und je früher die Vorsorge, desto weniger Konsum-Verzicht in der Frührente ist nötig"

Stefan Kuehl, Geschäftsführer Swiss Life select

„Der andere Weg besteht darin“, erläutert Karlheinz Wolbecker, „zwar mit 63 aus dem Job auszuscheiden, den eigentlichen Renten- Beginn aber nach hinten zu schieben. Auf diese Weise hat man die gewünschte Freizeit mit 63 oder früher, nutzt aber zum Beispiel Sozialversicherungen, um bis zur eigentlichen Rente andere Leistungen zu erhalten.“ Auf diese Weise lägen dann mit dem Renten-Start die Abschläge tatsächlich nahe null. „Aber auch das muss man genau planen“, sagt der Rentenberater.

Diesen Weg hat Gabriele Baum aus Heilbronn eingeschlagen. „Mein Arbeitgeber schloss unsere Abteilung; ich war damals 62 und erhielt eine kleine Abfindung, die ich freiwillig in die Rentenversicherung einzahlte“, erzählt die Einzelhandelskauffrau. „Zusätzlich habe ich mich arbeitslos gemeldet, auch wenn von Anfang an klar war, dass ich gar nicht mehr arbeiten will. Gegenüber der Arbeitsagentur gab ich aber immer an, dass ich bis zum offiziellen Rentenalter mit 66 arbeiten möchte. Es gab zwar ein paar Adressen, wo ich mich vorstellen konnte, was ich auch gemacht habe. Aber wenn ich dann in den Gesprächen erwähnte, dass ich eigentlich nur auf den Rentenbeginn warte, erlosch schnell das Interesse bei den Betrieben, mich für so kurze Zeit einzustellen. Auf diese Weise habe ich zwei Jahre überbrückt. Und vor ein paar Wochen stellte ich meinen Rentenantrag – ohne Abschläge.“

„Die zunehmende Arbeitsverdichtung führt dazu, dass mehr Menschen den Wunsch haben, möglichst früh aus dem Job auszusteigen"

Michael Bernbäumer, Universität Frankfurt

Ideal sei dieser Weg vor allem für alle, die die 35 bzw. 45 Jahre Wartezeit für die Rente für langjährig bzw. besonders langjährig Versicherte bereits erreicht haben. „Wer dann ein paar Monate Arbeitslosigkeit einschiebt“, so Karlheinz Wolbecker, „reduziert ruck, zuck die Rentenabschläge. Und wenn die Arbeitsagentur dann doch stärker Druck macht, dann beantragt man Rente.“

Diesen Weg wollte Joachim Kellner aus Helmstedt nicht gehen. „Mir ging es darum, mehr persönliche Freiheit zu haben“, erzählt der Gärtner, „als ich mit 63 in Rente ging, hatte ich Abschläge. Damit diese nicht ins Gewicht fallen, arbeite ich pro Woche einen Vormittag bei meinem bisherigen Arbeitgeber auf Mini-Job-Basis. So bin ich gefühlt in Rente, spüre die Abschläge finanziell aber nicht“, berichtet der heute 64-Jährige, „wichtig war, dass ich gegenüber dem Betrieb immer mit offenen Karten gespielt habe.“

Persönliche Freiheit

Diese Klarheit vermisst der Stuttgarter Rentenberater Stefan Abendroth bei vielen. „Viele kommen zwar in meine Sprechstunden und fragen nach einem möglichst frühen Rentenbeginn“, erzählt Abendroth, „ dann rechne ich ihnen ihre Brutto- Rente, die Abschläge und Sozialabgaben aus. Schnell merke ich aber, dass man sich mit der Thematik noch gar nicht intensiv auseinandergesetzt hat. Wer aber früh in Rente will, also mit 60, 61, 62 oder 63, sollte sich spätestens mit Mitte 50 beraten lassen. Dann kann in den meisten Fällen ein Weg gefunden werden, der eine so frühe Rente möglich macht, auch ohne jeden Abschlag.“

„Wir wollen, dass Ältere möglichst lange arbeiten,tun aber nichts dafür”„

Der Politologe Michael Bernbäumer erforscht seit Jahren, wie sich die Arbeitswelt verändert und welche Folgen dies für den Wunsch nach einer möglichst langen Berufstätigkeit hat.

W enn man Arbeitnehmer fragt, wann sie in Rente möchten, lautet die Antwort meist: spätestens mit 63. Gleichzeitig steigen aber die Renteneintrittsalter.

BERNBÄUMER Das stimmt.

Und diesen Konflikt spüren viele – egal, ob es einfache Tätigkeiten sind oder akademische Berufe. Wir stellen fest, dass das Gefühl der Zerrissenheit zunimmt – einerseits steigen die Altersgrenzen, gleichzeitig haben viele den Wunsch nach einem Berufsende und mehr persönlicher Freiheit.

Worauf führen Sie das zurück?

BERNBÄUMER Weil die Arbeitsverdichtung zunimmt, das spüren viele Arbeitnehmer, im Handwerk wie im Management. Das liegt auch daran, dass es in vielen Branchen Arbeitskräfte-Mangel gibt. Das heißt, die vorhandenen Arbeitnehmer leisten oft immer mehr, weil man doch den einen oder anderen Auftrag erledigen möchte.

Gleichzeitig nimmt die Verdichtung zu: mehr Kommunikation, mehr Dokumentation, ständige Erreichbarkeit usw.

Das führt dann dazu, dass sich viele Menschen nach der Rente sehnen?

BERNBÄUMER Ja. Viele Arbeitnehmer haben nach Jahrzehnten des vollen Einsatzes das Gefühl: Es reicht! Und der Anteil, der so fühlt, hat deutlich zugenommen. Viele überlegen schon, ob ein Jahr Mehr-Arbeit wirklich lohnt, wenn es dafür dann 40 Euro mehr Rente im Monat gibt. Vergessen dürfen wir auch nicht, dass viele Arbeitnehmer im Lauf der Jahre finanziell vorgesorgt oder geerbt haben.

Sie sprachen den Arbeitskräfte-Mangel an. Die Firmen haben ein großes Interesse, dass auch ältere Arbeitnehmer möglichst lange im Job bleiben.

BERNBÄUMER Richtig. Und deshalb ist es so erstaunlich, dass sich viele Firmen so schwer tun, auf Wünsche von Mitarbeitern einzugehen. Alle wollen, dass Arbeitnehmer möglichst lange arbeiten, aber getan wird wenig, dass ihnen dies auch möglich ist. Es ist grotesk, dass 80 oder 90 % der Arbeitnehmer im gewerblichen Bereich sagen, dass sie den Eindruck haben, es körperlich gar nicht bis 65 zu schaffen. Nur zur Erinnerung:

Bei 65 liegt derzeit nicht das reguläre Renten-Eintrittsalter.

Michael Bernbäumer arbeitet am Institut für Sozialpolitik an der Universität Frankfurt.