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Mit blauem Auge davongekommen


Theater der Zeit - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 01.10.2019

Intendantinnen und Intendanten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen über das Selbstverständnis der Theater in politisch angespannten Zeiten – Ergebnisse einer Umfrage vonMDR Kultur


E ine Re-Nationalisierung sowie eine mythische Überzeichnung von ‚Volk’ und ‚Nation’ wird es am Theater nicht geben.” So antwortet Ralf-Peter Schulze, Intendant des Mittelsächsischen Theaters in Freiberg-Döbeln, auf die Frage, wie die Theater auf das derzeitig raue, von Rechtspopulisten aufgeheizte gesellschaftliche Klima im Osten Deutschlands reagieren. Und weiter: „Unsere Bühne, die sich weltoffen präsentiert, ...

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Bildquelle: Theater der Zeit, Ausgabe 10/2019

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E ine Re-Nationalisierung sowie eine mythische Überzeichnung von ‚Volk’ und ‚Nation’ wird es am Theater nicht geben.” So antwortet Ralf-Peter Schulze, Intendant des Mittelsächsischen Theaters in Freiberg-Döbeln, auf die Frage, wie die Theater auf das derzeitig raue, von Rechtspopulisten aufgeheizte gesellschaftliche Klima im Osten Deutschlands reagieren. Und weiter: „Unsere Bühne, die sich weltoffen präsentiert, entwickelt ein positives Bild unserer diversen Gesellschaft.” Schulzes Antworten klingen wie ein Manifest. Die anderen 31 Intendantinnen und Intendanten aller Theaterhäuser in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, denen derMDR im Sommer dieses Jahres einen Fragebogen zusandte, um die Situation ihrer Bühnen angesichts der politisch angespannten Lage zu eruieren, geben sich hingegen bemerkenswert entspannt.

Zeichen setzen in der Stadt – Die #unteilbar- Demonstration am 24. August 2019 in Dresden. Foto Fritz Engel / Archiv Agentur Zenit

Dies dürfte auch dem konservativen Kulturverständnis von AfD und CDU entgegenkommen. Im vollmundig so genannten „Regierungsprogramm” der sächsischen AfD steht, Kultur und ihre religiösen Ursprünge seien ein wesentlicher Teil „unserer Identität”. Die AfD wolle Sachsen wieder zu dem machen, was es einmal war. Was übrigens im „Regierungsprogramm” der CDU ähnlich klingt: Reformation und Kunst seien besondere kulturelle Prägungen Sachsens, die es in Deutschland einbringe. Ein christliches Menschenbild ebenso. „Diese ganz besondere sächsische Identität verteidigen wir, indem wir unsere Kultur mit anderen teilen sowie ihren unerwünschten Wandel abwehren.” Zusammen haben AfD und CDU in Sachsen bei der Landtagswahl sechzig Prozent bekommen. Holk Freytag, der Präsident der Sächsischen Akademie der Künste und ehemals Intendant des Staatsschauspiels Dresden, spricht imMDR -Interview nach der Landtagswahl mit Blick auf eine mögliche Kenia-Koalition davon, dass man jetzt sagen könnte, man sei noch mal mit einem blauen Auge davongekommen.

Doch malt er auch den Teufel an die Wand: „Wenn ich mir vorstelle, dass 75 Jahre nach Kriegsende eine, in der Ideologie, Folgepartei der NSDAP 27 Prozent in Dresden bekommt, dann werde ich wahnsinnig.” Ist das Öl ins Feuer gießen? Rückblick: Nach einem Vierteljahrhundert der Fusionen, Spartenabwicklungen und Haustarifverträge, nach Jahren der Suche nach publikumsaffinen Stoffen jenseits von „Die Olsenbande” und Sommertheater kam 2015 endlich die lang ersehnte Theaterwende: Die Politik hatte entdeckt, dass die Theater eine ideale Infrastruktur für den gesellschaftlichen Diskurs boten, der damals anstand. Schnell waren Floskeln da: Theater als Ort der Demokratie. Gerade – nächste Floskel – im ländlichen Raum, aus dem seit 1989 junge Menschen Richtung Arbeit in den Westen gezogen waren. Zurück blieben alte weiße Männer und Frauen und oftmals prekäre Verhältnisse – ein Nährboden für Rattenfänger.

2018 schloss die CDU-SPD-Koalition in Sachsen einen „Kulturpakt” mit den Theatern. Der beinhaltet vierzig Millionen Euro verteilt auf vier Jahre, um weg von den prekären Haustarifen zu kommen und wieder übliche Tariflöhne zahlen zu können. In Thüringen und Sachsen-Anhalt gibt es vergleichbare Entwicklungen. Wo die Gleichung bisher weniger Lohn für mehr Freizeit hieß, heißt die Vereinbarung jetzt: für mehr Arbeit bitte mehr partizipative Formate à la Bürgerbühne. Theater als moralische Anstalt des 21. Jahrhunderts. In derMDR -Umfrage geben 24 von 32 Theatern an, dass es eine Bürgerbühne am Haus gibt. Fünf Theater denken über eine Gründung nach. Für Wolf E. Rahlfs (Stendal) hat die Bürgerbühne „mittlerweile den Rang einer eigenständigen Sparte”: Er habe es an seinem Haus „verstärkt mit einem Publikum zu tun, für das ‚Theater- Sozialisation’ nicht mehr selbstverständlich ist, weshalb wir neue Angebots- und Kommunikationsflächen schaffen”.

Die Frage ist nur, ob sich die Politik für diese partizipativen Angebote weiterhin starkmachen wird. Die AfD Sachsen wendet sich in ihrem „Regierungsprogramm” gegen „ein vorrangig politisch motiviertes, propagandahaft-erzieherisches Musikund Sprechtheater”. Sind damit auch die Bürgerbühnen gemeint? Was ist mit anderen Formaten, zum Beispiel dem Gesprächsformat „Dialog”, das das Theater in Freiberg im Spielplan hat? Die AfD hatte anlässich einer Folge, bei der eine Publizistin und ein Pfarrer über die Neue Rechte diskutieren sollten, beanstandet, mit diesem Format würde indirekt Wahlkampf gegen die AfD betrieben. Die künstlerische Theaterleitung widerspricht dieser Sicht. Der „Dialog” sei Teil eines bestätigten Konzepts des Theaters zum Kulturpakt 2019–2022, und sie fügt hinzu: „Die in einem Schreiben sowie öffentlich in einer Stadtratssitzung erfolgte Aussage, dass ‚derartige Veranstaltungen in Zukunft nicht mehr in den Räumlichkeiten und in Verantwortung des Theaters organisiert und durchgeführt werden dürfen’, halten wir für einen deutlichen Eingriff in die Spielplangestaltung, den wir entschieden ablehnen.”

Ist hier die Kunstfreiheit in Gefahr? Auch und besonders auf kommunaler Ebene? Vor diesem Hintergrund sind Antworten vielsagend, die die Intendanten auf die Frage geben, ob der Bund bei der Theaterfinanzierung künftig stärker mitmischen soll: 13 Theater bejahen die Frage, 11 Theater finden, die Frage greife zu kurz. Lutz Hillmann (Bautzen) plädiert dafür, dass der Bund in die Theaterfinanzierung einbezogen werden sollte, „damit wir von möglichen politischen Konstellationen, die auf Landesebene in Kultur eingreifen wollen, unabhängiger werden”. //

Der Autor ist Theaterredakteur beiMDR Kultur und Mitinitiator der Umfrage.