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MIT Bob Dylan DURCH DIE Musikgeschichte


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Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 205/2022 vom 02.12.2022

THEMA

Lange Jahre wurde er immer wieder per Gerücht als Kandidat für den Nobelpreis in Literatur vorgeschlagen. Als Bob Dylan diesen dann 2016 erhielt, brach sofort ein Glaubenskrieg los. Ein Glaubenskrieg, genährt von Vorurteilen, Dünkel und Geltungsbedürfnissen. Wie kann ein Singer/Songwriter denn einen Preis für Literatur gewinnen? Hat das, was er schreibt und dann singt, etwas mit Literatur oder gar Lyrik zu tun? Wohl kaum, sagen die einen, sehr wohl meinen die andern.

Als einigermaßen neutraler Beobachter von Literatur und Musik ist man versucht zu sagen, dass Songtexte, Lyrik und Literatur ganz natürlich etwas miteinander zu tun haben. Es geht um das vorgetragene Wort, nicht um das geschriebene oder gelesene, aber um das gesungene Wort, es geht darum, Inhalte zu transportieren. Die Qualitätsmerkmale sind sich in diesen verschiedenen und doch verwandten recht ähnlich, bei der Musik gibt es noch ...

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... ein paar zusätzliche, die ihr eigen sind. Und wenn nicht Dylan, wer dann? Selbstverständlich gibt es einige brillante Singer-Songwriter/innen – etwa Leonard Cohen, Paul Simon, Joni Mitchell, Bruce Springsteen, um nur ein paar zu nennen – aber man kann Robert Zimmerman aus Hibbing, Minnesota alias Bob Dylan getrost als Primus inter Pares bezeichnen. Das kann ich auch als durchaus bewundernder Nicht-Fan, der mehr an seinen Texten denn an Dylans Stimme interessiert ist, zugeben. Denn diese Texte können außerordentlich sein.

DOPPELTE BÖDEN

Nehmen wir ein Beispiel, das Stück »It's Alright, Ma (I'm Only Bleeding)«, geschrieben im Sommer 1964, herausgekommen im folgenden Jahr. Mit sieben Minuten und 32 Sekunden ein sehr langes Stück für akustische Gitarre und Stimme. Ein Song über die Apokalypse, die atomare Bedrohung, die dunklen Seiten des modernen Lebens. Ein Song, in dem auch etliche der berühmtesten Zeilen aus Dylans immens großem Werk vorkommen. Etwa »Even the president of the United States, sometimes must have to stand naked« oder »He not busy being born is busy dying«. Über die schiere Brillanz Dylans im Umgang mit Sprache und Vokabular besticht dieses Stück auch durch seine textliche Struktur. Ein wenig Kopfturnen.

Das Stück enthält 15 Strophen, die in fünf Gruppen à je drei Strophen organisiert sind. Jede Strophe hat sechs, wovon sich die ersten fünf reimen, die jeweils letzte sich aber mit den letzten der andern beiden zur gleichen Gruppe gehörigen reimen. Und dies, wie gesagt, 15 Strophen bzw. fünf Strophengruppen lang. Den Deckel auf die mathematisch komplizierte Struktur setzt, dass der eigentliche Titel im Song nur in Varianten vorkommt. In späteren Interviews meinte der Autor selbst, er wisse nicht, wie er diesen Text geschrieben habe. Im zarten Alter von 22, notabene.

Selbstverständlich sind nicht alle Texte im weiten Werk Dylans derart komplex, zu verwurzelt war er in archaischen Formen der populären Kultur wie etwa dem Folk und dem Blues. Und doch hat er in vielen Songs mit eigenwilligen Sprachbildern überrascht, auch verstört. Kein Wunder also, dass er wahre Heerscharen von Schreiber/innen angezogen hat, die sich zu den verschiedensten Aspekten seines Lebens, seines Werkes und seiner Zeit äußern. Immer wieder zum Beispiel Greil Marcus, ein US-amerikanischer Autor, Rockkritiker und Universitätsdozent. Unter anderem hat er einen der berühmtesten Songs in einem Buch seziert: »Like a rolling stone. Bob Dylan at the Crossroads«. Oder dann in »Invisible Republic. Bob Dylan’s Basement Tapes« eine 1975 erschienene Sammlung von Dylans Session mit The Band (Deutsch: »Basement Blues. Bob Dylan und das alte, unheimliche Amerika«).

Dylan und Marcus, ein unzertrennliches Paar, wenn auch – so müsste man annehmen – eine etwas einseitige Beziehung.

Ein US-amerikanisches Online-Magazin titelte kürzlich: »Bob Dylan Lives (and Greil Marcus is Still Writing About Him)«. So schreibt Marcus etwa in »Folk Music. A Bob Dylan Biography in Seven Songs« über den Literaturnobelpreisträger, oder besser: Er nimmt ihn – wie so häufig in seinem Werk – als Ausgangspunkt für eine tiefreichende kulturelle Geschichte der USA.

Marcus steht für die intellektuelle, die wissenschaftliche Herangehensweise an die Pop- und Rockkultur. Unvergessen sein Standardwerk »Mystery Train. Images of America in Rock ’n’ Roll Music« von 1975 (Deutsch: »Mystery Train. Der Traum von Amerika in Liedern der Rockmusik«), wo man einiges über die (inhaltliche) Komplexität der Materie, deren Bezüge zu anderen Gattungen wie Literatur und Film erfährt.

Zum Beispiel über den kalifornischen Pianisten Randy Newman und dessen doppelbödige Moritaten über die Menschen, die die Vereinigten Staaten von Amerika bevölkern.

Stellen wir uns diese Szene vor. Ein Sklavenschiff vor der Küste Westafrikas; am Strand stehen ein paar afrikanische Menschen und blicken hinüber zum Kapitän, der ihnen von Bord etwas hinüberruft:

»In America you get food to eat Won't have to run through the jungle and scuff up your feet You'll just sing about Jesus and drink wine all day It's great to be an American«

»Sail away«: Ein Protestsong gegen die Sklaverei. Randy Newman, der Sprössling einer kalifornischen Familie von berühmten Filmkomponisten hatte andere Ausdrucksmittel zur Verfügung. Sein drei Minuten langer Song erzählt alles über die großherrliche Haltung gewisser US-Amerikaner /innen. Newman ist meilenweit von sonstigen Protestsongs und deren Slogans entfernt. Seine Technik ist literarisch. Er macht sich zunutze, dass Erzähler und Autor nicht eins sind: Newman schlüpft in die Haut eines anderen Menschen, der Dinge zum Ausdruck bringt, die er selbst kaum unterstützt. Das tat er im Verlauf seiner Karriere immer wieder, ob es um kurz geratene Menschen, um die Fernsehsucht seiner Heimat oder um politische Ideen geht.

Die satirische Haltung Newmans wird durch die Musik verstärkt. Er verpackt heikle, schmerzende Themen in fröhliche Musik, hier sogar mit orchestraler Begleitung. Er singt diese Songs, diese Texte voller Ironie, mit Lakonie. Er gibt seine eigene Haltung nie zu erkennen, was etwa beim Riesenhit »Short People« zu einigen Missverständnissen führte. Denn wie viele seiner Songs hat er einen doppelten Boden, der sich nur durch den Text erschließt.

Randy Newman ist einer jener Autoren des Rocks, die mit ihren Werken aufzeigen, was in dieser Textform alles drin liegt – thematisch wie literarisch. Und Greil Marcus, der in etwa gleichaltrige Co-Kalifornier, hat dies passend gedeutet. Man mag seinen Ansatz verkopft, akademisch oder auch allzu detailversessen finden; ein anderer Kritiker hat dies einst in einem Bonmot gefasst: »Das Problem mit Greil ist, dass alles Greil an etwas Anderes erinnert«. Das mag etwas haben, dennoch hat Marcus der Kritik der Pop- und Rockkultur nicht wenige Glanzlichter aufgesetzt.

POLITIK UND MUSIK

Pop und Rock hatten in der Vergangenheit eine andere Funktion als heute – ganz bestimmt in den 60er-Jahren, dem Jahrzehnt der Auflehnung, des Umschwungs. Rockmusik war das Kommunikationsmittel der Jugend, die ein anderes Leben zu leben suchte. Persönlichkeiten wie Dylan, die Beatles und die Rolling Stones, Jim Morrison, Janis Joplin und Jimi Hendrix wurden zu Symbolfiguren der Veränderung, des Protests gegen die Kriege, das Leben der Eltern, ob sie das nun wollten oder nicht. Natürlich gibt es diese Geisteshaltungen und die dazugehörige Musik heute noch, nur findet sie nicht mehr im Mainstream statt – und die Stellung der Musik ist in Zeiten von Sozialen Medien und On-Demand-Kultur eine ganz andere. Evgenij Dajnov hat einen Band dazu geschrieben: »Politik und Rock’n’Roll. Wie kamen wir von ›Love Me Do‹ auf Donald Trump?« (Edition Konturen). Gute Frage für eine bedauernswerte Entwicklung. Dajnov beantwortet diese auf rund 400 Seiten mit einem akademischen Blick auf verschiedene soziale, politische Entwicklungen, die die Musik und von der Musik begleitet wurden – und endet doch mit einem gewissen Optimismus, der Abwahl Donald Trumps und von Boris Johnson in Großbritannien.

Und was, wenn ein Großteil der Pop- und Rockmusik mehr ist als ein Mittel für das schnelle, oberflächliche Vergnügen? Jenseits von Greil Marcus und seinen kulturhistorischen Visionen? Wie so oft hat hier beides Platz. Denken wir an James Brown, den Urahn der Funkmusik, bei dem der Inhalt meistens im Titel enthalten war. Oder denken wir an einen frühen Klassiker des Rock ’n’ Rolls, »Tutti Frutti« von Little Richard aus dem Jahr 1955.

»Whop bop a loo bop a lop bam boom Tutti Frutti, oh rooty Tutti Frutti, oh rooty Tutti Frutti, oh rooty Tutti Frutti, oh rooty Tutti Frutti, oh rooty«

Wer dieses Stück nicht gehört hat, darf es sich als einen 2 Minuten und 25 Sekunden dauernden Brunftschrei vorstellen. Das ist ebenso mitreißend wie nichtssagend, wenigstens auf den ersten Blick. Ein Text, der seine Daseinsberechtigung seiner rhythmischen Qualität verdankt. Aber nonsense. Wie häufig im Rock ’n’ Roll: »Sh-Boom« von den Chords, das als erstes Rock ’n’ Roll-Stück gehandelt wird, »Be-Bop-A-Lula« von Gene Vincent, »Louie Louie« von den Kingsmen, vieles aus James Browns Songkatalog – alles lautmalerisch. Aber ist da mehr?

Ein zweiter, vielleicht sogar ein dritter Blick lohnt sich. »Tutti Frutti« ist der bekennende Schrei eines flamboyant schwulen Sängers in der verklemmten Gesellschaft der 50er-Jahre. Und wer wollte, verstand dies auch ohne Textblatt, wie so häufig im Rock ’n’ Roll war die Message der Auflehnung glasklar. Durch einen lautmalerischen, rhythmisch starken Brunftschrei.

Der berühmteste Band über die frühe Rockmusik des britischen Rock-Kommentators Nik Cohn »Pop from the Beginning« von 1969 wurde in der deutschen Ausgabe nach jenem Refrain benannt: »AWopBopaLooBoop ALopBamBoom«. Das passt: In seinem schmalen, aber grundlegenden Werk wird klar, dass Cohn mit Dylan wenig am Hut hat (Zitat: »Wie schätze ich ihn ein? Ganz einfach – gar nicht. Er langweilt mich zu Tode.«). Cohn ist ein typischer Vertreter britischer Rockschreibe: rotzfrech, abgrundtief parteiisch, aber auch ehrlich. Auch mit dem, was in den frühen 70er-Jahren folgte, wird er keine Freude gehabt haben.

Die Rockmusik hatte in der Folge von »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band« der Beatles einen heftigen Wandel durchgemacht. Plötzlich war ein klassisches Studium eine notwendige Voraussetzung für eine Karriere. Bands wie Genesis, Yes, Emerson, Lake & Palmer, aber auch weniger bekannte wie Gentle Giant oder Caravan kreierten unerhörte Klangwelten. So ambitioniert einige dieser Bands klangen, bei gewissen von ihnen hinkten die Texte gehörig hinterher. Noch Jahrzehnte später fragt man sich, was Yes mit der vier Schallplattenseiten langen Suite »Tales of Topographic Oceans« textlich sagen wollten. Aber auch hier: Das geneigte Publikum überhörte die überblasenen Texte, solange der Sound stimmte.

DIE KINDER DYLANS

Dylans Einfluss war riesig, vor allem in den 60er-Jahren. Allein schon bei den Beatles: Bald nach deren Begegnung mit Dylan schrieben Lennon und McCartney andere Texte, weiteten das Spektrum des Pop-Songs aus. Doch der Einfluss ging weiter, alle paar Jahre fanden sich Musiker/innen, denen das Etikett eines neuen Dylan angehängt wurde. Passend oder nicht passend, gewollt oder auch nicht, unter diesen vielen vermeintlichen künstlerischen Kindern fanden sich einige, deren eigene Werke vom Barden aus Minnesota zwar beeinflusst waren, die aber der Welt genügend Eigenes mitzuteilen hatten. Etwa Bruce Springsteen, der berühmteste von ihnen. 1973 tauchte er in der Szene auf, um alsbald das erwähnte Etikett eines »New Dylan« angehängt zu bekommen. Der junge Mann aus dem nördlichen New Jersey schwamm sich rasch frei und wurde über die Jahrzehnte hinweg kommerziell bei Weitem erfolgreicher als das große Vorbild. Sein Stil war vergleichbar und dennoch anders, seine Sprache einfacher, direkter, ohne dadurch an Tiefgang zu verlieren. Sein Buch »Born to Run« gehört zu den lesenswertesten Autobiografien, die das Genre zu bieten hat. Springsteen gelingt es darin, sein Leben in seiner eigenen Stimme offenzulegen, etwa wenn es um seine Depressionen oder die verunglückte erste Ehe geht. Gleichzeitig krankt sein Werk – wie die meisten – am Immergleichen. Ist der Aufstieg einmal geschafft, besteht das Leben der meisten Musiker/innen aus einer Serie von Alben und Tourneen; etwas langweilige Routine halt. Oder aber, wie Rod Stewart in »Rod. The Autobiography« schildert, eine endlose Abfolge von Blondinen und Bungalows an sonnigen Strandlagen. Kurz: Aus Entdeckung und Verwirklichung wird Routine, die Musik gerät dabei zur Nebensache.

Ganz anders etwa »Me«, in dem sich Rods ehemals bester Kumpel Elton John an die Erzählung seines Lebens macht. Ein knallbuntes Leben mit dramatischem Stoff für drei Bücher. Der dickliche Junge, der bei den Großeltern im Umfeld von London aufwächst, seine unterdrückte Homosexualität, die musikalische Begabung, die Weltkarriere, der Absturz – oder besser: die Abstürze – mit Bergen von Kokain und anderen Drogen. Dies erzählt Elton John mit Schwung und Offenheit – und ja, natürlich kokettiert da einer, natürlich will er gefallen, aber immerhin: Er ist auf britische Art unglaublich entertaining. Wer mehr über seine Songs erfahren will, dem sei das Buch »Elton John. Alle Songs« von Olivier Roubin und Romuald Ollivier (Delius Klasing) empfohlen. Dazu später mehr.

In der Regel gilt: Wer literarisch anspruchsvolle Texte schreibt, wird sich auch in der eigenen Biografie gut ausdrücken können. Meistens gibt es dann auch etwas zu erzählen. Ein Beispiel: Elvis Costellos (bürgerlich: Declan Patrick Aloysius McManus) »Unfaithful Music. Mein Leben« (im englischen Original »Unfaithful Music & Disappearing Ink«). Wortgewaltig, witzig, selbstironisch berichtet der ehemalige New Waver aus Liverpool, der zu einem der wichtigsten Songwriter seiner Generation wurde. Und der sich hier als begnadeter Geschichtenerzähler entpuppt. Ganz anders Pete Townshend, Gitarrist und Komponist von »The Who«: Seine selbst verfasste Biografie »Who I Am« ließ selbst den Fan etwas ratlos zurück. Anstelle seiner schneidenden Ironie bekam man einen Bericht zu lesen, in dem er öfters bei Selbstbeweihräucherung landet.

Doch zurück zu den Kindern Bob Dylans (zu denen sich Elvis Costello und Pete Townshend selbst wohl auch zählen würden). Patti Smith teilt mit Bruce Springsteen einiges: den Heimatstaat New Jersey, die Generation (Geburtsjahr 1946, bzw. 1949) – und einen Hit: »Because the Night« von 1978. Geschrieben hatte ihn Bruce Springsteen und er hatte die Arbeit daran mit der E Street Band bereits angefangen. Doch mehr als ein Titel und gemurmelt gesungene Zeilen kam dabei   nicht heraus; Springsteen wusste, dass er den Song nicht fertigschreiben würde. Auch einen Produzenten teilten die beiden, und dieser kam auf die Idee, den Song an Smith weiter zu verschenken. Also schrieb sie einen Text dazu, der Song wurde zum Hit und ist bis heute ihr bekanntestes Stück. 

Nun war Patti Smith stets mehr als nur Musikerin. Sie war Punkikone, Poetin, darstellende Künstlerin, ein Unikum, eine Lebenskünstlerin. Dies untermauert eine Serie von autobiografischen Schriften, von denen »Just Kids« über ihre Freundschaft mit dem Photographen Robert Mapplethorpe den National Book Award erhielt. Das neuste Kapitel dieser Serie ist nun das »Buch der Tage«, ein vom Ansatz her sehr zeitgemäßes Werk. Die Grundlage ist simpel: 2018 begann Smith, auf Instagram zu posten. Aus diesen Posts und den eigenen täglichen Fotos entstand das vorliegende Buch über Patti Smith, ihre Welt, ihre Art mit der Realität zurecht zu kommen. Eine wunderbar persönliche, intime Art, die herkömmliche Biografie zu umgehen. Patti Smith offenbart hier einiges über ihre Sicht der Welt und ihre kulturellen Bezüge. Darüber hinaus ist ihr künstlerischer Umgang mit den Möglichkeiten der sozialen Medien einzigartig.

BIOGRAFISCHES AUS ERSTER UND ZWEITER HAND

Die häufigste Form der Rock-Biografie entstammt der fremden Feder von Fans oder Journalisten, die sich über ihre Idole äußern, mit mehr oder minder Distanz (und mit mehr oder weniger Erfolg). Manche dieser Werke leiden unter dem mangelnden Zugang zu den Porträtierten: Wenn Barney Hoskyns in »Tom Waits. Ein Leben am Straßenrand« mit allen redet, die die Wege von Tom Waits kreuzten, aber nicht mit dem Musiker selbst, dann geht es um Interpretationen, als Leser/ in verspürt man aber eine große Leere. (Weit besser gelingen Hoskyns seine Porträts von Szenen und verschiedenen Epochen der Rock- und Popgeschichte).

Auch Joni Mitchell gehört ohne Zweifel zu den eigenwilligsten, spannendsten Figuren der populären Kultur: als weibliche Pionierin in einem Heer von männlichen Musikern der 60er-Jahre eine ernstzunehmende Instrumentalistin, als Singer/Songwriterin eine der begnadetsten Personen. David Yaffe, Professor an der Universität von Syracuse, hat ihr ein kongeniales Porträt geschrieben – im englischen Original »Reckless Daughter«, die »leichtsinnige Tochter«, was besser klingt als der deutsche, recht nüchterne Titel »Joni Mitchell. Ein Porträt«. Yaffe hat nicht nur mit ihrem gesamten Umfeld gesprochen, er kann auch auf mehrere lange Unterhaltungen mit der kanadischen Musikerin zurückgreifen. Daraus entsteht ein beispielhaft umfassendes Bild von Mitchell, die in musikalischen Pausen zur Malerin mutiert, mit allen Höhen und Tiefen, die ein solches Werk umfassen sollte.

Paul McCartney hat 2013 den Song »Early Days« geschrieben; darin berichtet er relativ autobiografisch, wie alle über die Beatles Bescheid wüssten, meistens sogar besser als die direkt Beteiligten. Recht hat er. Zu kaum einer Band der Geschichte der Rock- und Popmusik gibt es dermaßen viel Sekundärliteratur wie zu dieser, schätzungsweise ein Fußballfeld voller Bücher. Jede und jeder, der oder die mit ihnen in irgendeiner Form oder Funktion zu tun hatte, hat sich in einem Buch zu irgendeinem Aspekt der Fab Four aus Liverpool geäußert, das

Spektrum reicht von der Anekdote über Persönlichkeitsanalysen bis hin zur minutiösen Auflistung von Studiodaten. Bleiben wir bei letzteren Werken, in denen die Songs die Hauptrolle haben.

Es fällt gerade im Fall der Beatles schwer, aus diesem Berg an Informationen die wirklich wichtigen Bücher auszugraben. Hier soll es mal bei einem bleiben: »Du machst die Beatles!: Wie ich den Sound der Band neu erfand«. Trotz des unglücklich reißerischen deutschen Titels (im englischen Original zurückhaltender: »Here, There and Everywhere. My Life Recording the Music of The Beatles«) ist dieses Werk von 2007 eminent wichtig. Geoff Emerick war blutjung und eigentlich unerfahren als Tontechniker, etwas jünger als die Megastars aus dem Norden, aber ebenso experimentierfreudig. Sein Vorteil gegenüber ganz vielen: Hier erzählt einer, der bei den wichtigsten Albumaufnahmen der Beatles wirklich in nächster Nähe dabei war und der ihre Stücke maßgeblich mitprägte. Einer, der glaubhaft ist, der – über das bloße Aufzählen von technischen Angaben – erzählen kann, wie etwa die geisterhaften Tape Loops von »Tomorrow Never Knows« (1966) entstanden. Einer, der es sich auch erlauben darf, seine persönlichen Vorlieben kundzutun (Kurz gesagt: George Harrison war ihm zu sauertöpfisch).

Über Elton John wiederum kommt nun ein neues Werk, das Ähnliches bietet, wenn auch aus einer gewissen Distanz und ohne allzu interpretatorischen Einsatz: »Alle Songs. Die Geschichte hinter den Tracks«. Gemeint sind hierbei alle Tracks! Alle Songs aus einer Karriere, die von 1969 bis heute reicht. Die beiden französischen Autoren Romuald Ollivier und Olivier Roubin haben in einer riesigen Fleißarbeit alle diese Lieder aufgelistet und sie annotiert. Es gibt Hintergrundinformation, Aufnahme- und Veröffentlichungsdaten, Anekdoten und Geschichten aus dem Studio und die inhaltlichen Hintergründe dazu – von »Your Song« über »Candle in the Wind« bis »I’m Still Standing« und weiter. Zu erzählen gibt es genügend, schließlich ist der Mann ein herausragender Pianist, Sänger und Songwriter und so ist dies eine gigantische Arbeit über ein gigantisches Werk, mit 300 Millionen verkauften Exemplaren und sechs Grammy-Auszeichnungen eines der erfolgreichsten der Pop- und Rockgeschichte. Aber eben: Ob dieses 600 Seiten dicke Buch dereinst zu den Standards der Musikliteratur zählen wird, darf bezweifelt werden. Lange Jahre hinweg drohte der begnadete Songwriter hinter dem Mann mit den drolligen Kostümen, absurden Frisuren und Brillen zu verschwinden. Fans finden hier Informationen über alle anonymen Songs der »schlechten Jahre«. Alle andern werden sich auf die Kapitel über die hervorragenden frühen Alben beschränken oder ihren Zugang zum Werk anderswo suchen.

Ähnliches erhält man in »Lyrics. 1956 bis heute« (C.H. Beck). Hierin gibt es Geschichten und die Texte zu 154 Songs von Ex-Beatle Paul McCartney aus seiner gesamten Karriere, allerdings mit einem wesentlichen Unterschied zu Elton Johns Werkschau: Diese Auswahl, die als alternative Autobiografie gelten kann, wurde vom Musiker selbst zusammengestellt.

BOB DYLAN: DIE PHILOSOPHIE DES MODERNEN SONGS

Zum Schluss kommen wir nochmals auf Dylan zurück. Der Urahn aller modernen Singer-Songwriter/innen hat sich – wohl zur Korrektur vieler spekulativer Literatur über ihn – selbstein Buch zu seinem Leben verfasst. »Chronicles Vol. 1« von 2004 geht einigen Schwierigkeiten von Biografien aus dem Weg, unter anderem jener, ein komplettes, linear erzähltes Leben zu porträtieren. Wer so viel zu erzählen hat wie Dylan, aber nur wenig Platz zur Verfügung, der beschränkt sich auf Ausschnitte. Genau das tut Dylan: Er konzentriert sich auf drei Zeit-, bzw. Wendepunkte seines Lebens und seines Werks – von den Anfängen in New York als blutjunger Songwriter über die künstlerische Durststrecke der 80er-Jahre bis zu Plattenaufnahmen in New Orleans. Er schreibt dies in einer lakonischen Erzählstimme, mit dem Duktus eines Künstlers, der mit den Literaten der Beat Generation groß wurde.

Evgenij Dajnov Politik und Rock‘n’Roll. Wie kamen wir von »Love Me Do« auf Donald Trump? Edition Konturen, 384 S.

Patti Smith Buch der Tage Ü: Brigitte Jakobeit Kiepenheuer & Witsch, 400 S.

Olivier Roubin, Romuald Ollivier Elton John. Alle Songs. Die Geschichten hinter den Tracks Delius Klasing, 608 S.

Bob Dylan Die Philosophie des modernen Songs Ü: Conny Lösch C.H.Beck, 352 S.

Das neueste Werk Dylans – sein erstes seit 2004 und seit dem Gewinn des Literaturnobelpreises 2016, es erschien in einer groß angelegten Kampagne weltweit am selben Datum – beschäftigt sich nun mit dem großen Mysterium: Welche Songs funktionieren zeitlos und welche (also der Großteil) nicht? In »Philosophie des modernen Songs« geht er auf die Spuren von Songs aus der Pop- und Rockgeschichte, die ihn beeindruckt haben, und von Liedern aus älteren, archaischen Zeiten, die ihn beeinflusst haben. Über sechzig Lieder werden auf sehr persönliche Art beschrieben, in einem weiteren kurzen Artikel diskutiert Dylan die Hintergründe. Mit der ihm eigenen, lakonischen, gleichzeitig saloppen und präzisen Anmerkungen. Ein Beispiel ist etwa Elvis Costellos »Pump It Up« von 1978: »Der Song kommt auf glühenden Kohlen mit anzüglichen Blicken daher, mit himmlischer Propaganda und Verunglimpfungen, die man sowieso nicht versteht«. Das Spektrum ist weit, reicht von Entertainern wie Perry Como über relativ Unbekannte wie Jimmy Wage oder Politaktivisten-Bands wie The Fugs bis zu Rockern wie The Who. Auch der frühe Rock’n’Roll wird beschrieben, etwa Little Richard mit besagtem »Tutti Frutti«. Und auch wenn wichtige Interpreten oder auch Rivalen wie Bruce Springsteen oder Paul Simon oder die Beatles fehlen mögen, Dylan entwirft mit seiner recht persönlich gehaltenen Auswahl eine alternative Geschichte der populären Kultur, mit einigen philosophischen Ausflügen, alles in allem eine große Liebeserklärung an das Medium: »Musik überwindet die Zeit, weil sie in ihr lebt, so wie es die Reinkarnation einem ermöglicht, das Leben zu überwinden, indem man es immer wieder von Neuem lebt.«

Eric Facon (* in New York) ist Radiojournalist. 30 Jahre lang hat er in verschiedenen Funktionen für Radio SRF gearbeitet - als Redakteur und als Moderator. Der studierte Anglist schreibt nebenher u. a. für die NZZ über Popund Rockmusik und verwandte Phänomene. Zudem produziert er den Kultur-Podcast »Kulturstammtisch«.