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Mit breiter Brust


Stereo - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 07.07.2021

HIFI EXKLUSIV AKTIVLAUTSPRECHER

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Bildquelle: Stereo, Ausgabe 8/2021

Meine erste Begegnung mit Lyravox liegt bereits einige Jahre zurück und berührte mich zu jener Zeit nicht weiter. Das lag weniger am Produkt, der STEREOMASTER 2-170, als in einer historisch begründeten Abneigung gegen alles, was sich auch nur im Entferntesten unter dem Begriff „Kompaktanlage“ einsortieren lässt. Auch wenn man diesem in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Gerät damit sicherlich bitter Unrecht tut.

Viel mehr als diese mittlerweile sechs Jahre zurückliegende Episode zog mich dann im letzten Jahr der ausgewachsene aktive Standlautsprecher „Karlotta“ in den Bann, den die Hanseaten in unserem großen Hörraum aufbauten und zum Klingen brachten.

Kleiner Raum – große Aufgabe

Diesmal war die Herausforderung allerdings ungleich größer, denn wir verbannten die Karlos in unser kleines Hörparadies, das von den Abmessungen und akustisch ganz bewusst eher einem normalen ...

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... Wohnzimmer angeglichen ist – mit Bassresonanzen und einer Nachhallzeit, die ein gutes Stück vom Ideal entfernt ist.

In diesem Umfeld hatte Lyravox-Entwicklungsleiter Jens Wietschorke dann ausgiebig Gelegenheit, sein Messequipment zum Einsatz zu bringen und die Karlos, die statt einer herkömmlichen Frequenzweiche mit einer digitalen DSP-geregelten Weiche ausgestattet sind, auf unseren Raum anzupassen. Dieser kleine digitale Chip übernimmt die Funktionen einer klassischen Frequenzweiche, sorgt für die Anpassungsmöglichkeiten an Raum und Aufstellung und kümmert sich nebenher auch noch um die Just-in-time-Wiedergabe sämtlicher Töne, sorgt also für ein zeitlich korrektes Verhalten der Karlos. Seine Filter gehören zur impulsoptimierten Gattung, die bei Technik-affinen Menschen auch unter dem Kürzel IIR-Filter bekannt sein dürften. Zwischen den beiden Treibern arbeiten sie mit einer Zeitkorrektur von vier Millisekunden, um ein natürliches Impulsverhalten sicherzustellen.

Die eingebauten Wandler von AKM sind die jüngsten Kreationen des Hauses, in jeder Box findet sich ein Exemplar. Da sich gleich bei zwei Frequenzen kräftige Überhöhungen zeigten – wie im richtigen Leben respektive Wohnzimmer eben –, dauerte es einige Minuten, bis das Problem analysiert war und sich kurz danach in Wohlgefallen aufgelöst hatte. Ein Prozedere übrigens, das Lyravox jedem Kunden anbietet:

Special Service

Das Einmessen kostet immer gleich viel, für alle Modelle, überall in Deutschland. Gegen eine Pauschale von 990 Euro inklusive Steuer kommt Besuch aus Hamburg. Dafür gibt es eine halbtägige Prozedur, im Zuge derer zunächst die Raumakustik mit Hilfe von Messtechnik korrigiert wird (speziell die Bassmoden), und zwar kanalgetrennt! Anschließend wird über Gehör feingetrimmt, bevorzugt zusammen mit dem Kunden. Hier fließen dann auch die Charakteristika seiner Quellen, sein Programm-Material sowie seine Präferenzen mit ein. Anschließend kann der Kunde bis zu drei unterschiedliche Presets fixiert bekommen, die er an der Fernbedienung abrufen kann. (Ein Beispiel dafür wäre ein Preset mit virtuellem Center, wenn zwischen den Lautsprechern der Fernseher steht und mit angeschlossen ist.)

Die Ansteuerung dieses Zwei-Wege-Lautsprechers mit für den Raumklang zusätzlich nach oben abstrahlenden AMT-Hochtönern kann übrigens auf digitalem wie analogem Weg erfolgen – seine Schöpfer sorgten für ein hohes Maß an Flexibilität.

Warum ein zusätzlicher Hochtöner? Nun, die 30-Millimeter-Keramikkalotte aus dem Hause Accuton, speziell für Lyravox angefertigt, bekam einen Waveguide – so etwas wie einen kleinen Hornvorsatz – spendiert.

Dieser sorgt dafür, dass der abgestrahlte Schall im Bereich von zwei bis sechs Kilohertz kontinuierlich stärker gebündelt wird. Sinn der Übung ist es, dem Zuhörer ein Mehr an Direktschall zukommen zu lassen, raumbedingte frühe Reflexionen in diesem wichtigen Bereich drastisch zu reduzieren und so eine präzise Ortung zu ermöglichen. Der AMT ergänzt dann späte Reflexionen.

Doch was wäre ein Lautsprecher ohne einen ordentlichen Tieftöner? Ein weitgehend spaßbefreites, blutleeres Konstrukt, dem die emotionale Bindung zur Musik zu großen Teilen abgeht. Um das zu verhindern, bediente sich Wiet- schorke beim renommierten Hersteller Scan Speak. Die skandinavischen Profis bauten ihm ein Chassis genau nach seinen Vorstellungen – custom made, wie es auf Neudeutsch so schön heißt, und zusätzlich bei Lyravox noch punktuell mechanisch bedämpft.

Die Alu-Membran ist nach Meinung der Hamburger klassischen Zehn-Zoll-Membranen aus Papier weit überlegen, und die Schwingspule zählt mit 38 Millimetern Durchmesser zwar zu den eher kleineren Exemplaren ihrer Zunft, besteht jedoch aus nichtleitendem Material und ist hinterlüftet. Sie ist extrem leicht und sorgt schon bei geringer Leistungszufuhr für ein sehr lebendiges Klangbild. Eines der Geheimnisse, warum diese Lautsprecher schon bei geringem Pegel mit einem vollen, fein aufgelösten und feindynamisch überzeugenden Klangbild aufzuwarten wissen. Pro Box finden sich außerdem je zwei Class D-Amps vom Typ Hypex N-Core. Sie sind aus der vierten Generation und verkörpern damit den letzten Entwicklungsstand.

KABEL- SORTIMENT

Kabel aller Art finden an der Karlos Kontakt.

DAMIT HABEN WIR GEHÖRT

Köster/Hocker: Fremde Feddere

Gekonnt und respektvoll ins kölsche Idiom übertragene Stücke der Musikgeschichte, die nicht unbedingt in der ersten Reihe gestanden haben, aber von Bedeutung sind.

HAND- FREUNDLICH

Die Fernbedienung speichert bis zu drei Klang-Presets ab. und ist übersichtlich Für den Hochtonbereich stehen 100 Watt zur Verfügung, während im Bass eine gebrückte Version 400 Watt Dauerleistung liefert. Ihr hoher Dämpfungsfaktor stellt eine strikte Kontrolle des Tief-/Mitteltöners sicher.

Oben und unten

Wie alle Boxen von Lyravox findet sich auch hier eine an der Unterseite der Box befindliche Bassreflexlösung, die, so versichern die Hamburger, dynamische Vorteile bringt und die Boxen deutlich freier aufspielen lassen. Bisher haben wir noch kein Wort über die Optik verloren, obwohl diese bei der Kaufentscheidung natürlich eine gewichtige Rolle spielt.

Über viele Jahre hinweg haben etliche Hersteller versucht, ihre Lautsprecher durch seitlich angepasste Tieftöner besonders schlank auftreten zu lassen. Vom angestrebten sauberen Timing war man dabei insbesondere zu Beginn dieser Ära zuweilen kilometerweit abgewichen, die schlanke Front hat aber auch ansonsten längst nicht nur Vorteile zu bieten.

Die Karlos geht auch hier ihren eigenen Weg. Wie zuvor bereits angedeutet, hat man ihr ganz bewusst ein ziemlich schlechtes Rundstrahlverhalten angezüchtet. Dazu dient unter anderem auch die breite Schallwand, die ihren Anteil an der großen Menge Direktschall und dem schlechten Rundstrahlverhalten hat. Die nur wenige Zentimeter tiefe Box mit ihrem aus schwingungsarmem Esche-Stativholz bestehenden, fest angebrachten, geschwungenen Ständer hebt sich so optisch sehr wohltuend vom Einerlei ab, ohne dabei technisch faule Kompromisse einzugehen.

Akustisch wirkten sich all diese Maßnahmen dann äußerst positiv aus. Um ungestört von anderen Teilnehmern an Router und Switch musizieren zu können, hatten die Hamburger ihr eigenes Zubehörpaket im Gepäck, das durch störungsfreien Betrieb überzeugte und deutlich machte, dass man auch im digitalen Zeitalter ein gehöriges Maß an Aufmerksamkeit auf die Peripherie richten sollte und die Details hier letztlich genauso zählen, wie im Umgang mit analogem Equipment.

Sogar Wagner geht

Grundsätzlich bestach bei allen der zahlreichen Musikstücke, die wir uns in den vergangenen Wochen anhörten, die Homogenität und Impulsivität, mit denen die Karlos diese wiedergab. Es war dabei völlig gleichgültig, ob wir Sarah Vaughn mit „I’ve Got The World On A String“ oder Nina Simone bei „Tomorrow Is My Turn“ Gehör schenkten – die Wiedergabe war körperhaft, bestens fokussiert und mit jenem Maß an Emotionalität versehen, dass wir gepackt wurden und uns entgegen unserer sonstigen beruflichen Gepflogenheiten mitreißen ließen.

Die „schönste Stimme Kölns“, wie ein Kritiker den Kölner Sänger, Texter, Vorleser und Schauspieler Gerd Köster einmal genannt hat, veröffentlichte vor rund zwei Jahren ein Album mit Liedern, die ihm und seinem musikalischen Alter Ego, dem Gitarristen, Komponisten und Arrangeur Frank Hocker besonders wichtig sind oder zumindest einen der beiden auf seinem musikalischen Werdegang geprägt haben. Die Songs auf dem Album sind mit großem Respekt vor dem Original in kölscher Sprache eingesungen und in überzeugender Aufnahmequalität eingefangen. Dylan’s „You Gotta Serve Somebody“ wurde hier zu einem Abgesang auf die menschliche Gier und das Streben nach immer mehr und heißt „Nix metnemme“ – das letzte Hemd hat keine Taschen. Die tieffrequenten Anteile des Stücks lassen über die Karlos nur wenig Zweifel aufkommen, dass die Geschichte nicht gut ausgehen wird, sondern die Apokalypse unweigerlich ihren Lauf nehmen wird. Auch die hohe Kunst der Oper gönnten wir uns. In HiFi-Kreisen kursiert ja der Spruch: Wenn du eine bestimmte Musikrichtung nicht magst, fehlt dir bisher nur die richtige HiFi-Anlage.

Ganz so weit würden wir nicht gehen, aber dass ein gut abgestimmtes HiFi-System den Zugang zu bisher verschmähter Musik zumindest deutlich erleichtert, das würden wir unterschreiben. So erging es dem Autor viele Jahre, wenn man ihm die Musik Richard Wagners näherbringen oder gar ans Herz legen wollte. Vermutlich ein hartnäckiges, schulisch bedingtes Trauma verhinderte dies zuverlässig, seit „Die Meistersinger von Nürnberg“ in der Oberstufe als Folterinstrument gegen die Hippiemusik-verseuchten Kursteilnehmer in Stellung gebracht wurden. Der Karlos gelang das nicht mehr für möglich gehaltene Kunststück, den gordischen Knoten der Abneigung gegen Wagners Werk unter der Leitung von Eugen Jochum spätestens bei „Morgendlich leuchtend“ zu durchtrennen.

Den Hanseaten ist mit der Karlos vieles gelungen, woran sich bereits etliche andere die Zähne ausgebissen haben: eigenständige Optik mit hervorragender Technik und ebensolchem Klang in Manufakturfertigung „Made in Germany“ zu einem attraktiven Preis unter einen Hut zu bringen. Glückwunsch nach Hamburg! ■

Lyravox Karlos Pure

Preis: ab 11800 € (in Schwarz oder Weiß; andere Lackierungen zzgl. 500 €)

Maße: 40 x88 x37 cm (BxHxT)

Garantie: 5 Jahre (5 Jahre auf Elektronik, 3 Jahre auf Mechnik; 10 Jahre Ersatzteilgarantie; großzügige Kulanzregelung)

Kontakt: Lyravox

Tel.: +49 40 320897980 www.lyravox.com

Technisch aufwendig gemachter und optisch ungewöhnlicher Aktivlautsprecher, der klanglich absolut überzeugend auftritt. Die Lyravox Karlos hat das Zeug, aus HiFi-Verweigerern große Musikliebhaber zu machen, weil sie optisch heraussticht, ohne dabei die emotionale Ansprache des Hörers zu vernachlässigen. Angesichts des Aufwands ist der Preis fair.

Messergebnisse

Labor-Kommentar

Niedrige Verzerrungen, Frequenzgang unkorrgiert im Messraum; die bei zu hohen Frequenzen abfallende Tendenz ist aber gut zu erkennen.

Ausstattung

Aktives Zwei-Wege-Bassreflex-Aktivsystem mit zusätzlichem AMT-Hochtöner für bessere Raumabbildung; Analogeingänge in Cinch und XLR; Digitaleingänge optisch, koax und XLR; Netzkabelanschluss; Fernbedienung; Einmessung auf den Raum möglich, drei Presets speicherbar

TEST-GERÄTE

CD-Laufwerk: Wadia 8

Streamer: Bluesound Node

Kabel: Supra, XLO, Cardas, Audioquest, Bayer Sound Cable

Zubehör: Netzfilter Audioquest,