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MIT DEM BALLON IN DIE FREIHEIT


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Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 29.08.2022
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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 9/2022

ILLUSTRIERT VON MARK SMITH

WO IMMER MENSCHEN eingeschlossen leben, werden einige auszubrechen suchen. Im Lauf der Zeit haben Tausende Freiheit und Leben riskiert, um dem Druck der Verhältnisse im kommunistischen Osten Deutschlands zu entfliehen. Sie haben die verhasste Mauer überklettert oder untertunnelt, sich durch Grenzhindernisse gekämpft oder sind nachts in den Westen geschwommen.

Viele haben es nicht geschafft. Manche büßten das Wagnis mit dem Tod in den Minenfeldern oder den Drähten des Todesstreifens an der Grenze. Hier ist die ungewöhnliche Geschichte zweier thüringischer Familien, die sich im September 1979 im selbst gefertigten Heißluftballon dem Wind anvertrauten, um die Freiheit zu gewinnen.

DIE BEIDEN kleinen Städte Pößneck und Naila gleichen sich in vielem: um sie herum gemächliche Höhenzüge mit dunklen Tannen, Kornfelder an den Hängen, sattes Grün in den Tälern. Nicht einmal 65 ...

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... Kilometer voneinander entfernt, liegen die beiden, doch in verschiedenen Welten.

In Pößneck sind die Fernsehantennen auf den Dächern in Richtung Nai1a, auf Westempfang, eingestellt, denn Naila liegt in der Bundesrepublik Deutschland, und die 9700 Einwohner sind frei. Pößneck dagegen mit seinen 20 000 Menschen liegt in der Deutschen Demokratischen Republik. Und gerade das Fernsehen erinnert die Arbeiter in der DDR ständig daran, wie viel besser es ihren Kollegen auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs geht.

Am 7. März 1978 saß in seinem Haus am Stadtrand von Pößneck der damals 35-jährige selbstständige Elektroingenieur Peter Strelzyk mit seinem Freund Günter Wetzel zusammen, einem 22-jährigen Maurer und Kraftfahrer. Seit Jahren dachten sie – beide waren verheiratet, und jeder hatte zwei Kinder – an Flucht. Dabei waren sie zu der Erkenntnis gekommen, dass sie auf dem Landweg nicht über den Todesstreifen mit seinen elektronisch gesteuerten Maschinengewehren, die Flüchtlinge ins Kreuzfeuer nehmen, kommen würden. Auch das Durchschwimmen selbst kleiner Flüsse war wegen der vielen Wachtürme und der verminten Ufer viel zu gefährlich.

Auf eine andere Möglichkeit – den Luftweg – war bisher keiner der beiden gekommen. Doch jetzt sprang Strelzyk auf, schlug seinem Freund auf die Schulter und rief: „Das ist die Idee! Warum hauen wir nicht mit einem Ballon ab?“

UNTER DEM TITEL DAS HIMMELFAHRTSKOMMANDO ERSCHIEN DER ARTIKEL ZUERST IN STERN (40/1979). NACHDRUCK MIT GENEHMIGUNG VON PICTURE PRESS

FOTOGRAFIERT VON TIM STOLLE

Wetzel sah ihn erstaunt an. „Großartig. Aber wo kriegen wir einen Ballon her?“

„Nirgends“, erwiderte Strelzyk. „Wir bauen uns einen.“

Warum auch nicht? Der Gedanke war so unwahrscheinlich, dass niemand an den Erfolg eines solchen Unternehmens glauben würde – auch nicht der Staatssicherheitsdienst. Schon am nächsten Morgen suchten sie in den Buchhandlungen und Büchereien von Pößneck nach Fachliteratur. Sie fanden nichts über Ballontechnik, nahmen aber das Buch Fachkunde Gasmonteur und einen Physik-Brockhaus mit.

Tags darauf fuhren sie nach Gera, wo sie im volkseigenen Kaufhaus einen großen Ballen braunen Baumwollstoff entdeckten. Als sie 800 Meter davon verlangten, sah die Verkäuferin sie fassungslos an. Um ihren Argwohn zu zerstreuen, erklärten sie ihr, sie machten Zelte für ein Jugendlager.

Sie schleppten die riesigen Ballen aus dem Auto ins Schlafzimmer im Dachgeschoss des Wetzelschen Hauses. Die Eheleute Günter und Petra verhängten die Dachfenster und die Tür, damit kein Licht nach außen drang. Dann schnitt Günter Wetzel den Stoff in lange Dreiecke und nähte sie auf einer 40 Jahre alten, fußbetriebenen Nähmaschine aneinander.

UNSER KLASSIKER DES MONATS …

wurde diesmal von Schlussredakteur Jürgen Schinker ausgewählt: „Die waghalsige Republikflucht der beiden Familien zehn Jahre vor dem Mauerfall zeigt einmal mehr, wie wichtig den Menschen Freiheit ist. Nicht als politischer Begriff, sondern als echte, persönliche Freiheit. Wer im Westen aufgewachsen ist, kann sich kaum vorstellen, wie groß der Druck auf die Bürger in der DDR war.“

Nach zwei Wochen nahm der Ballon Form an. Er hatte einen Durchmesser von 15 Metern und war 20 Meter lang. Dann bauten Günter und Peter in einer improvisierten Werkstatt in Strelzyks Haus eine Gondel. Einen Monat später fuhren die Ballonkonstrukteure für einen ersten Test zu einer abgelegenen Waldlichtung 25 Kilometer nördlich der Grenze zur Bundesrepublik. Doch als sie die Hülle aufblasen wollten, blieb sie schlaff im Gras liegen. Sie hatten das falsche Material gekauft, die Luft entwich durch den Baumwollstoff. Tief enttäuscht packten sie ihren Ballon ein und fuhren heim. In der Kohlezentralheizung von Strelzyks Haus wurde das Gewebe Stück für Stück verbrannt. mehr!“ Ihr Mann wurde fast ohnmächtig. Den Gästen fiel es zum Glück gar nicht auf.

Dann entschloss sich Günter Wetzel nach langem Überlegen und einem mehrstündigen Gespräch mit den Strelzyks, auszusteigen. Seine Frau plagten Zweifel, ob das richtig klappen würde mit dem Ballon. Außerdem, sagte er sich, würde sein Verzicht die Chancen der anderen verbessern.

Also arbeitete Peter Strelzyk allein am Ballon weiter. Nach mehreren Versuchen mit einem Brenner fand er die richtige Lösung: Wenn er flüssiges Propangas verwendete, erhielt In den nächsten Monaten testeten die Männer Probestücke von verschiedenen Textilien auf Luftdurchlässigkeit und Hitzebeständigkeit. Sie entschieden sich schließlich für ein dickeres Taftmaterial. Auch diesmal kauften sie den gesamten Stoff an einem Ort, doch fuhren sie jetzt sicherheitshalber nach Leipzig. Als sie in der Textilabteilung des volkseigenen Kaufhauses ihre 800 Meter Taft verlangten, gaben sie sich als Angehörige eines Segelklubs aus.

ALS SIE DIE BALLONHÜLLE AUFBLASEN WOLLEN, BLEIBT SIE SCHLAFF LIEGEN

Beim zweiten Mal dauerte es nicht so lange, bis der Taft zusammengenäht war. Doch eines Abends hätte Doris Strelzyk ihr Geheimnis fast verraten. Sie hatten Besuch, und im Westfernsehen lief ein Bericht über Heißluftballons. Da sagte sie spontan und ganz stolz: „Unser Ballon im Dachgeschoss hat 500 Kubikmeter er eine stetige, wirksame Flamme. Im Juni 1979 war der in Heimarbeit hergestellte Heißluftballon endlich startbereit. Jetzt warteten die Strelzyks nur noch auf das richtige Wetter.

Am Dienstag, dem 3. Juli, zeigte die Wetterfahne auf dem Rathaus genau nach Süden. Abends um halb zwölf fuhren sie bis zu einer einsamen Stelle zehn Kilometer nördlich des Todesstreifens an der Grenze zwischen Ost und West. Schon nach fünf Minuten war die Hülle aufgeblasen.

„Kommt“, rief Peter Strelzyk, „es kann losgehen!“ Und der Ballon mit der Familie auf der kleinen Gondelplattform erhob sich in den Himmel Es war zwei Uhr.

34 Minuten lang befand sich der Ballon in der Luft, dann passierte es. Dichter Nebel hüllte ihn ein, die Stoffhülle sog sich in wenigen Sekunden voll Wasser. Infolge des zusätzlichen Gewichts verlor der Ballon rasch an Höhe. Sie kamen in einem Tannenwäldchen herunter. Die Bäume zerschlitzten die Hülle, aber sie sorgten auch für eine sanfte Landung.

Doris Strelzyk und die Kinder versteckten sich in einem Gebüsch, Peter erkundete die Gegend. In etwa 200 Meter Entfernung sah er zwei sehr hohe Zäune und dazwischen einen Streifen gepflügten Bodens. Es war der gefürchtete Todesstreifen, und sie waren auf der falschen Seite!

Jeden Augenblick konnten Grenzsoldaten mit Hunden aus dem Wald auftauchen. Aber sie hörten nur ihre Herzen schlagen. Vor Kälte und Angst zitternd, drängte die Familie sich eng zusammen und wartete, bis es im Osten hell wurde. Dann tasteten sie sich aus dem Grenzgebiet. Überall schlängelten sich in wenigen Metern Abstand Drahtspiralen über den Boden. Die Drähte führten zu Alarmanlagen, die mit dem nächstgelegenen Wachturm verbunden waren. Gebückt und ängstlich um sich blickend schlichen sie weiter in die DDR zurück.

Acht Stunden nach dem Start kamen sie an die Waldlichtung, auf der sie ihr Auto stehen gelassen hatten. Sie setzten sich in den Wagen und fuhren ohne Zwischenfall heim. Niemand vom Staatssicherheitsdienst wartete dort auf die Strelzyks. Nur Purzel, ihre schwarz-weiße Hauskatze, kam ihnen freudig schnurrend aus dem Garten entgegen.

Noch vor Mittag legten sich alle vier erschöpft hin. Aber Peter fand keinen Schlaf. Er lief im Wohnzimmer, das ihm nun wie eine Gefängniszelle vorkam, unruhig auf und ab. Dann setzte er sich in seinen goldfarbenen Sessel und heulte.

Noch im selben Monat besuchte Peter Strelzyk zum ersten Mal nach langer Zeit wieder seinen Freund Günter Wetzel. Dieser wartete schon auf den Besuch, denn er hatte von einem Bekannten erfahren, dass in der Nähe von Lobenstein, direkt an der Grenze, ein Ballon gefunden worden war. Der Staatssicherheitsdienst hatte mit Spezialisten, Hubschraubern und Hunden überall nach den Ballonfahrern gesucht.

Die Hülle musste größer und stabiler sein, um mehr erhitzte Luft zu fassen. Seitdem der Ballon an der Grenze gefunden worden war, mussten sie außerdem damit rechnen, dass alle Stoffgeschäfte in der südlichen DDR informiert waren und jeden melden mussten, der mehr als ein paar Quadratmeter luftundurchlässigen Stoff kaufen wollte.

Also fuhren sie in den nächsten Tagen und Wochen mehr als 4000 Kilometer kreuz und quer durch die Republik und versuchten in fast 100 Städten und Dörfern Nylonseile, Taftstoff und Inletts zu kaufen. Nur am Die beiden Männer saßen eine Weile im Wohnzimmer, dann fragte Günter Wetzel unvermittelt: „Wart ihr das eigentlich mit dem Ballon bei Lobenstein?“ „Ja“, antwortete Peter Strelzyk. „Ein schöner Mist“, sagt Günter. Peter erzählte dann von der gescheiterten Flucht. „Aber mit dem neuen Gassystem kann es klappen“, fuhr er fort. „Nur allein schaffen wir das nicht. Du musst wieder mitmachen, Günter.“ Eine Woche später sagte Wetzel: „Wir sind dabei.“

DIE NACHT IST KALT UND STERNENKLAR. HEUTE WOLLEN SIE ES WAGEN

Zum dritten Mal in 17 Monaten begannen die Strelzyks und die Wetzels mit dem Bau eines Fluchtballons. Diesmal war es schwieriger als zuvor.

Anfang machte Günter Wetzel die Einkaufsreisen mit, dann setzte er sich im Keller des Hauses von Peter Strelzyk an die Nähmaschine, um die Stücke zusammenzunähen.

Am 14. August kam Peter Strelzyk müde und mürrisch nach Hause. Seine Frau begrüßte ihn und sagte dann: „Ich habe die Zeitung in den Wohnzimmerschrank gelegt. Guck dir mal die Seite zwei an ...“

Auf der angegebenen Seite fand er ein kleines Foto, das ein Barometer, eine Uhr, ein Taschenmesser und eine Zange zeigte. Die Artikelüberschrift lautete: „Die Volkspolizei bittet um Mithilfe.“ Peter Strelzyk las mit wachsendem Schrecken: „Nach der Begehung einer schweren Straftat wurden vom Täter die nachfolgend abgebildeten Gegenstände am Tatort zurückgelassen ...“ Der detaillierten Beschreibung folgte der Aufruf: „Wer kann Hinweise zu Personen geben, die diese Gegenstände im Besitz hatten? Zweckdienliche Hinweise sind an die Volkspolizei zu richten.“

Als Peter die Zeitung hinlegte, zitterten ihm die Hände. „So“, sagte er nach einer Pause, „nun jagen sie uns also tatsächlich.“

Von da an saß Günter Wetzel wieder von morgens früh bis spät in die Nacht an der Nähmaschine. Der Arbeitstag der Fluchtbereiten dauerte nicht selten 20 Stunden. Sie hoben all ihr Erspartes ab, und Peter Strelzyk und die beiden Frauen durchkämmten die Läden weiter nach passenden Stoffen. In Magdeburg erstanden sie 20 Meter Nylon, in Weimar 60 Meter Inlett, in Halle ergatterten sie 150 Meter Nylonstoff.

Bald hatten sie Vorräte in fast allen Farben des Regenbogens. Am 14. September kauften sie in einem Warenhaus in Jena die letzten 30 Meter Stoff. Die Ballonhülle sollte diesmal 20 Meter Durchmesser haben und 25 Meter lang sein. Wie sie später erfuhren, bauten sie einen der größten Heißluftballone, die in Europa je in Angriff genommen worden waren.

In der Zwischenzeit hatte Peter Strelzyk ein kräftigeres Brennersystem konstruiert, und auch die Plattform mit einem Geländer aus Wäscheleinen war fertig. Ihr Boden, auf dem die acht Menschen stehen sollten, bestand aus nur 0,8 Millimeter starkem beschichtetem Stahlblech. Petra Wetzel wurde angst und bange, als sie die dünne Bodenplatte sah. „Da brechen wir doch alle durch und fallen runter“, sagte sie.

Um sie zu beruhigen, legte Peter Strelzyk Bausteine unter die Ecken der Gondelplattform, und dann stellten sich die vier Erwachsenen und der 15-jährige Frank Strelzyk drauf und hüpften herum. Die Platte vibrierte, aber sie hielt. Endlich war der dritte Ballon startklar.

Am Samstag, dem 15. September, entlud sich nachmittags ein Gewitter über den Wäldern. Später riss die Wolkendecke auf. In der Nacht wurde es kalt und sternenklar, der Mond hing am Himmel. Der Wind wehte gleichmäßig in Richtung Bundesrepublik. Heute wollten sie es wagen.

Kurz vor Mitternacht brachen die beiden Familien von Pößneck zu einer versteckten Waldlichtung auf. Dort füllte das Gebläse langsam Kaltluft in die schlappe Ballonhülle. Dann hielten Günter Wetzel und Frank Strelzyk die Öffnung der Hülle auf, und Peter Strelzyk drehte den Flammenwerfer voll auf. Vom Gebläse unterstützt, züngelte eine 15 Meter lange Flamme in die Ballonhülle hinein und versengte Peter Strelzyk die Haare.

Etwas abseits am Rand der Lichtung stand Petra Wetzel mit den drei kleineren Kindern. Nach 15 Minuten ragte die Ballonhülle über ihnen empor. Die vier Seilverbindungen von der Hüllenöffnung zur Gondel waren straff gespannt.

Günter Wetzel zündete den Brenner und Peter Strelzyk schoss noch etwa 30 Sekunden lang mit dem Flammenwerfer hinein. Das war offenbar zu viel. Der von zwei Flammen erhitzte Ballon drängte zum Himmel.

Peter Strelzyk schrie: „Einsteigen! Schnell, schnell! Es geht los!“ Hastig kletterten alle auf die Plattform. Als der starke Wind die Gondel kippte, fing das Tuch an der Ballonöffnung plötzlich Feuer. Aus ihren Büchern wussten sie, was geschieht, wenn die Hülle brennt: Durch den gewaltigen Auftrieb wird der Ballon nach oben gerissen. Erst wenn die Hülle verbrannt ist, stürzt die Gondel zur Erde.

Rasch erstickte Günter Wetzel die Flammen mit dem Feuerlöscher.

Dann zogen er und Frank ihre Messer und durchtrennten zwei Leinen. Eine Verankerung wurde aus dem Grund gerissen und verletzte Frank und den zwei Jahre alten Andreas Wetzel. Günter kappte das letzte Verbindungsseil zur Erde, sofort pendelte die Gondel wieder in die Waagerechte und die Flamme schlug senkrecht nach oben.

Als das 750 Kilogramm schwere Luftgefährt abhob, beleuchtete ihr roter Widerschein die Gesichter der acht Flüchtlinge. In der Gondel war es still, nur das Zischen der Gasflamme war zu hören. 2000 Meter unter ihnen lagen die Minen, die scharfen Hunde und die stacheldrahtgekrönte Mauer des Todesstreifens. Plötzlich stießen weiße Lichtfinger durch das Dunkel: Grenzposten suchten den Himmel mit Scheinwerfern ab.

Petra Wetzel rief: „Verdammt, die suchen uns!“

Die Strahlen von drei Scheinwerfern bündelten sich zu einem dicken Lichtarm, der zu ihnen hinauftastete. Einige Augenblicke lang schien es, als würden die Lichtstrahlen den Ballon einfangen. Peter Strelzyk drehte die Brennerflamme auf, und der Ballon stieg auf 2600 Meter. Es war bitterkalt.

Petra Wetzel hockte sich auf den Blechboden, nahm den zitternden Andreas in die Arme und wartete darauf, dass Leuchtspurgeschosse die Ballonhülle aufreißen und ihrer aller Leben ein Ende machten. Sie sang „Kommt ein kleiner Teddybär aus dem Spielzeugland daher, und sein Fell ist kuschelweich, alle Kinder rufen gleich ...“

Nach 23 Minuten erlosch die Flamme des Propangasbrenners fast. Die beiden Männer versuchten verzweifelt, eine größere Flamme zu erzeugen, aber die 44 Kilogramm Propan waren verbraucht. Während die Erde immer näher kam, konnten die Ballonfahrer Einzelheiten auf dem Boden erkennen. Hügel, Wälder und Gehöfte tauchten auf. Schließlich knickte der Ballon eine dünne Akazie um und schlug unsanft auf. Nach 28 Minuten war die Fahrt zu Ende – aber noch wussten die Familien nicht, ob sie in Sicherheit waren.

Gemeinsam hasteten sie am Rand eines Stoppelfeldes dahin, bis sie im Dickicht Deckung fanden. Die Frauen und Kinder versteckten sich im Gebüsch. Die Männer gingen weiter und kamen schließlich an eine Scheune. In der stand ein Auto mit dem Namensschild des Besitzers – so etwas gab es bei ihnen im Osten nicht.

Ein Einsatzwagen der Polizei in Naila, die von aufmerksamen Bewohnern alarmiert worden war, hielt vor der Scheune.

„Sind wir hier im Westen?“, fragte Peter Strelzyk.

Als die Beamten das bestätigten, umarmten die Männer sie und riefen immer wieder: „Wir haben’s geschafft! Wir haben’s geschafft!“

Wetzel zündete als Entwarnungszeichen eine rote Feuerwerksrakete, und die Frauen und Kinder rannten über die Stoppelfelder, um die Männer zu umarmen. Dann lief Frank Strelzyk zum Landeplatz zurück und kam mit einer Flasche Sekt wieder, die sie mit an Bord genommen hatten.

In der Polizeistation Naila, mit den bunten Blumenkästen draußen und den freundlichen Beamten drinnen, hoben die Ballonfahrer die Gläser und brachten ein Hoch auf die Freiheit aus.

Die Mauer wird so lange bleiben, wie die Bedingungen nicht geändert werden, die zu ihrer Errichtung geführt haben. Sie wird auch noch in 50 und auch in 100 Jahren bestehen bleiben.

ERICH HONECKER, DT. POLITIKER (1912–1994)