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Mit dem Bulli durch den Balkan


Diabetes-Journal - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 27.08.2021

Reisen mit Diabetes? Natürlich! Das ist kein Problem, und viele Menschen mit Diabetes sind in der ganzen Welt unterwegs. Aber eine mehrmonatige Reise mit einem Bulli – und einem noch recht frisch diagnostizierten Typ-1-Diabetes? Das ist eine besondere Herausforderung. Hannah Effertz und ihr Freund Christian haben es gewagt. Hier ihr erster Bericht über diese Reise.

Artikelbild für den Artikel "Mit dem Bulli durch den Balkan" aus der Ausgabe 9/2021 von Diabetes-Journal. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Diabetes-Journal, Ausgabe 9/2021

Geschafft – wir sind in Serbien! Mit negativem Corona-Test, mit Diabetes. Reisen trotz Corona und mit Dia betes? Das ist nicht selbstverständlich, aber möglich – und ein wunderbares Gefühl …

Die Diagnose: Aus der Traum vom Reisen?

Die Diagnose traf mich im November 2019 unerwartet. Einer meiner ersten Gedanken war: Diabetes und Reisen, ist das überhaupt noch möglich? Kann unsere schon länger geplante mehrmonatige Reise im Sommer 2021 im Bulli durch den Balkan wie geplant stattfinden? Trotz Corona und Diabetes wollten wir die Reise ...

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... wagen.

Ich packe meinen Bulli …

Reist man mit Diabetes und möchte für längere Zeit im Bulli unterwegs sein, wird es bei den Vorbereitungen kompliziert! Ich wollte mich im Vorhinein gut informieren und auf alles vorbereitet sein: Ich las den Ratgeber „Zucker im Gepäck“ für Reisen mit Diabetes von Susanne Löw, schloss eine Auslandskrankenversicherung, welche auch chronische Erkrankungen einschließt, ab, vereinbarte frühzeitig Termine bei meiner Diabetologin und meiner Diabetesberatung und ließ mir alle bewilligten Sensoren für ein halbes Jahr schicken.

Steckbrief

Name: Hannah Effertz

Alter: 32 Jahre (9.10.1988)

Diabetes seit: 14.11.2019

Therapie: ICT mit Pen und Dexcom G6

Beruf: Lehrerin und Biologin

Hobbys: u. a. Aktivitäten in der Natur, meine Hündin, Reisen, Yoga

Lebensmotto: Ich kann nur Dinge bereuen, die ich nicht ausprobiert habe, aus allen anderen lerne ich.

Kontakt: diezuckertueten. blogspot.com

E-Mail: effertzhannah@ gmail.com

Als ich etwa sechs Wochen vor Abreise all meinen Diabetes-Kram beisammen hatte, stapelten sich drei Kartons mit Sensoren, eine große Tüte mit Penkanülen und zwei kleinere Tüten mit Glukoseteststreifen und Lanzetten vor mir. Hinzu kamen natürlich noch das Insulin und sonstige Dinge, die ich für meinen Diabetes benötige. Wie sollte das alles in den Bulli passen, in dem noch meine Diabetesanzeigehündin „Tüte“ (in Ausbildung) und mein Freund sowie ihr Gepäck Platz finden sollten? Ich verpackte alles einzeln in Zipper-Gefrierbeutel – besonders platzsparend, übersichtlich und gegen Feuchtigkeit geschützt.

Selbstmontierte Zweitbatterie

Alles, was bei vorgegebenen Temperaturen (meist 4 bis 30 °C) gelagert werden soll, verstaute ich samt MedAngel-Temperatursensor in einer Kühltasche tief unter unserem Bett im Bulli. Sollte es über 30 °C werden, könnte ich noch Kühlakkus in die Tasche legen. Für die verlässliche Kühlung meines Insulins besorgte ich mir eine Kompressor-Kühlbox. Um die Stromversorgung auch außerhalb von Campingplätzen zu sichern, schlug sich mein Freund durch zahlreiche YouTube-Videos, recherchierte im Internet – und montierte eine leistungsstarke Lithium-Ionen- Zweitbatterie, welche die Kühlbox und andere Geräte mehrere Tage mit Strom versorgen kann. Sollte dies nicht reichen, können wir die Batterie noch über ein Solarpanel samt Laderegler aufladen.

Ich wollte mich im Vorhinein gut informieren und auf alles vorbereitet sein.

Erste sportliche Bewährungsprobe

Am 27. März ging unsere Reise los. Unser erstes Ziel: Kroatien. Auf dem Weg nach Süden verbrachten wir einige Zeit in Freiburg. Dort heizten wir mit E-Mountainbikes die Trails um den Berg Roßkopf hinauf und hinunter – die erste sportliche Bewährungsprobe für meinen Diabetes auf dieser Reise. Ich startete die Tour mit einem Wert von fast 200 mg/dl (11,1 mmol/l), der nach einer Stunde Bergauffahrt auf 100 mg/dl (5,6 mmol/l) heruntergegangen war. Für das Picknick spritzte ich nur die Hälfte des Insulins. Danach ging es mit dem Bike nur noch bergab, mein Zucker blieb zum Glück stabil. Bei einem Stopp in Konstanz gingen wir morgens im eiskalten Rhein baden – eine Stresssituation, was ich an meinen in die Höhe schießenden Glukosewerten bemerken konnte. Wir genossen die geselligen Abende bei leckerem Essen und gutem Wein, doch mein Diabetes beschwerte sich über die abwechs-lungsreichen und spät verzehrten Gerichte. Fast jede Nacht weckte mich mein System zum kontinuierlichen Glukosemonitoring (CGM-System) wegen zu hoher oder zu niedriger Werte. Die ein oder andere Unterzuckerung hat Tüte schon mit ein bisschen Unterstützung angezeigt. Noch ist sie sehr zögerlich und traut sich nicht so richtig, ohne Kommando loszulegen.

Wandern bei eisigen Temperaturen

Ein paar Tage später unternahmen wir eine Wanderung in der Ammerschlucht bei Saulgrub, durch verschneite Wälder und hoch hinauf auf Almen. Als Höhepunkt beeindruckten die Schleierfälle. Tüte hatte den Spaß ihres Lebens und sauste die hügeligen Wege hinauf und hinunter. Sie bewertete die Wanderung mit fünf von fünf Pfoten und auch wir zählen sie zu einer unserer schönsten und abwechslungsreichsten Wanderungen. Da wird eine Unterzuckerung, für die wir die Wanderung kurz unterbrechen mussten, glatt zur Nebensache.

Geschafft von der Wanderung schliefen wir nach einem gemütlichem Bierchen am Fluss früh in unserem Bulli ein und ich leider zweimal in der Nacht vom Klingeln meines CGM-Systems wieder auf. Die Unterzuckerungen hatten es in sich: Nach einer 330-ml-Flasche O-Saft, einer Banane und zwei Schokoriegeln konnte ich gegen 4 Uhr endlich wieder einschlafen. Ich hatte die 4½-stündige Wanderung und den anschließenden Alkohol wohl völlig unterschätzt.

Der Bulle von Tölz

Der letzte Stopp vor Kroatien war das schnuckelige Bad Tölz, wo wir uns abends eine Pizza auf den sehr schön gelegenen Stellplatz an der Isar liefern ließen. Eigentlich so romantisch, aber dank meines Diabetes gab es die Pizza kalt, denn das zuvor verspeiste Nusscroissant ließ meinen Blutzucker so stark ansteigen, dass ich eine halbe Stunde warten musste, bis der Wert runterging. Trotzdem schmeckte sie nach drei Tagen Joghurt und Brot fantastisch! Nun, endlich mal wieder eine Nacht gut durchschlafen. Mein Zucker schien stabil zu sein und ich wurde nicht geweckt – bis es nachts um 2.30 Uhr laut an unsere Bullitür hämmerte. „Der Bulle von Tölz!“, dachte ich. Zwei etwas schlankere und jüngere Polizeibeamte als Ottfried Fischer wollten unsere Personalausweise sehen. „Wir nehmen Ihre Personalien auf und leiten sie weiter. Dann erhalten Sie einen Bußgeldbescheid (500 € pro Person), zu dem Sie Stellung beziehen können. Sie verstoßen gerade gegen die Ausgangssperre nach der Corona-Verordnung.“ Mein Diabetes bemerkte meinen Stress und Ärger und die Werte schossen nach oben. Dass wir in unserem Wohnmobil wohnten und auf der Durchreise nach Kroatien waren, interessierte die Polizisten leider nicht. Nach diesem Erlebnis wollten wir Deutschland schnellstmöglich verlassen, in Corona-Zeiten aber gar nicht so leicht. An jeder Grenze wurden wir kontrolliert, an der kroatischen mussten wir das negative Testergebnis vorzeigen. Ein beklemmendes Gefühl, aber zum Glück ging alles problemlos.

Unterzuckerung? Die kann bei einer schönen Wanderung glatt zur Nebensache werden.

Hakuna Matata in Kroatien

Traumhaft auf einer Halbinsel gelegen und fast menschenleer verbrachten wir die letzte Aprilwoche bei sonnigem Wetter an der türkisblauen Adriaküste. Morgens an der Steinküste Yoga machen, danach ins türkisblaue Meerwasser hüpfen, mit Tüte eine Runde entlang der Klippen drehen, abends Fisch auf der Restaurantterrasse essen und anschließend mit einem Gläschen Wein den Tag ausklingen lassen: Hakuna Matata! Mein Diabetes hatte sich mittlerweile etwas eingependelt, da Christian und ich abends wieder früher und gesünder aßen. Die Kühlung des Insulins funktionierte bis auf einen kleinen Zwischenfall problemlos: Als wir den Laptop über die Zweitbatterie laden wollten, flog die Sicherung raus. Zum Glück befanden wir uns zu der Zeit auf einem Campingplatz, sodass wir die Stromversorgung über den Landstrom direkt wieder sicherstellen konnten.

Eines Morgens wachten wir völlig zerstochen auf: Wir hatten wohl Erdmilben vom sandigen Campingplatzboden ins Auto geschleppt. So konnten wir nicht noch eine Nacht im Bulli verbringen. Also fuhren wir die Ostküste hoch durch viele verträumte Berg- und Fischerdörfchen. Die Hafenstadt Rijeka erwartete uns an einem regnerischen Nachmittag mit einem etwas heruntergekommenen Appartement, das leider nicht wie versprochen über einen Kühlschrank verfügte. Deswegen blieb mir nichts anderes übrig, als mein Insulin im Auto zu lassen.

Ein abendlicher Spaziergang am Hafen von Rijeka lieferte ein groteskes Bild: 24-stöckige Hochhäuser in der Ferne, davor romantische Gebäude aus der Habsburger Zeit, gelegen an einem Hafen, an dem unbezahlbare Yachten neben ver-rosteten kleinen Fischkuttern ankern, während mir der Geruch des nahe liegenden Fischmarktes vermischt mit Dieselabgasen in der Nase liegt.

Die selbstgemachten Gnocchi, die ich in einem Restaurant aß, schmeckten mir ausgezeichnet, doch leider trieben sie erst spätabends durch die fettige Käsesauce meine Glukosewerte dermaßen in die Höhe, dass ich mehrmals in der Nacht nachspritzen musste. Bei einem Wert von 300 mg/dl (16,7 mmol/l) war mir übel und ich hatte Kopfschmerzen. So einen hohen Werte hatte ich seit meiner Diagnose nicht mehr.

Gastfreundlichkeit auf dem Land

Da das Reisen der letzten Tage sehr anstrengend gewesen war, entschlossen wir uns, „Urlaub“ zu machen und ein paar Tage in der Gacka-Region im Dorf Prozor zu verbringen. Bei einer Quadtour pesten wir durch Schlamm und Hügel, bei einer Kajaktour beobachteten wir die Enten und lauschtem dem Quaken der Frösche. Meinem Diabetes machten sowohl die Touren als auch die wirklich beste Pizza unseres Lebens in einem kleinen, unscheinbaren Lokal direkt an der Flussquelle nichts aus. So soll Urlaub sein!

Unterzuckerung im Nirgendwo

Nach einer Wanderung an den auf mehreren Ebenen gelegenen Plitvicer Seen entlang übernachteten wir auf einem kleinen Campingplatz in der Nähe, wo es zur Begrüßung zwei Sliwowitz, also Pflaumenschnäpse, gab. Abends gegen 22 Uhr lagen wir im Bett, als ich zu Christian sagte: „Irgendwie fühle ich mich ganz komisch.“ Sofort maß ich meinen Blutzucker, der mir den bisher geringsten Wert seit meiner Dia gno se anzeigte: 29 mg/dl (1,6 mmol/l). Ich hatte Sehstörungen, konnte aber noch selbstständig Saft trinken. Da der Wert nach 10 Minuten weiter auf 21 mg/dl (1,2 mmol/l) gefallen war und ich versuchte, meinen Blutzuckerteststreifen in meinen CGM-Empfänger zu stecken, rief Christian den Krankenwagen. Ich fühlte mich wie in einem Alkoholvollrausch. Trotzdem konnte ich noch mehr Traubenzucker essen, sodass ich nach 30 Minuten, als der Krankenwagen endlich da war, wieder stabil war. So konnte Christian die Sanitäter wieder wegschicken. Ich war froh, in diesem Moment nicht allein gewesen zu sein. Christian wusste genau, was zu tun war, und hatte das Notfallnasenpulver schon bereit. Was genau die Ursache war, ist mit vielen „Vielleicht …“ zu beschreiben – die es auch sind, die das Leben mit Diabetes so anstrengend machen. Diese chronische Erkrankung ist ein täglicher Kraftakt, eigentlich genau wie das Reisen. Diabetes und Reisen passen also doch gut zusammen: Jeder Tag ist anders, jeden Tag wartet ein neues Abenteuer. Freude und Frust sind ständige Begleiter. Es am Ende aber geschafft zu haben, gibt mir neue Energie für den nächsten Tag mit neuen Abenteuern, mit Diabetes.

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Der Bericht von Hannah Effertz ist viel detailreicher und enthält noch viel mehr interessante und witzige Begebenheiten als hier wiedergegeben. Den ausführlichen Bericht finden Sie im Internet unter diabetes-online.de/a/balkanreise