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„Mit dem Herzen bin ich immer auf großer Fahrt“


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flow - epaper ⋅ Ausgabe 67/2022 vom 12.07.2022

Lebenslauf

Artikelbild für den Artikel "„Mit dem Herzen bin ich immer auf großer Fahrt“" aus der Ausgabe 67/2022 von flow. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: flow, Ausgabe 67/2022

SAMANTHA DAVIES (*1974, Portsmouth/England) ist als Profiseglerin auf allen Weltmeeren gesegelt und hat an großen Rennen wie der Vendée Globe und dem Volvo Ocean Race teilgenommen. Sie engagiert sich mit dem Charity-Projekt Initiatives-Coeur für einen Verein, der herzkranken Kindern aus benachteiligten Ländern eine Behandlung ermöglicht. Samantha Davies lebt mit ihrem Partner, dem Segelsportler Romain Attanasio, und ihrem gemeinsamen Sohn Ruben in der Bretagne.

VERGANGENHEIT

„BEIM SEGELN VERBRACHTE ICH VIEL ZEIT MIT MEINEN ELTERN UND SAMMELTE WUNDERBARE ERINNERUNGEN AUF DEM WASSER. SIE VERTRAUTEN MIR UND FÖRDERTEN MICH.“

Die Leidenschaft für die See hat mich schon immer begleitet; ich habe quasi auf einem Boot laufen gelernt. Die Seefahrt liegt bei uns in der Familie:

Einer meiner Großväter war U-Boot-Kommandant, der andere hatte eine Werft. Meine Eltern besaßen ein kleines Motorboot, das ...

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... aber nicht besonders sicher war – es hat sogar mal gebrannt. Nach meiner Geburt beschlossen meine Eltern, aufs Segeln umzusteigen, weil das ruhiger für ein Baby ist. Ich erinnere mich zwar nicht mehr daran, aber meinen ersten Segeltörn machte ich schon im Alter von zwei Wochen.

Meine Eltern brachten mir das Segeln früh bei. Weil ich Teil des Abenteuers war, habe ich mich nie gelangweilt. Ich war leicht und schwindelfrei, deshalb durfte ich nach oben auf den Mast, wenn es nötig war. Dort oben war es, als würde mir die Welt gehören. Dieses Gefühl habe ich sehr genossen. Wir segelten auf traditionelle Weise, und ich lernte schnell, unsere Position zu berechnen und die Pinne zu halten, das ist der Hebel, mit dem man das Ruder bedient. Sehr bald vertrauten meine Eltern mir, und ich übernahm im Wechsel mit ihnen die Wache an Deck. Ihnen verdanke ich meinen guten Seefahrtsinn und dass ich mich an Bord eines Bootes schnell sicher fühle. Mit meinem Vater und meiner Mutter zu segeln fand ich herrlich. Wir verbrachten viel Zeit zusammen und sammelten wunderbare Erinnerungen.

Oft segelten wir vor der Bretagne, und es war spannend, die Region von der Küste aus zu entdecken. Vor langen Fahrten durfte ich mir in der Bibliothek stapelweise Bücher aussuchen, das fand ich wunderbar. Im Bekanntenkreis meiner Eltern hatten viele selbst Boote, und ich wusste, dass ich bei jeder Segeletappe vertraute Gesichter treffen würde. Handys gab es zu dieser Zeit noch nicht, also verabredeten wir uns vor der Abreise, um dann beim Segeln hin und wieder per Seefunkgerät miteinander zu sprechen. An solche Abenteuer denke ich auch heute gern zurück.

Wenn wir nicht mit dem Boot auf Reisen waren, ging ich häufig schwimmen. Zunächst, um meine Fähigkeiten im Wasser zu verbessern und an Bord sicherer zu sein. Später machte ich auch Synchronschwimmen und ging auf Wettbewerbe. Außerdem liebte ich es sehr, von unserem Boot aus Regatten zu verfolgen. Wir waren oft in einem Meeresarm, der Portsmouth von der Isle of Wight vor der Küste Englands trennt. Dort starteten große Hochseeregatten, die einmal um die ganze Welt gingen. Das faszinierte mich. Und es gab weitere Rennen, die vor allem für ihre Schwierigkeit bekannt waren; Hochseeregatten, bei denen Spitzenboote miteinander um den Sieg konkurrierten. All das brachte mich zum Träumen.

Gleichzeitig begeisterten mich die technischen Aspekte des Segelns, und ich wollte mit diesen wunderbaren Booten arbeiten. Ich träumte davon, als Schiffbauingenieurin Teil eines technischen Teams zu werden.

Also begann ich ein Ingenieur:innenstudium. Von dort war es ein großer Schritt für mich, über die Teilnahme an Wettbewerben nachzudenken.

Aber in meiner Nähe gab es einen kleinen Segelclub, bei dem ich mit Jollenregatten anfing. Nach einiger Zeit segelte ich auch mit größeren Booten, mit denen man mehrtägige Wettfahrten absolvieren konnte.

Für mein Diplom in Maschinenbau ging ich nach Cambridge. Mit meinem Abschluss in der Tasche absolvierte ich einige Praktika bei Schiffbauern.

Einer von ihnen entwarf Rennboote; durch ihn lernte ich Profis des Segelsports kennen und wurde gelegentlich zum Segeln eingeladen. Das war gewissermaßen mein Türöffner in die Segelsportszene. Das ist eine kleine Welt, in der jede und jeder sich kennt.

Ich nutzte die Gelegenheiten, um mich zu vernetzen. Der Segelsport ist männlich dominiert, aber ich kam kurz nach Tracy Edwards dazu, einer britischen Skipper-Pionierin. Ende der 1980er-Jahre nahm sie erstmals mit einem kompletten Frauenteam an einer Segelregatta teil, die um die ganze Welt verlief. Tracy war mein großes Idol; sie ebnete den Weg für andere Frauen im Segelsport.

GEGENWART

„DIREKT NACH MEINEM STUDIUM ERGAB SICH FÜR MICH EINE GROSSE CHANCE: ICH DURFTE UM DIE WELT SEGELN, TAT DAS, WOFÜR ICH BRANNTE – UND WURDE DAFÜR SOGAR BEZAHLT.“

Weil ich eine gute Seglerin war, legten die Bootsbesitzer ihre Bedenken schnell ab und zogen mich manchmal ebenso erfahrenen Männern vor. Der Aberglaube, dass eine Frau an Bord Unglück bringt, war passé. Eine große Chance ergab sich für mich, als mein Idol Tracy Edwards ein Team für die Jules Verne Trophy zusammenstellte.

Bei dieser Regatta geht es darum, als schnellstes Team eine Weltumseglung zu schaffen. Ich bewarb mich um einen Platz, schickte ihr meinen Lebenslauf und wurde zu einer Testfahrt eingeladen. Zu meiner Freude wählte Tracy mich aus. Da war ich 24. Dass ich Ingenieurin bin, war ihr wichtig.

Sie wusste, dass sie bei Pannen auf mich zählen konnte. Damit glich ich aus, was mir an Erfahrung fehlte. Das Timing war perfekt: Während meine Kommiliton:innen nach London gingen, um in großen Unternehmen zu jobben, durfte ich um die Welt segeln.

Ich tat das, wofür ich brannte, und wurde dafür sogar bezahlt.

Doch damals war es kaum möglich, im Segelsport Karriere zu machen.

Man wurde für eine Regatta engagiert und musste sich danach wieder Arbeit suchen. So erging es auch mir.

Während der Jules Verne Trophy erlitten wir einen Mastbruch und mussten das Rennen vorzeitig beenden. Die Regatta war vorbei, und als ich zurückkam, suchte ich mir einen Job.

Aber ich trainierte weiter. Ich arbeitete für eine Firma, die Handwinden und Seilrollen vertrieb, wurde pro Stunde bezahlt und hatte Zeit zu segeln.

Tatsächlich habe ich nie beschlossen, Profisportlerin zu werden oder das Segeln zu meinem Beruf zu machen. Aber wenn man seiner Leidenschaft folgen und für die nächste Regatta leistungsfähig sein will, muss man viel Zeit investieren. Für mich bedeutete das, mehr als 35 Stunden pro Woche zu trainieren. Das ist ein Vollzeitjob, der nebenher wenig anderes zulässt. Ich liebe das Segeln, aber ich habe mir vorgenommen, dass ich an dem Tag aufhöre, an dem ich es nur noch für das Geld mache. Ich muss jeden Morgen Lust verspüren, aufzustehen und aufs Wasser zu fahren, unabhängig vom Wetter und meiner körperlichen Verfassung.

Nach unserem Mastbruch bei der Jules Verne Trophy traf ich Ellen MacArthur, die bis dahin kleine Regatten fuhr. Ich wusste, dass sie sich abstrampelte, um ohne Budget ein Team auf die Beine zu stellen. Sie war jung und niemand glaubte an sie. Ich bot ihr meine Hilfe an und wir begannen, zusammenzuarbeiten. Zunächst ohne Bezahlung, was nicht einfach war.

Doch dann unterschrieb sie einen Vertrag mit einem britischen Baumarktkonzern, und wir bereiteten uns in aller Eile auf das nächste Rennen vor.

Wir mussten schnell ein Boot für Ellen finden – und tatsächlich gewann sie das prestigeträchtige Rennen. Ich habe dadurch die Welt der Solo-Ozeanrennen kennengelernt und war fasziniert. Alle halfen sich gegenseitig, das fand ich toll. Und ganz allein mit einem Boot auf hoher See zu sein – diese Herausforderung lockte mich.

Als Seglerin muss man die unterschiedlichsten Dinge beherrschen: Man muss Karten lesen können, Computer bedienen, den Wetterbericht verstehen, Dinge reparieren und sich sogar selbst filmen. Und speziell bei Solo- oder Einhand-Rennen, wie es im Fachjargon heißt, muss man auf dem Boot wirklich alles können. Ich hatte zwar bereits die Erde umsegelt, aber immer im Team oder auf derselben Position. Ich stieg auf den Mast oder kämpfte mit den Segeln, aber ich sah nie auf die Karte, um zu navigieren.

Nun aber setzte ich alles daran, an einer Einhand-Transatlantikregatta teilzunehmen. Ich dachte an das Boot meiner Eltern, auf dem ich alles gelernt hatte, machte mir selbst Mut und sagte mir: Das schaffe ich auch.

Und so war es, ich wurde Teil der Szene. Bei einer der Solo-Regatten lernte ich Romain kennen, er ist auch Segler. Ein Mann, der meine Liebe zur See und zu Booten teilt und meine Leidenschaft versteht – was könnte es Besseres geben? Wir wurden ein Paar. Mit 37 Jahren brachte ich unseren Sohn Ruben zur Welt.

ZUKUNFT

„DEN KINDERN EIN LEBEN IN GESUNDHEIT ZU ERMÖGLICHEN IST MIR EIN HERZENSANLIEGEN. IHR LÄCHELN IST MEIN ANTRIEB, WENN MICH AUF SEE DER MUT VERLÄSST.“

TEXT CÉCILE ABDESSELAM, SARAH KLÜSS

Ich werde oft gefragt, ob es ein Nachteil ist, dass ich klein bin. Aber es kommt auf dem Wasser nicht auf die physische Stärke an, sondern vor allem auf die mentale. Auf dem Boot bin ich immer in Bewegung, die Segel wiegen mehr als ich selbst. Die Strecke ist lang und man braucht Ausdauer. Ich muss das richtige Tempo finden, Risiken eingehen, nachts auf die geringste Windänderung achten.

Manchmal sind die Bedingungen so heftig, dass ich es nicht wage zu schlafen. Ich muss jederzeit in der Lage sein, die Segel zu lockern. Das Training für ein Rennen wie die Vendée Globe ist deshalb olympischer Hochleistungssport. Diese Nonstop-Regatta führt entlang des Südpolarmeers einmal um den Globus und zählt zu den härtesten Einhandregatten der Welt. Auch das Boot muss gut vorbereitet werden. Denn es sind zwei Athlet:innen auf dem Meer: der Mensch und das Boot. Es kommt auf beide an.

Das Segeln nimmt in meinem Leben viel Raum ein. Ich bin froh, dass mein Partner meine Passion teilt und wir unser Familienleben darauf ausrichten können. Gleichzeitig habe ich einen Weg gefunden, mich mit dem Segelsport für eine Sache zu engagieren, die mir sehr am Herzen liegt. Mit dem Charity-Projekt Initiatives-Coeur unterstütze ich einen Verein, der sich um herzkranke Kinder kümmert. In ihren Heimatländern haben diese Kinder keine Aussicht auf Behandlung. Der Verein ermöglicht ihnen eine Herzoperation, nach der sie in vielen Fällen ein ganz normales Leben führen können.

Ich nehme für Initiatives-Coeur regelmäßig an Turnieren teil und sammle mithilfe von Sponsoren und Aktionen Gelder ein, um die medizinische Behandlung der Kinder zu ermöglichen.

2020 war für Romain und mich ein besonderes Jahr: Wir gingen erstmals beide gleichzeitig an den Start desselben Wettkampfs. Bis dahin wechselten wir uns wegen unseres Sohns ab. Doch dieses Mal kümmerten sich meine Eltern während der Regatta um Ruben. Romain und ich hielten per WhatsApp Kontakt, sprachen aber nicht über das Rennen oder das Wetter, weil das Reglement der Vendée Globe es verbietet. Wir tauschten uns stattdessen über die kaputte Eingangstür unseres Hauses oder den Streik in der Schulkantine aus. Durch diesen Kontakt blieben wir mit dem Alltag an Land verbunden. Der Wettkampf war einer der härtesten meines Lebens: Mein Boot „Initiatives-Coeur“ war auf dieser Regatta so leistungsstark, dass ich es ständig bremsen musste. Es war mit sogenannten Foils ausgestattet, das sind Tragflügel, die im Wasser für Auftriebskraft sorgen.

Nach weniger als einem Monat auf See kollidierte ich bei voller Fahrt mit einem unbekannten Gegenstand. Ein Kielschaden machte eine Reparatur meines Bootes in Kapstadt notwendig, die zwei Wochen dauerte. Ich hatte zwei gebrochene Rippen und war in einem emotionalen Tief. Als ich nach der Kollision zu Hause anrief, sagte Ruben: „Mama, du gibst jetzt hoffentlich nicht auf.“ Er gab mir seinen Segen weiterzumachen. Ich musste das Rennen zwar abbrechen, entschied aber, außerhalb der Wertung weiterzusegeln. Dass ich die Strecke mit mehr als 900 Seemeilen Rückstand hinter den letzten Booten gemeistert habe, fühlt sich für mich trotzdem wie ein Sieg an. Ich hatte ja auch einen guten Grund, nicht aufzugeben. Meinen Sohn natürlich, den ich nicht enttäuschen wollte. Aber auch all die kranken Kinder, denen ich mit meiner Teilnahme an der Vendée Globe meine Unterstützung zugesagt hatte. Das half mir unheimlich, mich trotz Einsamkeit, Schmerzen und Zweifeln auf See zu motivieren.

Ich fühle mich im Segelsport zu Hause, doch er ist noch immer männlich dominiert. Es ist mir deshalb ein Anliegen, dass wir Frauen uns zusammentun. So wie ich in meinen Anfängen durch andere Seglerinnen unterstützt wurde, möchte ich meine Erfahrungen weitergeben. Ich nutze jede Gelegenheit, um jungen Frauen beim Segeln Türen zu öffnen und ihnen den Weg zu erleichtern. Dafür setze ich mich auch künftig ein – auf dem Wasser und an Land.