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Mit der Fähre in den Biergarten


Land & Berge - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 18.08.2021

Artikelbild für den Artikel "Mit der Fähre in den Biergarten" aus der Ausgabe 5/2021 von Land & Berge. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Land & Berge, Ausgabe 5/2021

Ein Zug am Seil lässt gegenüber am Gasthaus eine Glocke bimmeln, die dem Fährmann signalisiert: bitte übersetzen!

De Angler und de Kirchaleit“ haben wir es zu verdanken, dass es heute diese einzigartige Kombination aus Wirtshaus und Flussfähre gibt, erzählt Engelbert Gerstandl. Ihm gehört das idyllische Anwesen in Roit bei Altenmarkt an der Alz, nicht weit von der berühmten Rokokokirche St. Margareta in Baumburg – nur auf der anderen Flussseite gelegen. Bei Einheimischen und Touristen gilt der „Roiter“ bis heute als Geheimtipp seiner hervorragenden Küche wegen und weil man in seinem wunderbaren Garten auf der Wiese unter Bäumen sitzt, den nahen Fluss rauschen hört und weiß, dass man auch nach dem zweiten Bier noch sicher mit der Fähre übergesetzt wird.

Schon im fünften Jahr ist Stefan Borger der Wirt, und er möchte diesen Ort am liebsten gar nicht mehr verlassen. Borger ist zupackend, als gelernter Schreiner handwerklich geschickt, er liebt die Natur und ist, wie er mit leuchtenden Augen bestätigt, ...

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... „leidenschaftlicher Koch“. Seine Begeisterung hat er in den letzten Jahren auf 2802 Metern Höhe ausgelebt, als Hüttenwirt des Heinrich-Schwaiger-Hauses, einer Alpenvereinshütte.

Der Wahlspruch: regional, saisonal, genial

Ihm ist es zu verdanken, dass man beim „Roiter“ heute nicht nur hervorragend isst, sondern dass die Produkte wo immer möglich aus der Region kommen, das Fleisch aus artgerechter Haltung, die Fische aus dem Chiemsee und das Gemüse vom nahen Bauern. Mit der Pacht verbunden ist der Fährdienst. Doch was macht er, wenn er gerade ein Schnitzel in der Pfanne hat und es läutet? Dann, meint er ganz entspannt, müssen die Leute halt mal ein paar Minuten warten, aber „bedient wird jeder“. Denn „die Fähre geht, wenn die Wirtschaft geöffnet ist“.

„Ein Glücksfall“ ist Stefan Borger auch für den Besitzer, Engelbert Gerstandl, der in einem Haus neben dem „Roiter“ wohnt. Vor vielen Jahren heiratete er die Tochter der früheren Wirtin Mina Stecher, und auch als Witwer blieb die Fähre seine Leidenschaft. Er kümmert sich um die Instandhaltung, baut eine neue Fährhütte, wenn das Hochwasser wieder einmal zugeschlagen hat, und gab zuletzt das heutige Fährboot in Auftrag, das erste aus Aluminium – die alten Holzboote waren zu kurzlebig. Die Technik der Flussfähre, erklärt er, ist seit Anbeginn gleich geblieben: Es handelt sich um eine Gierseilfähre – „gieren“ heißt die Drehbewegung des Boots um die eigene senkrechte Achse. Nur durch die Strömung, ohne Motor, gleitet das Schiff von einer Flussseite zur anderen. Am gespannten Hochseil läuft es über eine Laufrolle, ein „Klobenradl“, wie man im Chiemgau sagt, und wird vom Bootsführer mittels zweier kürzerer Gierseile und einem Ruder quer in den Fluss gestellt, sodass es sich allein durch den Druck der Strömung bewegt.

Kirchgänger als erste Passagiere

Gerstandl springt schon mal ein als Fährmann, wenn der Wirt in der Küche gefragt ist. Und zwar nicht ungern, denn er liebt sein Fährschiff, dieses Fleckchen Chiemgau und die Alz – zum Glück für die Besucher, die eine kleine Auszeit vom Alltag in diesem Idyll aus alten Zeiten genießen dürfen.

Vor 100 Jahren ging es allerdings nicht in erster Linie ums Vergnügen: Viele Angehörige des Pfarrsprengels hätten wie der Roiter-Bauer zum Kirchgang einen kilometerweiten Umweg nehmen müssen – wäre da nicht der kleine Hof in Roit gewesen, nur ein, zwei Gehminuten von der Alz entfernt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts installierte der „Gütler“

Ludwig Roiter deshalb ein einfaches Fährboot über den Fluss: Er führte ein Drahtseil in ein paar Metern Höhe übers Wasser, befestigte es links und rechts an den hohen Bäumen, die das Ufer säumen, und hängte ein behäbiges, breites Holzboot an dieses Seil. Mit dieser simplen Fähre transportierte er die Kirchgänger über das Wasser und bekam wohl das eine oder andere Trinkgeld dafür. Denn nach seinem Tod hatte die Witwe großes Interesse an der Fortführung des kleinen Unternehmens, gleichzeitig jedoch ein schlechtes Gewissen wegen der fehlenden Genehmigung, sodass sie selbige beim königlichen Bezirksamt einreichte. Es folgte 1915 der offizielle Beschluss, dass „der Gütlerswitwe Karolina Roiter die wasserpolizeiliche Erlaubnis zur Überführung eines Drahtseiles über die Alz zum Zwecke des Betriebes einer lediglich Privatzwecken dienenden Drahtseilfähre nachträglich erteilt“ wird, die der „nun verstorbene Gütler Ludwig Roiter vor ungefähr 16 Jahren errichtet“ hat.

Zu dieser Zeit sprach sich herum, dass die Alz äußerst fischreich ist – mit Hechten, die in Ufernähe versteckt auf ihre Beute warten, mit zahlreichen Aalen, Barben und Brassen, Forellen und Nasen.

Und so wie über Jahrzehnte fast ausschließlich die Einheimischen den Fährservice beim Roiter genutzt hatten, wurde nach dem Krieg allmählich die Sommerfrische im Chiemgau immer beliebter und zu den Kirchgängern gesellten sich die Freizeitangler.

Beim Roiter lautete der Familienname durch Einheirat nun Stecher – und die legendäre Mina Stecher sollte in den 1950er-Jahren die große Wende einleiten: vom Bauerngütl mit privatem Mini-Fährbetrieb zum florierenden Ausflugsgasthof.

Mina Stechers legendärer Biergarten

Mina war eine fröhliche, gesellige und geschäftstüchtige Frau. Als immer mehr Kirchgänger nach dem Gottesdienst über Durst klagten und immer mehr Angler anregten, sie möge doch „ein paar Flaschl Bier“ bereithalten, da ließ sich die Mina das nicht zweimal sagen und bevorratete sich. Dann könne sie doch gleich zum Bier die frischen Fische braten, baten die Angler. Eins kam zum anderen – Mina Stechers Wiese vorm Haus wurde zum Wirtsgarten, die Bäuerin und Fährfrau zur erfolgreichen Wirtin.

Nun brachte sie nicht nur Kirchgänger, Marktbesucher und die Schulkinder von einer Alzseite auf die andere – auch der Postzusteller benutzte über 40 Jahre lang, vertraglich abgesichert, die Fähre der Mina Stecher, wofür sie bis in die 1990er-Jahre „72 DM jährlich“ einnahm, die vierteljährlich „in Teilbeträgen zu 18 DM durch die Oberpostkasse München gezahlt“ wurden. Erst 1992 bekam der Postbote ein Auto und brauchte den Fährdienst nicht mehr.

Damit sich auch die Passagiere bemerkbar machen konnten, die von der anderen Flussseite übergesetzt werden wollten, hatten schon die Roiters eine Glocke installiert. Parallel zum Führungsseil des Fährboots läuft bis heute ein zweites Seil, das auf der einen Seite mit einem Handgriff und dem Schild „Bitte läuten“ versehen ist und auf der anderen an der Hauswand des Gasthauses endet. Wenn die Glocke bimmelt, läuft der Fährmann zum Flussufer und holt über.

Dorothea Steinbacher

Naturparadies Alz

Hier an ihrem Oberlauf ist die Alz bis heute ein natürlich mäanderndes Flüsschen geblieben. Als einziger Abfl uss des Chiemsees „entspringt“ sie am nördlichsten Zipfel des Bayerischen Meeres in Seebruck und zieht auf ihrem Weg nach Norden gemütliche Schleifen zwischen moorigen Wiesen, Paradiesen für seltene Pfl anzen, Vögel, Libellen und Schmetterlinge. Von ihrem Ursprung bis Altenmarkt ist die Alz mit ihren ufernahen Bereichen Natur- und Vogelschutzgebiet, außerdem Fauna- Flora-Habitat-(FFH)-Schutzgebiet. Ihr klares, weiches, sauberes Wasser trübt sich nur, wenn sie das Schmelzwasser aus den Bergen oder starke sommerliche Regenfälle abtransportiert. Nach gut 60 Kilometern Weg Richtung Nordosten mündet sie bei Marktl im Landkreis Altötting in den Inn.

INFO „Gasthaus zum Roiter“, Roit 1, 83352 Altenmarkt an der Alz, Telefon: 0 86 21/73 87, www.roiter.de. Es gibt auch eine Straße zum Roiter. Aber mal ganz ehrlich: Das ist doch nur der halbe Spaß!