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Mit HIGHTECH auf VERBRECHERJAGD


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 47/2018 vom 16.11.2018

Die Polizei rüstet auf: Neue digitale Methoden revolutionieren die Aufklärung von Straf taten


Artikelbild für den Artikel "Mit HIGHTECH auf VERBRECHERJAGD" aus der Ausgabe 47/2018 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 47/2018

TATORT Der Schauplatz des Verbrechens wird am Computer aus der Vogelperspektive präsentiert


Ein Mensch liegt auf dem Boden der Küche. Scheinbar leblos. Sein Kopf leicht zur Seite gedreht. Auf der Wange ein großer Bluterguss. Spuren eines Fußtritts mit dem Schuh. Zwei Männer in weißen Plastikanzügen stellen einen blaugrauen Apparat auf ein Stativ und schalten ihn ein. Der surrt, dreht sich und schießt einen unsichtbaren Laserstrahl durch den Raum. Dann bedient einer der beiden ein Gerät, das mit hellem ...

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... Lichtstrahl den Körper des Opfers abtastet. Daneben steht ein Laptop, in den ein Strom von Daten fließt.

Was wie Tatortarbeit mit hochmoderner Technik aussieht, ist eine nachgestellte Szene in der ZDF-Dokumentation „plan b: Clevere Cops“, die in dieser Programmwoche läuft (siehe TV-Tipp Seite 26). Der Fall hat sich real so ereignet, auch die Kriminaltechniker sind echt. Ein Team des Landeskriminalamts Bayern vermisst zunächst den Ort des Verbrechens millimetergenau mit einem Laserscanner. Dann erfasst es den Körper mit einem Streifenlichtscanner, der zehnmal genauer arbeitet. Am Ende nimmt es mit einer Kamera das 360-Grad-Panorama des Tatorts auf. Die Beamten nutzen digitale Werkzeuge, die das Grauen bis in den letzten Winkel dokumentieren: klar und kühl, scharf bis ins Detail für die 3-D-Aufbereitung.

TECHNIKER RÜSTEN AUF

„Noch vor zehn Jahren wurde ein Tatort ausschließlich fotografisch gesichert“, erklärt Dipl.-Ing. Ralf Breker, Leiter der zentralen Fototechnik beim LKA Bayern. „Heute wird eine Eins-zu-eins-Kopie vom Schauplatz erstellt und jede Spur digital gespeichert. Für die Ewigkeit.“ Laut Bundeskriminalamt (BKA) fielen im vergangenen Jahr hierzulande insgesamt 731 Menschen einem Mord oder Totschlag zum Opfer. Längst rüsten Kriminaltechniker auf im Kampf gegen das Verbrechen. Ihre Geräte werden immer besser: „Genauer, einfacher, preisgünstiger. Vor zehn Jahren kostete ein 3-D-Scanner noch rund 120.000 Euro, heute die Hälfte“, meint Breker, „Und er wird schneller.“ Nur drei Minuten dauert ein Scan, ein Raum ist meist in drei, vier Vorgängen fertig.

TV-SZENE
Ausschnitt aus der ZDF-Doku „plan b: Clevere Cops“: Die Experten erfassen das Gewaltopfer mit dem Streifenlichtscanner


VERMESSUNG
Kriminaltechniker Ralf Breker (l.) und sein Kollege installieren einen Laserscanner


Der rasante technische Fortschritt eröffnet der Polizei immer neue Möglichkeiten: Längst könne man, so Breker, einen Tatort als 3-DModell nicht nur am Computer anschauen, sondern auch begehen – mit einer Datenbrille für virtuelle Realität, kurz VR-Brille. „So als stünde man mittendrin. Man kann zum Beispiel Dinge greifen und von allen Seiten betrachten“, schildert der 44-Jährige die Vorteile. „Zukünftig könnte man eventuell sogar Fluchtwege nachstellen, überprüfen, ob Zeugenaussagen wahr sind, und anhand von Schallkonstruktion feststellen, woher ein Schuss gekommen ist.“ In Bayern jedenfalls sei die virtuelle Realität längst erprobt.

Der Fachmann hat die Vision von einem virtuellen Ermittlungslabor. In diesem könnten Menschen von mehreren Standpunkten aus gleichzeitig interagieren: Rechtsmediziner zum Beispiel Analysen von Blutspritzern machen und Ballistiker untersuchen, wie sich ein Geschoss durch die Luft bewegt. Richter könnten einen Tatverdächtigen an den Tatort schicken und ihn auffordern, bestimmte Handlungen zu vollziehen. „Das weckt Instinkte – und schnell vergisst der Mensch, dass er in der virtuellen Realität ist.“


»Unsere Geräte werdenimmer besser, genauer, einfacher, preisgünstiger.«
Ralf Breker , Kriminaltechniker beim LKA Bayern


COMPUTER STATT SKALPELL

Doch per Scanner und Computer gelingt nicht nur die Rekonstruktion des Tatorts. Auch Opfer lassen sich auf diese Weise für immer konservieren, ihre Körperteile und Verletzungen im 3-D-Drucker erstellen. Selbst virtuelle Obduktionen sind heute machbar. Dabei bewegt man sich durch den Körper des Toten. So lassen sich etwa Muskelgewebe und Organe beiseiteschieben, um den Stichkanal verfolgen zu können bis exakt zu der Stelle, zu der die Klinge vorgedrungen ist.

Rund 274.000 Polizisten gibt es in Deutschland. Hightech hilft ihnen bei der Verbrecherjagd. In einigen Bundesländern wird die sogenannte Bodycam getestet. Die kleine Digitalkamera an der Polizeiuniform soll Einsätze aufzeichnen, zusätzlich live übertragen und vor allem Straftäter abschrecken. Auch Drohnen kommen öfter zum Einsatz, um etwa Unfallszenen oder Tatorte aus der Luft zu fotografieren. Zudem führt immer bessere DNA-Erkennung dazu, dass Altfälle noch nach Jahrzehnten geklärt werden können.

DER BESONDERE BLICK

Doch nicht nur moderne Technik revolutioniert die Aufklärungsarbeit der Polizei, sie profitiert zunehmend auch von der außergewöhnlichen Gabe einiger Menschen, die sich Gesichter besonders gut merken können. Diese „Super Recogniser“ entdecken Verdächtige in Menschenmengen, auf Videos oder Passbildern – und sind darin besser als jeder Computer. Mithilfe von Spezialtests, entworfen von Dr. Josh Davis an der Universität Greenwich in England, werden die talentierten Gesichtserkenner weltweit aufgespürt.

Schöne neue Fahndungswelt. Weiß der Computer künftig im Voraus, wo und wann Täter zuschlagen, und lotst die Polizei dann direkt zum Tatort? Was sich nach einem Science-Fiction-Thriller anhört, ist bereits Realität. In manchen Bundesländern arbeiten die Landeskriminalämter mit einer Software, die verspricht, Zeit und Ort etwa von Einbrüchen vorauszusagen. Die Methode, die derzeit von Sicherheitskräften weltweit diskutiert, entwickelt und erprobt wird, heißt Predictive Policing, also vorausschauende Polizeiarbeit. Dazu werden alle kriminalistisch relevanten Informationen von Tatorten in Datenbanken erfasst und durch ein besonderes Computerprogramm ausgewertet. Auch unter Berücksichtigung menschlicher Gewohnheiten, zumindest jener von professionellen Tätern. Einbrecher kehren oft innerhalb weniger Tage in ein Haus oder eine Nachbarschaft zurück, gehen gern zur gleichen Zeit und nach dem gleichen Muster vor.

Einbrüche schon im Vorfeld verhindern, Tatorte perfekt entschlüsseln, Gefährder abschrecken, Straftäter dank menschlicher „Geheimwaffen“ wie den Super Recognisern enttarnen: Kann man bald alle Verbrechen klären? Oder sogar verhindern? Nicht ganz. Ralf Breker, der mit seinen Gutachten beim LKA Bayern schon zur Klärung von Mordfällen beitrug, ist aber überzeugt: „Das perfekte Verbrechen wird immer schwieriger.“

TATORTBEGEHUNG
Mit dieser VR-Brille können Kriminaltechniker in die Szenerie des Verbrechens eintauchen und die Tat virtuell nachstellen


GESICHTSERKENNER
Einige Menschen merken sich besonders gut Gesichter: Diese „Super Recognizer“ helfen dabei, Straftäter zu erkennen, etwa auf Videos (r.)


EINBRUCHSVORHERSAGE
Rot heißt besonders gefährdet: Der Computer markiert, in welchen Straßen der Stadt Einbrecher voraussichtlich zur Tat schreiten


DREIDIMENSIONAL
Im 3-D-Drucker entstand der Schädel eines Opfers mit Einschussloch, den LKA-Mann Ralf Breker hier zeigt


FOTOS: S. 24-25: SPOO/ZDF (2), BAYERISCHES LANDESKRIMINALAMT; S. 26-27: SPOO/ZDF (3), BAYERISCHES LANDESKRIMINALAMT