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Mit KRAFT aus der krise


Gong - epaper ⋅ Ausgabe 36/2021 vom 03.09.2021

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Bildquelle: Gong, Ausgabe 36/2021

So erdrückend die Last auch scheint: Man kann Krisen trotzen

" Für mich gab es nur den Weg, offen darüber zu reden.“

Dr. Johannes Wimmer, Mediziner und Moderator

Er kommt oft ohne Vorwarnung: der Moment, der alles verändert. Ein dramatischer Unfall, ein großer Verlust, eine bedrohliche Diagnose – und plötzlich wird der Alltag zum Albtraum. Einen solchen durchlebte im vergangenen Jahr der Mediziner und Moderator Dr. Johannes Wimmer: Ärzte diagnostizierten bei seiner fünf Monate alten Tochter Maximilia einen aggressiven Hirntumor. Ein Schock für die ganze Familie. Nach Monaten voller Therapien, Klinikaufenthalte, Bangen und Hoffen folgte im November das erschütternde Ende: Tochter Maximilia starb. Im Alter von nur neun Monaten.

In vielen Fernsehauftritten sprach der 38-Jährige 2020 sehr ehrlich und emotional über den Schicksalsschlag. Warum ging er derart an die Öffentlichkeit? „Wir waren in der schweren Zeit wie Zuschauer unseres eigenen Lebens. Indem man Dinge ...

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... benennt, bekommt man wieder Kontrolle über das eigene Leben zurück“, erklärt Wimmer. Mit seiner Aufrichtigkeit beeindruckte er viele Menschen. Nun veröffentlicht er ein ebenso persönliches Buch (siehe Buchtipp Seite 28), in dem er beschreibt, wie er diese Zeit durchlebte. Seine Motivation? „Dieses Buch, jedes einzelne Wort ist ein Teil von mir. Es ist aber auch ein Dank an alle, die uns unterstützt haben. Und es erklärt, wie ich es schaffe, nach vorn zu blicken.“

Für viele Menschen waren die letzten eineinhalb Jahre in der Pandemie eine enorme Herausforderung. Derzeit laufen groß angelegte Studien zu den Auswirkungen der globalen Krise auf die mentale Belastung der Bevölkerung. Erste Zwischenergebnisse zeigen: Die psychische Gesundheit der Menschen verschlechtert sich. Sie sind beispielsweise angespannter, besorgter oder fühlen sich öfter einsam. In solchen Phasen braucht es nicht viel – schon droht man unter der emotionalen Last zusammenzubrechen. Doch Menschen können Schicksalsschlägen auch trotzen. Die Wissenschaft spricht hier von Resilienz: „Gemeint ist damit unsere psychische Widerstandsfähigkeit“, erklärt Dr. Wimmer. „Das bedeutet, dass wir Krisen, die auf uns zukommen, meistern können.“

Die Abwehrkraft der Seele

Seit den 1950er-Jahren erforscht die Wissenschaft, was Menschen krisenresistent macht. Vieles davon sind gelernte Bewältigungsstrategien, die sich Menschen im Lauf ihres Lebens durch bestimmte Erfahrungen aneignen. „Wir haben uns zum Beispiel eingeprägt, dass wir uns Hilfe holen können und dass andere Menschen für uns da sind“, so Wimmer. Auf diese Weise können bereits gemeisterte Krisen die Resilienz stärken. Auch Vertrauen darauf, dass das eigene Tun Positives bewir- ken kann, wappnet uns für Ausnahmesituationen – indem man zum Beispiel nach einem Streit ein klärendes Gespräch sucht. „Man profitiert davon, indem man lernt, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, nach Lösungen sucht und sich nicht ständig in der Opferrolle sieht.“ Auch wer das eigene Leben als sinnvoll erachtet, über ein realistisches Selbstbild und Zuversicht verfügt, bringt laut Wissenschaftlern beste Voraussetzungen für die Bewältigung von Krisen mit. Doch nicht nur Erlerntes wirkt sich auf die Resilienz aus, sondern auch äußere Umstände wie das soziale Umfeld oder die finanzielle Situation. Daher variiert die Abwehrkraft der Seele nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern auch von Lebensphase zu Lebensphase. Aber: „Die Grundbausteine der Resilienz tragen wir alle in uns, sie sind nur unterschiedlich ausgeprägt. Glücklicherweise können wir an ihr arbeiten und sie trainieren“, erklärt Dr. Wimmer. Auch das Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz hebt diesen Aspekt hervor: Resilienz sei nicht als feste Eigenschaft zu verstehen, sondern als dynamischer Prozess, und kann in Krisensituationen jedem helfen.

" Wir alle können Krisen meistern, bewältigen und bestenfalls sogar an ihnen wachsen.“

Dr. Wimmer, Arzt und Moderator

Auf sich aufpassen

Die größte Herausforderung steht laut Wimmer ganz am Anfang: „Wenn unsere Welt zusammenbricht, ist der erste Impuls, mit allen Mitteln zurück in die Vergangenheit zu wollen. Als die Welt noch in Ordnung war, die Ehe noch nicht geschieden, der Job noch nicht weg oder die schlimme Diagnose noch nicht ausgesprochen war.“ Der Realität ins Auge blicken – das verlangte auch dem Mediziner einiges ab: „Es war sehr schwer und hat mir unglaublich wehgetan, mich von der Hoffnung zu verabschieden, dass meine Tochter wieder gesund wird.“ Doch nur wenn der Missstand erkannt werde, könne er gemildert werden. „Je eher wir unsere aktuelle Situation annehmen und akzeptieren, desto eher können wir die Vergangenheit loslassen und uns um das kümmern, was wir gestalten können.“ Wenn es dann darum geht, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, sollte man sich auf die Bereiche besinnen, die man auch tatsächlich beeinf lussen kann. „Nachdem wir die Situation angenommen hatten, richteten wir alle Kraft auf die Pflege zu Hause, aber auch auf den Wunsch, jeden Tag einen besonders schönen Moment mit der kleinen Maus und der Familie zu gestalten.“ Der Experte rät, anstatt an der eigenen Wirkkraft zu zweifeln, lieber an Situationen zu denken, die man schon erfolgreich gemeistert hat. Neben dem Selbstvertrauen ist auch Selbstfürsorge eine wichtige Stütze.

" Es ist unglaublich schwer, doch wir müssen die Situation erst einmal annehmen. Nur dann geht es weiter.“

Dr. Johannes Wimmer, TV-Arzt

Wer auf sich achtgibt, kann belastenden Situationen besser trotzen. „Ich empfehle, sich jeden Tag etwas Schönes vorzunehmen“, so Wimmer. „Das können Kleinigkeiten sein. Für mich ist es ein Highlight, jeden Tag eine große Runde mit meinem Hund Primus zu gehen. Da komme ich raus, kann durchatmen und tue etwas für mich.“ Diese Pausen sollten in den Alltag eingebaut werden. Eine Tagesstruktur kann wie ein Auffangnetz wirken: „Alltägliche Rituale, wie zum Beispiel sich jeden Morgen etwas Richtiges anzuziehen oder weiterhin zur gleichen Uhrzeit zu essen, helfen. Damit zeigt man sich selbst: Es ist nicht alles verloren und noch Vertrautes vorhanden.“ Wimmers Ritual? Er zog sich jeden Tag ein weißes Hemd an.

Auf sich zu achten heißt auch, mal „Nein“ zu sagen. In einer Krise muss nicht alles erledigt werden, was anliegt, das weiß auch Dr. Wimmer: „Prioritäten zu setzen ist wichtige Selbsthilfe. Viele Menschen glauben, Verpf lichtungen oder Termine nicht absagen zu können. Aber: Es geht fast immer“, erklärt er. Auch der Familienvater verhielt sich so: „Als sich meine Welt von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt hat, habe ich alles gestrichen, was mich in meiner akuten Situation zusätzlich belastet oder nicht weiterbringt. Ich habe nicht ein Mal erlebt, dass jemand das nicht verstanden hätte.“

BUCHTIPP

Dr. Johannes Wimmer Wenn die Faust des Universums zuschlägt GU, 192 S., 19,99 €

Nicht allein in der Krise

Auch wenn das Leid ganz individuell ist: Niemand muss allein durch die Krise gehen: „Es ist unglaublich wichtig, jemanden zu haben, mit dem man offen reden kann.“ Ob Freunde, Familie oder Leidensgenossen: Gespräche könnten laut Wimmer mit vielen Menschen gesucht werden, „solange die Personen nicht Teil des Problems sind“. Er warnt allerdings vor zu großen Erwartungen: „Diese Menschen sind Begleiter. Sie sind nicht dafür verantwortlich, alle Probleme aus der Welt zu räumen. Das kann leider niemand für uns übernehmen.“

Wer in seinem privaten Umfeld keine Hilfe findet, kann sich auch an professionelle Stellen wenden. Wimmer hat dafür Empfehlungen: „Auf der Homepage des Patientenservice 116117.de kriegt man Ersttermine bei Psychotherapeutinnen und Therapeuten. Wer sofort Beistand braucht, bekommt ihn bei der Telefonseelsorge unter den Nummern 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222.“

Das Schicksal schlägt plötzlich und schnell zu, doch die Wunden heilen langsam – und hinterlassen auch manchmal Narben. Wer durch stürmische Zeiten geht, braucht außerdem Geduld: „Es geht nicht von heute auf morgen, aber jeden Tag einen Schritt voran“, so Dr. Johannes Wimmer. Laut dem Leibniz-Institut für Resilienzforschung bedeutet Krisenbewältigung auch nicht, zum Status quo zurückzukehren. Vielmehr bezeichne der Begriff Resilienz die Fähigkeit, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen – und es so zu schaffen, die psychische Gesundheit in Krisenzeiten aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen.

„Was Menschen aus Krisen lernen, ist individuell“, betont Wimmer. „Doch jeder und jede wird merken, wie das Gefühl, dass dir jemand das Herz aus der Brust reißt, im Verlauf der Krise schwächer wird.“ Allein diese Erfahrung kann zu neuen Stärken führen, zum Beispiel zu mehr Selbstbewusstsein. Bestenfalls gewinnen Menschen ganz neue Perspektiven. Auch Wimmer kennt solche Positivbeispiele aus seiner Zeit als praktizierender Arzt: „Viele Menschen, die eine schlimme Erkrankung überstanden haben, können sich neu verorten und vieles klarer sehen. Sie haben das Gefühl, dass sie ein zweites, intensiveres Leben geschenkt bekommen haben.“

Der 38-Jährige nimmt aus seiner persönlichen Krise eine ganz besondere Erkenntnis mit. „Man muss nicht jeden Tag so leben, als wäre es der letzte“, erklärt der Familienvater rückblickend. „Aber man sollte jeden Tag schöne Momente schaffen, denn die kann einem wirklich keiner mehr nehmen.“

JOHANNA WAGNER