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MIT LÄSSIGKEIT UND LÄSTIGKEIT


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Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 198/2021 vom 13.10.2021

Sasha Marianna Salzmann

Artikelbild für den Artikel "MIT LÄSSIGKEIT UND LÄSTIGKEIT" aus der Ausgabe 198/2021 von Buchkultur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

»Ich glaube nicht ans Scheitern beim Schreiben, weil es nichts zu gewinnen gibt«, sagt Sasha Salzmann, und noch während sie* (Sasha Salzmann identifiziert sich selbst als nichtbinär und verwendet in ihrer* Selbstbezeichnung bei Nomen und Pronomen das Gendersternchen.) das sagt, ist sie auch schon wieder für einen Preis nominiert. Also nicht für irgendeinen – Stichwort: Deutscher Buchpreis 2021, Sie wissen Bescheid.

Einer, den Salzmanns dauerhafter Erfolg nicht verwundert, ist Bernhard Studlar, künstlerischer Leiter der »Wiener Wortstaetten«. Seinem Theaterprojekt war die junge Dramatiker/in schon vor über einem Jahrzehnt so positiv aufgefallen, dass ihr der »exil-DramatikerInnenpreis« der Wiener Wortstaetten verliehen wurde und es bereits 2010 zur ersten österreichischen Uraufführung eines Salzmann-Stücks im Wiener Theater Nestroyhof / Hamakom kam. Das Thema des Bühnentextes ...

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... »Weißbrotmusik«, die Identifikationssuche von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in einer ihnen abweisend gegenüberstehenden Mehrheitsgesellschaft, ist heute aktueller denn je, und Salzmann zeigte schon zu Beginn ihrer Karriere, wofür sie als Dramatiker/in angetreten war: Für ein Theater zu schreiben, das, »wenn es gut ist, etwas schafft, was keine andere Kunstform mit so viel Vehemenz kann: direkt und unmittel-bar in die Gesellschaft einzugreifen«. Auch Bernhard Studlar erinnert sich noch gut an den gesellschaftspolitischen Anspruch der jungen Dramatiker/in: »Sasha Marianna Salzmann zeichnete ein unglaublich starker Drang nach Auseinandersetzung aus. Und mit ihrem wunderbaren Humor hat sie Lässigkeit und Lästigkeit auf charmanteste Art und Weise miteinander verbunden.«

Lässigkeit und Lästigkeit, sind das also die Erfolgsgeheimnisse der 1985 in Wolgograd geborenen und seit 1995 in Deutschland lebenden Autor/in? Bestimmt. Gepaart allerdings mit einem guten Gespür für aktuelle Themen und einem eloquenten Auftritt in der Öffentlichkeit. Keine von Salzmanns Äußerungen scheint unbedacht, sie ist präzise und formuliert druckreif. Als genaue und wache Beobachter/in hat sie etwas zu sagen, über Gesellschaft, über Politik und auch über ihre eigene Identität. Denn wird man von einer breiten Öffentlichkeit als junge jüdische Frau mit Migrationshintergrund gelesen, dann gibt es da sehr viele, die meinen, ganz genau über eine Bescheid zu wissen. Darüber, wie eine so zu sein hat, im Rahmen ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihrer Religion und so weiter.

Was also tun, in dieser Welt voller Zuschreibungen und Schubladen, die für eine Persönlichkeit wie Salzmann nur zu eng und zu klein sein kann? Reden, bevor es andere für eine übernehmen. Sich frei nach dem Audre Lorde’schen Diktum: »your silence will not protect you«, die Deutungsmacht über die eigene Person zurückholen, von all den Zuschreibern und Abstemplern da draußen.

Zu diesem Zweck nützt Salzmann alle Genres, die ihr als Autor/in zur Verfügung stehen. Neben den bereits erwähnten Theaterstücken und Romanen verfasst sie Essays und tritt als Kurator/in von Festivals wie den »Radikalen jüdischen Kulturtagen« in Aktion. Außerdem führt sie im Rahmen ihrer Reihe »denken mit« Gespräche mit Intellektuellen unserer Zeit.

Bei all der Umtriebigkeit, entwickelt man da eine Vorliebe für ein literarisches Genre oder eine bestimmte Facette der Autor/innenschaft? Sasha Salzmann verneint diplomatisch, sie möge alle Gattungen gleich gerne, denn schließlich biete ihr jedes Genre eine andere Komponente dessen, was die Schriftstellerei so interessant mache. Sei es das gemeinschaftliche Arbeiten an einer Theaterproduktion, das einsam-introvertierte Tüfteln über einem Roman oder das Thesenwälzen für einen Essay.

Und obwohl Salzmann das Schreiben so leicht von der Hand zu gehen scheint, und ihr der Erfolg seit Karrierebeginn sicher war, ist der Zweifel dennoch ein ständiger Begleiter. »Der härteste Kampf, den ich beim Schreiben führe, ist der gegen mich selbst, gegen meine eigenen Ansprüche, gegen meine eigenen Erwartungen. Ich bin meine erbittertste Kritiker*in«, sagt sie.

Als Teamplayer/in hilft Salzmann hier der Austausch mit anderen. Ihre Lektorin und Freund/innen geben der Autor/in eine Außenperspektive auf ihre Arbeit. Auch in Büchern anderer Schriftsteller/innen findet Salzmann Rat. Sogar während des eigenen Schreibprozesses liest sie intensiv, bekommt Antworten, nach denen sie sucht, beispielsweise in Texten von Serhij Zhadan, Oksana Sabuschko oder bei Masha Gessen.

Bei der Recherche zu »Im Menschen muss alles herrlich sein« hat Salzmann viele Interviews mit Frauen aus der ehemaligen Sowjetunion und einem auf die Region Donbass spezialisierten Historiker geführt, um die Fakten zu verifizieren, auf denen sie ihren Roman aufgebaut hat. Aber auch in der eigenen Familiengeschichte hat sie Inspiration gefunden, erzählt die Autor/in, ihre Verwandtschaft sei da mittlerweile schon abgehärtet, was ihr beständiges Nachfragen beträfe. Überhaupt fände Salzmann es schön, wenn sie mit ihrem aktuellen Roman dazu beitragen könnte, dass in Familien mehr miteinander gesprochen wird und das Verständnis zwischen den Generationen dadurch wächst. Damit es uns nicht so wie ihren Protagonistinnen ergeht, die vor lauter Unausgesprochenem, das zwischen ihnen liegt, nicht mehr in der Lage sind, eine echte Beziehung zueinander aufzubauen. Salzmann erzählt in ihrem Buch von Müttern und Töchtern, die sich nur noch in hohlen Phrasen und wiederholenden Vorwürfen begegnen können. Dabei gäbe es viel zu erzählen, darüber, wie Lena und Tatjana ihr Leben in der Sowjetunion aufgaben, um im fremden Deutschland ein neues mit dem Stempel »Kontingentflüchtling« zu beginnen. Darüber, wie es war, alleine ihre Töchter großzuziehen und die eigenen Lebenspläne für immer ad acta zu legen. Und darüber, wie eng und erstickend sich das Aufwachsen in der jüdischen Community einer deutschen Kleinstadt für die Töchter Edi und Nina anfühlte.

Im Schlüsselkapitel des Buches fragt sich die junge Heldin Nina kurz, ob es wohl einmal möglich wäre, dass sie und ihre Mutter sich im Hier und Jetzt begegnen könnten, frei von allen Vorwürfen der Vergangenheit und den schon drohenden Anklagen der Zukunft? Als Leserin wünscht man den spröden Protagonistinnen bis zur letzten Seite von Herzen, dass ihnen dies gelingen möge.

»Theatermensch, Aktivistin, Romancier«, Sasha Salzmann wollte, wie ihre Romanfiguren, immer so vieles sein. Im Gegensatz zu diesen hat sie es aber schon längst geschafft, ihre Lebensziele zu erreichen. Nimmt sie sich manchmal Zeit, um innezuhalten und ein bisschen stolz auf sich zu sein? »Nein, leider, nein«, kommt es zurück, aber nach einer gelungenen Premiere, da würde sie die Nacht durchtanzen, immerhin.

Und die Zukunft? Die sieht vielversprechend aus, denn der Abenteuerspielplatz Kulturbetrieb hat für Salzmann noch längst nicht den Reiz verloren. Schließlich läge es ja an Künstler/innen wie ihr selbst, diesen Raum spannungsreich und das Ziel aufrecht zu erhalten, gesellschaftsrelevant zu bleiben. Aber zunächst einmal, da steht für Salzmann eine Lesereise mit ihrem aktuellen Roman und damit einhergehend eine intensive Wiederbegegnung mit ihren eigenen Protagonistinnen an. Wir Leser/innen können uns auf diese Tour und auch schon auf neue Texte der Autor/in freuen, denn eine Schreibkrise, meint Salzmann, die hätte sie bislang noch nie gehabt: »Ich möchte einfach schreiben, kein Berg ist für immer erklommen.«