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Mit Nietzsche in Sils-Maria


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Abenteuer Philosophie - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 15.12.2022

PHILO Spuren SCIENCE

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Bildquelle: Abenteuer Philosophie, Ausgabe 1/2023

? Der Felsblock am Ufer des Sees von Silvaplana, der sogenannte Zarathustrastein. Bei einem Spaziergang um den See kam Nietzsche der Gedanke der ewigen Wiederkehr des Gleichen.

Wer im Jahre 1880 von Norden kommend nach St. Moritz ins Oberengadin wollte, konnte bis Chur mit der Eisenbahn fahren, dann musste er in eine sechsspännige Postkutsche umsteigen. Die Fahrt dauerte einen ganzen Tag und hat die Fahrgäste gehörig durchgerüttelt. Der auf alle äußeren Einflüsse äußerst sensibel reagierende Nietzsche wollte, kaum angekommen, so schnell wie möglich wieder weg. Ein junger Engadiner, der in derselben Kutsche saß und nach Sils-Maria weiterfuhr, wo sein Vater 1875 das Hotel Edelweiß gebaut hatte, lud ihn ein, doch mitzukommen. Nietzsche antwortete, dass er sich einen Hotelaufenthalt nicht leisten könne. Es würde sich schon ein Bauer finden, der ihm eine Stube vermieten könne … Tatsächlich war es die Familie des Gemischtwarenhändlers, die ihm ein ungeheiztes Zimmer in ihrem Haus vermietete. Und so kam der ehemalige Baseler Professor der Altphilologie und ...

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... jetzige staatenlose Wanderphilosoph nach Sils-Maria.

Friedrich Wilhelm Nietzsche wurde am Geburtstag des Kaisers im Jahre 1844 in Röcken im heutigen Sachsen-Anhalt geboren. Sein Vater, den er schon in jungen Jahren verlor, war protestantischer Pfarrer gewesen. Nach dessen Tod zog seine Mutter mit ihm und ihrer Tochter Elisabeth nach Naumburg. Er bekam einen Freiplatz im Eliteinternat Schulpforta und studierte danach zuerst in Bonn, dann in Leipzig Philologie. Er hatte inspirierende Lehrer, wählte die strenge wissenschaftliche Arbeit aber auch, um seinen ausufernden Geist zu disziplinieren. Noch ohne Doktorarbeit oder gar Habilitation wurde Nietzsche mit vierundzwanzig Jahren Professor an der Universität Basel. Hier fand er auch seinen lebenslangen Freund Franz Overbeck, einen Kirchenhistoriker und Professor für evangelische Theologie. Nietzsche, der seit seinen Schultagen leidend war – schwere Migräneanfälle, extreme Kurzsichtigkeit und Spätfolgen des deutsch-französischen Krieges 1870/71, an dem er als Sanitäter teilgenommen hatte –, musste seine Professorentätigkeit zehn Jahre später aus gesundheitlichen Gründen wieder aufgeben. Er lebte von einer kleinen Pension der Universität und suchte von nun an, zumeist in Oberitalien und Südfrankreich, einen Ort, wo er sein Leiden ertragen und kreativ arbeiten könnte.

„Ach, was liegt noch Alles verborgen in mir und will Wort und Form werden! Es kann nicht still und hoch und einsam genug um mich sein, dass ich meine innersten Stimmen vernehmen kann!“

6000 FUSS JENSEITS VON MENSCH UND ZEIT

Randulins – Schwalben – heißen auf Rätoromanisch die Emigranten aus dem Engadin, die in der Welt ihr Glück versuchten. So gesehen ist auch Nietzsche ein Randulin. Während heute die Orte St. Moritz, Sils, Maloja ausschließlich vom Fremdenverkehr leben, mussten sie sich früher mühsam mit Landwirtschaft, Fischfang in den Seen, die das Tal entlang wie auf einer Kette aufgereiht sind, und ein bisschen Schmuggel über den Malojapass nach Italien hinein durchschlagen. Die Unternehmungslustigsten wanderten aus. Im 18. Jahrhundert gingen sie meistens nach Venedig und wurden Zuckerbäcker, also Konditoren. Von dort wurden sie wegen ihres großen Erfolgs wieder vertrieben, zerstreuten sich dann in alle Welt und einige von ihnen wurden reich. Am bekanntesten ist die Konditor-Dynastie Josty, die bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in Berlin Konditoreien und Cafés betrieb, in denen auch der kaiserliche Hof und die Berliner Bohème verkehrten. Josty ließ im 19. Jahrhundert das Hotel Margna in Sils bauen, so wie der Vater unseres jungen Engadiners, dessen Hotel Edelweiß ebenfalls „aus Zucker“ ist. Das Haus, in dem Nietzsche sieben Sommer verbrachte, ist heute ein Museum. Der Schulpförter (nein, kein Hausmeister, sondern ein ehemaliger Zögling von Schulpforta), Jugendfreund und Indologe Paul Deussen, beschrieb nach einem Besuch bei Nietzsche dessen Zimmer: Es sei, sagt er, das „denkbar einfachste“ gewesen – Tisch, Stuhl, Bett, Waschtisch und Bücher. Nietzsche hatte es sich wegen der extremen Lichtempfindlichkeit seiner Augen grün tapezieren lassen. Der Philosoph Theodor W. Adorno, der in den 1960er-Jahren oft nach Sils-Maria kam, fasste zusammen, was den Besucher auch heute noch bewegt: „Wie würdig man … arm sein konnte. … Damals erkaufte man um den Preis bescheidenster Lebensführung die geistige Unabhängigkeit.“ Hier also lebte und litt Nietzsche. Und schlief – schlecht. Und schrieb – viel. Viele Briefe, z. B. an Carl von Gersdorff: „Ach, was liegt noch Alles verborgen in mir und will Wort und Form werden! Es kann gar nicht still und hoch und einsam genug um mich sein, dass ich meine innersten Stimmen vernehmen kann!“

PHILO Spuren SCIENCE

Nietzsche war ein geistiger Gipfelstürmer. Im täglichen Leben musste er jedoch auf den ebenen Wegen des Tals bleiben, weil ihm seine „sieben Achtel Blindheit“, wie er es selbst nannte, die Höhenwege versperrte. Schon 1881 kam ihm bei einem Spaziergang um den Silvaplaner See der Gedanke der ewigen Wiederkehr des Gleichen, ein Grundgedanke von „Also sprach Zarathustra“, dessen zweiten Teil er 1883 in Sils zu Papier brachte. Nietzsche schrieb: „Dieser Gedanke gehört in den August des Jahres 1881: Er ist auf ein Blatt hingeworfen, mit der Unterschrift: 6000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit.“ Dieses für Nietzsche erschütternde Ereignis fand „bei einem mächtigen pyramidal aufgethürmten Block“, einem Felsen am Ufer des Silvaplaner Sees statt. Er hat später seine Freunde gern dorthin geführt, so auch Resa von Schirnhofer. Diese 1855 in Krems geborene Philosophin, die ihr Studium mit Dissertation und Promotion 1889 an der Universität Zürich abschloss, schrieb u. a. später in einem Essay „Vom Menschen Nietzsche“: „Auch mich, wie vorher und nachher andere seiner Besucher, führte er zum wasserumspülten Felsblock am Ufer des Sees von Silvaplana, dem Zarathustrastein, an jene wundervolle Stelle ernster Naturschönheit, wo dunkelgrüner See, naher Wald, hohe Berge, feierliche Stille ihren Zauber gemeinsam weben.“ Resa von Schirnhofer lebte ab 1909 in Brixen und ist dort 1948 gestorben.

Nietzsche war ein Götzenzertrümmerer: die morsche Kultur, die verlogene Moral, ein zu einem Konzept verkommener Gottesbegriff.

DER EINSIEDLER VON SILS-MARIA

Nietzsche konnte sich Menschen öffnen, wenn er zu ihnen Vertrauen gefasst hatte, und das schloss auch Frauen ein, wenn sie ihn nicht gefühlsmäßig bedrängten. Zu seinen engen Freundinnen gehörte in Sils auch die 1855 geborene Meta von Salis, die erste Historikerin der Schweiz und Kämpferin für das Frauenstimmrecht. Als Gönnerin und Verehrerin von Nietzsche kaufte sie 1897 die „Villa Silberblick“ in Weimar für das Nietzsche-Archiv und schrieb das erfolgreiche Buch über ihre Begegnung mit Nietzsche „Philosoph und Edelmensch“. Meta von Salis starb 1929 in Basel. Sie sprach von seiner „leisen Stimme voll Weichheit und Melodie“ und Resa von Schirnhofer rühmte seine „exquisite Sensibilität und zartfühlende ausgesuchte Höflichkeit“. Es sei auch noch auf seine untadelige ethische Lebenshaltung hingewiesen. Das ist nicht die einzige Diskrepanz zwischen Leben und Werk des „Philosophen mit dem Hammer“, als den er sich selbst bezeichnete. Er hatte noch weitere soziale Kontakte, die vorgenannten scheinen mir aber deshalb erwähnenswert, weil Nietzsches Beziehung zu Frauen, vorsichtig formuliert, problematisch war.

Trotzdem umgab den „Einsiedler von Sils-Maria“ eine Aura der Einsamkeit, die vor allem in seinen Gedankenwelten begründet lag. Nietzsche war ein Götzenzertrümmerer: die morsche Kultur, die verlogene Moral, ein zu einem Konzept verkommener Gottesbegriff („Gott ist tot“). Wer konnte oder wollte ihm da folgen? Rohde in einem Brief an Overbeck: „Eine unbeschreibliche Atmosphäre der Fremdheit … umgab ihn. … Als käme er aus einem Lande, wo sonst niemand wohnt.“ Wir haben viele Fotos von Nietzsche, aber keines gibt seine existenzielle Einsamkeit so gut wieder wie ein Bild von Samuele Giovanoli (1877-1941), einem Bauern und naiven Maler aus dem Fextal (ein Nebental des En-gadin = rätoromanisch = Inn-Tal). Man sieht den Philosophen, unverkennbar mit seinem mächtigen Schnurrbart, im Gras sitzend und an einen Baum gelehnt, im Hintergrund der Silsersee und die Berge. Das Bild hängt im Hotel Seraina in Sils-Maria, dessen Besitzer Nachfahren des Malers sind.

Nietzsche ist ein ambivalenter Denker, dessen melodiöse, von dichterischer Kraft geprägte Sprache aber auch heute noch aufrüttelt.

Nietzsches Lieblingsspaziergang führte auf die Chasté, eine Halbinsel, die in den Silsersee hineinragt. Hier wollte er begraben sein, was sich nicht ergab. (Er ist in seinem Geburtsort Röcken begraben.) Nur sein Gedicht „Um Mitternacht“ aus „Zarathustra“ ist in eine Felswand gehauen. Es führt ein Rundweg um die Halbinsel, die ansonsten erstaunlich wild ist: Zwischen Arven und Föhren ragen Felsen auf, dazwischen ist der Boden mit Wildblumen bedeckt. Atemberaubende Ausblicke öffnen sich auf den See und die Berge nach Süden, wo aus dem Bergell fast immer die Sonne herauf strahlt wie ein Hoffnungsschimmer. Wie gerne würde ich ihn hier sitzen lassen, ihn, dessen „praktisches Ziel“ es war, „Künstler, Heiliger und Philosoph in einer Person zu werden“, aber sein Leidensweg endete nicht hier. Als sich im Sommer 1889 die Menschen in Sils-Maria fragten, wo er denn bliebe, ihr Höhlenbär (Nietzsche über Nietzsche), wussten sie noch nicht, dass er in Turin einen Zusammenbruch hatte, der ihn immer tiefer in die geistige Nacht hineinführte. Seine Schwester Elisabeth betreute (und vermarktete) ihn bis zu seinem Tod im Jahre 1900 in Weimar.

Muss man Nietzsche mögen, sich gar mit identifizieren? Nein, muss man nicht. Er ist ein ambivalenter Denker, dessen melodiöse, von dichterischer Kraft geprägte Sprache aber auch heute noch aufrüttelt. „Sie hätte singen sollen, diese neue Seele.“ Ja, er war ein Hölderlin verwandter Dichter-Philosoph, dessen Sprache, seinem eigenen Empfinden nach, „ein Vorgefühl von Zukunft, von nahen Abenteuern und wieder offenen Meeren“ verrät. Ein Abenteuer ist die Begegnung mit Nietzsche allemal.

ap

LITERATURHINWEIS: Walter Nigg: Friedrich Nietzsche. Diogenes Verlag, Zürich, 1994 Paul Raabe: Spaziergänge durch Nietzsches Sils-Maria. Arche Verlag Zürich, 1994 Rüdiger Safranski: Nietzsche. Biographie seines Denkens. Carl Hanser Verlag München, 2019