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Mit nur 29 Jahren trifft Ruth eine starke Entscheidung: Meine Mama kommt nicht ins Heim


Bild der Frau - epaper ⋅ Ausgabe 48/2019 vom 22.11.2019

Ruth Schneebergers Mutter wird nach einem Schlaganfall zum Pflegefall – mit 61 Jahren. Die Tochter beschließt, sie zu sich zu nehmen, pflegt sie zehn Jahre lang, bis zum Ende. Womit sie nicht rechnet: Es wird eine der schwersten, aber auch schönsten Zeiten ihres Lebens


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Bildquelle: Bild der Frau, Ausgabe 48/2019

„Wir alle waren mal jung und haben Respekt bis ins hohe Alter verdient”, sagt Ruth Schneeberger (l.). Das Foto oben zeigt ihre Mutter als junge Frau. Unten feiert sie im März 2017 ihren letzten Geburtstag, bevor sie knapp ein Jahr später stirbt

Chefreporterin Claudia Kirschner traf Ruth Schneeberger (r.) in Berlin


Auf die Frage, ob sie es ...

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... wieder tun würde, zögert Ruth Schneeberger keine Sekunde. „Pflege kann glücklich machen”, sagt sie. „Ich hatte mit vielen Herausforderungen zu tun, aber es war zugleich die wichtigste Entscheidung meines Lebens.”

Ein kühler Herbsttag in Berlin. Ein fester Händedruck, ein selbstbewusster Blick aus wachen, blauen Augen – die Journalistin weiß, was sie will. Als ihre Mutter, deren Namen sie aus Pietätsgründen nicht nennen will, 2007 einen schweren Schlaganfall erleidet, merkt sie schnell: „Es gibt kein Heim, in dem sie gut hätte leben können.”

Die heute 41-Jährige erinnert sich: „Schon in der Reha-Klinik zeichnete sich ab, dass Mama von den Pflegekräften einfach nicht verstanden wurde”, erzählt sie. Und dass sei nicht allein dem Umstand geschuldet gewesen, dass ihre Mutter nicht mehr sprechen konnte. „Hauptursache war der Pflegenotstand. Er führt dazu, dass Menschen mit speziellen Bedürfnissen durch jedes Raster fallen.”

Warum sie ihre Geschichte erzählen will? „Weil pflegende Angehörige keine Lobby haben. Das muss sich ändern!”, sagt Ruth Schneeberger, die dazu auch ein Buch geschrieben hat (s. Tipp). Drei Viertel (!) der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt – und nicht im Heim. „Trotzdem”, so Schneeberger, „wird immer nur darüber geredet, was in den Heimen passiert.”

Sie selbst wollte 2007 in München gerade beruflich durchstarten, als der Schlaganfall der Mutter in ihr bis dahin sorgloses Leben funkte: Halbseitenlähmung, höchste Pflegestufe. In den ersten Monaten flog die gebürtige Rheinländerin zwischen München und Köln, wo die Mutter zunächst in einer Reha-Klinik unterkam, hin und her. „Dort lernte ich viel über Pflege, ich ließ mir alles zeigen”, sagt sie. „Wie man einen Menschen richtig hinsetzt, lagert, was man essen sollte, um sich nicht zu verschlucken …”

„Ich wollte, dass sie wieder lachen kann”

Dabei reift in ihr ein Entschluss, den sie schon länger im Herzen trägt. „Ich sah, wie sehr meine Mutter litt. Sie war ja noch völlig klar im Kopf, aber außer mir konnte kaum einer mit ihr kommunizieren”, erklärt sie. Und fügt hinzu: „Ich wollte, dass sie wieder lachen kann – also habe ich sie zu mir nach München geholt.” Ein Kraftakt? „Ja, natürlich!”, gibt sie offen zu. „Aber einer, der möglich ist.”

Geborgenheit zu Hause: Ruth mit ihrer Mutter, Hund „Mortimer” und Katze „Lilly”


NACHGEFRAGT

Was läuft falsch in der Pflege?

Entlastungsangebote für pflegende Angehörige wie Tagesund Nachtpflege, Kurzzeit- oder Verhinderungspflege reichen nicht aus. Der monatliche Entlastungsbetrag von 125 Euro für hauswirtschaftliche Hilfe kann z. B. erst gar nicht in Anspruch genommen werden, weil passende Angebote fehlen. Mein dringender Rat: Pflegende Angehörige sollten frühzeitig Hilfe annehmen, auch finanziell. Das steht ganz oft hinten an.

Was könnte die Situation verbessern?

Für eine echte Entlastung braucht es mehr Kurzzeitpflegeplätze, die hohen Vorgaben für hauswirtschaftliche Hilfen müssen herabgesetzt werden. Und: Beruf und Pflege lassen sich nur vereinbaren, wenn es für Pflegende eine staatlich finanzierte Lohnersatzleistung ähnlich wie Elterngeld gibt.

Sind Veränderungen in Sicht?

Die Angehörigen – als größter Pflegedienst Deutschlands – sind nicht im Fokus der Politik. Es wird viel geredet, aber praktisch kommt wenig an. Ein Pflegezeitgeld ist in weiter Ferne. Zudem fehlt besonders den ambulanten Pflegediensten qualifiziertes Personal.

Eugen Brysch

Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz

INTERNET

www.stiftungpatientenschutz.de

Als Erstes sucht sie damals eine größere Wohnung, stellt für fünf Stunden am Tag eine Pflegerin ein. Hat sie drüber nachgedacht, den eigenen Job zu kündigen? „Nein. Jemanden zu pflegen darf nichts mit Selbstaufgabe zu tun haben”, findet Ruth. „Ich freute mich darauf, mich um meine Mutter zu kümmern, Ansprechpartnerin für alles zu sein. Außerdem pflegte ich sie nun jeden Abend bis in die Nacht, jedes Wochenende und auch, wenn die Pflegerinnen Urlaub hatten oder krank waren.”

Finanziell gesehen hat sie Glück: „Meine Mutter hatte eine Immobilie, die wir verkaufen konnten. Das reichte zumindest für den Anfang.” Geholfen hat ihr in dieser Zeit ihr Bruder. „Ohne ihn hätten wir das alles nicht geschafft.” Als das Geld verbraucht war, stellten die Geschwister Anträge beim Sozialamt. „Damit begann eine neue Herausforderung: Ich musste hart dafür kämpfen, meine Mutter weiter zu Hause pflegen zu dürfen.”

Ruth Schneeberger wird heute noch wütend, wenn sie daran denkt, welche Knüppel ihr zwischen die Beine geworfen wurden – von Behörden, Ärzten, Pflegern, der Krankenkasse. „So wie wir für die Vereinbarkeit von Beruf und Kinder kämpfen, brauchen wir auch die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege”, fordert sie.

Experten wie der Jurist und Altersforscher Thomas Klie pflichten ihr bei: „Die Pflegeversicherung setzt auf die Familienpflege, tut aber zu wenig dafür”, so der Autor von „Wen kümmern die Alten?” (Droemer, 9,99 Euro). „Pflege wird viel zu oft zum Armutsrisiko. Das müssen wir dringend ändern. Darum brauchen wir nicht nur mehr Geld für die Heime, sondern auch und gerade für die häusliche Pflege!”

Ruths Hoffnung: „Dass, wenn mehr Angehörige auf ihre Bedürfnisse aufmerksam machen, sich auch die Pflege insgesamt verbessern wird.”

Trotz aller Schwierigkeiten ist ihr Appell an alle Angehörigen, Mut zu haben. „Natürlich hätte ich auch mal wieder gern eine Nacht durchgetanzt und sonntags den halben Tag im Bett verbracht – wie früher”, gibt sie zu. „Aber es gibt auch die anderen Phasen, in denen ich mir nichts Tolleres vorstellen konnte, als meine Mutter zu pflegen.”

Im Februar 2018 stirbt ihre Mutter. Zehn Jahre nachdem die Ärzte ihr nur noch sechs Monate gegeben hatten. Ruth lächelt: „Wir haben alles getan, was möglich war. Und es hat sich gelohnt. Für uns beide.” CLAUDIA KIRSCHNER

BUCH-TIPP

Ruth Schneeberger „Mama, du bleibst bei mir”, Blanvalet, 18 Euro

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Was steht mir zu, wenn ich pflege? Habe ich alle Möglichkeiten ausgeschöpft? Wo finde ich Beratung und Hilfe? Diese und andere Fragen, können Sie, liebe Leserinnen und Leser, in unserer Telefon- Sprechstunde stellen. Rufen Sie an am

Donnerstag, 28. November, 14 bis 16 Uhr.

Unter der jeweiligen kostenlosen Hotline unten erreichen Sie unsere Experten:

Ruth Schneeberger, Autorin und Journalistin

Tel. 0800 / 900 1 900

Maik Heitmann, Fachjournalist für Verbraucherthemen

Tel. 0800 / 988 0 988


Fotos: Andreas Friese (3), Sibylle Fendt/OSTKREUZ, Privat (2), PR (2)