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Mit Respekt


Atrium - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 20.02.2020

Das Haus Zschaler steht für Tradition und modernes Denken. GASSER DERUNGS setzen sich mit dem Gebäude auseinander, indem sie einen Teil der Innenräume neu überdenken.


Artikelbild für den Artikel "Mit Respekt" aus der Ausgabe 2/2020 von Atrium. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Atrium, Ausgabe 2/2020

Die reich bemalte Fassade des Zschalerhauses verbirgt ein modernes Innenleben. Der bekannte Bündner Architekt Rudolf Olgiati hat das Gebäude aus dem frühen 19. Jahrhundert renoviert und umgebaut.


Der offene Wohnraum ist hell und einladend. Mit der ursprünglichen Holzdecke und dem Marmorboden vermittelt der Raum im Zusammenhang mit der neuen Küchenzeile eine kühle Eleganz.


In der Leseecke steht die Chaise von Charles und Ray Eames neben einem ...

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... traditionellen Sessel mit Fellbezug. Wohltuender Gegensatz ist die klassische Truhe aus dem Jahr 1724.


Die lange Küchenzeile aus weiss geöltem Fichtenholz dominiert den Raum. Durch die klare Form und mit der dünnen Messingplatte als Abdeckung wirkt sie jedoch einheitlich und zurückhaltend.


Die Treppe ins Obergeschoss ist ein Raumwunder. In Ausführung und Platzverhältnis auf das Notwendige beschränkt, überwindet sie die Höhe, ohne das Raumgefühl zu beeinträchtigen.


Rudolf Olgiati, 1910 in Chur geboren und 1995 in Flims gestorben, hat sich zeitlebens mit der Tradition seiner Heimat auseinandergesetzt. Sene Entwürfe sind eine Synthese zwischen Bündner Baukultur, mediterranen Einflüssen und der Moderne, klar durchdacht und eigenwillig umgesetzt. Er baute unkonventionelle Wohnhäuser im ländlichen Kontext und restaurierte historische Bauten. Mit seiner kraftvollen Architektur und seiner zeitlosen Grundhaltung waren ihm ästhetische Zusammenhänge wichtig. Denn Schönheit ist ein Wert für die Seele, und die Architektur ist dafür zuständig, diesen Wert zu vermitteln.

Diese tiefe Überzeugung für das Richtige, seine unbeirrte Suche nach Sinn und das Zusammenfügen von Bestehendem und Neuem, kombiniert mit einer kubischen und bildhaften Architektursprache, zeigt sich auch am Beispiel des Zschalerhauses in Chur, das Rudolf Olgiati 1974 bis 1977 im Auftrag der Gesellschaft für gute, alte Architektur umgebaut und renoviert hat. Beim Haus in der Altstadt, dessen Fundament noch Überreste der ehemaligen Stadtmauer enthält, bewahrte er den ursprünglichen Charakter und fügte das Neue radikal dazu. Die sienarote, bemalte Fassade auf der Gassenseite wurde vom Künstler Steivan Liun Könz renoviert. Das einst als Fahrradhandlung und Puppenwerkstatt genutzte Erdgeschoss beherbergt nun einen kleinen Laden und ein Café. Die oberen Geschosse enthalten elf kleine Wohnungen, die vor allem an Studenten vermietet wurden.

Der Bauprozess gestaltete sich nicht einfach, allzu radikal erschienen die neuen Eingriffe der Stadtbildkommission, was dann auch zu einem zeitweiligen Baustopp führte. Doch die Ästhetik der klaren Architektursprache überzeugte. Schön zeigen sich die Spuren der Zeit in den alten Holzdecken, die sich neben den glatten weissen Wänden ihre Ursprünglichkeit bewahrt haben. Historische Elemente wurden mit neuen Bauteilen kombiniert. Typisch ist das enge Treppenhaus, bekannt die unerwarteten Einblicke, vertraut der Umgang mit der bestehenden Bausubstanz. Und doch ist immer wieder alles neu und überraschend. Genauso vielfältig sind auch die Möglichkeiten, die sich durch den unkonventionellen Umgang mit Architektur und Raum eröffnen.

Karg und fast klerikal mutet die Schlafstatt im Obergeschoss an. Die Schwierigkeit, ein Bett in einem Durchgangsraum zu platzieren, wurde mit der fast provisorisch wirkenden Anordnung perfekt gelöst.


Carmen und Remo sind moderne Nomaden. Ihre Wohnung in Chur ist eingerichtet und dennoch provisorisch.


Eine neue Zeit beginnt

Carmen Gasser Derungs und Remo Derungs sind Innenarchitekten und Kosmopoliten, in Chur wie auch in Zürich daheim und oft in der ganzen Welt unterwegs. Das erste eigene Büro in Chur befand sich im Geschoss über dem Café, die Platzverhältnisse waren sehr eng für Arbeit und Übernachtungsgelegenheit. Doch die durchdachte Architektur liess diese Möglichkeiten zu. Durch wenige Korrekturen wurde die bestehende Substanz kaum angetastet. Nach einigen Jahren und dem mittlerweile ausgebauten Büro in Zürich gelang es den beiden, eine zusätzliche Wohnung im 2. Stock zu erwerben. Diese gehörte zuvor Paul Gredinger, Mitinhaber der bekannten Werbeagentur GGK, der Rudolf Olgiati sehr verbunden war und ihn mit einigen Bauprojekten beauftragte. Mit dem Kauf der zweiten Wohnung begannen die Umbauarbeiten, denn die beiden Geschosse mussten miteinander verbunden werden.

Die Lösung dafür fand sich in einer steilen, grazilen Holztreppe, die durch ihre offene Konstruktion den Raum nicht teilte und den Blick gegen die Fassade weiterhin gestattete. Schmuckstück und Blickfang des neuen Wohnraumes ist die raumlange Küchenzeile aus weiss geöltem Fichtenholz mit der matten Messingplatte, sinnlich und dezent zugleich. Perfekt dazu passt das darin eingefügte Abwaschbecken aus Sichtbeton von Dade Design. In Zusammenarbeit mit dem Engadiner Schreiner Ramon Zangger sind die Holzarbeiten sorgfältig geplant und in traditioneller Handwerkskunst massgefertigt worden. Diese Massnahmen ermöglichten eine grosszügige Möblierung mit Esstisch und Stühlen sowie eine gemütliche Leseecke. Das Obergeschoss eignet sich somit als intimer Rückzugsort und wurde mit einem raumlangen Büchergestell und passender Schlafgelegenheit ausgestattet. Das Bad hat man sanft renoviert und den heutigen Anforderungen angepasst.

Der Zwischenraum dient als Ankleidezimmer mit eingebautem Schrank, dessen Fronten aus ungebleichten Leinenvorhängen bestehen. So wird ein Gefühl von Grosszügigkeit vermittelt.


Die Dusche ist so integriert, dass sie den kleinen Raum optisch nicht tangiert. Durch die Reduktion auf wenige Materialien und die dunkle Farbe wirkt er zudem grösser als in Wirklichkeit.


Gute Architektur und eine durchdachte Raumaufteilung bieten unzählige Möglichkeiten für Erweiterungen und Veränderungen.


Genügend Platz war nun vorhanden. Doch kann ein engagiertes Innenarchitektenpaar Nein sagen, wenn sich eine zusätzliche Erweiterungsmöglichkeit ergibt? Valerio Olgiati, Architekt und Sohn von Rudolf Olgiati, überliess ihnen die daneben liegende Wohnung im zweiten Stockwerk, was zu weiteren Raumfolgen führte. Dort entstand auch das neue Bad für den privaten Bereich im Obergeschoss, der nun um ein Ankleidezimmer mit frei stehender Badewanne und einen kleinen Arbeits-/Schminkplatz erweitert wurde. Entstanden ist so eine verwinkelte, zauberhafte Wohnung, die beweist, dass gute Architektur und eine durchdachte Raumaufteilung unzählige Möglichkeiten für Erweiterungen und Veränderungen bietet. Carmen und Remo haben die Holzdecken und Balken im Originalzustand belassen. Die Wände sind wie vorher weiss gestrichen, die weissen Marmorplatten der Böden entsprechen dem vorherigen, typischen Innenausbau von Rudolf Olgiati. Die Nasszellen wurden angepasst, ohne ihren ursprünglichen Charme zu verlieren. Raumhohe Vorhänge aus ungebleichtem Leinen bilden die Schrankfronten.

Fortsetzung und Abschluss des Ankleideraumes ist die frei stehende Badewanne mit dem grossen Spiegel. Ein Fenster zur Gasse bietet hier genügend Tageslicht.


Auch bei der Einrichtung haben sich Carmen und Remo an traditionellen Werten orientiert, gemischt mit liebevoll gesammelten Einzelstücken und Erinnerungen an ihre Reisen. Die Fotokunst über der Küchenzeile ist eine Waldansicht aus Flims von Wilfried Dechau, aus der Serie «Trutg dil Flem» und das Bild «Blue Heron» stammt von der amerikanischen Künstlerin Max Cole.

Die Geschichte geht weiter

Mittelpunkt des Raums ist der massive Holztisch, eine Spezialanfertigung der beiden Innenarchitekten selber, die dazu passenden Stühle sind von Arne Jacobsen für Fritz Hansen. In der Leseecke steht die auffällige Kunststofffliege von Charles & Ray Eames, gepaart mit einem neu mit Kuhfell überzogenen Erbstück. In Anlehnung an die Sprache Rudolf Olgiatis steht eine traditionelle Truhe aus dem Jahre 1724 als wohltuender Gegensatz daneben. Beistelltische und Teppich sind Bestandteile ihres eigenen Labels svitalia, Design, and. Geschickt platzierte Leuchten von Artemide, Flos und Baltensweiler ergänzen die sorgfältig ausgewählten Möbel zu einem stimmigen, lichtdurchfluteten Ganzen. Im Obergeschoss sind die vielen Bücher untergebracht. Ein Futon dient als Schlafstatt, mit einem irritierten Augenzwinkern sehen wir die Hausschuhe aus Beton, die der befreundete Künstler Wolfgang Becksteiner aus Graz gefertigt hat.

Carmen und Remo sind moderne Nomaden, überall daheim und nirgends wirklich sesshaft. Sie sind immer wieder bereit, sich auf Neues einzulassen. Ihre Wohnung in Chur ist eingerichtet und dennoch provisorisch, denn für Veränderungen sind sie jederzeit offen. Für den Moment sind die Umbauarbeiten abgeschlossen. Doch wir sind gespannt, wie sich Carmen Gasser Derungs und Remo Derungs in diesem Haus weiter ausbreiten werden - entsprechende Gespräche sind bereits im Gang, dieses Mal mit Balkon.

1. Obergeschoss

1 Eingangsbereich
2 Kochen/Essen/Wohnen
3 Treppe
4 Bad

2. Obergeschoss
1 Schlafen
2 Bad
3 Büro
4 Reduit


GASSER, DERUNGS Innenarchitekturen Chur & Zürich (CH)


Carmen Gasser Derungs hat ihr Studium der Innenarchitektur an der ZHDK Zürich und am Art Institute Chicago absolviert. Zusätzlich hat sie den Master ZFH in Design Culture erworben. Sie ist hauptamtliche Dozentin an der Hochschule Luzern, Studienbereich Innenarchitektur. Remo Derungs hat nach dem Studium der Innenarchitektur an der ZHDK Zürich bei Peter Zumthor und Alfredo Häberli gearbeitet. Er ist seit zwei Jahren Präsident des VSI.ASAI. Ein Paar sind die beiden seit Langem und seit der Jahrtausendwende bilden sie Basis für Gasser Derungs Innenarchitekten GmbH in Zürich und Chur. Zudem teilen sie sich die künstlerische Leitung des Gelben Hauses Flims.www.gasserderungs.ch

ERSTER UMBAU: 1974-1977 von Rudolf Olgiati

NEUER INNENAUSBAU 1. & 2. OG: gasser, derungs Innenarchitekturen GmbH, Chur und Zürich

WOHNFLÄCHE: ca. 60 m2

MITWIRKENDE SPEZIALISTEN: Mitarbeit/Bauleitung: Tomaso Bundi, Chur; Schreinerarbeiten: Ramon Zangger, Samedan;

Maler- und Gipserarbeiten: Giancarlo Cazzato, Domat/Ems; Baumeristerarbeiten: Wolf Bau, Chur; Elektroarbeiten: Elektro Meier, Chur; Naturstein- und Marmorarbeiten: Berther Pflästerungen, Rhäzüns; Schüttstein: Dade Design Concret Works, Altstätten; Vorhänge: Raum Raetia (alle Spezialisten aus der Schweiz)