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Mit Schrot gegen Panzer


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Flugzeug Classic Extra - epaper ⋅ Ausgabe 18/2022 vom 06.08.2022

FW 190

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Bildquelle: Flugzeug Classic Extra, Ausgabe 18/2022

Mit der Kamera festgehalten: Eine Hs 129, ausgerüstet mit MK 113, überfliegt einen Versuchspanzer

Die Erfolge der Stukas in den Anfangsjahren des Ostfeldzuges sind verblasst. Nach der missglückten Offensive 1943 bei Kursk befindet sich die Wehrmacht in der Defensive, Stück für Stück verliert sie eroberten Boden an die Rote Armee. Die Luftwaffe im Osten ist mittlerweile nicht mehr so schlagkräftig. Noch werden die Stukas zur Luftunterstützung eingesetzt, aber sie haben ihren Zenit bereits überschritten.

Doch einen geeigneten Nachfolger gibt es nicht. Obwohl die Ju 87 an der Ostfront weiter ihr Bestes gibt, ist man sich seitens der Luftwaffe nicht sicher, wie lange die Frontlage den Einsatz dieses Musters überhaupt noch zulässt. Ohne den Begleitschutz durch eigene Jäger wird die langsame Ju 87 mehr und mehr zum Opfer der enorm wachsenden Zahl sowjetischer Jäger. Das aber bindet die eigenen Bf 109 und Fw 190, die man anderswo viel dringender braucht. Hinzu kommt die sowjetische Flak, deren ...

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... Geschütze rasant zunehmen.

Es ist also mehr als verständlich, dass der General der Schlachtflieger Ersatz sucht – und ihn in Form der Fw 190 findet. Ab dem Frühjahr 1944 übernimmt sie als Schlachtflugzeug die Rolle der Ju 87. Sie ist robust und deutlich schneller. Dabei kann die Fw 190 nicht nur schwere Bombenlasten ins Ziel tragen, sondern ist auch in der Lage, es jederzeit mit feindlichen Jägern aufzunehmen.

Am meisten zu schaffen macht den schwer am Boden kämpfenden deutschen Truppen die schier endlose Zahl an T-34 und SU-152.

Wirkungsweise des SG 113

Damit das SG 113 rückstoßfrei arbeiten konnte, hat man als Gegengewicht zum panzerbrechenden Geschoss einen sogenannten Knüppel verwendet, der mit dem Geschoss durch einen Kerbstab verbunden war. Bei der Zündung riss der Stab und die Treibladung sorgte dafür, dass das Geschoss nach unten und der Knüppel nach oben aus dem Rohr ausgestoßen wurden. Bei Einhaltung entsprechender Gewichts- und Wegeverhältnisse im Rohr arbeitete das Gerät rückstoßfrei. Bei einer Geschossgeschwindigkeit von 650 m/s konnte damit Panzerstahl von 45 Millimeter Stärke durchschlagen werden.

Will man eine Wende erreichen, dann gilt es diese Panzerwalze aufzuhalten. Doch allein mit den klassischen Bomben lässt sich das kaum bewerkstelligen. Bessere und effektivere Mittel rücken nun in den Fokus der Ingenieure. Das Erprobungskommando 26, eine Luftwaffen-Spezialeinheit, die neueste Waffen zur Panzerbekämpfung testet, findet Lösungen in Form von Luft-Boden-Raketen wie Panzerschreck und Panzerblitz.

Der Haken bei deren Einsatz ist, dass die Flugzeuge die Panzer im Tiefflug attackieren müssen und sich so dem Risiko aussetzen, von der Flak getroffen zu werden. Somit sind sie bei jedem Angriff in hohem Maße gefährdet. Und sobald sich die Panzer anfangen zu tarnen oder sich zwischen Häusern verstecken, kommt man auch nicht mehr wirklich schnell an sie heran.

Gerade die Fw 190 wird seit ihrer Einführung bei der Luftwaffe immer wieder mit neu entwickelten Waffen erprobt. Mitte Mai 1944 laufen deshalb Untersuchungen, wie man die Fw 190 als Schlachtflugzeug aufrüsten könnte. Eine der erfolgversprechendsten Waffen ist die MK 113. Man hat sie ursprünglich für die Henschel 129 entwickelt. Dort ist sie im hinteren Rumpf eingebaut. Es ist eine rückstoßfreie Schrotschusswaffe, die vertikal arbeitet und deren Schüsse automatisch beim Überfliegen des Panzers nach unten ausgelöst werden. Um bei der MK 113 den Rückstoß zu eliminieren, werden gleichzeitig die Kartuschen nach oben ausgeschossen. Die verwendete Fünf-Zentimeter-Munition durchschlägt anschließend das meist schwach gepanzerte Oberdeck des Kampfwagens und bringt ihn so zur Explosion. Die Trefferwahrscheinlichkeit liegt bei mindestens 60 Prozent. Jetzt überlegt man, die MK 113 auch in die Fw 190 einzubauen. Vorteilhaft für dieses Flugzeug ist, dass es die Bodenabwehr bis kurz vor dem Überfliegen des Panzers gezielt bekämpfen kann.

Suche nach einem Auslöser

Doch es gibt auch Nachteile. So ist die Anflughöhe von maximal zehn Metern extrem niedrig.

Was aber noch viel wichtiger ist: Bislang gibt es nur eine Höhenauslösung für die MK 113, sodass sich das Gerät nur in flachen Kampfzonen und nicht in Ortschaften oder Wäldern einsetzen lässt. Was fehlt, ist ein geeigneter

Auslösemechanismus, der nur auf die reine Metallmasse des Panzers anspricht und so den Schrottschuss auslöst. Ebenso hat man die Einbaumöglichkeiten bei der Fw 190 noch gar nicht überprüft. Deshalb sollen zunächst drei Hs 129 B-2 mit MK 113 A bestückt und beim Erprobungskommando getestet werden. Parallel dazu will man die Einbaumöglichkeit der MK 113 A in der Fw 190 F-8 prüfen. Das ist der eigentliche Entwicklungsstart für diese neue Waffe bei der Focke-Wulf Fw 190.

Bereits bei den ersten Tests zeigt sich die beachtliche Wirkung der Geschosse.

Man muss also jetzt zweigleisig fahren.

Zum einen ist es notwendig, eine auf die Fw 190 zugeschnittene Waffe zu entwickeln. Zum anderen braucht man ein geeignetes Auslösegerät. Rheinmetall Borsig beginnt mit der Konstruktion der Waffe und der Munition, sie wird jetzt als Sondergerät SG 113 bezeichnet und bekommt, wie mittlerweile üblich, einen Decknamen: Förstersonde. Anders als bei der Hs 129 kommt der Rumpfeinbau bei der Fw 190 nicht infrage, weil anzunehmen ist, dass Wirbelbildung Seiten- und Höhenruder beeinflussen könnte. Die Anlage soll stattdessen in die Tragfläche kommen, jeweils ein Gerät links und rechts. Die Waffe selbst ist so konzipiert, dass sie beim Überfliegen von gepanzerten

Zielen in einer Höhe von maximal 50 Meter automatisch durch Sonden ausgelöst wird.

Bei der Fw 190 will man diese Sonden links und rechts anstelle der Außenwaffen platzieren. Die Waffe selbst hat ein Kaliber von 7,7 Zentimetern, die Rohrlänge liegt bei 160 Zentimetern. Die Rohre sind um 15 Grad nach hinten unten geneigt. Rohr und Patrone wiegen zusammen 67 Kilogramm. Vorgesehen ist, je Flügelseite zwei verkleidete Rohre in die Tragfläche einzulassen. Bereits bei den ersten Tests zeigt sich die beachtliche Wirkung der Geschosse, je nach Trefferwinkel können sie eine 40 Millimeter starke Panzerung bei 60 Grad und 50 Millimeter bei 75 Grad Aufschlagwinkel glatt durchschlagen beziehungsweise stark deformieren. Jetzt geht es darum, diese Schüsse auch direkt ins Ziel zu bringen. Alles hängt von den Sonden ab.

Leiden die Flugeigenschaften?

Um den Mechanismus zu aktivieren, kommen zwei Möglichkeiten infrage: Der Schuss lässt sich entweder magnetisch oder elektrostatisch auslösen. Beide Varianten wollen die Ingenieure nun parallel entwickeln. Für die elektrostatische Methode ist die Luftfahrtforschungsanstalt Braunschweig (LFA) unter Dr.

Paul Hackemann und Professor Theodor Rossmann zuständig, während sich die Forschungsanstalt Graf Zeppelin (FGZ) unter Professor Richard Feldtkeller in Stuttgart des magnetischen Verfahrens annimmt. Beide Varianten müssen anschließend dann noch praktisch erprobt werden.

Äußerst wichtig ist es deshalb, vorab festzustellen, ob die Fw 190 überhaupt mit der geplanten Anordnung der Rohre in der Tragfläche flugtechnisch in Ordnung ist. Focke-Wulf baut für die Erprobung des SG 113 die Fw 190 F-8, Werknummer 582071, DR+MH, zur neuen Fw 190 V75 um. Testpilot Bernhard Märschel startet mit der modifizierten Maschine erstmals am 26. September 1944 – und es zeigt sich, dass beim senkrechten Einbau der Geräte im Flügel die Flugeigenschaften nicht leiden. Auch im Abkippverhalten beim überzogenen Geradeaus- und Kurvenflug verhält sich die V75 nicht viel anders als eine Serien-Fw-190. Selbst der Zielanflug verläuft damit einwandfrei. Focke-Wulf testet die Anlage sogar im Sturzflug bis zu 700 km/h, alles bleibt störungsfrei.

Doppelter Erfolg

Ebenso wie das FGZ in Stuttgart erhielt auch die Luftfahrtforschungsanstalt Braunschweig eine umgebaute Fw 190 zu Versuchszwecken. Die Werknummer 586586 ging nach dem Focke-Wulf-Umbau an die LFA zur weiteren Erprobung. Auch in Braunschweig verliefen die Ver-suche mit der elektrostatischen Auslösung erfolgreich. Bei entsprechenden Beschussversuchen im Januar 1945 zeigten sich bei vier abgegebenen Schüssen drei Treffer. Zwei davon durchschlugen den Panzer, einer traf die Schweißkante und prallte ab.

Das zweite zentrale Anliegen besteht darin, die Horizontalgeschwindigkeiten festzustellen. Im Vergleich zu einer serienmäßigen A-8 stellt sich heraus, dass die Förstersonde rund 25 km/h Fahrt schluckt. Die V75 erreicht am Boden 485 km/h. Im Oktober 1944 ändert Focke-Wulf die Anlage noch so ab, dass die Rohre beim Abwurf komplett aus dem Flügel herausrutschen. Übrig bleiben Löcher in den Tragflächen. Doch selbst in diesem Zustand ändert sich das Flugverhalten der Fw 190 nicht, das Abkippverhalten bleibt normal. Nach dem Abwurf des SG 113 einschließlich der Verkleidungen wird die Maschine wieder schneller, und zwar deutlich um 16 bis 20 km/h.

Die Flugerprobung endet nach wenigen Wochen. Am 17. Oktober wird die F-8 dem FGZ übergeben, FGZ-Erprobungsflieger und Diplom-Ingenieur Dietrich holt sie ab. Dort beginnt jetzt die Kleinarbeit und der Einbau der neuartigen Sonden in die Fw 190. Probleme bleiben nicht aus: Der Empfänger arbeitet zu empfindlich und das Fahrwerklager stört die Spulen der Sonden. Aber noch nicht einmal zwei Monate später, am 5. Dezember 1944, teilt die Forschungsanstalt mit, dass es nun endgültig gelungen sei, die Sonde in den äußeren Flügel anstelle der äußeren Flügelwaffe so einzubauen, dass das Auslösegerät in der Fw 190 einwandfrei arbeitet. Erreicht hat man dies durch eine Verringerung der Empfindlichkeit des Empfängers um den Faktor zehn. Außerdem wurde die Sonde an der Stelle der äußeren Flügelwaffe belassen, aber so weit in Flugrichtung aus dem Flügel hervorgeholt, dass ihre Spulen nun symmetrisch zum Lager des Fahrwerkbeines liegen.

Schrotschuss zur Bomberbekämpfung

Eine im Prinzip ähnliche Waffe war das SG 116 »Brause«. Allerdings sollte sie genau umgekehrt arbeiten und rückstoßfreie Schrotschüsse nach oben zur Bomberbekämpfung abgeben. Beim Kaliber griff man auf die Drei-Zentimeter-Munition zurück. Dadurch ließ sich die Waffe noch im Rumpf einbauen. Beim Unterfliegen eines Bombers sollte ein »optisches Auge« sechs Schuss gleichzeitig auslösen, um einen sicheren Abschuss zu erzielen. Die Tests zeigten aber Probleme bei der richtigen Schussauslösung, letztlich stellte man die Entwicklung wieder ein.

Dies war bisher eines der größten Probleme, denn eben dieses Lager hatte sich als hauptsächliche Quelle für die Störungen erwiesen.

Sonde arbeitet einwandfrei

Nun haben die Ingenieure die Sonde teilweise bis zu 40 Zentimeter über die Flügelnase herausgezogen, der übrige Teil bleibt weiter im Flügel eingebaut. Die Tests in dieser Form verlaufen laut FGZ äußerst zufriedenstellend; die Störungen sind durch die getroffenen Maßnah- men auf ein Viertel zurückgegangen. Ein Auslösen beim Überfliegen eines großen Panzers gelingt noch sicher in zehn Meter Höhe über der Turmoberkante, bei kleineren Fahrzeugen noch bei acht Metern. Gegen den abgeänderten Einbau hat auch Focke-Wulf keine Bedenken, die Sonde bleibt nun serienmäßig an ihrem festgelegten Platz. Außerdem wird die Anlage so abgeändert, dass man eine beliebige Reihenfolge beim Schießen aus den vier Rohren wählen kann, der Übergang von der linken auf die rechte Sonde zeigt ebenfalls keinerlei Schwierigkeiten. Die durchgeführten Schießversuche zeigen, dass sowohl die Sonden als auch das Auslösegerät einwandfrei arbeiten.

Munition bereitet Sorgen

Die Anlage besteht jetzt aus den beiden Sonden für die linken und rechten Rohre, dem Sender-Empfänger mit Auslöseteil und einem Verteilerkasten, der das Umschalterelais für die Sonden enthält. Während Sender-Empfänger und der Verteilerkasten im Rumpf installiert sind, liegen der Sicherheitsknopf und der Rohrwahlschalter beim Piloten. Zum Zeitpunkt dieser Meldung sind bei der FGZ bereits fünf dieser Geräte vorhanden, dazu Sonden und Verteilerkasten zum Ausrüsten einer zweiten Fw 190. Weitere Sonden sind bereits im Bau. Während die Auslöseanlage einwandfrei arbeitet, gibt es noch Schwierigkeiten mit der Munition. Die Verzögerungszeit ist zu groß, sodass die Treffer beim Überfliegen eines Panzers noch hinter dem Ziel liegen. Allerdings liegt in Rechlin schon Munition neuerer Bauart vor, die diese Probleme nicht mehr aufweist. Die Erprobung des Auslösegerätes und des Auslöseverfahrens in der Fw 190 ist jetzt abgeschlossen. Nun ist es dringend nötig, weitere Schussversuche durchzuführen, um Erfahrungswerte zu bekommen hinsichtlich Treff- und Zielgenauigkeit, geflogener Flughöhe und so weiter. Alles ist abhängig von der verbesserten Munition.

Gleichzeitig wies das FGZ aber noch auf eine Besonderheit hin. Bei den Schießversuchen zeigte sich, dass durch die Knallwelle die Flugzeugzelle erheblich beansprucht wurde. Das Kabinenfenster erlitt dabei Schäden und auch das Steuerrelais für den Fahrwerkmotor fiel zweimal hintereinander aus, sodass man es auswechseln musste.

”Bei den weiteren Tests kommt es zu einer folgenschweren Panne.“

Das FGZ schlug aufgrund der gesammelten Erfahrungen vor, weitere Schießversuche in Böblingen vorzunehmen, sobald die neue Munition eintrifft. Ebenso bald sollte schnellstens eine zweite Fw 190 mit den vorhandenen Geräten ausgerüstet werden, um entsprechende Schießversuche in Tarnewitz durchführen zu können. Außerdem wollte das FGZ jetzt die notwendigen Prüfgeräte für die Überwachung der serienmäßigen Fabrikation entwickeln und zudem solche Geräte, die zur laufenden Kontrolle der Apparatur bei der Truppe notwendig waren.

Maschine steht ungenutzt herum

Bei den weiteren Tests kommt es zu einer folgenschweren Panne. Der zweite Versuchsträger fliegt von Langenhagen zur waffentechnischen Erprobungsstelle Tarnewitz. Laut Focke-Wulf ging die Werknummer 933425 für weitere Tests schon am 6. Dezember 1944 zur E’Stelle. Dort steht die Fw 190 vier Wochen unbenutzt herum. Trotz Absprache trifft der 2. Erprobungsträger damit nicht wie zugesagt bei der FGZ ein. Man fordert das FGZ sogar auf, ihre Geräte in Tarnewitz einzubauen.

Das ist aber nicht ohne Weiteres möglich.

Zum einen ist abzuklären, ob die Installation in dem zweiten Versuchsträger in gleicher Weise wie bei der ersten Maschine möglich ist. Außerdem sind für den Umbau eine Reihe von Messinstrumenten und Einrichtungen notwendig, die es in Tarnewitz gar nicht gibt.

Das FGZ schlägt daraufhin vor, dass der betreuende Ingenieur der E’Stelle nach Nellingen kommen solle, um am Einbau der Geräte in die zweite Maschine und anfangs auch an den Testflügen teilzunehmen; das würde ihn in die Lage versetzen, anschließend die weitere Erprobung in Tarnewitz mit ersten Erfahrungswerten fortführen zu können. Das Ganze soll innerhalb von acht Tagen stattfinden.

Beeindruckende Ergebnisse

Im Verlauf der weiteren Erprobungsflüge mit Geschwindigkeiten von 500 km/h funktioniert die Anlage mit Sonden und Auslösegerät einwandfrei. Das größte Problem ist jetzt noch die Munition. Bei der bisher verwendeten Munition lagen die Treffer bestenfalls an der Hinterkante des Panzers oder gar bis zu zwei Meter dahinter. Als die neue Munition dann endlich am 5. Februar 1945 in Stuttgart-Ruit eintrifft, lässt sich deren Wirksamkeit nicht überprüfen, weil der einzige Versuchspilot Flugverbot hat. Gleichzeitig teilt Rheinmetall Borsig als Hersteller der Munition mit, dass beim Werk keinerlei neue Aufträge zur Herstellung von Versuchsmunition vorliegen.

Seitens der FGZ sind zu diesem Zeitpunkt Sonden und Geräte für fünf weitere Flugzeuge fertig. Sofort nach Eintreffen der zweiten Maschine soll der Umbau beginnen, allerdings ist sie noch immer nicht vor Ort.

Scheinbar hat man den zweiten Erprobungsträger zunächst von Tarnewitz zurück zu Focke-Wulf geflogen, denn Testpilot Dietrich fliegt am 6. Februar 1945 die Fw 190 von Langehagen aus nach Nellingen. Damit sind zwei Monate unnütz verplempert worden. Der Umbau beginnt dann sofort.

Ein erster Messflug findet am 21. Februar 1945 statt und er zeigt eine einwandfreie Schussauslösung zwischen fünf und elf Meter Höhe. Drei Tage später können die Ingenieure den Erprobungsträger einsatzklar melden. Bei den anschließenden Schussversuchen wird der Übungspanzer aus vier Rohren beschossen, lediglich ein Schuss liegt um einen Meter zu kurz. Jetzt hat auch die Munition die richtige Schussentwicklungszeit. Alles ist somit serienreif. Selbst bei Längsüberflügen von Panzern sind Treffer sichergestellt. Auch das Kriegstagebuch Chef TLR vom 15. bis 21. Januar 1945 erwähnt den erfolgreichen Test des SG 113 mit der Fw 190 bei der Forschungsanstalt Graf Zeppelin. In dem Dokument heißt es: »Verfahren zur Panzerbekämpfung FGZ: Ausarbeitung der Forschungsanstalt Graf Zeppelin eines Verfahrens zur automatischen Schussauslösung beim Überfliegen feindlicher Panzer durch Ausnutzung des Magnetfeldes derselben. Verbesserung mit umgebauter Förster-Magnet-Sonde. Vorversuche mit in Fw 190 eingebautem Auslösegerät erfolgreich verlaufen. Erprobung mit Schusswaffen bei E’Stelle Tarnewitz.«

Um Monate zu spät

”Der Pilot muss sich nicht mehr gleichzeitig auf das Fliegen und Zielen konzentrieren.“

Weitere Tests verlaufen erfolgreich. Beide Focke-Wulf Fw 190 sind Mitte März voll einsatzfähig und sollen laut Forschungsanstalt Graf Zeppelin ohne Zeitverzug an der Front erprobt werden. Am 14. März bittet man um eine Entscheidung, ob ein serienmäßiger Einsatz des SG 113 A jetzt anlaufen soll. Dafür wäre der Bau einer 0-Serie vorzubereiten.

Jetzt geht es nur noch darum, die Anlage serienmäßig zu realisieren. Doch bei den chaotischen Zuständen, die zu diesem Zeitpunkt bereits in der Rüstungsindustrie herrschen, dürfte ein Produktionsanlauf nur noch Makulatur gewesen sein. Der Krieg nähert sich dem Ende, an einen frontmäßigen Einbau in die Fw 190 ist kaum mehr zu denken. Damit bleibt das SG 113 eine höchst interessante Waffe, die aber für den Kriegseinsatz um einige Monate zu spät kommt.

Das SG 113 hätte die bereits laufende Einführung der Panzerblitz- und Panzerschreck-Luft-Boden-Raketen sicherlich wirkungsvoll ergänzen können. Diese Waffen sind zwar einfacher im Aufbau, besitzen aber den Nachteil, dass der Pilot seine Geschwindigkeit reduzieren muss, was ihn unmittelbar in den Gefahrenbereich der feindlichen Bodenabwehr bringt. Gleichzeitig muss er sich auf das Zielen konzentrieren. Während erfahrene Piloten damit weniger Probleme haben, kommt es gerade bei den jüngeren, unerfahrenen Piloten zu Fehlschüssen.

Demgegenüber besitzt das SG 113 einen enormen Vorteil: Der Pilot muss sich nicht mehr gleichzeitig auf das Fliegen und Zielen konzentrieren. Die Waffe löst automatisch aus, sobald er die Anlage aktiviert hat. Um Zielen zu müssen, braucht er auch nicht seine Geschwindigkeit zu reduzieren. Damit wären wirkungsvolle Abwehrmöglichkeiten kaum machbar gewesen, vor allen Dingen nicht während einem Gefecht. Für den Kriegseinsatz wird diese Waffe aber zu spät fertig und bewahrt die Alliierten so vor möglicherweise schweren Verlusten. ■