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Mit Stil nach Tokio


St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 80/2021 vom 12.07.2021

SPORT

Artikelbild für den Artikel "Mit Stil nach Tokio" aus der Ausgabe 80/2021 von St.GEORG. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Der Hannoveraner Chipmunk könnte Michael Jung zu einem historischen Erfolg verhelfen: dreimal in Folge Olympiasieger zu werden.

Es brach einfach so heraus aus Noch- Bundestrainer Hans Melzer, der nach den Olympischen Spielen in Tokio sein Amt an seinen designierten Nachfolger Peter Thomsen übergeben wird: „Mein Team! Guck dir das mal an! Ist das nicht geil?“ Wobei die Anrede „dir“ in diesem Fall gar nicht an jemanden bestimmtes gerichtet war, sondern einfach an alle Anwesenden der Pressekonferenz nach den Deutschen Meisterschaften der Vielseitigkeitsreiter in Luhmühlen. Das Team – Michael Jung, der neue Deutsche Meister, Sandra Auffarth, Silbermedaillengewinnerin, und Julia Krajewski, Bronze – fährt gemeinsam mit Andreas Dibowski und Corrida nach Tokio. Die beiden waren als Siebte viertbestes deutsches Paar des CCI4*-S gewesen und können in Tokio bei Bedarf eingewechselt werden (s. Olympia-Sonderheft S. 12). Mit den genannten gehen Christoph Wahler und Carjatan S sowie Anna Siemer und Avondale ins ...

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... Quarantäne-Trainingslager, außerdem die Pferde Jadore Moi von Sophie Leube und Casino von Dirk Schrade. Siemer und Avondale, die ja in Kentucky ihre FünfSterne-Feuertaufe hatten, wurden bei ihrem Heimspiel in Luhmühlen Zwölfte. Wer das von Melzer so gelobte Team über die vier Tage verfolgt hat, der verstand ihn. Lehrbuchreifes Reiten in allen drei Disziplinen. Ingrid Klimke, die seit Olympia 2000 bei jedem Championat dabei war und nun verletzungsbedingt ausfällt, fehlte in Lumühlen. Aber wenn es bei dem nun benannten Trio in Tokio so klappt, wie in der Heide, muss die Konkurrenz sich trotzdem warm anziehen.

Michael Jung und Chipmunk gelang ein Start-Ziel-Sieg mit ihrem Dressurergebnis. 2019 hatten sie den Europameisterschaftstitel noch durch einen Abwurf im Parcours verloren. Dieses Jahr kam der nun 13-jährige Contendro-Sohn nicht auch nur in die Nähe einer Stange. Er holte so mit 21,4 Zählern einen ungefährdeten Sieg, nicht nur in der DM-, sondern auch in der offenen Wertung.

Jung sagte: „Für uns war die Verschiebung der Spiele positiv. Dadurch hatten wir Zeit, uns zusammenzuraufen.“ Das hat offensichtlich gut funktioniert, denn dieses Jahr sind die beiden in vier Prüfungen noch ungeschlagen. Und die letzte Teilprüfung? „Sicher ist man angespannt vor dem Springen. Schließlich ist das kein Training, sondern eine wichtige Prüfung. Aber man darf auch nicht zu viel Druck machen, das Pferd muss locker bleiben. Vielleicht haben wir jetzt den Dreh raus“, so ein optimistischer Michael Jung.

Das steht zu hoffen bei der Mission Titelverteidigung in Tokio, bei der Jung zudem einen Rekord aufzustellen kann, den so schnell wohl niemand knacken dürfte: dreimal in Folge Olympiasieger zu werden.

MAT MACHT‘S MÖGLICH

Auch Sandra Auffarth und der zwölfjährige Diamant de Semilly-Sohn Viamant du Matz beendeten die Prüfung mit ihrem Dressurergebnis, hier 27,1 Minuspunkte. Nach der Dressur war das noch Rang sechs, später dann Platz zwei in Gesamtwertung und in der Deutschen Meisterschaft. Es ist die zweite DM-Silbermedaille in Folge für Auffarth und „Mat“, so der Stallname des Fuchses, der sich inzwischen auch in der Dressur nicht mehr zu verstecken braucht und im Gelände und vor allem im Parcours eine echte „Bank“ ist.

Beispielhaft harmonisch waren sie im Cross unterwegs und dazu auch noch schnell. Das liege an Mats besonderem Talent, sagte seine Reiterin: „Ich glaube, er wäre gerne ein Skifahrer, der nimmt immer die Innenbahn. Die sucht er von alleine und galoppiert immer ganz knapp am Flock entlang.“ Das spart Meter und damit Zeit.

Sandra Auffarth hatte bei der DM gleich drei Pferde am Start. Beendet hat sie die Prüfung allerdings nur mit Viamant du Matz. Der Holsteiner Let‘s Dance war eine super Dressur gegangen (22 Minuspunkte, Rang zwei), hatte im Gelände aber einen Vorbeiläufer am ersten Wasserkomplex. Vor dem Springen zog Auffarth den Wallach zurück, sagte, er habe ohnehin keine Chance mehr in der Meisterschaftswertung gehabt und da wollte sie ihn lieber schonen. Eigentlich war Let‘s Dance nämlich ihr Reservist für Tokio. Als solcher sollte er sie auch mit ins „Quarantäne-Trainingslager“ vor Abflug in Warendorf begleiten. Doch wenige Tage nach Luhmühlen wurde vermeldet, dass der Wallach sich verletzt hat und ausfällt.

Auffarths Nummer drei in Luhmühlen war der zehnjährige Holsteiner The Phantom of The Opera v. Quo Vados, der mit seiner ein Auge bedeckenden Laterne tatsächlich an das Phantom der Oper erinnert. Für ihn war es erst der zweite CCI4* seines Lebens.

Er galoppierte mit nur 1,2 Zeitfehlern durchs Gelände, passierte am nächsten Morgen jedoch die zweite Verfassungsprüfung nicht. Schuld sei ein Fremdkörper unter der Platte des Hufeisens gewesen, so Auffarth.

MAGIC MANDY

Eine der größten Überraschungen dieser Deutschen Meisterschaften war Julia Krajewskis Selle Français-Stute Amande de B‘Néville (s. S. 10). Nach einer 23,9 Minuspunkte-Dressur lag die elfjährige Braune noch auf Silberkurs. Ein leichter Abwurf im Parcours ließ sie dann auf den Bronzeplatz zurückfallen. Dabei war sie bis dato so souverän gesprungen, wie tags zuvor im Gelände, wo sie zudem auch noch easy in der Zeit blieb. Wie Julia Krajewski sagt: „Geländereiten mit Mandy ist wie Löwen reiten, aber einen zahmen Löwen mittlerweile. Sie ist wahnsinnig schnell, sicher und kämpft mit, aber immer im positiven Sinn.“ Pferde mit so viel „Saft“ wird es bei den klimatischen Bedingungen in Tokio brauchen. Auch wenn in Luhmühlen am Geländetag zum Teil 35 Grad Celsius herrschten, die Luftfeuchtigkeit, die in Tokio zu erwarten ist, wird noch einmal hohe Anforderungen an Reiter und Pferde stellen. Doch wenn das DM-Podest- Trio in Tokio so reitet, wie in Luhmühlen, ist alles möglich. Melzer sagt: „Ich wäre ein schlechter Trainer und die drei wären schlechte Reiter, wenn Doppelgold nicht das Ziel wäre. Ich habe großes Vertrauen in mein Team.“

DAS „SUMMER(LAND)-MÄRCHEN“

Klein aber fein war das Starterfeld im CCI5*-L. Das lag vor allem auch daran, dass Corona und Brexit den Reitern aus Großbritannien die Anreise so schwer gemacht hat. Doch für diejenigen, die sich von dem Papierkrieg nicht haben abschrecken lassen, hatte sich der Ausflug gelohnt. Okay, für die meisten. Für das neuseeländische Ehepaar Price, das in England beheimatet ist, war es ein eher schwarzes Wochenende. Sie hatten drei erfahrene Pferde in der Fünf-Sterne-Prüfung am Start; keines beendete den Cross.

Sehr viel besser lief es für Mollie Summerland und ihren Hannoveraner Charly van ter Heiden. Sie waren die Überraschung des Wochenendes – auch für die 23 Jahre junge Reiterin selbst. Luhmühlen war ihr zweiter Fünf-Sterne-Auftritt. Im Oktober 2020 war sie in Pau bereits Zehnte geworden.

Dass Summerland unter anderem mit Carl Hester zusammenarbeitet, zeigte sich in der Dressur mit einem 29 Minuspunkte-Auftakt, Führung. Kommentar Summerland: „Es ist unglaublich in dieser Position zu sein – aber ich gehe nicht davon aus, dass ich hier bleiben werde.“ Sie sollte sich täuschen. Am nächsten Tag im Cross waren die beiden eines von fünf Paaren, das fehlerfrei und in der Zeit blieb. Im abschließenden Springen mussten sie null bleiben. Denn Christoph Wahler und Carjatan S lauerten mit nur 3,1

Minuspunkten Abstand beim gemeinsamen Fünf-Sterne-Debüt hinter ihnen und waren fehlerfrei gesprungen. Charly machte es spannend. Es klapperte an Hindernis eins, zwei, drei … Aber keine der Stangen fiel. Als sie die Ziellinie mit 1,2 Zeitfehlern überquert hatte, warf Summerland einen Blick auf die Anzeigentafel, schlug im Moment des Begreifens die Hand vor den Mund und fiel dann ihrem vierbeinigen Partner um den Hals.

„Es ist ein Tag, der mein Leben verändert“, schluchzte sie später anlässlich der Siegerehrung unter Tränen, um sich dann bei allen zu bedanken, die diesen Erfolg möglich gemacht hatten. Was neben Carl Hester zum Beispiel auch Pippa Funnell war, bei der Mollie nach ihrem Abitur trainiert hat, und die ihr, wie sie sagt, dabei geholfen habe zu ergründen, wie ihr Charly tickt. Denn der war nicht immer so kooperativ, wie in Luhmühlen, erzählte sie. Sein Züchter Klaus Steffens, der ihn im Remontealter nach Belgien verkauft hat, wo Mollie ihn dann entdeckte, meinte, man habe den Contendro‘s Bube-Sohn schnell legen müssen, denn sein Betragen gegenüber Mensch und Tier als Hengst habe doch etwas zu wünschen übrig gelassen. Vom Frechdachs zum Fünf-Sterne-Sieger – und vielleicht auch zum Championatspferd. Mollie Summerland hofft auf einen Startplatz bei der EM in Avenches (Schweiz) Ende September.

WAHLERS 5*-PREMIERE

Jetzt aber! Nach dem Riesenpech in Pau, wo Christoph Wahler Carjatan S vor dem Cross zurückziehen musste, stand in Luhmühlen nun die Fünf-Sterne-Premiere für den 27-jährigen Chef des Familienbetriebs Klosterhof Medingen und seinen Holsteiner Clearway-Sohn an. In der Dressur blieben die beiden unter ihren Möglichkeiten. Aber durchs Gelände schnurrte Carjatan, als sei es nicht seine erste, sondern seine fünfte Fünf-Sterne-Prüfung. Null und in der Zeit.

Im abschließenden Parcours sah der Schimmel aus wie ein Springpferd – souverän, vorsichtig und so frisch, dass man kaum glauben konnte, dass er am Vortag bei 35 Grad einen Fünf-Sterne-Kurs hinter sich gebracht hatte. Ob Wahler enttäuscht war, dass es dann doch „nur“ Rang zwei wurde?

„Überhaupt nicht. Im Gegenteil, ich bin unendlich stolz auf Carjatan! Ich ärgere mich höchstens ein bisschen darüber, dass die Dressur nicht so gut war, wie sie sein kann.“ Den Vielseitigkeitsausschuss hat das Paar mit seinem Auftritt zumindest insoweit überzeugt, dass er sie zur ersten Reserve ernannten, sollte bei dem für Tokio anvisierten Quartett etwas dazwischen kommen.

Die Mehrzahl der Deutschen hatte sich auf den CCI4* konzentriert. Michael Jung stellte im CCI5* allerdings erstmals auf diesem Niveau seinen Holsteiner Wild Wave vor, Sieger beim Testevent in Tokio vor zwei Jahren, der nach der Dressur an aussichtsreicher vierter Position lag und im Gelände in der Zeit blieb. Allerdings löste er am Coffin, 28a, das Sicherheitssystem MIM aus, das das Hindernis bei starkem Anschlagen des Pferdes zum Einsturz bringt und so einen Sturz verhindert.

Das gab elf Strafpunkte und damit Rang fünf in der Endabrechnung, bei der von ursprünglich 25 Startern 15 in der Wertung blieben.

WEITERE AUFFÄLLIGE PAARE

Rang drei im CCI4*-S ging an Evergreen Andrew Hoy und Vassily des Lassos (27,6). Hoy reitet seit 43 Jahren in der Weltspitze, sieht seinen achten Olympischen Spielen entgegen und dürfte zum Kreis der Medaillenkandidaten in Tokio gerechnet werden. Er schöpfe seine Motivation aus dem Verlangen, immer dazu zu lernen, sagte er später.

Das war auch der Grund, aus dem die Drittplatzierte der Fünf-Sterne-Prüfung, Ariel Grald (33), mit ihrem Iren Leamore Master Plan den langen Weg aus den USA auf sich genommen hatte, um in Luhmühlen reiten zu können. „Er ist sehr groß und kann im Gelände sehr stark sein. Wir wollten, dass er diesen technischeren Kurs hier geht.“ Das hat gut geklappt. Nun hat Grald ein neues Ziel: „Nach Hause fahren, Dressur üben.“

Rand-Beobachtungen

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Luhmühlen ohne Zuschauer ist wie Currywurst ohne Curry, finden die einen. Die anderen vermissen weder das Pulver auf dem Würstchen noch die Zuschauer an den Wasserhindernissen, die jubeln, stöhnen und Fähnchen schwenken. Die einen genießen es, durch eine begeisterte Menge von Sprung zu Sprung getragen zu werden, andere sind froh, wenn ihre Pferde nicht abgelenkt werden und sich voll auf die Hindernisse konzentrieren können. „Tolles Wetter“, fand Bundestrainer Hans Melzer.

„besser geht’s doch nicht.“ So ähnlich soll es ja auch in Tokio werden, da konnte er schon mal sehen, dass seine Schützlinge mit feuchter Hitze gut klarkommen. Am Rande konnte man auch noch Fachgesprächen von Kleinkind-Eltern lauschen, erstmalig mit dabei Michi Jung und Ehefrau Faye, die Baby Lio präsentierten.