Lesezeit ca. 12 Min.
arrow_back

Mit Vollgas erwachsen


Logo von Gehirn & Geist Dossier
Gehirn & Geist Dossier - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 26.08.2022
Artikelbild für den Artikel "Mit Vollgas erwachsen" aus der Ausgabe 4/2022 von Gehirn & Geist Dossier. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gehirn & Geist Dossier, Ausgabe 4/2022

AUS DER BAHN GEWORFEN | Traumatische Ereignisse in der Kindheit geben dem Gehirn einen Entwicklungsschub ? mit negativen Folgen.

Auf einen Blick: Einen Gang hochgeschaltet

1Laut Studien entwickelt sich das Gehirn von Kindern, die Gewalt und Traumata erlebt haben, schneller als das von Gleichaltrigen ohne solche Erfahrungen.

2Das hilft den Heranwachsenden, mit den aktuellen Herausforderungen besser zurechtzukommen. Hirnnetzwerke, die Angst regulieren, reifen beispielsweise schon früher heran.

3Allerdings bringt die rasche Entwicklung langfristig Nachteile mit sich: Das Gehirn verliert rascher seine Plastizität. Das macht die Betroffenen anfälliger für psychische Erkrankungen.

UNSER AUTOR

Frank Luerweg arbeitet als Wissenschaftsjournalist in Lüneburg.

Mit Erinnerungen ist es wie mit alten Fotografien: Im Lauf der Zeit beginnen sie zu verblassen. Wir vergessen dann den Namen des alten Klassenkameraden und wissen nicht mehr genau, ob er eine Brille trug. Dennoch können wir uns oft erstaunliche Details aus der Vergangenheit vor Augen ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Gehirn & Geist Dossier. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2022 von Im ewigen Umbau. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Im ewigen Umbau
Titelbild der Ausgabe 4/2022 von Guter Musiker trotz späten Einstiegs. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Guter Musiker trotz späten Einstiegs
Titelbild der Ausgabe 4/2022 von Erste Entwicklungskarte des menschlichen Gehirns. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Erste Entwicklungskarte des menschlichen Gehirns
Titelbild der Ausgabe 4/2022 von Wie das Gehirn sich selbst heilt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wie das Gehirn sich selbst heilt
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Sprache sucht neues Zuhause!
Vorheriger Artikel
Sprache sucht neues Zuhause!
Der Weg aus der Depression
Nächster Artikel
Der Weg aus der Depression
Mehr Lesetipps

... rufen, wenn wir nur tief genug im Gedächtnis kramen – die kratzige Hose, die wir zur Erstkommunion tragen mussten; die Leckereien in unserer Schultüte oder die Farbe unseres Ranzens.

Doch wenn wir im Album unseres Lebens weit genug zurückblättern, stoßen wir irgendwann auf Seiten, die vollständig leer sind. Wer erinnert sich noch an den ersten Tag im Kindergarten? Die Geburt der zwei Jahre jüngeren Schwester? Die ersten Schritte? Die Bilder aus unseren ersten drei oder vier Lebensjahren fehlen meist komplett. Sie wurden zwar ursprünglich eingeklebt (Kleinkinder können sich ja sehr wohl an vergangene Erlebnisse erinnern), dann aber offenbar wieder entfernt oder in irgendeinen Zettelkasten verbannt, in dem sie sich nicht wiederfinden lassen. In der Wissenschaft trägt das Phänomen den Namen Kindheitsamnesie.

Die Ursache dieses Gedächtnisschwunds ist noch nicht vollständig bekannt. Viele Forschende gehen aber davon aus, dass er etwas mit der Reifung des Gehirns zu tun hat. Wir Menschen sind übrigens nicht die einzige Spezies, die darunter leidet. Erwachsene Ratten, die in einem farblich gekennzeichneten Teil ihres Käfigs einen leichten Elektroschock erhalten, meiden diesen Bereich noch Wochen später. Junge Ratten haben das schmerzhafte Erlebnis dagegen nach kurzer Zeit vollständig vergessen.

Allerdings können traumatische Erfahrungen kurz nach der Geburt offenbar dafür sorgen, dass die Jungtiere sich Erfahrungen fast so dauerhaft einprägen wie ausgewachsene Nager. In einem Experiment trennte die australische Psychologin Bridget Callaghan neugeborene Ratten drei Stunden täglich von ihrer Mutter, und das über einen Zeitraum von zwei Wochen. Die so gestressten Tiere zeigten später bei Elektroschock-Tests kaum Anzeichen der typischen Kindheitsamnesie. Ihr Gehirn verhielt sich diesbezüglich nun ähnlich wie das von erwachsenen Ratten – fast so, als wäre es schneller gereift.

Tatsächlich finden sich im Gehirn von Nagern, die auf solche Weise traumatisiert wurden, verstärkt bestimmte Regulatormoleküle. Diese microRNAs werden mit einer beschleunigten Hirnentwicklung in Verbindung gebracht; sie triggern zum Beispiel das Wachstum von Nervenzellausläufern.

Traumatische Trennung

Auch bei menschlichen Kindern gibt es Hinweise darauf, dass eine frühe Trennung von den Eltern das Gehirn schneller reifen lässt. In diese Richtung deuten zumindest die Ergebnisse einer Studie, die die US-Psychologin Dylan Gee vor einigen Jahren zusammen mit Kolleginnen und Kollegen publiziert hat. Sie hatte darin Mädchen und Jungen untersucht, die in den ersten Jahren ihres Lebens in einem Waisenhaus aufgewachsen waren. Während ein Magnetresonanztomograf die Hirnaktivität der Kinder aufzeichnete, zeigte Gee ihnen Fotos von ängstlichen Gesichtern.

Zwei Hirnregionen interessierten sie dabei besonders: der Mandelkern, auch Amygdala genannt, und ein stirnseitig gelegenes Stück der Hirnrinde, der mediale präfrontale Kortex (mPFC, siehe »Neuronale Angstbremse«). Beide sind an der Verarbeitung von Furchtreizen beteiligt. Bei Erwachsenen hemmt der mPFC die Amygdala und sorgt dafür, dass die Angst nicht überhandnimmt. Bei Kindern ist diese Bremse noch nicht ausgereift; sie reagieren daher stärker auf Furcht einflößende Reize.

Gee machte nun eine interessante Beobachtung: Bei Kindern, die sehr früh in ihrem Leben ihre Eltern verloren hatten, übte der mPFC seine Kontrollfunktion über die Amygdala bereits ähnlich stark aus wie bei Erwachsenen – anders als bei Gleichaltrigen, die ein solches Trauma nicht durchlebt hatten.

Lassen schlimme Erfahrungen in der Kindheit wie Armut, Gewalt oder der Tod eines nahen Angehörigen das Gehirn also schneller »erwachsen« werden? Wirklich belegt ist die These noch nicht. Dennoch gibt es immer mehr Befunde, die sich so interpretieren lassen.

Einer davon stammt von Anna Tyborowska, die an der Radboud-Universität im niederländischen Nimwegen forscht. Dort startete 1998 eine Langzeitstudie, an der 129 Kinder – damals gerade ein Jahr alt – zusammen mit ihren Eltern bis heute teilnehmen. Über inzwischen mehr als zwei Jahrzehnte werden die Eltern regelmäßig zu negativen Lebensereignissen ihrer Kinder in den vergangenen Monaten befragt, etwa dem Tod einer engen Bezugsperson. Außerdem scannen die Forschenden das Gehirn der Heranwachsenden im Magnetresonanztomografen.

Dabei stießen sie auf eine Auffälligkeit: Je mehr negative Erfahrungen die Mädchen und Jungen bis zu ihrem fünften Lebensjahr durchgemacht hatten, desto stärker schrumpften bei ihnen im Lauf der Pubertät bestimmte Bereiche der grauen Substanz. Der Vorgang ist an sich ganz normal für das heranreifende Gehirn. Denn in den ersten drei Lebensjahren bilden sich viele Nervenzellverbindungen aus, die wir eigentlich gar nicht benötigen. Nach einer Vorauswahl werden die überflüssigen Synapsen wieder eliminiert. Diesem Prozess verdanken wir wahrscheinlich, dass unser Gehirn trotz hoher Leistungsfähigkeit vergleichsweise sparsam mit Energie umgeht.

Deshalb zeigt sich der Schrumpfungseffekt (englisch: cortical thinning) bei allen Heranwachsenden – also auch solchen, die unter völlig normalen Bedingungen aufwachsen. In der Studie von Anna Tyborowska war er bei Jugendlichen mit traumatisierenden Kindheitserlebnissen jedoch zwischen dem 14. und 17. Lebensjahr besonders stark ausgeprägt.

Kahlschlag im Gehirn

»Die Ausdünnung der Synapsen in der Pubertät scheint bei diesen Jugendlichen schneller abzulaufen«, interpretiert die Forscherin das Ergebnis. Das Phänomen trat genau in den beiden Hirnregionen auf, die auch Dylan Gee aufgefallen waren, weil sie sich bei Waisenkindern schneller entwickelt hatten: in der Amygdala und im präfrontalen Kortex, wichtigen Zentren der Emotionsverarbeitung.

»Die Befunde unterstützen die Annahme, dass frühkindlicher Stress das Gehirn schneller reifen lässt«, kommentieren die Studienautoren ihre Beobachtung. Tyborowska warnt aber zugleich vor voreiligen Schlüssen: »Wir haben lediglich gezeigt, dass die Volumenabnahme zwischen dem 14. und 17. Lebensjahr stärker ausfiel«, betont sie. »Ob sie auch früher begann und insgesamt rascher erfolgte, wissen wir nicht.«

Dennoch passen die Ergebnisse ins Bild – genauso wie eine Studie der US-Neurologin Raquel Gur aus dem Jahr 2019. Sie analysierte Hirnscans von 1600 Kindern und Jugendlichen, wofür sie unter anderem einen selbstlernenden Computer-Algorithmus verwendete. Dieser war in einer Anlernphase darauf trainiert worden, aus MRT-Aufnahmen des Gehirns auf das Alter der jeweiligen Person zu schließen.

Normalerweise klappte das recht zuverlässig. Je mehr Traumatisches die jungen Probandinnen und Probanden jedoch in ihrer frühen Kindheit erlebt hatten, desto öfter klassifizierte die Software die entsprechende Aufnahme fälschlich als »erwachsen«.

Interessanterweise entwickelten sich die Jungen und Mädchen mit frühkindlichen Traumata auch körperlich schneller: Die Pubertät setzte bei ihnen zeitiger ein als bei Gleichaltrigen, denen das Leben besser mitgespielt hatte. Tatsächlich ist dieser Zusammenhang nicht neu, sondern war bereits zuvor in verschiedenen Studien aufgefallen.

Psychische Belastungen in den ersten Lebensjahren scheinen also die Betroffenen insgesamt schneller heranreifen zu lassen. So verlieren chronisch gestresste Kinder ihre Milchzähne früher, das Aktivitätsmuster ihrer Gene (die »epigenetische Uhr«) ähnelt eher dem von Erwachsenen, und die Telomere – molekulare »Schutzkappen« auf den Chromosomen –, die mit dem Alter immer kürzer werden, schrumpfen bei ihnen rascher.

Doch warum ist das so? »Darauf gibt es noch keine empirisch überprüfbare Antwort«, sagt Natalie Colich, die an der Harvard University erforscht, wie sich Stress auf die Entwicklung auswirkt. Einen Erklärungsansatz liefert die Life-History-Theorie: In einer von Gefahren und Gewalt geprägten Umwelt ist es demnach wahrscheinlicher, dass ein Organismus vor Erreichen der Geschlechtsreife stirbt. Um dem zuvorzukommen, setzt die Pubertät und damit die Geschlechtsreife früher ein. Das erhöht die Chance, vor dem Tod noch Nachkommen in die Welt zu setzen. Sexuell schneller erwachsen zu werden, steigert unter widrigen Lebensbedingungen also die reproduktive Fitness.

Auch eine beschleunigte Hirnentwicklung könne in einer Welt voller Gefahren vorteilhaft sein, meint Anna Tyborowska von der Radboud-Universität. »Im Alter von vier oder fünf Jahren haben Kinder ihre Gefühle normalerweise noch nicht gut im Griff«, sagt sie. »Eine schnellere Reifung der Schaltkreise, die für die Emotionskontrolle verantwortlich sind, könnte es ihnen ermöglichen, negative Erfahrungen besser zu bewältigen.« Aus evolutionsbiologischer Perspektive sei das durchaus sinnvoll. »Wenn man in einer stressreichen Umgebung Mechanismen entwickelt, damit umzugehen, ist das sicher gut fürs Überleben.« Ganz ähnlich argumentiert Bridget Callaghan, die die Kindheitsamnesie bei Ratten untersucht hat. 2016 formulierte sie gemeinsam mit der US-Psychologin Nim Tottenham die so genannte Stress-Beschleunigungs-Theorie. Als wesentlichen Auslöser für die rasche Entwicklung sehen die Wissenschaftlerinnen eine zu geringe elterliche Zuwendung in den ersten Lebensjahren. »Der Hypothese nach erlaubt eine beschleunigte Reifung dem Organismus, schneller von seinen Bezugspersonen unabhängig zu werden«, erklärt Natalie Colich.

Aber diese Erklärungen haben ihre Lücken. Die Theorie von Callaghan und Tottenham etwa sagt voraus, dass bei Stress vor allem die Verbindung zwischen präfrontalem Kortex und Amygdala schneller reifen sollte, denn diese ist essenziell für eine bessere emotionale Kontrolle. In Tierstudien finden sich dafür tatsächlich gute Indizien. Auch die Untersuchung von Dylan Gee zur Hirnentwicklung bei Waisenkindern deutet in diese Richtung. Insgesamt sind die Belege beim Menschen aber dünn. Colich analysierte 2020 gemeinsam mit Kolleginnen 25 Publikationen auf diesen Punkt hin. »Dabei fanden wir keinen klaren Zusammenhang zwischen frühkindlichen Traumata und einer schnelleren Reifung der Verknüpfung«, betont sie.

Je mehr negative Erfahrungen die Kinder bis zu ihrem fünften Lebensjahr durchgemacht hatten, desto stärker schrumpften bei ihnen im Lauf der Pubertät bestimmte Bereiche der grauen Substanz

Schnell gereift = unflexibel?

Eines bestätigen die untersuchten Studien jedoch ziemlich konsistent: dass eine schwere Kindheit bestimmte Bereiche der Hirnrinde schrumpfen lässt. Welche Regionen davon genau betroffen sind, hängt allerdings offensichtlich stark von der Art des Stressors ab. Eine von Schlägen oder Missbrauch geprägte Erziehung hinterlässt demnach an anderen Stellen Spuren als Vernachlässigung oder Armut.

Warum aber wirkt sich eine für den Moment positive Anpassung an die widrigen Umstände langfristig oft ungünstig aus? Schließlich ist unumstritten, dass eine unglückliche Kindheit das Risiko für spätere psychische Störungen stark erhöht. Da vor allem solche Hirnzentren schneller reifen sollen, die negative Emotionen wie Angst verarbeiten und kontrollieren, könnte man annehmen, die betreffenden Kinder seien damit besonders gut gegen Angststörungen, Psychosen oder Depressionen gewappnet.

Doch so einfach ist das nicht: Forscherinnen und Forscher vermuten, dass die beschleunigte Entwicklung das Gehirn weniger anpassungsfähig macht. »Durch eine schnellere Reifung könnte die Plastizität des Gehirns, die bei Heranwachsenden normalerweise stark ausgeprägt ist, zu schnell nachlassen«, argumentiert Tyborowska. »Wenn die synaptischen Verbindungen unflexibler werden, kann das womöglich die Emotionsverarbeitung im späteren Leben beeinträchtigen. Der kurzfristige Vorteil für den Organismus hat dann langfristig Nachteile.«

Handfeste Beweise für diese These fehlen aber bislang. Zwar zeigen Studien, dass Stress kurz nach der Geburt tatsächlich die Plastizität beeinträchtigen kann. Eine wichtige Rolle scheinen dabei die so genannten perineuronalen Netze zu spielen, die aus Zuckerketten und Eiweißen bestehen (siehe »Was sind perineuronale Netze?«). Sie bilden eine Hüllschicht um die Nervenzellen und stabilisieren so die Synapsen. Letztere werden daher nicht mehr so leicht umgebaut, wenn sich der Input aus der Umgebung ändert. Die Neuroforscherin Ursula Tooley von der University of Pennsylvania in Philadelphia bezeichnet die perineuronalen Netze daher auch als »Plastizitätsbremsen«.

Was sind perineuronale Netze?

Perineuronale Netze sind Zucker-Protein-Komplexe, die bestimmte Neurone im Gehirn wie ein Geflecht umgeben. Sie machen das Nervengewebe weniger plastisch – verhindern also zum Beispiel, dass sich neue Verknüpfungen bilden, oder verringern die Effizienz bestehender Synapsen. Zum einen stellen sie eine physische Barriere dar, die die Wachstumskegel benachbarter Axone davon abhält, an die Zelle anzudocken (1). Außerdem können sie hemmende Moleküle binden, die Ausläufer anderer Neurone ebenfalls fernhalten (2). Durch ihre dichte Struktur fixieren die perineuronalen Netze darüber hinaus Rezeptoren in der Zellmembran (3), die – wenn sie Teil einer Synapse sind – mit der Zeit ermüden. Normalerweise werden sie durch »frische« Rezeptoren aus angrenzenden Membranbereichen ausgetauscht, was das Geflecht nun verhindert. Sobald sich die Struktur der Netze lockert, wird das Gewebe wieder plastischer.

Kanadische Wissenschaftler haben 2022 Hirngewebe von Verstorbenen untersucht, die in ihrer Kindheit Gewalt ausgesetzt waren oder sexuellen Missbrauch erlebt hatten. Dabei fanden sie in einer Region des präfrontalen Kortex deutlich mehr perineuronale Netze als bei einer Vergleichsgruppe ohne solche schlimmen Erlebnisse. Inwieweit ein unflexibleres und weniger lernfähiges Gehirn uns anfälliger für psychische Störungen macht, kann die Wissenschaft jedoch noch nicht abschließend beantworten.

Von Schafen und Menschen

Der Neurologe Matthias Schwab vom Universitätsklinikum Jena hält die These der beschleunigten Hirnreifung durch Stress denn auch für »zwar interessant, aber keineswegs bewiesen«. Zumal seine eigenen Forschungsergebnisse diesbezüglich eher in eine andere Richtung weisen. Allerdings konzentriert er sich in seinen Studien auf ein noch früheres Zeitfenster: die neun Monate zwischen Befruchtung und Geburt.

Dabei arbeitet er unter anderem mit Schafen, denn bei denen findet – wie beim Menschen – ein Großteil der neuronalen Entwicklung im Mutterleib statt. »Bei unseren Versuchstieren sehen wir, dass sowohl vorgeburtlicher Stress als auch die Gabe von Stresshormonen zu einer verzögerten Hirnreifung führen«, sagt er. »Das gilt vor allem in den ersten beiden Schwangerschaftsdritteln.«

So bilden sich normalerweise im entstehenden Gehirn rasant neue Synapsen – der Beginn jenes Wucherungsprozesses, dem dann später in Kindheit und Jugend die typische Ausdünnung folgt. »Wir finden bei Schaf-Föten nach pränatalem Stress aber eine verminderte synaptische Dichte, eine verlangsamte Ausbildung der neuronalen Netzwerke und auch eine geringere Myelinisierung«, betont Schwab. Myelin bildet eine Art Isolierschicht um Nervenfasern, die unter anderem die Reizweiterleitung erheblich beschleunigt.

Das Team um den Neurologen verabreichte Mutterschafen während ihrer Trächtigkeit einen synthetischen Wirkstoff namens Betamethason, der dem Stresshormon Kortisol ähnelt. Bei den Föten zeigte sich anschließend eine verringerte Myelinisierung. Parallel dazu verlangsamte sich bei ihnen die Übermittlung von Reizen im Gehirn.

Besondere Relevanz bekommen diese Ergebnisse, weil auch manche Frauen während der Schwangerschaft Betamethason erhalten. Mediziner verschreiben es, wenn sie eine Frühgeburt befürchten – das sei bei etwa jeder zehnten Schwangerschaft der Fall, erklärt Schwab. Die Substanz beschleunigt die Lungenentwicklung der werdenden Kinder. Die Frühchen haben so eine erheblich größere Chance zu überleben. Was die Atemorgane anbelangt, bewirkt Betamethason also unbestritten eine frühere Reife.

Beim Gehirn sind die Effekte weniger einheitlich. Das belegen nicht nur die Ergebnisse der Schaf-Experimente. »Wir haben in einer eigenen Studie festgestellt, dass sich Kinder von mit Betamethason behandelten Müttern zum Beispiel schlechter konzentrieren können«, sagt Schwab. »Dennoch ist es natürlich richtig, den Wirkstoff zu geben – es kommt ja zunächst einmal darauf an, dass die Frühgeborenen überleben.«

Chronisch gestresste Kinder verlieren ihre Milchzähne früher

Auch er ist davon überzeugt, dass Stress den Verlauf der neuronalen Entwicklung massiv verändern kann. Er stößt sich aber an dem Begriff der Reifung – der klingt ihm deutlich zu positiv. Schwab warnt zudem davor, in die beobachteten Änderungen der Hirnstruktur zu viel hineinzuinterpretieren. Bloß weil zwei Dinge gleich aussehen – das Schrumpfen der Hirnrinde bei Stress und der ähnliche Vorgang bei der normalen Reifung –, müssen sie noch längst nicht dasselbe bedeuten. »Eine Auffälligkeit im Hirnscan sagt nur sehr eingeschränkt etwas darüber aus, wie sie die Funktion der jeweiligen Hirnregion verändert.«

Der Zug ist noch nicht abgefahren

In einem sind sich die meisten Forschenden einig: Stress, egal ob vor oder nach der Geburt, beeinflusst die Entwicklung des Gehirns nachhaltig, mit langfristig eher negativen Konsequenzen. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass diese Änderungen zumindest zum Teil reversibel sind. Wie Untersuchungen an Tieren zeigen, regt eine abwechslungsreiche Umgebung mit vielen Sozialkontakten die Bildung neuer Nervenzellen und Synapsen an und steigert so die Plastizität des Gehirns. Als Folge können möglicherweise sogar Weichenstellungen in der frühen Hirnentwicklung rückgängig gemacht werden.

Wenn man etwa jungen Mäusen für einige Tage ein Auge zuklebt, ändert sich bei ihnen die Verarbeitung visueller Reize in der Sehrinde: Die Kapazitäten konzentrieren sich nun auf das offene Auge, das dadurch dominant wird; ein Effekt, der auch nach Entfernen des Pflasters anhält. Er lässt sich allerdings nur bei Jungtieren beobachten – bei erwachsenen Labormäusen hat das Experiment normalerweise keine Konsequenzen. Bei ihnen ist die Sehrinde nicht mehr plastisch genug, als dass sich die »okulare Dominanz« (so der Fachbegriff ) noch ändern ließe. Werden erwachsene Nager aber für mehrere Monate in einem Käfig gehalten, der Spielzeug, Rohrlabyrinthe und Laufräder enthält und in dem außerdem noch mehrere Artgenossen leben, zeigt das Pflaster auf dem Auge wieder Wirkung.

MEHR WISSEN AUF »SPEKTRUM.DE«

Wie wir schwierige Zeiten durchstehen und mit Unsicherheiten umgehen, lesen Sie in unserem digitalen Spektrum Kompakt »Krisen meistern«:

Eine solche anregende Umwelt erhöht demnach deutlich die neuronale Plastizität; auf diese Weise kann sie bei Nagetieren offenbar sogar traumatische Erlebnisse abfedern. So sind Ratten, die nach der Geburt täglich mehrere Stunden von ihrer Mutter getrennt wurden, ängstlicher als gut umsorgte Tiere. Viele entwickeln sogar Anzeichen einer Depression. Diese Symptome dauern oft bis zum Lebensende an. Werden traumatisierte Nager jedoch im Erwachsenenalter für zwei Wochen in einem Käfig gehalten, der viel Abwechslung bietet, verschwindet ihre gesteigerte Angst größtenteils.

Außerdem scheint eine bessere Brutpflege bei Nagetieren als eine Art Puffer gegen ungünstige Umweltbedingungen zu wirken. »Beim Menschen gibt es dazu zwar meines Wissens noch keine Untersuchungen«, sagt Schwab. »Es ist aber gut möglich, dass eine liebevolle Erziehung die Auswirkungen vorgeburtlichen oder frühkindlichen Stresses auch bei uns mindert.«

Anna Tyborowska ist diesbezüglich ebenfalls optimistisch. »Vermutlich kann zum Beispiel eine gute Beziehung zu einem Elternteil schlechte Erfahrungen in der Kindheit auffangen«, sagt sie. »Ähnliches gilt wahrscheinlich für jede Art positiver Erlebnisse, gerade bis zum Ende der Pubertät – einer Zeit, in der das Gehirn ohnehin stark umgebaut wird.« Die Weichenstellung in jungen Jahren muss also vielleicht nicht unbedingt das gesamte Leben prägen.

QUELLEN

Callaghan, B. L. et al.: The stress acceleration hypothesis: Effects of early-life adversity on emotion circuits and behavior. Current Opinion in Behavioral Sciences 7, 2016

Colich, N. L. et al.: Biological aging in childhood and adolescence following experiences of threat and deprivation: A systematic review and meta-analysis. Psychological Bulletin 146, 2020

Hermes, M. et al.: Maternal psychosocial stress during early gestation impairs fetal structural brain development in sheep. Stress 23, 2020

Tooley, U. A. et al.: Environmental influences on the pace of brain development. Nature Reviews Neuroscience 22, 2021

Tyborowska, A. et al.: Early-life and pubertal stress differentially modulate grey matter development in human adolescents. Science Reports 8, 2018

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1969870