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Mit Zeit und Herz


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 11/2018 vom 29.10.2018

In den Niederlanden wird ein neuer Ansatz bei der Versorgung älterer Menschen verfolgt


DER REBELL STRAMPELT auf dem Rad durch Amsterdam. Um neun Uhr morgens klingelt Alexander Diefenthal an der Tür eines Patienten. Einmal. Zweimal. Ein schmächtiger alter Herr öffnet die Tür. Die Haare weiß, die dünnen Beine stecken in langen Unterhosen. Was er wolle, fragt der Alte Diefenthal. Er lächelt. Redet wirr. Weint.

Der Mann ist ein Einwanderer aus Suriname, einer einstigen niederländischen Kolonie. Sein Arzt hat Diefenthal um Unterstützung gebeten. Er befürchtet, der Mann habe psychotische Schübe und nehme seine ...

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... Medikamente nicht zuverlässig. Diefenthal hört ruhig zu, beobachtet. „Ich gebe Ihnen Ihre Medizin“, sagt er.

Der Alte schlurft zu einem Schränkchen im Flur, darüber hängt ein Foto, das ihn als 20-Jährigen zeigt mit riesiger Brille, Oberlippenbärtchen und einem Afrobob wie der junge Michael Jackson. „In den nächsten Tagen wird ein Psychiater kommen und Sie untersuchen, dann erstellen wir eine Anamnese und eine Pflegediagnose“, sagt Diefenthal.

Alexander Diefenthal ist Altenpfleger, doch wie er seinen Beruf ausübt, unterscheidet sich radikal von der Routine seiner rund 560 000 Kolleginnen und Kollegen in Deutschland: Diefenthal schaut nicht auf die Uhr. Er muss nicht nach wenigen Minuten zum nächsten Patienten hetzen. Er arbeitet selbstbestimmt. Er hat Zeit. Was an ein Wunder grenzt. Denn in der Pflegebranche ist Zeit Geld. Und ein strenges Kontrollregime wacht gerade in Deutschland darüber, wer wie viel von dieser kostbaren Ressource bekommt. Die Letzten, die darüber entscheiden dürfen, sind diejenigen, die die alten Menschen am besten kennen – die Pfleger.

Wer begreifen will, warum in den Niederlanden möglich ist, was sich Millionen alter Menschen auf der ganzen Welt wünschen – eine würdevolle, gute Pflege –, der muss nach Almelo fahren, in eine hübsche holländische Kleinstadt, etwa 140 Kilometer östlich von Amsterdam. In einem Industriegebiet steht die Zentrale von Buurtzorg, jener Pflege-Organisation, bei der auch Diefenthal angestellt ist.

Ein Treffen mit Gertje van Roessel, zuständig für die internationale Expansion des Unternehmens. Sie trägt ein weißes Sommerkleid, die blonden Haare hat sie hochgesteckt, sie lächelt freundlich. Van Roessel arbeitete lange selbst als Gemeindeschwester. Vor zwölf Jahren gehörte sie zum Gründungsteam von Buurtzorg, was im Niederländischen so viel wie Nachbarschaftshilfe bedeutet.

„Viele Pfleger waren damals wütend“, sagt van Roessel. Man hatte ihnen den Stolz genommen, ihre Arbeit entwertet, sie zur täglichen Bürokratie verdonnert, während für ihre eigentliche Aufgabe zunehmend billige Hilfskräfte eingesetzt wurden. „Das sollte Geld einsparen, und doch sind die Kosten explodiert“, sagt van Roessel.

Das ist kein Einzelfall: Erst kürzlich war sie zu einem Vortrag in der Schweiz. „Überall in den westlichen Industrienationen ist die Unzufriedenheit mit den Pflegesystemen groß. Ich habe den Eindruck, dass die meisten grundlegende Veränderungen wünschen.“ Eigentlich ist Buurtzorg eine Befreiungsbewegung, der sich in unserem westlichen Nachbarland schon mehr als 10 000 Pfleger angeschlossen haben.

„Anfangs dachten alle, wir sind verrückt, das klappt nie“, sagt van Roessel. Doch längst ist Buurtzorg vom belächelten Außenseiter zur Wirtschaftsmacht im niederländischen Gesundheitssystem geworden. Das Unternehmen betreut rund 90 000 Patienten und erbringt fast die Hälfte der ambulanten Pflegeleistungen im Königreich – und das ohne Management und traditionelle Hierarchien.

Kleine Teams mit maximal zwölf Mitarbeitern organisieren sich selbst und arbeiten in einem bestimmten Viertel, einer Buurt. Dort kennen sie die Ärzte, den Bäcker den Pastor, den Sozialarbeiter und binden sie häufig in die Betreuung mit ein. Insgesamt 40 Mitarbeiter kümmern sich um die Abrechnungen mit den Krankenkassen. Der Stundensatz beträgt derzeit etwa 60 Euro.


”Teams mit maximal zwölf Mitarbeitern organisieren sich selbst und arbeiten in einem Viertel


„Es war sehr schwer, die Kassen von dieser Finanzierung zu überzeugen, das Misstrauen war groß“, sagt van Roessel. Mittlerweile kann sie belegen, dass das Unternehmen günstiger arbeitet als vergleichbare Pflegedienste.

Regelmäßig berät Gertje van Roessel Kunden aus aller Welt, die nach den Buurtzorg-Prinzipien arbeiten wollen, in England, den USA, Indien, Japan, China. Doch auch Unternehmen wie SAP oder Energiekonzerne, die nichts mit Stützstrümpfen oder Insulinspritzen zu tun haben, lassen sich von van Roessel coachen.

Auf ihrem Schreibtisch liegt ihre „Bibel“Reinventing Organizations von Frederic Laloux, einem ehemaligen Mc-Kinsey-Berater. „Es geht darum, radikal neue Formen sinnstiftender Zusammenarbeit zu finden“, sagt van Roessel. Die Frage sei nicht: Wie schaffe ich kommerziellen Wert? Sondern: Wie schaffe ich gesellschaftliche Werte?

Im Foyer der Zentrale hängt eine riesige Luftaufnahme. Sie zeigt typisch holländische Straßenzüge mit den dicht zusammenstehenden Reihenhäuschen. Eine Buurt. Eine Nachbarschaft.

An diesem Tag berät Gertje van Roessel Gunnar Sander und Ute Kammer, beide Leiter von Pflegeunternehmen jenseits der Grenze, im westfälischen Emsdetten. Nur 60 Kilometer liegen zwischen Almelo und der deutschen Kleinstadt, und doch sind es Welten.

„Was die Holländer machen, ist eine Revolution“, sagt Gunnar Sander, selbst Chef von mehr als 1000 Mitarbeitern. Der entscheidende Unterschied sei die Bezahlung nach Zeit. Und die starke Stellung der Pflegerinnen und Pfleger.

Ute Kammer hat die Stärke der Pfleger selbst beobachten können, als sie über mehrere Tage ein Buurtzorg-Team in Hengelo begleitete. „Eine Pflegerin kam morgens zu einem alten Herrn, der klagte über starke Bauchschmerzen“, erinnert sie sich. Die Frau habe den Mann zunächst in aller Ruhe geduscht, medizinisch versorgt und angezogen, sich dann zu ihm aufs Bett gesetzt und ihn aufgefordert zu erzählen. Ob etwas Besonderes vorgefallen sei in den vergangenen Tagen, was er gegessen habe.

Es stellte sich heraus, dass die Ehefrau auf dem Markt eine große Menge Sauerkraut gekauft hatte und er seit Tagen davon esse. Ute Kammer lacht. „Das Problem war damit ganz schnell erledigt.“

In Deutschland, sagt Kammer, wäre manche Pflegerin gestresst gewesen, weil die Beschwerden des Mannes ihren Zeitplan über den Haufen geschmissen hätten. „Sie hätte sich zudem absichern müssen und einen Arzt gerufen. Auch der will kein Risiko eingehen, würde den Patienten womöglich ins Krankenhaus einweisen zu einer gründlichen Diagnostik. Magenspiegelung. Darmspiegelung. Ultraschall.“

Altenpfleger Alexander Diefenthal mit Cees, 81 ,


Mit dem Ergebnis, dass die Ursache für die Schmerzen ebenso harmlos wie leicht zu beheben ist. „So entstehen unnötige Kosten, auch weil Pfleger wenig Kompetenzen haben und sie die Verantwortung an andere abgeben“, sagt Kammer.

Sie und Gunnar Sander möchten unbedingt, dass einige ihrer Teams nach den Buurtzorg-Prinzipien arbeiten, und haben Verträge mit einer Krankenkasse abgeschlossen, um die Finanzierung zu sichern. Freiheit für die Pflegerinnen und Pfleger zu erstreiten ist fast unmöglich im deutschen System – mit einem Medizini-schen Dienst, der die Gebrechen alter Menschen in starre Pflegegrade einstuft, ohne sie zu kennen. Mit seinen Leistungskatalogen, die penibel auflisten, dass Waschen, Duschen oder Baden 19,15 Euro kosten darf und in 20 Minuten erledigt sein muss.

einem dementen Patienten, und dessen Ehefrau Helga


Über 35 Milliarden Euro wurden hierzulande allein im vergangenen Jahr für die Versorgung alter Menschen zu Hause und in Heimen ausgegeben. Dennoch herrscht dramatischer Mangel – an Zeit, an Personal, an Menschlichkeit, an Geld. Gesundheitsminister Jens Spahn, CDU, hat angekündigt, die Beiträge zur Pflegeversicherung 2019 zu erhöhen.

„Die Pflegeversicherung hat in Deutschland eine Shopping-Mentalität hervorgebracht“, sagt Gunnar Sander. „Mit dem Pflegegrad zwei beispielsweise stehen einem Patienten 689 Euro monatlich zu. Er will die Summe ausschöpfen. Und ich auch, ich bin Unternehmer! Bleibt Geld übrig, überlege ich, was ich ihm noch anbieten kann.“

So erwirtschaften Pflegedienste wie die von Gunnar Sander zwischen 5 und 8 Prozent Rendite, Pflegeheime teils deutlich höhere. Ein einträgliches Geschäft, das auch internationale Investoren anzieht. Jedes Jahr werden in Deutschland Hunderte neuer Heime geplant, obwohl nur 6 Prozent der Deutschen freiwillig in eines ziehen würden. In den Niederlanden werden Heime geschlossen.

„Wir möchten, dass unsere Patienten möglichst lange und sicher zu Hause leben können“, sagt Alexander Diefenthal. Das ist auch das Ziel der Regierung. Nicht aus romantischen Gründen, sondern, weil es günstiger ist. Die Niederlande sind eine calvinistisch geprägte Gesellschaft, vernunftbetont, kostenbewusst und äußerst pragmatisch. „Wir versuchen Komplexität zu vermeiden, und streben nach einfachen Lösungen“, sagt Gertje van Roessel. Und das macht allen Beteiligten obendrein mehr Spaß.

Gegen 15 Uhr kommt Diefenthal von seiner Tour ins Büro im Amsterdamer Stadtteil Zeeburg. In der winzigen Küche des Backsteinhauses sitzen bereits seine Kollegen Martha und Sjoerd über ihre iPads gebeugt. Sie halten fest, was die Kollegen von der Spätschicht wissen müssen. Das geht sehr schnell, die Dokumentations-App wurde eigens für Buurtzorg entwickelt. Sie funktioniert wie ein kleines Facebook und vernetzt die rund 900 Teams in ganz Holland miteinander.


”Pfleger werden dazu aufgefordert, neue Ideen auszubrüten. So ist zum Beispiel der Rollatorlauf entstanden


Die Pfleger posten Fragen, geben Tipps, bilden Foren, brüten neue Ideen aus, wozu sie ausdrücklich aufgefordert sind und wofür sie sich Zeit nehmen sollen. „Wir verstehen uns als Problemlöser“, sagt Diefenthal. Da muss man sich immer etwas Neues einfallen lassen.

So entstand beispielsweise der Rollatorlauf. Klang anfangs ziemlich schräg, alte Menschen mit ihren Rollatoren zu einem Wettrennen einzuladen. Inzwischen ist daraus ein großes Event geworden. Einmal im Jahr treffen sich ältere Herrschaften aus ganz Holland im Amsterdamer Olympia-Stadion, gesponsert von Firmen.

Sjoerd denkt nun über ein anderes Projekt nach. Er möchte Supermarktverkäufern in seinem Viertel einen Workshop anbieten, wie sie frühe Anzeichen von Demenz bei Kunden erkennen können. „Sie haben täglich Kontakt mit älteren Menschen. Wenn die sensibilisiert sind, könnte gerade einsamen, alleinstehenden Menschen früher Hilfe zukommen“, erklärt Sjoerd.

Ob die Krankenkassen das jemals finanzieren werden, kann er nicht sagen. „Aber wir sind fest davon überzeugt, wenn eine Innovation gut ist, wird das Geld folgen.“

Die Sehnsucht ist es, die unsere Seele nährt, und nicht die Erfüllung.
ARTHUR SCHNITZLER , österr. Arzt u. Schriftsteller (1862-1931)

AUS:STERN (23.8.2018); © 2018 STERN/DORIS SCHNEYINK/PICTURE PRESS


FOTOS: © PICTURE PRESS/RALF MITSCH/STERN