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Mit Zonen zum Ziel: ROTWILDMANAGEMENT


Wild und Hund - epaper ⋅ Ausgabe 24/2018 vom 20.12.2018

Ein Staatsforstbetrieb im Fichtelgebirge setzt ein Rotwildkonzept mit modernen Bewirtschaftungsund Bejagungsstrategien um. Dabei werden die Biologie der Wildart berücksichtigt, aber auch waldbauliche Vorgaben erfolgreich umgesetzt.


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Foto: Naturfoto Hofmann

Über Rotwild wird kontrovers diskutiert. Für die einen ist es „der große braune Rindenfresser“, für andere wiederum das „edle Wild“ schlechthin. Manche Forstbeamte hätten am liebsten gar kein Rotwild mehr in den Wäldern, manche Jäger beklagen, es würde ausgerottet. In Bayern wird das Rotwild nur auf 11,3 Prozent (%) der Landesfläche, in den sogenannten ...

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Über Rotwild wird kontrovers diskutiert. Für die einen ist es „der große braune Rindenfresser“, für andere wiederum das „edle Wild“ schlechthin. Manche Forstbeamte hätten am liebsten gar kein Rotwild mehr in den Wäldern, manche Jäger beklagen, es würde ausgerottet. In Bayern wird das Rotwild nur auf 11,3 Prozent (%) der Landesfläche, in den sogenannten Rotwildgebieten, geduldet. Viele davon sind Waldgebiete, ein Lebensraum, in dem das Rotwild ursprünglich nicht heimisch war.

Im Forstbetrieb Fichtelberg der Bayerischen Staatsforsten in der Oberpfalz wird seit Jahren ein modernes Rotwildkonzept umgesetzt.

Die Betriebsstelle liegt im südwestlichen Teil des Fichtelgebirges, das zum Thüringisch-Fränkischen Mittelgebirge gehört. Geprägt wird das Hohe Fichtelgebirge hauptsächlich von Fichtenwäldern und in geringerem Umfang von Fichten-Buchen-Mischwäldern. Die Fläche des Forstbetriebs umfasst insgesamt etwa 15770 Hektar (ha) und ist mit 89 % Nadelholz und 11 % Laubholz (davon 80 % Fichte, 7 % Buche) bestockt. Etwa 20 % der Fläche bilden Feucht- und Moorstandorte. Die Höhenlagen reichen von 470 bis 1024 Meter (m) über Normalnull (Ochsenkopf, zweithöchster Berg im Fichtelgebirge).

Langfristig will der Betrieb die Wälder zu Mischbeständen mit einem deutlich höheren Laubholzanteil umbauen. Das Ziel der Bayerischen Staatsforsten, standortgemäße, gesunde, leistungsfähige und stabile Wälder zu erhalten oder zu schaffen, soll so weit wie möglich durch natürliche Verjüngung und ohne Schutzmaßnahmen wie Zäune erreicht werden. Leiter des Forstbetriebs ist seit 2009 Winfried Pfahler. Er ist auch stellvertretender Vorsitzender der Hochwildhegegemeinschaft Fichtelgebirge.

Etwa 13131 ha der Jagdfläche sind Regiejagd. Die neun verpachteten Staatsjagden umfassen 2489 ha, 200 ha sind abgegliederte Jagdbezirke. Auf der Fläche jagen etwa 20 Beschäftigte des Forstbetriebs, und rund 80 Jäger haben eine Jagderlaubnis in Pirschbezirken. Etwa die Hälfte des Abschusses von 2011 bis 2018 ist durch Jagderlaubnisscheininhaber erfüllt worden. Der Forstbetrieb liegt im Rotwildgebiet Fichtelgebirge. Pro Jahr werden dort in der Regiejagd circa 550 Stück Rehwild und rund 200 Stück Rotwild erlegt.

Das wildbiologisch fundierte Rotwildkonzept stammt aus dem Jahre 2009 und wurde von Mitarbeitern des Forstbetriebs gemeinsam mit dem früh verstorbenen Biologen Dr. Wolfgang Völkl entwickelt. Die Kernpunkte sind kurz zusammengefasst: Das Konzept stellt das Fichtelgebirge als Lebensraum für das Rotwild nicht infrage. Stattdessen soll der Lebensraum optimiert und der Rotwildbestand auf ein waldverträgliches Maß angepasst werden. Dazu werden alle betrieblichen Möglichkeiten, wie etwa Äsungsverbesserung und forstliche Maßnahmen, genutzt.

Der waldverträgliche Bestand gilt als erreicht, wenn im jährlichen Traktverfahren (permanente Aufnahmelinien mit einer Länge von 40 bis 60 Metern und einer Breite von mindestens 30 Zentimetern zum Einschätzen der Verbisssituation) nicht mehr als ± 1 % neue Schälschäden festgestellt werden. Darüber hinaus berücksichtigt das Konzept die Biologie des Rotwilds stärker als bisher. Dies bedeutet, dass eine Beunruhigung der Population soweit als möglich vermieden und der Jagddruck reduziert wird. Dafür wurde die Betriebsfläche des Forstamts in vier Zonen eingeteilt: Rotwildkerngebiet – Streifzone – Wanderkorridor – Rotwildruhezone (s. Seite 17). Maßgeblich für die Einteilung waren die jahreszeitliche Nutzung des Lebensraums durch das Rotwild, aber auch die Bewirtschaftungsund Bejagungsstrategie.

Im Rotwildkerngebiet findet von Anfang Mai bis Mitte Juni und ab August nur Einzeljagd statt. Jagdruhe herrscht von Anfang/Mitte Juni (Setzzeit) bis Ende Juli. Nach der Brunft bis Ende Dezember werden wenige, gezielte Bewegungsjagden durchgeführt. In der Regel herrscht dann wieder Jagdruhe ab Mitte/Ende Dezember – unabhängig davon, ob der Abschussplan erfüllt wurde oder nicht. Im Januar finden keine Bewegungsjagden mehr statt. Zusätzlich werden verschiedene Äsungsflächen intensiv bewirtschaftet, und es wird ab Wintereinbruch bis Anfang April je nach Vegetationsfortschritt an drei Winterfütterungen gefüttert.

Das Konzept erkennt das Rotwild als elementaren Bestandteil des Fichtelgebirges an. Zur Optimierung des Lebensraums werden betriebliche Möglichkeiten, wie etwa Äsungsverbesserung und forstliche Maßnahmen, genutzt.


Foto: Naturfoto Hofmann

Basis des Rotwildkonzepts ist die Zoneneinteilung der Forstbetriebsflächen: Kerngebiet, Streifzone, Wanderzone und Ruhezone. Maßgeblich für die Einteilung waren die jahreszeitliche Nutzung des Lebensraums durch das Rotwild, aber auch die Bewirtschaftungs- und Bejagungsstrategie.


Foto: Winfried Pfahler

In der Streifzone wird eine konsequente Einzeljagd durchgeführt. Bei Bedarf finden gezielte Bewegungsjagden statt. Die Äsungsflächen dort werden extensiv bewirtschaftet und das Rotwild nicht gefüttert. Der an die Streifzone grenzende Wanderkorridor soll den Genaustausch zum naheliegenden Rotwildgebiet Steinwald in der Nördlichen Oberpfalz ermöglichen. Auf den Abschuss von männlichem Rotwild wird daher im Wanderkorridor bewusst verzichtet. In der Ruhezone ist Jagdruhe oberstes Gebot. Es finden keine Einzeljagd und keine Sammelansitze statt. Auch auf Bewegungsjagden ist in den letzten Jahren auf der gesamten Fläche der Ruhezone verzichtet worden. Lediglich während der Brunft können Jagdgäste auf Hirsche geführt werden.

Der Forstbetrieb Fichtelberg hat im Rahmen seines Rotwildkonzeptes vom Landratsamt Bayreuth eine Ausnahmegenehmigung (auf drei Jahre befristet von 2017 bis 2020) für die Maijagd auf Schmalspießer und Schmaltiere erhalten. In dieser Zeit wird ohnehin auf Rehbock und Schmalreh gejagt, sodass keine zusätzliche Störung entsteht. Ab Mitte Juni ruht dann im Kerngebiet jegliche Jagd bis zum 1. August. Die Jagdzeit endet auch dort im Dezember um Weihnachten – unabhängig davon, ob der Abschuss erfüllt ist oder nicht. Forstdirektor Pfahler betont im Gespräch immer wieder, dass es nicht darum gehe, die Jagdzeit auf Rotwild auszuweiten, sondern im Gegenteil, die Jagdzeiten insgesamt zu verkürzen, aber effizient zu nutzen und die damit verbundenen Beunruhigungen zu minimieren. Mit der Jagdruhe ab Dezember nimmt man Rücksicht auf die Physiologie des Rotwildes, das in dieser kargen Zeit hauptsächlich Ruhe braucht und an den Fütterungen stehen soll.

Vom Gesamtabschuss des Forstbetriebs werden etwa 20 bis 35 % des Rotwildes, nur circa 5 bis 10 % des Rehwildes und rund 30 bis 50 % des Schwarzwildes auf den Bewegungsjagden erlegt. Bedingung für die erfolgreichen Bewegungsjagden sind eine gründliche Organisation und ein perfekter Ablauf. Dann sind Bewegungsjagden eine effektive Jagdmethode. Jagddruck und Beunruhigung werden dadurch reduziert. Durch verhoffendes oder ruhig ziehendes Wild können die Stücke sicher angesprochen und sauber erlegt werden. Voraussetzung hierfür ist, dass geeignete Hunde und ortskundige Treiber eingesetzt werden. So wird das Wild auf die Läufe gebracht, kommt den Schützen aber nicht hochflüchtig.

In der Kern- und Ruhezone liegen 67 Äsungsflächen für Rotwild. Sie gelten als jagdliche Ruhebereiche.


Derzeit unterhält der Forstbetrieb drei Rotwildfütterungen. Beschickt werden sie ab Wintereinbruch bis – je nach Vegetationsfortschritt – meist Anfang April. Das Futter wird täglich frisch, nach Möglichkeit von derselben Person, ausgebracht. Vorgelegt wird nur artgerechtes Rau- und Saftfutter, wie Bergheu, Runkelrüben und Grassilage, aber keine Maissilage. Ein Berufsjäger ist für alle drei Fütterungen verantwortlich. Das rechtzeitige Beschicken bei Wintereinbruch spielt dabei eine entscheidende Rolle: Das Rotwild soll schnell an die Fütterungen ziehen und mit möglichst wenigen Störungen in ihrer Nähe überwintern. Damit sollen Schälschäden durch einzeln herumziehende Rudel weitab der Fütterungen verhindert werden. Pro Jahr belaufen sich die Kosten auf rund 17000bis 18000Euro. Die Buche kann dafür im gesamten Forstbetrieb ohne Zaunschutz eingebracht werden und kommt durch. Es werden also für den Waldumbau keine schützenden Zäune mehr benötigt – unterm Strich und bilanziert ergeben sich dadurch sogar Einsparungen für den Betrieb.

Vor allem Äsungsverbesserung und Lebensraumgestaltung haben eine hohe Priorität im Rotwildkerngebiet und in der Ruhezone. In beiden Zonen liegen insgesamt 67 Äsungsflächen mit circa 31 ha. Sie gelten beim Forstbetrieb als jagdliche Ruhebereiche und werden optimal unterhalten und bewirtschaftet. Viele Habitatverbesserungen werden auch über gezielte forstliche Arbeiten, beispielsweise Moorrenaturierungen, Freistellen von Bachläufen, Anlage von Feuchtbiotopen, durchgeführt.

Die Maßnahmen kommen auch dem Auerwild und der Kreuzotter zugute. Insbesonders das Auflichten von Beständen und der Verzicht auf Zäune hilft den Hühnervögeln. Bis heute hat sich das Auerwild im Fichtelgebirge als autochthone Population halten können, ohne dass jemals Auswilderungen stattgefunden hätten. Deshalb ist Pfahler daran gelegen, dass auch dessen Lebensräume gepflegt werden. Die Biotopverbesserungsmaßnahmen für das Auerwild sowie die Renaturierung und die Wiedervernässung von Hochmooren werden durch den Verein Bergwaldprojekt e.V. unterstützt.

Um ein hochwertiges Lebensmittel zu vermarkten, ist die professionelle Versorgung des erlegten Wildes Grundvo raussetzung. Beim Neubau des Dienstgebäudes wurde daher an zeitgemäße Zerwirk- und Kühlräume sowie an einen Verkaufsraum gedacht. Der Forstbetrieb vermarktet das regionale Wildbret in ganzen Stücken, seit 2012 auch in küchenfertigen Portionen, frisch vakuumiert und tiefgefroren. Die Nachfrage ist groß.

Der Erfolg des Rotwildkonzepts im Forstbetrieb Fichtelberg spricht für sich: Seit Jahren werden im jährlichen Traktverfahren neue Schälschäden nur noch in Höhe von ± 1 % festgestellt. Das bedeutet, dass das Erreichen waldbaulicher Vorgaben und Ziele sowie die Bewirtschaftung des Rotwildbestands durch die Zonierung und Habitatoptimerung bisher gelungen sind. Bei 90 % Nadelholz im Ausgangsbestand kommt selbst die Buche ohne Schutz hoch. Allerdings gibt es vereinzelt in Randbereichen des Forstbetriebs auch höhere Schälschäden. Insbesondere dort, wo außerhalb des Staatsforstes bis zum 31. Januar intensiv gekirrt wird und dann mit Ende der Jagdzeit nicht mehr.

Die Lebensraumverbesserungen fördern auch die autochthone Auerwildpopulation.


Foto: Sven-Erik Arndt

Der Forstbetrieb führt gezielt Renaturierungsmaßnahmen durch. Hier eine wiedervernässte Feuchtfläche auf der Königsheide


Foto: Dr. Harald Kilias

20 bis 35 % der jährlichen Rotwildstrecke werden nach der Brunft auf Bewegungsjagden erzielt.


Foto: Privat

Dr. Harald Kilias

Jahrgang 1949, Studium der Biologie in Erlangen, Promotion 1978, zuletzt im Bundesministerium der Verteidigung als Referent für Naturschutz, Forsten und Jagen tätig.
Seit 2014 im Ruhestand und Landesobmann Deutschland im Orden „Der Silberne Bruch“

Wie geht es weiter? Im nächsten Jahr soll das Rotwildkonzept evaluiert werden. Nach zehn Jahren lohnt sich eine detaillierte Überprüfung, ob es eventuell Anpassungsbedarf und Verbesserungspotenzial gibt. Wie Winfried Pfahler betont, soll das erfolgreiche Konzept auf alle Fälle beibehalten und weiterentwickelt werden. „Nicht für das Beginnen, sondern für das Durchhalten werden wir belohnt“, sagt der Betriebsleiter. Allerdings ist abzuwarten, wie sich der Wolf auf das bislang so erfolgreiche Rotwildkonzept auswirken wird. Im südlichen Landkreis Bayreuth, im Veldensteiner Forst, zieht bereits ein Wolfspaar seine Fährte und hat sich in diesem Jahr auch schon fortgepflanzt.

Das artgerechte Füttern ab Wintereinbruch soll das Rotwild in der Umgebung der drei Fütterungen halten und so Schäle vermeiden.


Fotos: Reiner Bernhardt