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Mitgestalten im Klassenrat


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Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 04.10.2022

Am 19. Mai 2022 findet an der Geschwister-Scholl-Schule in Bensheim der 13. Hessische Demokratietag statt. Die Teilnehmenden haben sich im Forum der Schule versammelt und werden von einer Gruppe Grundschüler:innen der Sturmiusschule Fulda vielsprachig begrüßt, zunächst durch eine Einspielung über die Anlage: »Guten Morgen« in vielen Sprachen. Dann übernimmt Sahra das Mikro: »Hallo und guten Morgen zusammen, oder wie wir auf Türkisch sagen: Günaydin.« Ivana begrüßt auf Bulgarisch: »Dobro Utro.« Mohammad wünscht allen auf Persisch einen guten Morgen und erzählt: »Ich spiele gerne Volleyball und Fußball. Ich bin Klassensprecher. An der Sturmiusschule sind die Kinder und Lehrer alle sehr unterschiedlich.« Juliano erklärt: »In vielen Klassen begrüßen wir uns morgens in allen Sprachen, die in der Klasse gesprochen werden. Das ist wirklich schön.« Sahra ergänzt: »Die Idee zu unserer Begrüßung in allen ...

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Partizipation in der Schule
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... Sprachen hatte eine Klasse vor ein paar Jahren im Klassenrat. Diese Idee fanden alle an der Sturmiusschule super.« So entstand aus einer Idee, die in den Klassenrat getragen und dort diskutiert wurde, ein Ritual für die gesamte Schule.

WAS IST DER KLASSENRAT?

Die Viertklässler:innen der Sturmiusschule erläutern den Klassenrat so: »Im Klassenrat sprechen wir jede Woche über Wünsche oder Probleme, die in der Klasse entstanden sind. Das machen alle Klassen der Sturmiusschule. Wir finden es gut und wichtig, dass unsere Meinung gehört wird. Auch unseren Lehrern ist das wichtig.« Damit benennen die Kinder einige wesentliche Merkmale des Klassenrats. Er ist ein basisdemokratisches Mitsprachegremium auf der Ebene der Einzelklasse. Im Klassenrat geht es um alles, was die Schüler:innen betrifft: Konflikte werden geklärt und Wünsche für den Unterricht, das Zusammenleben in der Klasse oder das Schulleben besprochen. Außerdem wird gewürdigt, was gelungen ist und worüber Einzelne sich in den letzten Tagen gefreut haben – in einer positiven Runde oder unter »Ich lobe«. Zur Vorbereitung des Klassenrats notieren die Kinder und Jugendlichen die Woche über ihre Anliegen für den Klassenrat: Lob, Kritik und Wünsche. Diese Themen stehen im Zentrum des nächsten Klassenrats.

ROLLEN UND AUFGABEN IM KLASSENRAT

Entscheidend ist, dass die Hauptverantwortung für den Klassenrat in den Händen der Schüler:innen liegt. Sie übernehmen als Klassenratsleitung die Strukturierung und Moderation, unterstützen als Zeitwächter:innen das Zeitmanagement, sorgen als Regelwächter:innen für die Einhaltung der gemeinsam vereinbarten Regeln und halten Beschlüsse im Protokoll fest, um deren Verbindlichkeit zu sichern. Für das Gelingen dieser Verantwortungsübernahme spielen die Haltung der Lehrkraft und ihr Rollenverständnis im Klassenrat eine wichtige Rolle: Inwieweit ist sie bereit, sich auf die Perspektiven und Entscheidungen der Kinder oder Jugendlichen einzulassen und sich selbst möglichst weit zurückzunehmen?

Werfen wir einen Blick auf die Symbolwirkung eines solchen Rollenwechsels. Unter der Überschrift »Everyone is important« findet sich in einem Reflexionspapier des Referenzrahmens für Demokratie-Kompetenzen (cdc) des Europarats folgender Gedanke: »When teachers embrace inclusive methods, for example, they send a meaningful message to learners: they say ›you are all important and valuable‹, ›we can all learn from each other‹. […] On the other hand, when teachers spend most of the time standing in front of the classroom giving a lecture and writing on the board while learners listen and copy, they are also teaching a strong lesson: ›I have the knowledge‹, ›you will passively learn and follow‹« (Council of Europe 2021, S. 25).

Die Haltung der Lehrkraft im Klassenrat spielt eine wichtige Rolle: Inwieweit ist sie bereit, sich auf die Perspektiven und Entscheidungen der Kinder oder Jugendlichen einzulassen und sich selbst möglichst weit zurückzunehmen?

Ablauf des Klassenrats

In der Regel findet der Klassenrat einmal pro Woche im Sitzkreis statt, eine Schulstunde lang. Zu Beginn des Klassenrats wird das Protokoll der vergangenen Sitzung vorgelesen und überprüft: Haben die Absprachen sich bewährt? Diese Reflexion ist wichtig, um ein Thema noch einmal aufzugreifen, falls die im Protokoll festgehaltene Lösung nicht funktioniert hat. Unter »Bericht aus der SV/Kinderkonferenz« findet eine Vernetzung mit der Partizipation auf Schulebene statt: Anliegen der Klassenräte werden in den repräsentativen Mitsprachegremien behandelt, und diese geben ihrerseits Fragen in die Klassenräte. Außerdem gewährleistet dieser TOP, dass alle Schüler:innen über schulische Belange informiert werden. Im Zentrum des Klassenrats steht die lösungsorientierte Diskussion über die Anliegen der Klasse: Lob, Kritik und Wünsche (für grundlegende Informationen zum Klassenrat siehe Friedrichs 2014 und 2017).

Wenn für inklusive Unterrichtsmethoden gilt, dass Lehrkräfte durch das Setting dieser Lernformen vermitteln: »Ihr Kinder und Jugendlichen seid alle wichtig und wertvoll, und wir können von jeder und jedem von euch lernen«, und wenn andererseits frontale Unterrichtssettings symbolisch darstellen, die Lehrkraft verfüge über das Wissen, das sich die Schüler:innen »passively« anzueignen hätten, dann lässt sich das gut auf den Klassenrat übertragen. Im Klassenrat erleben Schüler:innen sich als wichtig und wertvoll, als Persönlichkeiten, die etwas einzubringen haben und die mit ihren Bedürfnissen ernst genommen werden. Jürgen Zinnecker hat für den symbolischen Gehalt von Unterrichtssettings den Begriff des »heimlichen Lehrplans« geprägt: Nicht nur durch das »Was?«, die Ebene der Lerninhalte, sondern entscheidend durch das »Wie?« der Lehr- und Lernformen wird in der Schule etwas gelernt, ereignet sich Sozialisation.

Demokratiebildung als Querschnittsaufgabe der Schule braucht deshalb den Klassenrat und andere Formen und Gremien der Mitbestimmung wie Klassensprecher:innen, Jahrgangs- oder Stufensprecher:innen, Kinderkonferenzen und Schüler:innenverwaltung (SV) sowie die selbstverständliche Repräsentanz von Schüler:innen in weiteren schulischen Gremien.

Obwohl die Klassenleitung formal als »normales« Mitglied des Klassenrats gilt, trägt sie die Verantwortung für das, was im Klassenrat ausgehandelt und wie interagiert wird. Sie verfügt über Rechts- und Systemkenntnisse, die bedeutsam, den Schüler:innen aber oft noch nicht vertraut sind; und sie muss Grenzen setzen, wenn Rechte und Pflichten nicht hinreichend berücksichtigt werden oder die Menschenwürde gefährdet ist. Das möchte ich an einem realen Beispiel verdeutlichen.

GRENZEN DES KLASSENRATS

In einer vierten Klasse wurde eine Schülerin im Klassenrat wiederholt für ihr Verhalten kritisiert. Was ihr vorgeworfen wurde, ist mir nicht bekannt und tut auch nichts zur Sache. Entscheidend ist vielmehr, welche Sanktion die Schüler:innen im Klassenrat vereinbarten. Sollte das Mädchen sich noch einmal »problematisch« verhalten, werde es in die Parallelklasse versetzt. Die psychische Belastung der Schülerin war so hoch, dass sie sich ihrer Mutter anvertraute, die daraufhin die Lehrkraft um ein Gespräch bat. Diese vertrat die Position, es handele sich um einen Beschluss des Klassenrats, an den sie gebunden sei.

Wenn ich diese Situation in Fortbildungen schildere, reagieren die Teilnehmer:innen oft entsetzt und verweisen auf die Rechtslage. Ordnungsmaßnahmen wie eine Querversetzung können in einer Klassenkonferenz mit Schulleitung, keinesfalls jedoch durch das Gremium Klassenrat verhängt werden. Hinzu kommt der mangelnde Schutz des Kindes. Der Klassenrat darf unter keinen Umständen zur Beschädigung eines Kindes oder einer:s Jugendlichen beitragen! Spätestens als ein Kind den Vorschlag einer Querversetzung einbrachte, hätte die Lehrkraft sich sofort einschalten und ein Veto einlegen müssen.

Der Klassenrat ist in der Regel nicht der richtige Ort für die Klärung von Konflikten zwischen zwei Personen – dafür sollte es Mediationsangebote wie z. B. die Streitschlichtung geben. Im Klassenrat hingegen geht es bei Kritik um die Frage: Welches Verhalten belastet unsere Gemeinschaft oder einzelne Personen? Wie wollen wir in Zukunft miteinander umgehen, und welche Klärungen oder Regeln benötigen wir dafür? Eine weitere Grenze ist mit Blick auf Mobbing zu beachten: Unter keinen Umständen ist der Klassenrat ein Ort für die Intervention bei Mobbing, wohl aber eine Chance der Mobbingprävention, wenn Konflikte frühzeitig bearbeitet werden, wenn sie noch gut zu lösen sind.

Der Klassenrat kann und muss bei aller Beständigkeit in den Grundsätzen und Zielen offen sein für seine Weiterentwicklung, in jeder Klasse und bei gesellschaftlichen Veränderungen.

Veto einlegen

Hat jemand Bedenken, ein Thema im Klassenrat zu besprechen, kann sie oder er ein Veto einlegen. Eine Veto-Karte, in die Mitte des Sitzkreises gelegt, kann diese Möglichkeit verdeutlichen und bei Bedarf von der Person, die einen Einspruch hat, aufgenommen werden. Dann wird das betreffende Thema nicht im Klassenrat verhandelt, sondern an anderer Stelle. Eine Alternative zur Veto-Karte bietet die Nutzung der Verfahrensregel »Meldung zur Geschäftsordnung«: Wer sich mit beiden Händen meldet, hat etwas zum Gesprächsverlauf, also auf der Metaebene, zu sagen und ist als Nächste:r dranzunehmen. Diese Möglichkeit steht allen Mitgliedern des Klassenrats offen.

Durch strukturelle Analogien zu Gerichtsverfahren besteht die Gefahr, das Gespräch über Konflikte zu einem »Tribunal« werden zu lassen. Anders als in juristischen Verfahren, die darauf zielen, die Gesellschaft vor Straftäter:innen zu schützen, ist es Aufgabe des Klassenrats als pädagogischer Institution, diejenigen, die aufgrund eines bestimmten Verhaltens kritisiert wurden, am Ende der »Kritikrunde« in die Gemeinschaft zu reintegrieren. Darin liegt eine wichtige Funktion der Lösung, die am Ende jedes Konfliktgesprächs zu finden ist. Auf diese Weise wird ein Schlussstrich unter einen Konflikt gezogen und ein neuer Anfang ermöglicht.

DER KLASSENRAT – EINE ERFOLGSGESCHICHTE MIT WEITERENTWICKLUNGSPOTENZIAL

Als ich Ende der 1990er-Jahre an meiner Promotion zum Klassenrat arbeitete (Friedrichs 2004), war dieser kaum bekannt und wurde lediglich an einzelnen Reformschulen praktiziert. Seitdem hat sich einiges getan. Viele Lehrkräfte und immer mehr Schulen halten inzwischen Klassenrat, auch wenn unter diesem Namen durchaus unterschiedliche Konzepte oder Praktiken firmieren.

Thüringen und Berlin haben den Klassenrat als verpflichtende Institution eingeführt: 2019 wurde er in das Schulgesetz Thüringens (§ 28), 2021 ins Berliner Schulgesetz (§ 84a) aufgenommen und damit für alle allgemeinbildenden Schulen der beiden Bundesländer verbindlich. Bemerkenswert bei Unterschieden im Einzelnen ist die rechtliche Verankerung des Klassenrats in beiden Schulgesetznovellen. Sie sichert ein zentrales Anliegen der UN-Kinderrechtskonvention von 1989, 1992 durch den Deutschen Bundestag ratifiziert: das Recht von Kindern und Jugendlichen, entsprechend ihren Fähigkeiten in allen sie betreffenden Belangen informiert zu werden, ihre Meinung einbringen und mitentscheiden zu können (UN-KRK §§ 12 f.).

Das Potenzial des Klassenrats zur Stärkung der Kinder und Jugendlichen zeigt sich auch darin, dass er 2016 explizit in einer Broschüre des Unabhängigen Beauftragten für sexuellen Kindesmissbrauch zu schulischen Schutzkonzepten erwähnt wird (vgl. dazu den Beitrag von Poitzmann in diesem Heft): »Partizipation ist nicht nur bei der Entwicklung des Schutzkonzepts selbst von Bedeutung, sondern stellt einen eigenständigen und sehr zentralen Bestandteil von schulischen Schutzkonzepten dar.« Indem sich das Machtgefälle gegenüber Lehrkräften und anderen schulischen Beschäftigten verkleinere, werde die Position der Schüler:innen gestärkt. Auch stärkten Mitbestimmungsgremien die Kritikfähigkeit von Heranwachsenden in Fällen, in denen die Umsetzung der Kinderrechte beeinträchtigt werde. »Den schulischen Mitbestimmungsformen und -gremien wie Klassenrat […] kommt hier eine besondere Bedeutung zu« (Arbeitsstab 2016, Kap. VII Partizipation).

Eine interessante Frage stellt sich mit Blick auf die schulische Integration Geflüchteter: Inwieweit funktioniert der Klassenrat auch in Vorbereitungsklassen und in mehrsprachigen Klassen mit geringen Deutschkenntnissen? Nach Regina Heil und Nikola Poitzmann eignet er sich gut, um neu Hinzugekommenen einen Raum zu bieten, in dem sie lernen können, im deutschen Schulsystem zurechtzukommen. Dazu gehöre beispielsweise die Erfahrung, dass die eigene Meinung in der Schule erwünscht ist und gehört wird, was bei Schüler:innen mit ganz anderen oder auch ohne Schulerfahrungen nicht als bekannt vorausgesetzt werden könne (vgl. Heil/Poitzmann 2019).

Der Klassenrat ist nicht der richtige Ort für die Klärung von Konflikten zwischen zwei Personen – dafür sollte es Mediationsangebote wie die Streitschlichtung geben.

Eine Herausforderung anderer Art stellte sich in der Pandemie, genauer: im Distanzunterricht. Viele Kolleg:innen haben in dieser Phase mit dem Klassenrat ausgesetzt, obwohl Kinder und Jugendliche gerade in dieser Situation einen Raum benötigten, in dem es um ihre Gefühle, ihre Fragen und ihre Bedürfnisse ging. Dass der Klassenrat auch online funktioniert, haben Kerstin Lück und Meike Dudde vom Konflikthaus Berlin gezeigt (; vgl. Friedrichs 2022, S. 19 f.). Im Online-Klassenrat übernehmen Schüler:innen wichtige Rollen wie Moderation und Zeitmanagement. Sie können als Regelwächter:in oder als Chat-Beobachter:in mitwirken und als Host Verantwortung für die Technik übernehmen. Regeln sind dabei neu auszuhandeln. Grundlegende Verfahrensregeln sind Thema für den ersten Online-Klassenrat: Wie führen wir die Redner:innenliste? Wie kann man ein Anliegen einreichen, und wie wird daraufhin die Tagesordnung erstellt? Sollte diese auf dem Online-Whiteboard visualisiert werden? Darf man den Bildschirm auch mal verlassen? Sollten alle, falls technisch möglich, mit Bild teilnehmen? Wie macht die:der Zeitwächter:in darauf aufmerksam, wenn ein Punkt beendet werden sollte?

Dabei gilt, wie grundsätzlich im Klassenrat, dass die Lehrkraft der Versuchung widerstehen sollte, Fragen wie die genannten eigenständig zu entscheiden. Im Sinne des Klassenrats ist es, diese in den Klassenrat zu geben. Welche Ideen haben die Schüler:innen? Wie wollen sie das Problem lösen? Der Klassenrat kann und muss bei aller Beständigkeit in den Grundsätzen und Zielen offen sein für seine Weiterentwicklung, in jeder Klasse und bei gesellschaftlichen Veränderungen.

DER KLASSENRAT ALS HERZ DEMOKRATISCHER SCHUL-UND UNTERRICHTSENTWICKLUNG

Der Klassenrat wird in der Tradition der Individualpsychologie (Dreikurs u. a.) vor allem als Gremium der Konfliktlösung verstanden. Das ist er auch, und er ist auch ein Ort, an dem Kinder und Jugendliche sich mit ihren Sorgen und Problemen gehört und ernst genommen fühlen. In der Tradition Célestin Freinets ist der Klassenrat jedoch mehr, er ist in erster Linie ein partizipatives Gremium, in dem Schüler:innen eigenständig und verantwortungsvoll ihre Klassengemeinschaft, ihren Unterricht und das Schulleben mitgestalten. Der Bildungsforscher Wolfgang Edelstein nennt den Klassenrat in diesem Sinne eine »basisdemokratische Institution, eine Verantwortungsgemeinschaft sowie ein Handlungs- und Planungszentrum« (Diemer 2004, S. 8).

Edelstein kritisiert: »Natürlich heißt Partizipation fast nichts, wenn wir sie gewissermaßen in die Winkel der sozialen Interaktion hineinfegen« (Diemer 2004, S. 4), und fährt fort:

Verstehen wir den Klassenrat als bedeutsames Element einer demokratischen Schule, dann bleibt es eine Aufgabe, Ideen dafür zu entwickeln, wie Unterricht und Klassenrat miteinander verschränkt werden können.

»Es geht vielmehr darum, Partizipation ins Kerngeschäft der Schule hineinzuholen, und dazu gehört ganz klar der Unterricht.« Für Freinet war dies ein zentrales Anliegen des Klassenrats: Im Klassenrat organisieren und verhandeln die Kinder und Jugendlichen die für ihr schulisches Lernen und Leben relevanten Fragen, wozu ganz wesentlich auch Lehr- und Lernformen sowie Inhalte gehören.

Selbstverständlich sind der Mitbestimmung der Schüler:innen in Fragen der Unterrichtsgestaltung, der Lernstandards und Bildungspläne Grenzen gesetzt: »Nirgends in der Welt, wo wir uns partizipatorisch verhalten, gilt, dass wir über die Standards und die Gegenstände unserer Arbeit selbst entscheiden könnten. Man wird vielmehr an diesen Entscheidungen mehr oder weniger intensiv beteiligt. Wir erreichen durch Mitbestimmung einen Zuwachs an Selbstbestimmung in der Organisation unserer Arbeit, die Schülern in der Regel verwehrt bleibt« (ebd.).

LITERATUR

Arbeitsstab des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (2016): Was muss geschehen, damit nichts geschieht? Schutzkonzepte helfen, Schülerinnen und Schüler vor sexueller Gewalt zu schützen. Informationen zu den Bestandteilen von Schutzkonzepten.

Council of Europe (2021): Reference Framework of Competences for Democratic Culture. Teacher Reflection Tool. https:// (Abruf 16.05.2022).

Diemer, Tobias (2004): »No man is an island« – Interview mit Wolfgang Edelstein zur Partizipation. (Abruf 20.06.2022).

Elschenbroich, Donata (2002): Weltwissen der Siebenjährigen. Wie Kinder die Welt entdecken können. München: Goldmann.

Friedrichs, Birte (2004): Kinder lösen Konflikte. Klassenrat als pädagogisches Ritual. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Friedrichs, Birte (2022): Klassenrat als Ort sozialen Lernens. Gemeinschaft stärken, Demokratie erfahren. In: Schulmagazin 5–10, H. 3/4, S. 16–24.

Friedrichs, Birte (2014): Praxisbuch Klassenrat. Gemeinschaft fördern, Konflikte lösen. 2. Aufl., Weinheim/Basel: Beltz.

Friedrichs, Birte (2017): Praxisbox Klassenrat für die Grundschule. Weinheim/Basel: Beltz.

Friedrichs, Birte (2017): Praxisbox Klassenrat für die Sekundarstufe. Weinheim/Basel: Beltz.

Friedrichs, Birte/Schachtmeyer, Christiane von (2022): Demokratie in der Lerngruppe. Über den Klassenrat und wie die Schulleitung ihn fördern kann. In: Schule leiten H. 28, S. 26–29.

Heil, Regina/Poitzmann, Nikola (2019): Teilhabe für alle! Der Klassenrat in sprachheterogenen Gruppen. In: Klasse leiten H. 7, S. 20–23.

Verstehen wir den Klassenrat als bedeutsames Element einer demokratischen Schule, dann bleibt es eine Aufgabe, Ideen dafür zu entwickeln, wie Unterricht und Klassenrat miteinander verschränkt werden können. Er ist ein guter Ort für die Planung von Lernen-durch-Engagement-Projekten (LdE) oder die Absprache von sozialen Zielen fürs Kooperative Lernen – und für die Reflexion der Erfahrungen, die im Verlauf eines LdE-Projekts oder einer Unterrichtseinheit im Kooperativen Lernen auf den Ebenen Inhalt, Methodik und Soziales gesammelt wurden. Dies sind nur Beispiele, die für vielfältige Möglichkeiten der Mitsprache und Mitgestaltung von Unterricht stehen. Demokratische Unterrichtsentwicklung geschieht, wenn Lehrkräfte sich auf den Weg machen und ihre Schüler:innen im Klassenrat einladen, an der Unterrichtsplanung und -reflexion mitzuwirken. Auch das bedeutet: Demokratiebildung als Querschnittsaufgabe.

Der Morgengruß der Sturmiusschule ist ein gelungenes Beispiel für demokratische Schulentwicklung durch den Klassenrat. Es macht einen großen Unterschied, ob ein solcher Impuls im Klassenrat von den Kindern ausgeht und sie die Idee entwickeln, sodass daraus ein Antrag für die Kinderkonferenz wird, oder ob Lehrkräfte ein neues Ritual »top down« einführen. Nicht nur, weil Kinder sich mit ihrem eigenen Projekt stärker identifizieren. Vor allem sind solche Partizipationserlebnisse für die Persönlichkeitsentwicklung bedeutsam: Die Schüler:innen erleben, dass sie etwas bewirken können, also selbstwirksam sind, und die Schule als Lern- und Lebensraum mitgestalten.

DR. BIRTE FRIEDRICHS ist Gymnasiallehrerin, Landeskoordinatorin im Projekt »Gewaltprävention und Demokratielernen« des Hessischen Kultusministeriums und gibt Fortbildungen für Lehrkräfte.

↗ friedrichsbirte@gmail.com