Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 8 Min.

Mitleid oder Neid


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 13/2019 vom 22.03.2019

Lebensmodelle In einem Manifest forderte die Lehrerin Verena Brunschweiger, auf Nachwuchs zu verzichten – und löste eine scharfe Debatte aus. Vier Frauen und ein Mann berichten von ihrem Alltag ohne Nachkommen. Und wehren sich gegen Vorurteile.


A ls Marie-Theres Thiell 31 Jahre alt war, änderte sich ihr Leben für immer. Ihre Laufbahn bei RWE begann. Und ihre Beziehung zerbrach, ihr langjähriger Freund verließ sie, er wollte keine Karrierefrau, sondern eine Familie.

Thiell konzentrierte sich auf ihren Beruf, »24 Stunden lang, sieben Tage die Woche«, wie sie sagt. Heute ist sie eine der mächtigsten Frauen ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Der Spiegel. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 13/2019 von DER SPIEGEL. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DER SPIEGEL
Titelbild der Ausgabe 13/2019 von Nationale Schnapsidee. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Nationale Schnapsidee
Titelbild der Ausgabe 13/2019 von Meinung: Der Masochismus der SPD. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meinung: Der Masochismus der SPD
Titelbild der Ausgabe 13/2019 von Ego-Shooter. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ego-Shooter
Titelbild der Ausgabe 13/2019 von Steuerbetrug: »Das ist kein Kleinvieh«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Steuerbetrug: »Das ist kein Kleinvieh«
Titelbild der Ausgabe 13/2019 von Die Costa-Brava-Masche. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die Costa-Brava-Masche
Vorheriger Artikel
»Die Welt als Kampfplatz«
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Ohne Filter
aus dieser Ausgabe

... in der Energiebranche und leitet die RWE-Tochter Innogy Ungarn. Gut 2700 Mitarbeiter hängen von ihren Entscheidungen ab, viele mit Familien. Kinder? Vermisst sie nicht. Die Entscheidung für den Job sei eben eine gegen eigenen Nachwuchs gewesen. »Das war früher so«, sagt die 59-jährige promovierte Juristin, »wir hatten andere Werte.«

Mit »anderen Werten« meint Thiell nicht bessere Werte. Sie ist stolz darauf, dass im Vorstand ihres Unternehmens in Ungarn zwei Frauen und zwei Männer arbeiten. Und sie spricht selbstbewusst über ihr Lebensmodell. Etwa über ihr Hobby Mode, für das sie gern »die Kreditkarte glühen« lässt, über Männer (»ich lebe à la carte«) oder Verwandte (»bitte nicht ›keine Kinder‹ gleichsetzen mit ›keine Familie‹«).

Was die Managerin nervt, ist die Unter -stellung, dass Menschen wie ihr etwas fehle. Dass kinderlose Frauen wahlweise bedauernswert seien – oder eiskalt.

Private Entscheidungen wie ihre werden jetzt scharf diskutiert. »Kinderfrei statt kinderlos« lautet der Titel eines Manifests, mit dem die Regensburger Feministin und Gymnasiallehrerin Verena Brunschweiger vor allem in sozialen Medien eine hitzige Debatte provozierte. Es ging um den gesellschaftlichen Nutzen oder Schaden des Kinderkriegens.

Viele Betroffene schweigen lieber. Sie haben keine Lust, ihren Lebensentwurf öffentlicher Kritik auszusetzen. Thiell, drei weitere Frauen und ein Mann haben mit dem SPIEGEL gesprochen. Für eine von ihnen, Manuela Vickermann, ist es sogar ein bewusstes Coming-out. »Wir kinderlosen Frauen können genauso mitfühlen wie Mütter. Wir können genauso sozial engagiert sein, genauso fürsorglich«, sagt sie. »Wir sind ganz normale Menschen.«

Gesellschaftlich gehören Frauen und Männer, die bewusst auf Nachwuchs verzichten, zu einer Minderheit, über die bislang selten geredet wurde und deren Motive und Probleme wenig erforscht sind. Dabei sind sie viele Millionen, und ihre Zahl wächst: Jede fünfte Frau bleibt heute kinderlos, bei Akademikerinnen ist es jede vierte.

Um das Phänomen besser zu verstehen, hat das Bundesfamilienministerium 2015 eine Studie über das Leben von Menschen ohne Nachwuchs veröffentlicht. Der Münchner Soziologe Carsten Wippermann fand heraus: Es sind vor allem Angehörige gehobener Milieus, »Performer«, wie er schreibt, die bewusst auf Nachwuchs verzichten.

Und: Sie werden dafür von der Gesellschaft nicht gerade geliebt. Betroffene »erfahren aufgrund ihrer gewollten Kinderlosigkeit offene oder latente Stigmatisierungen «, so Wippermann. Sie sähen sich »mit Vorwürfen eines sozialschädlichen Egoismus« konfrontiert und würden »aufgrund ihres Lebensstils angeklagt und beneidet «.

Gabriele Riedle, 60, kann das bestätigen. »Früher hieß es über kinderlose Frauen, sie wollten sich egoistisch selbst verwirklichen «, sagt sie. »Heute werden wir manchmal als arme Opfer gesehen. Jede Art von Hypothese über Kinderlose ist letztlich eine Kriegserklärung.«

Mitleid verbittet sie sich. Sie selbst bereue grundsätzlich nichts, an jedem Punkt ihres Lebens habe sie sich so entschieden, wie sie es zu dem Zeitpunkt für richtig hielt. Mit Mitte dreißig fragte sie ihren damaligen festen Freund, ob sie auf Verhütung verzichten solle. »Ich habe noch viel Zeit zum Zeugen«, habe der geantwortet. Drei Jahre später war die Beziehung vorbei, und ihr lief die Zeit davon.

Danach begann die Berliner Journalistin eine Affäre mit dem russischen Schriftsteller Wiktor Jerofejew, elf Jahre älter als sie selbst, verheiratet, Vater. »Mit Wiktor begann die intensivste Zeit meines Lebens «, sagt Riedle. Sie trafen sich zu Reportagereisen, schrieben zusammen einen Roman. Für Kinder sei kein Raum gewesen. »Mir ist erst viel später bewusst geworden, dass die Logik meines Lebens nicht auf Kinder hinauslief.«

Und heute? Riedle ist ledig, keine Kinder, keine Enkel. »Ich bin insgesamt auf mich allein gestellt, und das ist nicht schön«, sagt sie. Doch im Gegensatz zu vielen Eltern in ihrem Alter sei sie ans Alleinsein gewöhnt, sei ihr der Schmerz erspart geblieben, der häufig auftritt, wenn die erwachsen gewordenen Kinder für immer ausziehen.

Jede vierte kinderlose Frau und jeder vierte kinderlose Mann zwischen 20 und 50 Jahren ist der Studie des Familien -ministeriums zufolge unglücklich darüber, keinen Nachwuchs zu haben. Die meisten allerdings kommen damit ganz gut klar. »In westlichen Industrienationen sind Nichteltern im Schnitt sogar etwas zu -friedener als Eltern«, sagt die Soziologin Hilke Brockmann von der Jacobs Uni -versity Bremen. Die Professorin, Mutter von zwei Töchtern, staunt selbst über diesen Befund, den viele Studien bestätigt haben. »Für Deutschland konnten wir sogar nachweisen, dass Mütter im Schnitt mit jedem weiteren Kind unzufriedener werden.«

Nein zum Nachwuchs

Angaben in Prozent, Auswahl aus den Antwortmöglichkeiten; 990 befragte Frauen im Alter von 20 bis 50 Jahren; Quelle: BMFSFJ, 2015

NORA KLEIN / DER SPIEGEL

»Jede Art von Hypothese über Kinderlose ist letztlich eine Kriegserklärung.«

Autorin Riedle, 60

SELINA PFRUENER / DER SPIEGEL

»Kinder sind im Job bei Männern kein Thema.«

Unternehmer Schwartz, 52

TOTH MILAN

»Das war früher so, wir hatten andere Werte.«

Managerin Thiell, 59

Die Entscheidung gegen Nachwuchs treffen nur wenige gezielt schon in jungen Jahren. Oft ist es eine »zeitlich befristete Haltung « gegen das Kinderkriegen, wie die Studie des Familienministeriums zeigt – spätere Elternschaft nicht ausgeschlossen. Nur stellt die sich dann häufig nicht mehr ein. Für viele ist das schmerzlich, manche werden depressiv. Andere suchen für viel Geld Hilfe, etwa bei Gynäkologen wie Katrin Schaudig. »Viele Menschen haben heute die Vorstellung, mit Hormonpräparaten und In-vitro-Fertilisation ließe sich die Fruchtbarkeitsphase beliebig verlängern «, sagt die Hamburger Ärztin.

»Das ist ein Irrtum.« Patientinnen zwischen 30 und 35 rät Schaudig manchmal zum »Social Freezing«, zum Einfrieren von Eizellen – etwa wenn eine langjährige Beziehung gerade zerbrochen sei. Es sei schwer, einen neuen Partner zu finden, wenn von Anfang an der Druck da ist, ein Kind zu zeugen.

Diana Ewald* erfuhr mit 38 Jahren, dass es für sie schon zu spät sei für ein Kind. Sie hätte sich gewünscht, dass jemand sie rechtzeitig gewarnt hätte. Die 58-Jährige hat es weit gebracht, sie ist Chefin in einem Rundfunksender.

»Niemand hat je zu mir gesagt: Wenn du ein Kind bekommst, machst du keine Karriere. Das lief anders. Da war dann ein Wirtschaftsgipfel in Südkorea, und es hieß: Die Kollegin hat kleine Kinder, die kann nicht so lange weg.« Wenn Mütter in der Redaktion aus Afghanistan berichten wollten, hätten sie zu hören bekommen: »Das ist viel zu gefährlich, denk an deine Kinder. « Das sei Vätern, die in Kriegsgebiete fahren wollten, nie vorgehalten worden.

Ewald verschob ihren Kinderwunsch, ging ins Ausland, stieg auf. »Schließlich fassten mein Mann und ich einen tollen Plan: Ich würde arbeiten, er zu Hause bleiben und mir unser künftiges Kind alle paar Stunden zum Stillen vorbeibringen.«

Es klappte jedoch nicht, und der Schmerz darüber traf sie tief. Ihre Schuldgefühle, immerhin, hat Ewald überwunden. »Irgendwann war mir klar, dass ich mich nicht dafür schämen muss, dass ich Karriere machen wollte. Und die wiede -rum, davon bin ich überzeugt, hätte ich mit Kindern so nicht machen können.«

Heute sei sie mit sich im Reinen. Was sie allerdings störe, seien Menschen, die sie für schrullig hielten, weil sie keine Kinder hat, oder die ihr klare Ansagen als Hartleibigkeit auslegten. »Das sagt dir keiner ins Gesicht, aber man ahnt es. Und fühlt sich doppelt bestraft.«

Jüngeren Frauen im Sender gibt sie deshalb einen Rat: »Wenn ihr Kinder haben wollt, macht es jetzt, sonst könnte es zu spät sein: Schaut mich an!« Sie garantiere den Jüngeren, nach der Baby pause wieder da einsteigen zu können, wo sie aufgehört haben. Für Ewald ist die Sache klar: »Wenn die Gesellschaft Kinder will, dann muss sie dafür sorgen, dass Frauen die Chance haben, sie zu bekommen, ohne berufliche Nachteile zu riskieren.«

Und was ist mit den Männern? Axel Schwartz ist 52 und zufrieden mit seinem Leben. Der Kölner Unternehmer hat keine Kinder, weil er lange keine wollte. Und außer den Eltern seiner Ex-Frau habe ihn auch nie jemand danach gefragt, erst recht nicht im beruflichen Umfeld. »Keiner, nie.« Er staunt selbst darüber, schüttelt den Kopf. »Kinder sind im Job bei Männern kein Thema.«

Seine zweite Frau brachte zwei Teenager mit in die Ehe, sie habe es ihm leicht gemacht. »Ich musste nie den Ernährer spielen oder die Kinder erziehen. « Unterschwellig habe ihn die Kinderfrage aber durchaus bewegt, sagt Schwartz, in ru -higen Momenten. Er ist der letzte Namensträger einer Familie, die ihre Wurzeln bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgt, mit Schwartz stirbt dieser Zweig aus. »Wenn du nicht mehr bist«, habe er sich gefragt, »was bleibt dann von dir?«

Vielleicht würden Männer auch deshalb selten nach Kindern gefragt, sagt er, weil es für sie ja quasi nie zu spät sei. »Ich kenne zwei ältere Manager, die erst im fort geschrittenen Alter Vater geworden sind. Der eine sogar erst mit 60.«

Zahlen bestätigen, dass viele Männer sich mit dem Kinderkriegen Zeit lassen. Von den 40-bis 44-jährigen Männern der Wippermann-Studie hat zumindest jeder dritte noch kein Kind. Doch schließt nur ein Viertel der kinderlosen Männer eine spätere Vaterschaft für sich aus.

Und so hadern vor allem kinderlose Frauen mit ihrer Situation. Auch wenn manche ihre Lebensform durchaus offensiv vertreten, haben wohl alle schon mal schräge Blicke kassiert.

»Haben Sie Kinder?« Wer darauf offen antworte, nein, ich will keine, sei schlecht beraten, erzählt eine Firmengründerin. »Ich habe schon Blicke geerntet, als killte ich Meerschweinchen.«

NORA KLEIN / DER SPIEGEL

»Wir kinderlosen Frauen können genauso mitfühlen wie Mütter, wir sind ganz normale Menschen.«

Steuerexpertin Vickermann, 42

Dass Frauen sich dem Kinderthema anders stellen müssen, hat auch historische Gründe. Mutterschaft ist oft noch ein wirkmächtiger Mythos, gerade hierzulande, wo einst das »Ehrenkreuz der deutschen Mutter « verliehen wurde.

Immer tickt dabei auch die biologische Uhr. »Meine Ärztin sagte mir am Telefon, ich sei im Klimakterium«, erinnert sich Manuela Vickermann. »Ich war 34 Jahre alt und wusste nicht mal, was das ist.« Sie googelte, entdeckte, dass sie schon in den Wechseljahren war. Sie staunte. Und fühlte sich plötzlich erleichtert. »Ich merkte, dass ich gar keine Kinder haben wollte. Ich hatte die Erwartungen meiner Umwelt für meine eigenen gehalten.«

Vickermann, heute 42, stammt aus einem Dorf in Westfalen. Ihr Weg schien vorgezeichnet: Realschule, Lehre, Heirat, Kinder, Hund. Den passenden Freund lernte sie schon in der Schule kennen. Aber dann begeisterte sie die Ausbildung zur Steuerfachangestellten so sehr, dass sie anfing zu studieren. »Ich bin ein Zahlenmensch, ich liebe Daten und Fakten.« Sie wurde »Manager«, »Senior Manager«, »Director«.

»Jedes Mal dachte ich, die Stufe gönne ich mir noch, bevor ich eine Familie gründe.« Als sie dann erfuhr, dass es zu spät dafür sei, war sie froh, weil nun der Weg nach ganz oben frei war. »150 Prozent fürs Kind geben und 150 Prozent für die Karriere, das geht nicht.« Seit zwei Jahren ist Vickermann Partnerin in der internationalen Steuerabteilung von PricewaterhouseCoopers. Auf ihrer Managementebene ist nur etwa jede zehnte Führungskraft eine Frau.

In ihrer Hamburger Wohnung stehen Fotos von ihren Patenkindern in einer hell erleuchteten Nische, ein Mädchen, 5, ein blonder Junge, 8. Auch in Lateinamerika hat sie Patenschaften übernommen. »Ich kann den armen Kindern auf der Welt heute wahrscheinlich besser helfen, als wenn ich eigene hätte. Weil ich genug verdiene.« Später, wenn sie mal dafür Zeit hat, möchte Vickermann ehrenamtlich in einem Kinder hospiz arbeiten.

Es nagt an ihr, wenn ihre Leistung teilweise nicht so anerkannt wird wie die von berufstätigen Müttern. »Für die interne Meinungsbildung zum Thema Gleichstellung in der Firma zähle ich deshalb nicht voll.« Auch das Netz werken mit anderen Frauen habe sie enttäuscht eingestellt. »Da gab es Mütter, die ernsthaft forderten, wir kinderlosen Frauen sollten ihre Überstunden übernehmen. Auf die Idee, Männer zu fragen, kamen sie gar nicht.«

Derzeit sucht Vickermann einen Partner über ein Datingportal. Bei der Frage, ob sie Kinder haben wolle, hat sie »keine Angabe« angekreuzt statt »nein«. »Sonst denken die Männer doch gleich, ich hätte Haare auf den Zähnen.« Nach eigenen Kindern gefragt, habe sie auch sonst oftmals ausweichend geantwortet, dass sie leider keine bekommen konnte. Das war nicht gelogen, aber auch nicht die ganze Wahrheit, »ich habe mich hinter dieser Antwort quasi versteckt«.

Mail: annette.bruhns@spiegel.de