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mittelpunkt • ratgeber: DURCH UND DURCH ENTSPANNT ERZIEHEN


familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 04.04.2018

Sich nicht aufzuregen, sondern locker zu bleiben, ist ein Vorsatz, der in der Erziehungspraxis oft nicht funktioniert. Der häufigste Grund:Elterlicher Perfektionismus


Artikelbild für den Artikel "mittelpunkt • ratgeber: DURCH UND DURCH ENTSPANNT ERZIEHEN" aus der Ausgabe 4/2018 von familie & co. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: familie & co, Ausgabe 4/2018

„Locker bleiben!“ Der Vorsatz klingt betörend einfach, ist aber im Erziehungsalltag gar nicht so leicht umzusetzen. Denn oft schieben sich Augenblicke und Situationen in den Vordergrund, in denen das Zusammenleben mit den Kindern gar nicht gut funktioniert und in denen Gedanken hochkommen wie: „Du schaffst es nie!“ Oder: „Wie kriegen das nur die anderen Eltern hin?“

Ein Dietrich ersetzt Hunderte Schlüssel

Dabei schaffen Selbstkasteiungen ...

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Dabei schaffen Selbstkasteiungen oder Vergleiche genauso wenig Abhilfe wie der wohlmeinende Ratschlag sogenannter guter Freunde, man solle alles einfach weniger wichtig nehmen bzw. entspannter angehen. Ein Ausweg aus diesem Dilemma kann die Antwort auf die Frage sein, wie sich der Erziehungsstress aufbaut. Oft sind es zwei Maximen, die Unzufriedenheit entstehen lassen:
• Ich muss perfekt sein!
• Ich darf keine Fehler machen!
Eine Mutter berichtet: „Ich habe eine Absprache mit meinen Söhnen. Sie sollen mich mittags dreißig Minuten alleine lassen. Ich brauche diese Ruhe. Aber nach zehn Minuten kommt mein Jüngster ins Zimmer, weil er Durst hat. Ich hab zu ihm gesagt:,Du weißt, wo alles steht, geh!‘ Eben ein klassischer Rausschmiss. Trotzdem habe ich hinterher gedacht,Gibt es nicht auch eine bessere Lösung, eine, die alle zufriedenstellt?“4 Eine paradoxe Situation: Da führt eine Handlung zum gewünschten Ergebnis und trotzdem ist die Mutter nicht zufrieden.

Offenbar gibt es Menschen, die mit ihrem Erziehungshandeln niemals zufrieden sind. Sie haben Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen. Der Grund: Wer Grenzen setzt, konsequent handelt, wird nicht geliebt, sondern „nur“ respektiert und geachtet – und manchmal sogar gehasst. Genau das alles gehört aber zu einer emotional reifen Eltern-Kind-Beziehung.

Wer mit Eltern über das Thema Grenzen redet, hört schnell den Satz: „Hab ich alles schon versucht!“ Aber: Was hin und wieder nicht funktioniert, muss deshalb nicht komplett verworfen warden Eltern – wie andere pädagogisch Handelnde auch – befinden sich oft in der Situation eines Schlossers, der ein Türschloss knacken soll. Wenn er perfekt sein will, hat er Hunderte von Schlüsseln dabei, die er so lange ausprobiert, bis einer passt. Das kann ewig dauern, und manchmal passt überhaupt kein Schlüssel. Ein cleverer Schlosser benutzt deshalb einen Dietrich.

Bewertungen und Vergleiche schaden eher

Mit Dietrichen zu arbeiten meint, mehr von dem zu praktizieren, was nachweislich funktioniert. Das heißt: Entscheidungen für bestimmte pädagogische Handlungsmuster gelten nur für einen bestimmten Zeitraum, dann werden sie ungültig und neue Dietriche müssen her. Dies umso mehr, als sich die Beziehungen zwischen Kindern und Eltern fortwährend weiterentwickeln und der Umgang mit Grenzen und Fehlern zu einem entscheidenden Moment im Erziehungsgeschehen wird.

Insbesondere eine Grundhaltung bereitet Probleme: Es ist die Überzeugung, dass der Erziehungsalltag nicht so klappt, wie er sollte. Natürlich erschweren Enttäuschungen, die sich aus den elterlichen Erziehungsaufgaben und dem pädagogischen Auftrag ergeben, den Alltag. Aber vielleicht könnte man Frustrationen auch so annehmen: „Es ist blöd, dass ich momentan solche Schwierigkeiten mit meinem Kind habe, aber ich lerne nach und nach, damit umzugehen.“ Oder: „Furchtbar, dass mein Kind dauernd so spät einschläft. Aber ich denke, ich finde dafür eine Lösung. Ich lasse mir Zeit!“

Weniger die Alltagssituationen selbst sind es, die frustrieren, sondern die Meinungen und Einstellungen, mit denen man sie betrachtet. Daraus folgt: Eltern und Pädagogen konstruieren ihre Erziehungsrealität selbst, indem sie sie positiv oder negativ bewerten.

Weg mit der „Tyrannei des Sollte“!

Da viele Menschen schlecht mit Frustrationen umgehen können und sie deshalb vermeiden wollen, nimmt die Suche nach Rezepten zu, mit denen jede nur denkbare Situation beherrscht werden kann. Dieser Perfektionismus versteckt sich hinter Formulierungen wie „Ich sollte …“ oder „Ich müsste …“. Die Psychoanalytikerin Karen Horney hat einmal von der „Tyrannei des Sollte“ gesprochen, die einen intoleranten Umgang mit eigenen und den Fehlern anderer mit sich bringt. Zugleich wird damit die ganze Energie auf die Vermeidung von Fehlern und nicht auf die Kontaktaufnahme, Beobachtung und Ansprache des Kindes gelenkt.

Die Gelassenheit im Umgang mit sich und anderen Menschen geht darüber verloren. Zudem schränkt diese Art Perfektionismus potenzielle Lösungsmöglichkeiten: Man sucht nach der theoretisch besten, nicht nach der praktikablen, lebbaren und realisierbaren Lösung.

„Wenn ich daran denke, was ich in meinem Leben schon alles falsch gemacht habe, dann wird mir ganz schlecht“, erklärte mir letzthin eine Mutter zweier Kinder. „Wie sind Ihre Kinder denn?“, fragte ich. Sie winkte ab: „Ach, die sind okay. Eigentlich sind sie sogar wunderbar!“ – „Dann haben sie ja wunderbare Fehler gemacht!“, antwortete ich. „Was würden Ihre Kinder über Sie sagen, wenn sie hier wären?“ – „Wahrscheinlich, dass ich eine ganz normale Mutter bin, mal zum Abgewöhnen und mal zum Knutschen.“

So notwendig die Reflexion über Erziehungsstile ist, so wichtig ist es, mit Sensibilität den Fehlern im pädagogischen Handeln nachzuspüren, um dann an deren Überwindung zu arbeiten. Doch haben solche Prozesse nichts zu tun mit Selbstmitleid und Selbstanklage. Wer zu viel Energie in die Vermeidung von Fehlern steckt und sich zu sehr über gemachte Fehler ärgert, handelt rückwärtsgewandt – und wird sie bei nächster Gelegenheit wiederholen.

Mit Fehlern produktiv umgehen

Wichtiger, folgen- und erfolgreicher ist es, sich einzugestehen, dass Fehler unvermeidbar sind. Damit akzeptiert man sie als Teil seiner Persönlichkeit und kann nach Wegen suchen, Probleme und Konflikte zukünftig anders zu lösen. Fehler und Schwierigkeiten in der Erziehung ständig zu vermeiden bzw. ihnen aus dem Weg zu gehen ist auf Dauer anstrengender, als sich ihnen offensiv und produktiv zu stellen.

Dr. Jan-Uwe Rogge ist Familien- und Kommunikationsberater, Autor von Bestsellern wie „Kinder brauchen Grenzen“ und „Ängste machen Kinder stark“