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MITTEN DURCH DEUTSCHLAND


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GS Motorrad Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 29/2022 vom 15.07.2022
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Bildquelle: GS Motorrad Magazin, Ausgabe 29/2022

Auch über mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es in Deutschland noch Regionen, die vielfach unbekannt sind. Dem alten Grenzverlauf zu folgen, der über 40 Jahre Deutschland in zwei Teile trennte, ist interessant, denn wir entdecken gerade in dem Bereich vieles, was bewahrt, erhalten blieb, was andernorts längst verschwunden ist. Wir spüren alte, malerisch gelegene, verwinkelte Dörfer auf, Städte, Burgruinen und Wälder. Dabei fahren wir auf kleinen Straßen durch Ebenen und zwischen den Bergen, gehen auf eine Tour durch Orte deutscher Geschichte, haben Begegnungen mit Goethe, Luther, Menschen wie wir, Alltäglichem und Ungewöhnlichem.

Wie schon mehrfach in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts fand an einem 9. November wieder etwas Besonderes statt. Dieses Mal 1989.

Wegen der Massenproteste auf den Straßen des Arbeiter- und Bauernstaates kommt das Politbüro ohne die Anwesenheit von ...

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... Erich Honecker zum Schluss, dass die innerdeutsche Grenze wohl nicht mehr zu halten sei. Ein Versprecher von Günter Schabowski, der als Mitglied des Zentralkomitees der SED in dieser Funktion eine Pressekonferenz gab - „das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort, unverzüglich“ - schrieb innerhalb einer Sekunde Weltgeschichte. Diese Kommunikationspanne leitete den Anfang vom Ende der DDR und des sogenannten „Schutzzauns“ gegen den „kriegstreiberischen Großkapitalismus“ ein. Jubelnde Menschen, eine Nacht der großen Euphorie, lange Schlangen von Trabbis Richtung Westen, eine ausgiebig gefeierte Wiedervereinigung waren das Ergebnis, aber auch Probleme mit „Deutschland, eilig Vaterland“ und der Solidaritätszuschlag.

Bei der ersten möglichen Gelegenheit war ich mit meiner GS unterwegs. Alleine und mit Freunden begann ich die „neue Heimat“ zu erkunden, zunächst Mecklenburg-Vorpommern und den östlichen Harz. Es folgten Tages- und Wochenendtouren entlang der Elbe und größere Ausflüge in für mich neue Motorradparadiese wie den Thüringer Wald, die Sächsische Schweiz, das Vogtland, das Erzgebirge und das Zittauer Gebirge. Dazu musste ich natürlich die bis kurz zuvor nahezu unpassierbare Grenze überqueren. Immer wieder ein komisches Gefühl. Wegen unzureichender Infrastruktur hatte ich bei den ersten längeren Ausflügen mein Zelt dabei. Dann diese Nacht im Gras auf der anderen Elbseite gegenüber von Hitzacker. Auf dem Fluss zog eines der grauen Patrouillenboote der noch DDRGrenzschützer vorbei. Obwohl wir nun legal hier waren, beschlich mich schon ein mulmiges Gefühl - ein paar Wochen zuvor hätte das sicher noch eine Schlagzeile in der Bild-Zeitung gegeben. Der große Spaß in den nächsten Monaten und Jahren waren unsere Fahrten mit den Enduros im unmittelbaren Grenzbereich und vor allem auf den Kolonnenwegen. Irgendwann war das Vergnügen leider vorbei. Immer mehr Abschnitte wurden überpflügt oder inzwischen als Bioshären-Reservat und als Natur- und Nationalpark ausgewiesen. Damit waren sie für Kraftfahrzeuge gesperrt. Nicht alles was wir anfangs machten, war ganz legal, aber auf Diskussionen mit Förstern und Naturschützern steht mir nicht der Sinn.

Etwas mehr als 30 Jahre sind seit jenen bewegenden Tagen inzwischen vergangen. Immer wieder steuerte ich in dieser Zeit alleine oder mit Freunden gen Osten. Wir wollten die neuen Bundesländer mit unseren Maschinen im wahrsten Sinne des W dort pomm Aber West zur G Um z Tode einen Zumi anfan unwe

steckt man nicht eben einfach weg. Ich zumindest nicht. Aber dann wurde der knapp 1400 Kilometer lange Streifen Niemandsland mitten durch Deutschland allmählich zur Normalität. Ich begann ihn irgendwann gar nicht mehr richtig wahrzunehmen. Schade eigentlich, denn es lohnt, sich die Zeit zu nehmen, um den alten Grenzverlauf mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn so kann man ein ganz besonderes Stück Deutschland entdecken. Ein lohnenswertes. Es ist Anfang Mai. Keine Stunde Fahrzeit sind es von mir bis nach Lübeck. Mit ein paar Freunden mache ich mich wieder auf Spurensuche. Vorbei am Holstentor, dem Wahrzeichen der Stadt, das die Altstadt der Hansestadt Lübeck nach Westen begrenzt, erreichen wir Travemünde. Direkt an der Trave in die Ostsee gelegen ist der Ort heute ein Stadtteil Lübecks. Mit seinem Skandinavienkai ist Travemünde der bedeutendste deutsche Fährhäfen für den Verkehr mit Finnland, Schweden und dem Baltikum. Uns aber interessiert zum eigentlichen Start unserer Reise im Moment viel mehr die Fahrt mit der Fähre zum Priwall. Die etwa drei Kilometer lange Halbinsel an der Travemündung im Osten Schleswig-Holsteins war bis 1990 auf dem Landweg um den Dassower See herum nicht zu erreichen, weil die innerdeutsche Grenze hier ihren nördlichen Anfang hatte. Dort liegt an der Mündung der Trave in einem ehemaligen U-Boot-Hafen als Museumsschiff und Wahrzeichen die Viermastbark 'Passat'. Dieser kleine Bereich mit seinem breiten Sandstrand und dem Naturschutzgebiet war schonimmer bei Touristen und Urlaubern beliebt. Dort erstreckte sich damals wie heute auch der kurtaxen- und textilfreie Badestrand Travemündes. Früher war das nichts anderes als FKK direkt am Grenzzaun. Der Wachturm der Grenztruppen der DDR bot den Grenzern einen freien Blick auf den in der Bundesrepublik gelegenen FKK-Strand. Die Grenzer sind abgezogen, den FKK-Strand gibt es immer noch. Heute ist der Priwall Standort von Berufsschulen, einer Seemannsschule, einer großen Senioren-Residenz und zahlreicher Wochenendhäuser und seit neustem der Anlage 'Priwall Waterfront' mit großem Sportboot- und Yachthafen.

Mit der Priwallfähre setzen wir über die Trave. Natürlich machen wir drüben einen Stopp, um einen Blick auf die 'Passat' zu werfen und auch auf die eindrucksvolle Kulisse von Travemünde bis hin zum Maritim-Hochhaus, in dem seit 1974 im 36. Stockwerk eines der höchsten Leuchtfeuer Europas untergebracht ist. Kurz danach sind wir auch schon auf dem Landweg nach Dassow. Auf einer etwas holprigen schmalen Straße rollen wir diagonal über die alte Grenze. Zum ersten Mal überqueren wir damit auf dieser Reise den zur Geschichte gewordenen Todesstreifen und die heutige Landesgrenze zwischen SchleswigHolstein und Mecklenburg-Vorpommern. Zwei Tafeln sind zu sehen, eine mit dem Wappen des nordöstlichsten Bundeslandes, auf der andern steht: „Nie wieder getrennt“. Nach dem einst aus Betonplatten gelegten Kolonnenweg halten wir inzwischen vergebens Ausschau. Dann lassen wir die Ostsee zügig hinter uns. Dassow, die nordwestlichste Stadt der DDR, lag bis Ende 1989 inmitten des Sperrgebietes der DDR-Grenze und war ohne spezielle Passierscheine nicht erreichbar. Der zu Lübeck und damit zum Gebiet der Bundesrepublik gehörende Dassower See war durch die DDR-Grenzsperranlagen von der Stadt abgetrennt und von hier aus nicht zugänglich. Nahe der B 105 steht noch ein Wachturm. Er war eine Führungsstelle der DDR-Grenztruppen. Hier liefen die Alarme, Meldungen und Informationen des Grenzabschnittes zusammen; entsprechende Maßnahmen wurden von hier veranlasst und koordiniert. Allein im Grenzraum Lübeck, also vom Priwall bis nach Selmsdorf und Schlutup, existierten 26 Beobachtungstürme. Hinzu kamen Beobachtungspodeste und Beobachtungsbunker. Die Überwachung war nahezu lückenlos.

Kurz hinter dem Ortsausgangsschild von Selmsdorf taucht der Transformatoren-Turm von Bardowiek auf. Die Siedlung lag, wie so viele andere, die wir noch passieren werden, zu DDR-Zeiten innerhalb der fünf Kilometer breiten Grenz-Sperrzone. 1960 wurden alle Höfe in der LPG Palingen kollektiviert. 1977 wurden die ersten Höfe abgerissen und 1989 das letzte Gebäude. Damit wurde der Ort zu einer Wüstung.

Weiter rollen wir durch die Stille einer ländlichen Idylle, die allerdings bald ein abruptes Ende hat. Im nahen Lübeck tobt das Leben und parallel zum ehemaligen Grenzfluss Wakenitz erreichen wir bei Utecht ein Paradies für Camper-, Paddler-, Ruderer- und Angler. Als Gletscher flache Becken ausschürften, entstand während der letzten Eiszeit vor zirka 10.000 Jahren der Ratzeburger See. Der etwas weiter südlich gelegene Schaalsee kam auf gleiche Art zu Stande. Die östlichen Ufer beider Seen waren früher gesperrtes Niemandsland. Zur Zeit des Kalten Krieges waren sie in der Mitte geteilt. So konnte sich, wie im gesamten Grenzbereich, Fauna und Flora ungehindert entfalten. Von der letzten DDR-Regierung wurde hier sogar noch 1990 ein Naturpark eingerichtet, in dem unter anderem auch der selten gewordene Seeadler zu finden ist. Über kleine Straßen und Wege hoppeln wir weiter. Die angegebenen Geschwindigkeitsbegrenzungen lassen sich nicht immer ausschöpfen, denn Federwege und unsere Rücken würden sich sonst bemerkbar machen. Mehr als 60 Kilometer in der Stunde lassen sich kaum schaffen - ohne Pause - zumal da wir gelegentlich auch über Kopfsteinpflaster fahren.

Ab Zarrentin kommen wir wieder flotter voran. Wieder queren wir die ehemalige Grenze, rollen nach Gudow und überqueren kurz vor Büchen den Elbe-Lübeck-Kanal. Beiderseits der  Straße passieren wir immer wieder  reetgedeckte Bauernhöfe und Scheunen. Bei Boizenburg erreichen wir  erstmals die Elbe, die während der  deutschen Teilung ein Schicksalsfluss  war. Denn ab hier markierte sie für  eine lange Strecke den Grenzverlauf.  Am Ortseingang Boizenburgs, direkt  an der alten Fernstraße 5, sind Gebäude erhalten, die für die Stadtgeschichte im 20. Jahrhundert von ganz  unterschiedlicher Bedeutung sind.  Eine Baracke zeugt von einem ehemaligen Außenlager des KZ Neuengamme, wo 1944/45 weibliche jüdische  Häftlinge aus Ungarn interniert  waren, die in der Rüstungsproduktion  der benachbarten Elbewerft Zwangsarbeit leisten mussten. Während der  Sommermonate kann hier eine Ausstellung zum Schicksal der Häftlinge  und zur Zwangsarbeit auf der Elbewerft besucht werden. Unweit davon stehen die beiden  Gebäude des früheren Transitkontrollpunktes Vier. Hier kontrollierten  DDR-Volkspolizisten von 1973 bis  1990 den Autoverkehr in Richtung  Grenze und in das Grenzsperrgebiet. Rund um den früheren Turm des  Kontrollpunktes dokumentiert eine  weitere Ausstellung die Geschichte  der Innerdeutschen Grenze im Kreis Hagenow. Im Hauptgebäude ist heute das Restaurant 'Checkpoint Harry' untergebracht. Ein Stück weiter finden wir die historische Stätte „12 Apostel“ mit gutem Ausblick auf das Elbtal - sofern es das Laub zulässt. Ab 1991 wurde der historische Stadtkern Boizenburgs mit dem Rathaus, den Wallanlagen und dem Hafenbereich gründlich saniert.

Auf der B195 düsen wir weiter Richtung Südosten. Den folgenden Landstrich kennt man auch unter der Bezeichnung Amt Neuhaus, eine besondere Region in der jüngsten deutschen Geschichte. Am 12. September 1944 einigten sich die Alliierten über die Aufteilung des besiegten Deutschlands. Die Westgrenze der sowjetischen Besatzungszone sollte dabei entlang der östlichen Provinzgrenzen von Schleswig-Holstein, Hannover, Braunschweig, Hessen und Bayern verlaufen. Nach diesem „Londoner Protokoll“ wäre das Amt Neuhaus in den englischen Sektor gefallen. Es kam aber anders. Da alle Brücken waren mehr oder weniger zerstört waren, trat General Montgomery das östlich der Elbe gelegene Stück Niedersachsen wegen möglicher Versorgungsprobleme an die Russen ab. Die Elbe wurde nun zur Grenze. Obwohl bewacht, war sie zumindest anfangs recht durchlässig. Bis 1952 wurde geschmuggelt, was nur möglich war. Selbst der russische Oberkommandierende war an den Gewinnen beteiligt. Dann riegelte die Volkspoli- zei auf Anordnung von Erich Honecker das Gebiet hermetisch ab und begann die Grenze militärisch  zu befestigen. Wie im gesamten folgenden Bereich wurde ein fünf Kilometer breiter Streifen  zum Sperrgebiet erklärt, das man nur mit einem  Passierschein betreten durfte. Aber niemand im  Amt Neuhaus vergaß, eigentlich Niedersachse zu  sein und kurz nach dem Fall der Mauer erfolgte  die Wiederangliederung an das Bundesland südlich der Elbe. Weiter düsen wir über die B 195 unweit des  Ostufers der Elbe entlang Richtung Süden. Diese  Bundesstraße ist eine in der Region beliebte  „Rennstrecke“. Kreuze an der Straße, Motorradhelme in den Bäumen, gelegentlich ein abgestellter Rollstuhl weisen auf die hin, die wohl zu  schnell waren. Endlich biegen wir rechts zum Elbufer ab. Meine Enduro und ich freuen uns, denn  ihre Stollenreifen bekommen ein wenig Schotter  zu fressen. Zwar nur für ein paar Hundert Meter, aber immerhin. Kurz danach stoppen wir die  Motorräder in Rüterberg. Um genauer zu sein in  der Dorfrepublik Rüterberg, die sich bis heute  so nennen darf. Bis 1938 hieß der am Elbufer auf  einer vorgelagerten Landzunge gelegene kleine  Ort Wendisch-Wehningen, bekam aber im Zuge  der Arisierung von Namen die Ortsbezeichnung  Rüterberg. Zu DDR-Zeiten lag er dann mitten im  Sperrgebiet und wurde ringsherum eingezäunt –  übrigens mit bestem Edelstahl aus westdeutscher  Produktion. Nur ein Stahltor, das heute noch zu sehen ist, blieb für den Zugang und das auch nur bis 23 und ab 5 Uhr. Beim Betreten und Verlassen des Ortes mussten die Bewohner jedes Mal ihre Papiere vorzeigen. 

 Das nervte und so kamen die Dorfbewohner auf  eine für DDR-Verhältnisse äußerst ungewöhnliche Idee: Am 08.11.1989 forderten die Rüterberger freien Zugang zur DDR und riefen nach  dem Vorbild der schweizerischen Urkantone  die Dorfrepublik Rüterberg aus. Somit war man  souverän, ein eigener Staat. Die überraschten  Staatsorgane der DDR hatten keine Reaktionsmöglichkeit mehr, denn schon ein Tag später fiel  die innerdeutsche Grenze und da hatte man andere Sorgen. 2004 wurde Rüterberg ein Ortsteil der  Stadt Dömitz. 

Noch bevor wir ein Stück weiter bei Dömitz die  Elbe überqueren, machen wir einen Abstecher  in die Festungsanlage aus dem 16. Jahrhundert,  eines der wenigen sehr gut erhaltenen Bollwerke aus Backstein in Norddeutschland. Am  Ende seiner Zeit als Festung wurde es auch als  Zucht- und Irrenhaus genutzt. Einer der prominenten Insassen der Festung war der Dichter und  Schriftsteller Fritz Reuter, der bis 1840 hier zwei  Jahre seiner Festungshaft verbrachte und seine  Erinnerungen in dem Buch „Ut mine Festungstid“  aufzeichnete

Die nahegelegen Elbbrücke, über die wir anschließend weiterrollen, wurde gleich nach der Wende geplant und noch 1992 eingeweiht. Wenn staatliche Stellen mal zügig arbeiten, kann es sogar schnell gehen. Auf der anderen Elbseite machen wir gleich einen Abstecher zur Brückenruine der Dömitzer Eisenbahnbrücke. Die Brücke war eines der wichtigsten Bauwerke der Bahnstrecke Berlin -Hamburg.

Ende April 1945 wurde sie Brücke durch einen Angriff alliierter Bomber zerstört. Die anschließende unterschiedliche politische Entwicklung in Deutschland und der Ausbau der innerdeutschen Grenze verhinderten einen Wiederaufbau. Als Mahnmal für die Kriegszerstörungen und als Symbol für die deutsche Teilung steht sie eindrucksvoll am Ufer der Elbe.

Anschließend surfen wir am Westufer der Elbe weiter und erreichen einen anderen Ort, der Geschichte schrieb und noch schreibt -Gorleben.

Die allgegenwärtigen Andreaskreuze in Gelb zeigen immer wieder den Protest gegen das bis vor kurzem geplante Atommüllendlager in dem eigens dafür hergerichteten Salzstock. So ganz können wir uns dem Verständnis für die Bewohner dieser Gegend nicht entziehen, um das vorsichtig und unpolitisch auszudrücken.

Der weitere Weg gen Süden führt dann durch den Naturpark Elbufer-Drawehn nach Schnakkenburg. Von hier bis Lauenburg bildete die Elbe auf 98 Stromkilometern die Grenze zwischen BRD und DDR. Vor der Wiedervereinigung war Schnackenburg Zollstation, ein Grenzlandmuseum am Hafen erinnert daran.

Wenig später queren wir wieder einmal die ehemalige Grenze und finden einen Wegweiser, der uns kurz vor Aulosen auf einem idyllischen Weg zur “Gedenkstätte Stresow“ führt. Von einem Ort ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Im Rahmen der “Aktion Ungeziefer“ wurden im Mai 1952 über die Hälfte der Einwohner des Dorfes bei Nacht und Nebel zusammengetrieben und nach Thüringen gebracht worden. "Organisiertes Westfernsehen" war einer der Gründe für die Umsiedlung oder "staatsfeindliche Einstellung". 1974 wurde das Dorf durch die DDR-Regierung unter Walter Ulbricht vollends geschleift.

Weiter geht´s durch die Altmark nach Arendsee.

Dann passieren wir die Baumkuchenstadt Salzwedel mit einem kurzen Probierstopp und folgen dem Asphaltband erst wieder nach Niedersachsen, dann zurück nach Sachsen-Anhalt. Überwiegend sind wir auf kleinen Straßen unterwegs, wunderbaren Strecken, auf denen wir kaum Autos begegnen. Gelegentlich ein paar Kurven, oft flurbedingte Haken.

Schließlich folgen wir einer fast endlosen Geraden durch den Naturpark Drömling. Mit einer Fläche von 300 Quadratkilometern stellt er eines  der größten Feuchtgebiete des deutschen Binnenlandes dar. Nach der letzten Eiszeit ließen die  Flüsse Aller und Ohre in der einst fast abflusslosen Senke ein ausgedehntes Versumpfungsmoor  entstehen. Ende des 18. Jahrhunderts wurde auf  Befehl von Friedrich II. mit der Urbarmachung  des Gebietes begonnen. Wälder wurden gerodet  und zahlreiche Entwässerungsgräben angelegt.  Das Moor wurde so in artenreiche Feuchtwiesen  umgewandelt und allmählich in ein Land der 1000  Gräben. Die Region ist heute ein Eldorado für  Fischotter, Brachvögel und Störche, die unübersehbar auch unweit der Straße nisten. 

Etwas weiter südlich überqueren wir erst den  Mittellandkanal, dann die Aller und wieder einmal  den alten Grenzstreifen Richtung Westen. Alleen  und blühende Löwenzahnwiesen begleiten uns,  ein kurzes Stück Plattenweg von Niedersachsen  nach Sachsen-Anhalt und ausnahmsweise ein  paar Kilometer Autobahn A2, weil wir an den ehemaligen Grenzübergang Helmstedt / Marienborn  gelangen wollen. Zunächst an das Grenzdenkmal  „Deutsche Teilung“ und dann an die Gedenkstätte  „Deutsche Teilung Marienborn“. Hier befand sich  der größte und bedeutendste Grenzübergang an der innerdeutschen Grenze während der deutschen Teilung, der wohl wichtigste Grenzübergang zwischen dem Warschauer Pakt und der Nato. Auf den ersten Blick sieht es hier fast so aus wie früher. Nur muss niemand mehr Ausweise auf  Fließbänder legen. Aber wer die Kontrollen einmal erlebt hat, den beschleicht schon ein mulmiges Gefühl.  

Ein wenig weiter südlich verlassen wir die A2  über die Ausfahrt Alleringersleben und gelangen  in den Ort, der der Anlage seinen Namen gegeben  hat. 

 Marienborn zählt zu den ältesten Wallfahrtsorten  Deutschlands. Dort, wo nach einer Legende eine  Marienstatue vom Himmel gefallen sein soll, entsprang am Ende des 12. Jahrhunderts eine Quelle  - „Marienborn“ - mit heilender Wirkung. Reste  einer ehemals heilen Welt.

Ganz anders sieht es da ein paar Kilometer westlich aus. Tiefe Löcher gähnen uns entgegen.

Wir sind im Braunkohleabbau zwischen Harbke und Schöningen. Seit 1842 der erste Schacht in Harbke niedergebracht wurde, wurde hier Braunkohle abgebaut. Bis vor kurzem fraßen sich mächtige Schaufelbagger Meter für Meter in den Boden, holen Braunkohle aus den Flözen, die nur ein Stück weiter in den Kraftwerken zur Stromgewinnung genutzt wurde. Seit 1985 wird das Braunkohlekraftwerk Buschhaus betrieben. Die Besetzung des Kraftwerks durch Vertreter von Greenpeace war damals lange im Gespräch. Vor der Wende wurde hier eine äußerst praktische Variante in Sachen Grenzsicherung praktiziert.

Da die Grenze nämlich mitten durch den Tagebau lief, setzte man transportable Sperranlagen ein und baute sie dort auf, wo gerade keine Kohle abgebaut wurde. Dieses Entgegenkommen der Genossen Honecker & Co. gab es natürlich nicht zum Nulltarif, aber es zeigt, was gegen harte Devisen alles möglich war.

Ein wenig weiter erreichen wir ein einzigartiges Relikt der deutschen Teilung. In Hötensleben kann man das ehemalige Grenzsystem im Originalzustand erleben. Auf einer Länge von 350 m und einer Fläche von 6,5 ha sind unter anderem die Sichtblendmauer, der Signalzaun, das Sichtund Schussfeld mit Lichttrasse, Kolonnenweg und Kfz-Hindernis, die Grenzmauer und der Führungsturm mit Kfz-Stellung erhalten geblieben.

Besonders beeindruckend ist der Verlauf der Sperranlage an dieser Stelle auch, weil sie unmittelbar hinter den Häusern des Ortes errichtet wurden.

Obstbäume am Straßenrand bleiben zurück, wir  passieren das Große Bruch und cruisen über  den Huy, den letzten Bergrücken vor dem Harz  mit dem Kloster Huysburg. Dann erreichen wir  Halberstadt und sind im nördlichen Harzvorland.  Wie auf zahlreichen anderen Marktplätzen nord-  und mitteldeutscher Städte finden wir hier einen  überlebensgroßen Roland mit Schwert und Adlerschild, der im Mittelalter als Symbol städtischer  Rechte und Freiheiten galt. Wichtiger für mich ist  hier ist aber der Besuch der Burchardikirche, eine  der ältesten Kirchen der Stadt. Nicht wegen des  Gebäudes, sondern wegen ORGAN²/ASLSP, einem  ganz „verrücktem“ Orgelstück. Das John Cages  42 Projekt fasziniert mich immer wieder seit meinem ersten Besuch 2003.

Südlich der Stadt erhebt sich vor uns unübersehbar eine Barriere, die bis 1142 m in den Himmel ragt. Es ist der Harz, mit seinem höchsten Punkt im Norden, dem Brocken, auch als Blocksberg bekannt.  

Nun fängt für uns der Spaß richtig an, denn die  Topographie des Geländes sorgt für deutlich mehr  Kurven als bisher und für viel hoch und runter.  Im Harz wurde der „antifaschistische Schutzwall“  übrigens so weit wie möglich im Westen errich tet. Das heißt, die Sperranlagen führten über Berg und Tal, mal steil hinauf, dann wieder abschüssig hinunter. Für uns bedeutet das parallel dazu viel Kurvenspaß. Und so surfen wir durch die Flusstäler, genießen in weiten Radien satte Schräglagen, drücken in manche Spitzkehre, schauen im Vorbeiflug auf Klippen und Felsen, die steil neben der Straße aufsteigen. Dann düsen wir auf der sogenannten “Steilen-Wand-Straße“ hinauf zum Torfhaus, einem der bekanntesten Motorradtreffs der Region. Hier trifft man sich, weil man von hier aus einen der besten Blicke auf den Brocken hat, aber wohl auch, um Benzin zu quatschen. Zur Zeit der Teilung war der Berg jenseits des „eisernen Vorhangs“ strategisch äußerst wichtig, denn Militärs und Stasi hatten auf ihm Lausch- und Radaranlagen installiert. Auf dem Wurmberg und auf dem Stöberhai standen die westlichen Gegenstücke dazu. Sie seien so gut gewesen, dass man angeblich man von dort aus sogar den Taxenfunk in Moskau hätte abhören können.

Hinter Braunlage führt die B 27 nach Osten. Wir passieren den Fluss Bremke, der in dem Bereich den Grenzverlauf markierte. Ein Gedenkstein erinnert an die Grenzöffnung 1989. Wenig später erreichen wir Elend. Der Ort heißt wirklich so.

Am Bahnhof bestaunen wir die Harzquerbahn, die dampfend und fauchend weiter nach Nordhausen und nach Wernigerode rollt, auf anderer Strecke hinauf zum Brocken oder durchs Selketal nach Gernrode. Wir folgen der Bahnstrecke Richtung Süden nach Sorge. Ein kleiner Abstecher führt dort zu einem Freilandmuseum, in dem mal wieder ein Abschnitt der Grenzanlagen zu sehen ist.

Etwas Ähnliches findet sich am "Ring der Erinnerung". Unsere Route führt dann nach Hohegeiß, das im Westen unmittelbar an der Grenze lag.

Bei Walkenried verlassen wir den Harz und erreichen das Eichsfeld, eine katholische Enklave mitten im protestantischen Stammland. Es gibt eine Fülle an wunderschönen und kurvenreichen Straßen, gut in Schuss und in allen Kurvenradien.

Es macht Spaß, die eigenen Fahrkünste auszuprobieren. Die leicht hüglige Landschaft gegen den Himmel kontrastiert durch die Baumreihen von Alleen haben ihr die Bezeichnung der „norddeutschen Toskana“ eingebracht.

Immer wieder kreuzen wir den alten Todesstreifen. Dann passieren wir Bischofferode. Unweit des Ortes erhebt sich die massige Abraumhalde des früheren Kalibergwerkes. Am besten ist das nach dem berühmten Berg in Australien scherz

haft „Ayers Rock“ genannte künstliche „Bauwerk“ vom Sonnenstein aus zu erkennen. Dort gibt es eine Aussichtsplattform für den ungehinderten  Blick ins Tal. Gerade im Sonnenuntergang leuchtet die Halde in verschiedenen Orange- und Rottönen. Daher auch ihr Spitzname. 

Zur Nach bleiben wir in Worbis im „Drei Rosen“.  Fassi, unser Gastgeber pflegt nicht nur eine bodenständige lokale Küche, sondern hat als begeisterter Motorradfahrer für uns noch den einen  oder anderen Hinweis zur Strecke. So fahren wir  dann am nächsten Morgen durch das westliche  Eichsfeld über Heiligenstadt weiter zur Burg Hanstein. Die sehr eindrucksvolle Anlage oberhalb  der Werra gilt als eine der größten Burgruinen  Mitteldeutschlands mit wechselhafter Geschichte. 

Unmittelbar unter der Burg verlief die ehemalige  deutsch-deutsche Grenze. Hier fand auch eine der  vielen Geschichten in der Geschichte satt - die der  "Whisky-Wodka-Linie", benannt nach den jeweils  von amerikanischen und russischen Soldaten bevorzugten Getränken. Die für die Amerikaner wichtige  Nord-Süd-Eisenbahnverbindung Bremen -  Bebra verlief unterhalb der Burg etwa drei Kilo- Rechtsaußen Thüringens, das andere auf einem Nachbargrundstück ist ein verkleinerter Nachbau des Holocaust-Mahnmals in Berlin. Im November 2017 enthüllte das Künstlerkollektiv des ZPS unter dem Projektnamen „Bau das Holocaust-Mahnmal vor Höckes Haus!“ 24 Stelen, die zwei Meter aus dem Boden ragen. Das ZPS, das Zentrum für Politische Schönheit ist ein Zusammenschluss von Aktionskünstlern und Kreativen unter der Leitung des Philosophen und Aktionskünstlers Philipp Ruch.

Ungezählte blühende Obstbäume begrüßen uns nun auf dem Weg ins Hessische. Dort, im Werratal oberhalb von Bad Sooden-Allendorf, ist unser nächster Stopp das Grenzmuseum Schifflersgrund, das auf einem Stück der ehemaligen innerdeutschen Grenze angelegt wurde.

Auf dem Freigelände stehen ehemalige Zoll- und Kontrollbaracken, in denen an die Veränderungen der Region nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert wird. Daneben werden Bestandteile der ehemaligen Grenzsicherung erhalten: ein 1500 Meter langer Metallgitterzaun aus den sechziger Jahren sowie Teilstücke des Kraftfahrzeugsperrgrabens, des Spurensicherungsstreifens und des Kolonnenwegs, ein Erdbeobachtungsbunker, ein Beobachtungsturm, Militärfahrzeuge und Hubschrauber.

Ein kleiner Abstecher führt uns weiter nach Thüringen hinein. Mal geht´s bergauf, dann wieder bergab und so surfen wir uns nach Mühlhausen.

Aus dem geplanten Stopp am 1. Deutschen Bratwurstmuseum wird nichts, nach der Verlegung ist der Umbau leider noch nicht abgeschlossen. Aber drei Highlights lassen wir uns nicht entgehen.

Bei Niederdorla stoppen wir am geografischen Mittelpunkt Deutschland. Dann umfahren wir den Nationalpark Hainich, der fast die Größe des Stadtstaates Hamburg hat. Eindrucksvoll ist auch der nahe der Thiemsburg gelegene Baumkronenpfad, von dem aus Besucher einen Blick in einen sonst unzugänglichen Bereich dieses „Urwalds mitten in Deutschland“ werfen können. Schließlich gelangen wir nach Eisenach und werfen im Vorbeifahren einen Blick auf die Wartburg. Leider hat mein Lieblingsimbiss im nahegelegenen Wilhelmsthal coronabedingt geschlossen. Schade.

Wieder keine Thüringer Bratwurst! Also schwingen wir uns wieder weiter Richtung ehemaliger  Grenze, passieren die Werra und erreichen dann  zur Übernachtung Herleshausen. Bekannt wurde  der Ort nach dem Zweiten Weltkrieg, als im Januar 1956 im Bahnhof Herleshausen der letzte  Eisenbahntransport mit 602 Spätheimkehrern  aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft eintraf  und mit dem Grenzübergang Wartha/Herleshausen hier einer von wenigen mit Kraftfahrzeugen  zu passierenden Übergänge in die DDR eingerichtet wurde. Auf der Terrasse des Hotels Schneider  lassen wir bei dem einen oder andern Getränk die  Eindrücke des vergangenen Tages an uns vorüberziehen und blicken auf die noch vor uns liegende  Strecke, denn unsere Tour ist noch lange nicht zu  Ende. Bis zur tschechischen Grenze wartet eine  weitere höchst interessante Strecke auf uns –  geschichtlich wie fahrtechnisch.