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MOBBING AM STALL: Wenn die Seele DUNKEL wird


Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 110/2018 vom 12.10.2018

Mobbing, Burn-out und Depressionen sind auch bei unserem schönsten Hobby keine Seltenheit. Karin Tillisch erzählt aus eigener Erfahrung,wie sie als Pferdetrainerin unter Depressionen, Burn-out und Mobbing gelitten hat


Artikelbild für den Artikel "MOBBING AM STALL: Wenn die Seele DUNKEL wird" aus der Ausgabe 110/2018 von Mein Pferd. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 110/2018

Schneller, als man denkt, wird aus viel Stress eine Depression oder ein Burn-out


Wahrlich, keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt“, so schrieb schon der deutsche Schriftsteller Hermann Hesse. „Was … Depressionen? Du?“ Ich nicke und warte. Sehe, wie bei meinem Gegenüber langsam klar wird, dass dies kein Scherz ist.
„Ja und dann? So richtig ernsthaft?“, fragt mein Gegenüber. „Fast ...

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Wahrlich, keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt“, so schrieb schon der deutsche Schriftsteller Hermann Hesse. „Was … Depressionen? Du?“ Ich nicke und warte. Sehe, wie bei meinem Gegenüber langsam klar wird, dass dies kein Scherz ist.
„Ja und dann? So richtig ernsthaft?“, fragt mein Gegenüber. „Fast fünf Jahre lang“, ist meine Antwort. Stille. Mein Gegenüber scheint geschockt „Also, ehrlich. Das hätte ich nie gedacht. Du bist doch immer so fröhlich und gelassen und nett, und du hast doch so viel erreicht und gemacht und bist doch so erfolgreich.“

Ja, auf den ersten Blick von außen war mein Leben perfekt. Ich habe das beste Pferd und das beste Pony der Welt, den allerbesten Ehemann ohnehin. Seit vielen Jahren zahlreiche gut laufenden Fachbücher auf dem Markt. Fotoshootings, TV-Reportagen, Shows, Messen, Vorträge und Seminare. „Been there, done that!“, sozusagen. Seit 20 Jahren war und bin ich erfolgreich im Pferdefachjournalismus unterwegs.

Wieso ist mir dann aber vor einigen Jahren auf dem Höhepunkt meines Erfolges die Sicherung rausgeflogen, sodass ich all dies nicht mehr sah? Wieso stürzte ich in ein tiefes schwarzes Loch, das mich fast fünf Jahre lang immer wieder erneut hinunterriss, kaum dass ich herausgekrochen war?

Es braucht eine gewisse Dunkelheit, um die Sterne zu sehen (Osho, Mystiker)

Ich hatte mich in eine Richtung verrannt, die mir nicht mehr guttat. Natürlich spürt man das, aber man ignoriert es einfach. Wer nicht mithalten kann, wird abgehängt, das ist in der immer schnelllebigeren Pferdebranche nun mal so. Also nahm ich meine kurzen Beinchen in die Hand und rannte und rannte und rannte, bis mir nach etwa zwölf Jahren des Vollgas-Mega-Marathons in der Branche die Luft ausging und Körper und Geist mit einem gewaltigen Ruck die Notbremse zogen.

Wie kam es dazu? Im Gegensatz zu vielen anderen habe ich kaum Druck von außen bekommen, sondern mir diesen zu großen Teilen selbst gemacht. Der Drang, sich beweisen zu müssen, es zu etwas zu bringen, war wohl durch langjähriges Mobbing in meiner Schulzeit entstanden, als ich als kleines, sich zu dick fühlendes und schüchternes Mädel dafür auch ein leichtes Opfer war.

Ich erlebte auch später in der Reiterwelt mehr oder minder massives Mobbing. Da war ich aber schon so sehr mit Karriere- Rennen“ beschäftigt, dass ich mich darauf nicht einlassen konnte. Ich fraß es jahrelang einfach in mich hinein, aber irgendwann ist bei jedem das Fass einfach mal voll.

Die Anfänge habe ich wahrgenommen, habe aber nicht verstanden, was da eigentlich mit mir los war. Jung, dynamisch, erfolgreich, alles super – oder?

Dass ich permanent Magenschmerzen, Übelkeit und Kopfweh hatte, sehr ungesund an Gewicht verlor, keine Nacht schlafen konnte und tagsüber herumlief wie ein Statist der Serie „The Walking Dead“ wollte ich nicht wahrhaben.

Dann kam der große Knall durch einige heftige Erschütterungen in meinem Leben, was mir den Boden unter den Füßen wegzog.

Ich hatte das Glück, dass mein Mann sofort reagierte, als der große Zusammenbruch kam, und mich sofort zum Arzt brachte. Mein Hausarzt hat dann zusammen mit meiner Neurologin sehr schnell reagiert und mir binnen weniger Stunden einen Platz in einer Klinik verschafft. Ich rief meinem damaligen Verleger an, da ich gerade an einem Buchprojekt saß, dass ich nun definitiv nicht rechtzeitig abgeben könnte. Zu meinem großen Erstaunen stieß ich hier auf größtes Verständnis.

Ich organisierte dann noch die Betreuung meiner Pferde – dank verständnisvoller Stallbetreiber war auch das binnen kürzester Zeit geklärt. Und einige Tage später stand ich mit meinem Koffer völlig aufgelöst und mit dem Leben „durch“ vor der Tür der Klinik.

Fast fünf Jahre lang war ich dann immer wieder in der Klinik, einer Tagesklinik und in ambulanter Behandlung. Zwischendrin schien es immer wieder, als ob ich die Depression besiegt hätte, und ich begann, wieder mit Vollgas durchzustarten, nur um wieder auf der Nase und wieder in der Klinik zu landen.

Erst am Ende dieser fünf Jahre änderte ich etwas Gravierendes in meinem Leben und an meinen Weltansichten. So kam ich aus dem Teufelskreis der Depressionen heraus. Seither habe ich die Sache im Griff und kann nun fast entspannt mit entsprechendem Abstand auf diese dunkle Zeit in meinem Leben zurückblicken und auch offen darüber sprechen. Jeder kommt aus einer Depression als ein anderer Mensch heraus. Ich hatte das Glück, dass ich Hilfe bekam und auch annehmen konnte, die mich wirklich auf einen neuen Weg brachte.
Meine Pferde waren nicht der Auslöser dieser großen, jahrelangen Depression. Es war das Umfeld der Pferdebranche. Stress, finanzieller und zeitlicher Druck, Mobbing, auch manchmal unzuverlässige Geschäftspartner und Kunden. Meine Pferde waren mir in dieser Zeit eher eine Hilfe als eine Last.

Und als ich das Umfeld änderte, meine Gedanken selbst änderte und das Leben aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten lernte, da sah ich das erste Mal in der Dunkelheit auch die Sterne leuchten.

Warum Mobbing in der Natur des Menschen liegt, aber in unserer Gesellschaft immer schlimmere Formen annimmt

Man muss nicht das Licht eines anderen auslöschen, um das eigene strahlen zu lassen (Griechisches Sprichwort)

Wenn ich daran denke wie ich damals in der Schule und zu Beginn meiner Karriere gemobbt wurde, ist das ja fast schon harmlos gegen das, was heute vielen Menschen in Beruf und Alltag passiert. Auch wenn mich dieses Mobbing sicherlich sehr in meiner Entwicklung beeinflusst hat und viele Träume auch zum Platzen brachte, so stehe ich heute doch hier und bin zufrieden mit meinen Leben und habe aus diesen Erfahrungen auch einiges lernen können.

Aus meiner persönlichen Sicht sieht Mobbing wie ein fehlgeleiteter Urinstinkt aus, der unsere Vorfahren einst davor schützte, in der Gruppe „nicht passende“ Individuen zu lange zu dulden, sodass diese der Gruppe tatsächlich schaden konnten. Wer sich nicht an die Regeln, den Glauben oder die Gepflogenheiten seiner Gruppe halten konnte oder wollte, der gefährdete diese. Und wurde aus der Gruppe ausgeschlossen oder auch so lange angegangen, bis er sich doch anpasste.

Doch unsere Vorfahren schweißte trotz alledem ein vielschichtiges Sozialgefüge zusammen, ohne dass sie nicht hätten überleben können. Wären die damaligen Guppen der Jäger und Sammler wegen eines Streits auseinandergebrochen, ob jetzt das Rentier oder das Mammut die schickeren Felle abgibt oder ob das Tragen von Hirschfell völlig out ist, so hätten wir als Art die Eiszeit nicht überlebt. Um zu überleben, waren wir in der Gruppe aufeinander angewiesen. Dieser Zusammenhalt schwindet aber in der modernen Welt. Der Urinstinkt jedoch, alle, die nicht zur „Gruppe“ passen, weil sie ein bisschen anders sind, abgrenzen oder gar vernichten zu wollen, ist geblieben. Und da wir diese „anderen“ ja nicht mehr brauchen, um selbst zu überleben, fallen auch alle Hemmschwellen, und die Kreativität des Mobbings wird immer größer.

War Mobbing früher eher verbaler Natur – das Getuschel an der Bande kennen wir ja sicherlich alle – so nimmt es heutzutage nicht selten auch körperliche Formen an. Früher war das Abgrenzen oder Sichaus- dem-Weg-Gehen noch machbar. Ich beispielsweise wechselte einfach die Schule, und das Problem des Mobbings war weg. Als es an einem Stall losging und ich merkte, dass da mit Reden nichts mehr zu machen war, habe ich mein Pferd eingepackt und habe an einen anderen Stall gewechselt, und damit war wieder Ruhe.

Seit dem Siegeszug des Internets und der Social Media hingegen scheinen wir alle in einer sehr großen und zugleich sehr engen Welt zu leben. Auch wenn jemand, den ich nicht leiden kann, 500 Kilometer weit weg lebt, ist er in der digitalen Welt nur einen Klick entfernt und bringt mich so auf die Palme. In der Anonymität des Internets ist auch die Hemmschwelle, die Person, die man aus irgendeinem Grund nicht leiden kann, verbal zu attackieren und schlechtzumachen, de facto nicht mehr vorhanden.

Das Phänomen „Shitstorm-Mobbing im Internet“: für besonders feige und unglückliche Individuen

Hätte man sich in meinem kleinen idyllischen Schwarzwalddorf vor 40 Jahren aus dem Fenster gelehnt und zum Nachbarn rüber gebrüllt „Du bist ein … (füge das Schimpfwort deiner Wahl ein)“ oder Ähnliches, dann wäre dieser wahrscheinlich mit hochgekrempelten Ärmeln herübergekommen, und das ganze wäre ähnlich geklärt worden wie die ewige Frage, ob der Fisch frisch ist, bei Asterix und Obelix.

In den sozialen Netzwerken muss ich nicht fürchten, eine direkte unangenehme Reaktion zu erhalten. Genau genommen sind hier die Opfer sogar recht wehrlos, denn wer es dann wagt, gegen die Angreifer etwas zu sagen, der wird dann schnell weiter beschimpft, es werden unwissende, aber willige Verbündete gesucht, und voilà – der Shitstorm ist geboren. Die digitale Form des Mobbings ist in meinen Augen für besonders rückgratlose Individuen der Menschheit bestens geeignet.

Gelästert wird an vielen Reitställen intensiv: Die Gruppenbildung trägt dazu bei, dass dies besonders leicht zum Mobbing wird


Karin Tillisch, Pferdetrainerin und Fachbuchautorin, hatte selbst jahrelang gegen die Folgen von Mobbing zu kämpfen


Leider haben wir solche Mobbing- und Shitstorm-Attacken in den letzten Jahren auch vermehrt in unserer bis dahin eigentlich noch recht harmonischen Reiterwelt erlebt. Sicherlich: Das leidige, hirnfreie Getuschel und Gekicher hinter der Bande, das kenne ich seit über 30 Jahren. Es war und ist nervig, lästig und sorgt in jedem Stall für Unfrieden – und die Grenze von Lästern zu Mobben ist oft fließend.

Auch ist es natürlich leichter, sich selbst groß zu machen, indem man andere klein macht, als die Konkurrenz einfach durch eigene Leistung zu überstrahlen. In der Reiterwelt ist dieses Phänomen leider weit verbreitet. Wer sich bewusst macht, dass die meisten Mobber eigentlich durch ihre Angriffe auf andere nur über eigene Defizite und oft auch große Unsicherheit und Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben hinwegtäuschen wollen, bekommt eine andere Sicht auf die Dinge.

Das „Einfach mal abschalten“, das Peter Lustig in der Sendung „Löwenzahn“ vor 30 Jahren im TV propagierte, scheint aufgrund der heutigen flächendeckenden Internetsucht der Menschen nicht mehr möglich zu sein. Abgrenzung innerhalb einiger Milliarden vernetzter Menschen zu betreiben und den eigenen „Stamm“ zu finden ist schier unmöglich, aber doch eines unserer Grundbedürfnisse, da unser Kleinhirn immer noch in Stammeszugehörigkeiten denkt und in „Wir“ und „Die anderen“ unterteilt. Da uns diese Stammesdefinition in der digitalen Welt fast nicht möglich scheint und wir ohnehin hier schnell emotional werden, mobben wir meistens schlichtweg aus reiner Überforderung heraus, weil wir uns selbst schützen wollen.

Abgrenzen um jeden Preis … oder dazugehören um jeden Preis

„Ja, ich mach auch Training X und wenn ihr alle sagt, dass Methode Y böse ist, weil er das nicht macht, dann sag ich das jetzt auch, weil ich ja auch bei Training X dazugehören will zu dieser Gruppe.“ Statt dann an den Punkt zu kommen wie ich nach fünf Jahren, den Selbstfindungstrip, dann so etwas sieht und dann schulterzuckend sagt: „Okay, es ist wohl ein anderer Stamm, passt schon – können sie ja machen, wenn’s ihnen und ihren Pferden Spaß macht.“

Die große Vielfalt der heutigen Pferdebranche macht das Abgrenzen und Sichselbst- Finden leider eher schwieriger als einfacher. Vor noch 30 Jahren war es hier auf dem Lande recht einfach: Entweder reitest du Dressur, Springen oder du fährst Kutsche. Ein paar Cowboys im Westernsattel gab es auch, die wurden nicht ernst genommen, aber okay. Das war’s.

Hier alle Reitweisen, die heutzutage in Deutschland praktiziert werden, aufzuzählen würde den Rahmen des Artikels sprengen. Aber durch diese enorme Vielfalt spaltet sich die Truppe der Pferdefreunde in immer kleinere Lager. Erstens ist es so sehr schwierig, den richtigen „Stamm“ zu finden und zweitens wurde leider gerade im Zuge der Digitalisierung die Reiterwelt wieder, wie ich finde, wesentlich engstirniger und ja, teilweise sogar fanatischer. Wie es sein kann, dass mehr Wissen, mehr Möglichkeiten und mehr Wahlfreiheit dazu führen, dass wir wieder engstirniger und radikaler werden, wäre aber mal ein anderes Thema. Doch dieser seltsame, auf den ersten Blick unverständliche Prozess gekoppelt mit der Auflösung der sozialen Strukturen ist für Mobbing ein regelrechter Katalysator.

Wenn das Licht erlischt und die Kraft verschwindet: der Burn-out

Do not go gentle into that good night, / Rage, rage against the dying of the light … (Gehe nicht gelassen in die gute Nacht / rase, tobe gegen das Sterben des Lichtes …) (Auszug aus dem Gedicht „Do not go gentle into that good night“ von Dylan Thomas)

Ich kann beim Thema Mobbing mittlerweile etwas gelassen drüber und nebendran stehen weil ich schon eine lange und intensive Phase von Burn-out und Depression hinter mir habe.

Doch leider führt für die meisten Mobbing- Opfer der Weg zur Erkenntnis auch über eine vorhergehende Phase des Burnouts oder der Depression. Mobbing ist nur einer von vielen Auslösern für diese tückischen Erkrankungen von Seele und Geist. Auch Überforderung im Beruf, Reibereien in Familie und Partnerschaft und sogar chemische und hormonelle Dysbalancen, ausgelöst durch Krankheiten, falsche Ernährung oder Medikamente können Depressionen und Burn-outs hervorrufen.

Burn-out ist eigentlich keine wissenschaftlich korrekte Bezeichnung. Doch das „Ausbrennen“ beschreibt den Zustand, in dem man sich in solch einer Überlastungsdepression befindet, eigentlich sehr gut.

Erst schien es eine Managerkrankheit zu sein und nur Menschen zu betreffen, die in stressigen Berufen arbeiten. Doch da Stress mittlerweile in nahezu allen Berufen zum Alltag gehört, finden sich Burn-outs in jeder Berufsgruppe. So wie es sogar mich als Fachautorin traf, einem „Beruf “, bei dem man wohl als Letztes gedacht hätte, dass es hier einen Burn-out geben könnte.

Meist geht einem Burn-out eine Phase höchster Aktivität voraus. Man merkt zwar schon, dass etwas nicht stimmt, versucht es aber ganz auf Menschenart mit „Viel hilft viel“ zu kompensieren. Also anstatt weniger zu arbeiten oder auch das Pferd zu trainieren, macht man immer mehr und mehr und mehr. Will immer noch schneller noch mehr erreichen, um irgendetwas von dem man schon spürt, dass es aus den Fugen gerät, zu kompensieren.

Unsere Pferde zeigen uns dann meistens ganz schnell, dass sich bei uns „eine Schraube lockert“, indem sie auf unsere mentale Dysbalance mit Gegenwehr und Diskussion reagieren. Das kann dann gerade bei einer Person, die ganz dicht vor dem Burn-out steht, eine extrem aggressive oder auch extrem ängstliche Phase auslösen. Unter dem noch größeren Druck durch das Verhalten des Pferdes – und des dann oft noch dazu mobbenden und lästernden Umfeldes! – scheint der „Fight or Flight“-Reflex vollends verrückt zu spielen und klares, rationales Denken wird immer schwieriger. Darauf reagieren unsere sensiblen Vierbeiner dann natürlich auch sehr heftig, da wir in dieser Phase schon überhaupt nicht mehr in der Lage sind, ihnen die Sicherheit zu vermitteln die sie von uns als „Herdenchef “ erwarten. Menschen reagieren mit entweder noch mehr Mobben oder Druck oder Gleichgültigkeit oder Unverständnis. Mangelndes Einfühlungsvermögen ist leider weiter verbreitet. Die Frage warum sich jemand so untypisch zu seinem eigentlichen Wesen verhält stellt sich hier keiner, man reagiert nur wieder mit dem Stammeshirn der Vorfahren und haut auf das, was man nicht mehr versteht, kräftig mit dem Knüppel oder sucht das Weite.

Bei Burn-out und Stress sind Pferde häufig eine echte Stütze


Daher kann ich nur jedem raten, der sich jetzt in dieser Phase wiedererkennt: Stellen Sie es auf die Weide und lassen es notfalls, wenn es machbar ist, auch einfach ein paar Wochen Pause machen, bis bei Ihnen wieder alles richtig tickt! Das ist besser für das Pferd und für Sie!

Begeben Sie sich schnellstens in Behandlung und schauen Sie auch nicht links oder rechts, wem es jetzt schaden könnte wenn Sie sich auch mal um sich selbst kümmern.
Ignoriert man die Warnzeichen bei seinem Pferd und im eigenen Kopf jedoch, dann wird der eigene Körper die Notbremse ziehen. Dabei ist der Körper sehr kreativ, es kann von übelsten Kopfschmerzen bis hin zu Angstattacken so ziemlich alles sein.
Ist man dann an dem Punkt angelangt und erkennt, dass die Notbremse, die der Körper gerade gezogen hat, wirklich überlebenswichtig ist, sollte man sich schleunigst in Behandlung geben. Ein Burn-out ist nichts, das mit ein paar Tagen Ausschlafen und ein bisschen Urlaub wieder weggeht. Der kam nicht in ein paar Tagen von alleine, und der geht auch nicht in ein paar Tagen von alleine.

Mit etwas Glück, der richtigen Therapie und auch dem eigenen Willen, wirklich wieder gesund zu werden, kann es gut sein, dass so ein Burn-out eine einmalige Sache ist. Verändern Sie natürlich nach der Therapie nicht auch etwas an den Umständen, die zum Burn-out führten, wird er wieder kommen.

Und dann kann daraus eine richtige, kräftige Depression erwachsen die man dann nicht mit ein paar Tagen Ruhe und Tee wegbekommt!

Das große tiefe Loch der Depression

Wir können nicht gegen die Nacht ankämpfen, aber wir können eine Kerze anzünden (Franz von Assisi)

Eine Depression ist nicht vergleichbar mit ein bisschen „Schwermut“ oder „niedergeschlagen sein“ wie leider immer noch ein Großteil der Bevölkerung glaubt. Eine echte Depression ist eine ernsthafte, sehr tückische Erkrankung, die man leider oft gar nie mehr richtig los wird. Aber man kann lernen, damit zu leben.

Da jede Depression etwas anders verläuft, andere Ursachen hat und es Hunderte von Medikamenten und Therapien dafür gibt, möchte ich hier nicht zu sehr auf die Erkrankung an sich eingehen. Nur soviel sei gesagt: Ein „Jetzt reiß dich halt mal zusammen“ aus dem Umfeld ist nicht hilfreich, sondern kontraproduktiv. Sich einfach ein paar Wochen vor der Welt verkriechen und nichts tun in der Hoffnung, dass es von alleine weggeht, macht es nur noch schlimmer. Alles so lassen wie es ist und zu hoffen, dass sich dann etwas ändert, ist die reinste Form des Wahnsinns, das sagte sinngemäß so schon Albert Einstein. Und spätestens an dem Punkt, an dem sich zu der allgemeinen Niedergeschlagenheit, der Schwermut und Traurigkeit noch vage Gedanken an Suizid durch den Kopf zucken – spätestens dann sollten die Koffer gepackt werden und in die Klinik gefahren werden.

Und was ist mit meinem Pferd?

Natürlich machen wir Reitervolk uns nun erst einmal Sorgen um das Pferd. Ja, wer kümmert sich um unser Pferd, wenn man jetzt tatsächlich ein paar Wochen oder – wenn aus dem Burn-out eine ausgewachsene Depression wird – Monate ausfällt?

Es gibt immer Lösungen. Und wenn Ihr Pferd dann auch mal einige Monate Weidepause hat, dann ist das so. Solange es Bewegung, Artgenossen, Futter, Wasser und in irgendeiner Form eine Beschäftigung hat, ist das vertretbar. Und auch für die Spezialfälle, in denen das Pferd eine intensivere Betreuung braucht, finden sich Lösungen. Sie werden jetzt ganz schnell feststellen, wer ihre wahren Freunde sind. Und wenn sich von den zahlreichen Freunden jetzt keiner findet, der mal bereit ist, das Pferd zu versorgen, dann gibt es auch professionelle Trainer, denen man das Pferd einige Monate lang anvertrauen kann. Ja, das kostet Geld, aber glauben Sie mir: Es sollte jetzt Ihre kleinste Sorge sein, ob das Sparbuch eine Delle bekommt. Denn wenn Sie jetzt nicht reagieren und nichts tun und hoffen, dass die Sache von alleine wieder weggeht, dann kann es sein, dass Sie Ihre Arbeitsfähigkeit nicht für ein paar Monate, sondern für ein paar Jahre riskieren und das Pferd dann aus finanzieller Not abgeben müssten.

Glauben Sie mir eines: Wer in einer richtigen akuten Depression steckt, ist seinem Pferd nicht Hilfe, sondern Last. Sie sind nicht mehr in der Lage, die Rolle des Herdenchefs auszuüben und Ihrem Pferd Sicherheit zu vermitteln. Es kommt nun einzig und allein auf Ihr Pferd an, wie es in dieser Situation reagiert, aber die meisten Pferde werden entweder mitleiden, da sie „ihren“ Menschen wirklich gern haben, oder zutiefst verwirrt sein und in ihrer Unsicherheit zu extremen Auswüchsen des „Fight or Flight“-Reflexes tendieren.

It takes one to know one? Wiesoman im Umfeld so oft auf Unverständnis bei Burn-out und Depression stößt

Kann das Umfeld des Reitstalles, also die anderen Einsteller, Reitkollegen, Trainer und Co., Verständnis für diese Erkrankung aufbringen? Meistens nicht. Depressionen waren und sind ein Tabuthema in unserer „perfekten“ Gesellschaft. Und dadurch mangelt es den meisten Menschen schlichtweg an Wissen über diese Erkrankung … und vor allem am Verständnis, dass es wirklich eine Erkrankung ist.

Selbst wenn genug Empathie und Wissen und Verständnis da sind: Es wird für das Umfeld auch schnell wirklich sehr, sehr anstrengend. Große Zentren und Kliniken, die den Schwerpunkt Psychische Erkrankungen haben, bieten nicht zum Spaß, oder weil die zu viel Zeit haben, Seminare und Therapiesitzungen für Angehörige und Partner von Depressiven an!

In einer Depression verhalten sich Menschen oft völlig anders, als man es von ihnen gewohnt ist. Tausendmal etwas nachfragen, nachkontrollieren, urplötzliche Angstattacken wegen augenscheinlicher Kleinigkeiten, Phasen der absoluten Niedergeschlagenheit, und wenn’s dann auch noch richtig dick kommt, wird’s auch noch manisch-depressiv – und „von Himmel hochjauchzend zu „zu Tode betrübt“ wechselt die Person binnen weniger Stunden!

Auch die nettesten Reitkollegen, Freunde, Stallbetreiber und Co. können nach einigen Wochen dann einfach selbst nicht mehr. Vom Pferd des Betroffenen ganz zu schweigen, denn diesem kann man nicht mit Worten erklären, was gerade passiert, und ihm vor allem auch nicht sagen, dass es kein Dauerzustand sein wird, sondern dass das alles irgendwann auch überstanden ist.

Der weite Weg zurück ins Leben

Das wirkliche Wesen des Geistes ist Licht. Verdunkelung kann nur vorübergehend erscheinen (Dalai Lama)

Wer sich in Sachen Burn-out und Depression helfen lassen will und auch helfen lässt, dem wird geholfen. Leider ist es hierzulande als Kassenpatient mitunter noch einmal ein langer, zäher, anstrengender Weg, bis man dann die Behandlung bekommt, die man auch braucht, um wieder gesund zu werden. Die Kliniken und Zentren, die auf diese Erkrankungen den Schwerpunkt legen sind leider ebenso überlastet wie zahlreiche Therapeuten, Psychiater, Neurologen und Psychologen … Termine zu bekommen dauert nicht selten mehrere Monate. So schwer es auch in der Depression ist, diesen Kampf auf sich zu nehmen, denken Sie daran: Sie kämpfen nicht nur für sich selbst! Sie kämpfen auch für Ihre Familie, Ihre Freunde, Ihr Pferd! Wenn es Ihnen wieder gut geht, geht es auch Ihrem Umfeld wieder besser! Für mich war es jedenfalls in den langen Wochen in der Klinik ein großer Halt zu wissen, dass ich meine Familie, meinen Mann und meine Tiere habe, für die ich auch da sein will! Gerade in der tiefsten Phase der Depression, in der man den eigenen Lebenssinn und auch die eigene Lebensberechtigung sehr hart in Frage stellt, war es immer ein Lichtblick zu wissen: Da ist jemand, der mich mag, der mich will, der mich vielleicht sogar tatsächlich braucht.

Dieser Gedanke alleine hat mich nicht aus dem tiefen Loch herausgezogen. So einfach ist es dann leider doch nicht. Aber meine Pferde und mein Mann haben mir sozusagen über den Abgrund eine Strickleiter in das Loch hinuntergeworfen. Und dank guter Therapeuten – sowohl klassischer Schulmediziner als auch spiritueller Berater – und dem letzten bisschen Lebenswillen, das noch irgendwo tief in mir vor sich hinglomm, habe ich gelernt, wie man Strickleitern hochklettert.

Daher machen mir auch jetzt die großen und kleinen schwarzen Löcher, die immer wieder auf meinem Lebensweg auftauchen, auch keine so große Angst mehr.

Was wir aus einem Burn-out und einer Depression lernen können

Wenn du lange genug in einen Abgrund blickst, dann blickt der Abgrund auch in dich hinein (Friedrich Wilhelm Nietzsche)

Ich habe in mehrere dieser Abgründe geblickt, saß an ihrem tiefsten dunkelsten Punkt, an den kein Licht mehr vordringt. Es ist kein schöner Ort, das einzig Gute, das er an sich hat, ist die absolute Dunkelheit und die absolute Stille. Beides kann einem zerbrechen und verzweifeln lassen … oder man lernt, die Dunkelheit und die Stille als Geschenk anzunehmen, sie zu nutzen, um wieder Kraft zu sammeln … und wartet einfach ein Weilchen, und dann kommt die Strickleiter über den Rand geflogen. Ich weiß ja mittlerweile wie, man sie hinaufklettert, auch wenn es jedes Mal wieder sehr mühsam ist und es sehr verlockend ist, sich einfach gänzlich in der Dunkelheit und Stille zu verlieren.

Doch am Ende der Strickleiter sind die, die mir wichtig sind: meine Familie, mein Mann, meine Katze – und natürlich Shadow und Starlight, meine Pferde. Für sie lohnt sich der Kraftakt, aus dem Loch herauszuklettern, immer und immer wieder. Und hey, für mich lohnt es sich auch!

Denn nur derjenige weiß das Licht wirklich zu schätzen, der schon mal die absolute Dunkelheit in sich gesehen und sie als Teil des Lebens angenommen hat.

Das Zusammenrotten von Gleichgesinnten führt am Stall zu einer starken Gruppendynamik


Fotos: Getty Images (2), Holger Schupp (1), Fotolia/ kieferpix (1), Privat (1)