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Mode aus Insektenpanzern: Pailletten der Natur


natur - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 15.05.2020

Auch moderne Designer setzen auf die uralte Praxis, Kleidung und Schmuck mit Bestandteilen von Insekten zu verzieren. Ein Streifzug durch die Kulturen und den guten Geschmack


Artikelbild für den Artikel "Mode aus Insektenpanzern: Pailletten der Natur" aus der Ausgabe 6/2020 von natur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: natur, Ausgabe 6/2020

Ein echtes Schmuckstück: der Smaragd-Prachtkäfer (Sternocera discedens). Die Familie der Prachtkäfer ist weltweit verbreitet und umfasst rund 15 000 Arten


Ein Kleid für ein Märchen: In der modernen Version des Schneewittchen-Märchens („Snow White and the Huntsman“, 2012) trägt Charlize Theron als böse Königin ein Gewand, welches mit den Flügeldecken von Prachtkäfern verziert ist


Nur wenige Sekunden währt die Szene, in der Charlize ...

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... Theron als Königin im Dämmerlicht die Schlosstreppe emporsteigt. Doch das Aufsehen um ihr Kleid bringt den Film Snow White and the Huntsman einmal mehr in die Medien: Unzählige etwa drei Zentimeter lange schimmernde Elemente changieren von metallischem Blau über Smaragdgrün bis hin zu dunklen Bronzetönen. Die Flügeldecken des Smaragdkäfers hatte Designerin Colleen Atwood auf einem Flohmarkt in Thailand gefunden. Sie wollte über die Kleider der Monarchin ihren fortschreitenden psychischen Verfall veranschaulichen – hier also mit den Überresten Hunderter oder Tausender kleiner Krabbeltiere, wunderschön funkelnd und rasiermesserscharf, ergreifend und abstoßend zugleich.

Die Verwendung von Käferflügeln ist nicht neu. Das erklärt Victoria Rivers, emeritierte Professorin für Design an der Universität von Kalifornien, Davis: „Menschen sind schon immer fasziniert von ungewöhnlich aussehenden Steinen, Tieren oder Pflanzen gewesen und haben Käfer überall auf der Welt als Verzierung eingesetzt.“ Nicht nur ist das Material ausgesprochen widerstandsfähig – müssen die harten Schalen doch die darunter liegenden Flügel schützen und den Träger vor Fressfeinden bewahren. Auch wirkt der metallisch schimmernde Ton vieler Tiere wie nicht von dieser Welt. Das Phänomen nennt sich Interferenzfarbe: Die Oberfläche der Käferpanzer ist in bestimmten Schichten oder Strukturen angeordnet, die das Licht je nach Einfallswinkel und Wellenlänge in unterschiedlicher Weise reflektieren. „Interferenzfarben sind brillanter und stärker als jegliche andere Farbe“, betont Rivers. Und sie sind dauerhafter: Oft bewahren die Exoskelette ihre schillernde Anmut über Jahrzehnte oder Jahrhunderte auf Stoffen, die längst fadenscheinig und ausgeblichen sind.

Verzierte Käfer sind mitunter lebende Schmuckstücke. Ob das noch Kunst ist oder schon geschmacklos, bleibt dem Betrachter überlassen. Aber vom Tierschutzgedanken her ist es zumindest fragwürdig


Besonders beliebt ist die weltweit verbreitete Familie der Prachtkäfer, die vor allem in tropischen Gebieten mit ihrem Arten- und Farbreichtum glänzen. So verzieren die Männer der in Ecuador und Peru lebenden Shuar ihren festlichen Ohrschmuck mit den Flügeldecken des bis zu acht Zentimeter messenden Riesenprachtkäfers – ergänzt mit Tukanfedern, Glassteinen oder menschlichem Haar. Auch Ureinwohner der Papua in Neuguinea versehen ihren Stärke und Attraktivität verleihenden Kopfschmuck unter anderem mit Prachtkäfern. Der am intensivsten genutzte Vertreter der Familie ist der Smaragdkäfer, der als rot- oder grünbeinige Art unterschiedliche Verbreitungsgebiete von Indien über China bis nach Vietnam besiedelt.

Die Flügeldecken zahlreicher Pracht - käfer zieren den traditionellen Kopfschmuck der Papua


Tatsächlich hätte Colleen Atwood nicht den Weg über den Flohmarkt auf sich nehmen müssen: Wer auf den Seiten der populären Internetbörsen den Suchbegriff „jewel beetle elytra“ eingibt, kann Flügeldecken in Stückzahlen von fünfzig oder auch fünfhundert bestellen, auf Wunsch mit Bohrloch. Je nach Lichteinfall schimmern sie in Farb - tönen von Türkis bis Gold, sind etwa so fest wie ein Fingernagel und federleicht.

Käferflügel zieren Designermode, funkeln in Colliers. Und der belgische Künstler Jan Fabre garniert mit ihnen nicht nur Kleider, sondern auch Särge, Totenköpfe sowie die Decke des Spiegelsaals im königlichen Palast in Brüssel. Eine Dekoration mit Abertausenden tierischer Körperteile ist – gelinde gesagt – zwiespältig zu betrachten.


»Thailands Königinmutter setzt sich für den Schutz der Käfer ein« Yupa Hanboonsong, Entomologin


Zumindest für Thailand schildert die Entomologin Yupa Hanboonsong die Nutzung des Smaragdkäfers als nachhaltig: „Die Königinmutter Sikirit setzt sich für den Schutz des Käfers ein. Sie finanziert Forschungsstationen, wirbt für den Schutz der Futterbäume und die Nutzung der verstorbenen Alttiere.“ Denn der Käfer hat einen anwenderfreundlichen Lebenszyklus. Fast zwei Jahre verbringt er als unscheinbare Larve sowie als Puppe und nur etwa drei Wochen im glanzvollen adulten Stadium. Nach der Paarung und Eiablage versterben die Tiere und können unter ihren Fraßbäumen eingesammelt werden. Vor allem für die ärmeren Bevölkerungsschichten im Nordosten des Landes ergebe dies eine Einkommensquelle: „Und gleichzeitig wird das Habitat des Käfers geschützt.“ In anderen Ländern vermutet die Entomologin eine weniger schonende Praxis. Generell geht man von einem Rückgang der Populationen durch Waldrodungen aus; zudem werden in einigen Regionen die Larven als Nahrungsmittel verwendet. Dennoch sind Smaragdkäfer häufig in Museen und auf Sammlerbörsen zu sehen und gelten noch nicht als gefährdet. Die Beliebtheit dieser Tiere hat Geschichte: Im viktorianischen England zierten die Flügeldecken der schmucken grünblauen Käfer aus den Kolonien die Gewänder derer, die es sich leisten konnten. Und die britische Schauspielerin Ellen Terry begeisterte im Dezember 1888 als Lady Macbeth in einem irisierend grün schillernden Kleid bestickt von oben bis unten mit Smaragdkäferflügeln – hoch gepriesen vom legendären Oscar Wilde und in Öl auf Leinwand festgehalten vom Maler John Singer Sargent. Zu jener Zeit galt die Beschäftigung mit Insekten als moralisch erhebendes Hobby, neben Mode- waren sie auch Sammlerobjekt, kamen in der Kinderliteratur oder auf Weihnachtskarten vor. Tatsächlich gipfelte Englands Liebe zu den Käfern zuweilen darin, lebende Insekten auf der Kleidung zu tragen und so seine Verbundenheit mit der Natur zur Schau zu stellen. Vom grausamen Phänomen lebender Juwelen schreibt auch Frank Cowan in seinem im Jahr 1865 erschienenen Buch „Curious Facts in the History of Insects“. Auf den karibischen Inseln wurden Glühwürmchen in Ballkleider eingenäht, in Indien in Gaze gewickelt und ins Haar gesteckt – lebendig, denn mit dem Tod verlieren die Tiere ihre Leuchtkraft. Und noch heute klebt man in einigen Landstrichen Indiens und Sri Lankas Prachtkäfern ein kleines Kettchen auf den Panzer, das ihren Bewegungsradius beschreibt – mit einer Sicherheitsnadel auf der Festtagskleidung angebracht.

Der Künstler Jan Fabre nutzt die Käfer zu Tausenden: mal als abstrakte Verzierung (u.), mal als dekorative Elemente im Palast des bel - gischen Königs (r.)


Käfer und Kleidungsstücke sehen hübsch und faszinierend aus. Doch die Biosecurity Collections des australischen Umwelt- und Energieministeriums haben noch einen Hintergedanken: Sie sollen helfen, Arten zu identifizieren


Ein Traum in Grün: Die Schauspielerin Ellen Terry beeindruckte 1888 als Lady Macbeth – auch wegen ihres Kleides, das mit Prachtkäferflügeldecken geschmückt war


Ihr Schicksal teilt der Maquech in Mexiko und Lateinamerika: Der flugunfähige und eher unscheinbare Käfer wird mit Glaskristallen, Perlen oder sogar Edelsteinen beklebt. Der Sage nach initiierte eine Mayaprinzessin diese Tradition: Sie musste standesgemäß einen Prinzen heiraten, trug aber ihren in einen Maquech verwandelten Geliebten ein Leben lang an ihrem Herzen.

Wer heute seine Liebe zur Entomologie zur Schau stellen möchte, vermag dies auch über die Biosecurity Collections des australischen Umwelt- und Energieministeriums. Die Zeichnungen und Fotografien von Insekten, aber auch Krankheitserregern und Pilzkulturen sollen heimische Spezies dokumentieren und neu eingewanderte identifizieren helfen – und sie sind so dekorativ, dass das Amt sie mittlerweile auf Tassen, Kleider oder Handtaschen drucken lässt und über die Internetbörse Redbubble vertreibt. „Ich möchte über die Fotos auf die Wichtigkeit unserer Arbeit hinweisen“, erläutert die technische Leiterin Lauren Drysdale: „Und ich hoffe zu vermitteln, wie komplex und wunderschön Insekten sind.“

Kerstin Engelhard
ist Journalistin aus Brande in Schleswig-Holstein und bevorzugt Insekten lebendig und zahlreich – als Indikatoren für eine möglichstnaturbelassene Umwelt.

Käfer als Kult

Nicht nur der Skarabäus wurde im alten Ägypten verehrt: „Um das Jahr 2400 vor unserer Zeitrechnung gab es Amulette des Schnellkäfers“, weiß Professor Dietrich Raue vom Ägyptischen Museum der Universität Leipzig. Das Tier verharrt bei drohender Gefahr scheinbar leblos auf dem Rücken, um dann mit einem blitzschnellen Salto wieder auf die Beine zu kommen: So schien er für die Ägypter den Tod zu überwinden. Etwa vierhundert Jahre später kamen die ersten Skarabäen auf – Darstellungen des Heiligen Pillendrehers aus der Familie der Mistkäfer. Sein Verhalten, Kugeln aus Tierdung zu rollen, weckte Assoziationen mit dem Lauf der Sonne; der wie aus dem Nichts hervorkrabbelnde Nachwuchs stand für Auferstehung und Schöpfungskraft. Möglicherweise festigten seine Massenfluchten vor dem ersehnten Nilhochwasser den Status als Glücksbringer. Mit Ornamenten oder Name und Titel des Besitzers versehen verwendeten die Menschen den Skarabäus als Siegel und später auch als Amulett. Ob aus Gold oder einfachem Steatit: „Skarabäen gab es im alten Ägypten für jeden Geldbeutel“, schildert Raue. Gedenkskarabäen zeugten in winzigen Hieroglyphen von ruhmvollen Taten und wurden in elitären Kreisen herumgereicht. Und als Grabbeigabe sicherten die Kunstwerke den Übergang ins Jenseits. Auch den Pillendreher selbst fanden Archäo - logen zuweilen als winzige Mumie in einem Miniatursarg. Im ersten Jahrtausend vor Christus wurde der Skarabäus zum Handelsobjekt und erreichte den Sudan, Äthiopien sowie den Mittelmeerraum. Wenn es keine regionalen Nachbildungen waren, trug die Massenware allgemeingültige Inschriften wie: „Isis möge Leben geben.“

Wenn der Mensch Symbolik sehen will: Der Pillendreher mit seiner Kotkugel für die Brut galt in Ägypten als Abbild des Sonnenlaufs


Die Designerin Colleen Atwood entwarf das Käferkleid im Schnee - wittchen-Film


Foto: Science Photo Library/Barbara Strnadova, picture alliance /AP Photo/Chris Pizzello, Alex Bailey/Universal Pictures

Foto: Marc Anderson/Alamy Stock Photo, Bertrand Linet/Getty Images, Pat Verbruggen/ Angelos bvba, imago/Belga

Foto: Lauren Drysdale/BiosecurityColl, National Trust Images, privat

Foto: MAXIMILIAN PARADIZ/CC BY 2.0, mauritius images/United Archives/TopFoto, Simon Colmer/naturepl.com, Jessica Chou/Redux/laif