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MODE: Mister Lee und die geheime Liste


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 04.09.2019

Er näht Röcke, Jacken und Abendkleider in einem Tag: Herr Lee aus Südkorea reist einmal pro Jahr durch Deutschland – seine Kundinnen halten den Kontakt geheim. Von Anne Backhaus


SCHWER

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Bildquelle: Deutsch perfekt, Ausgabe 11/2019

Ein Foto aus einer Zeitschrift – so ein Kleid wünscht sich die Kundin von Mister Lee.




Er will nicht im Hotel, sondern im Haus seiner Auftraggeber schlafen. Von vielen hat er die Kinder aufwachsen oder die Ehen auseinandergehen sehen.


Die Augenlider und Schultern gesenkt, die Hände vor der Gürtelschnalle gefaltet: So steht er da und wartet. Immer, wenn die Frauen sich vor ihm ausziehen. Sie nennen ihn „Mister Lee“. Sie sind ...

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... aufgeregt, wenn er da ist. Die 73-jährige Heidi Krohn hat eben zur Begrüßung seinen Namen in die Länge gezogen. „Mister Leeee, schauen Sie!“ Dabei legte sie einen neuen Reißverschluss und eine Handvoll Knöpfe auf den Esszimmertisch.

Nun streift sie so ungeniert wie vor einem Arzt ihren Rock und die Bluse ab. Steht in Unterwäsche da, zieht ihr neues Kleid und glitzernde Pumps an, die sie extra für die Anprobe mitgebracht hat. „Sie sind ein wahrer Künstler“, sagt Krohn. Lee sagt nichts und schaut auf den Boden. Er heißt in diesem Text anders, wie auch die Frauen andere Namen tragen. Es soll für ihn kein Problem mit den Behörden geben. Und die Frauen wollen nicht, dass andere Frauen „sich auf ihn stürzen“, ihn wegschnappen. Ihren Schneider aus Südkorea.

Nennen wir ihn also Jong Hun Lee. Er ist 72, und die meisten seiner Kundinnen in Deutschland sind Mitte 40 und aufwärts. Er besucht sie einmal im Jahr. Viele seit Jahrzehnten. Er kennt ihre Maße und weiß, an welchen Stellen er kaschieren muss. Er näht ihnen alles, was sie sich wünschen. Pro Kleidungsstück braucht Lee meistens einen Tag. Dafür nimmt er 190 Euro. Das ist nicht billig, aber auch nicht wirklich teuer für einen eigenen, so schnellen Schneider im Haus.

Das dunkelblaue Kleid, in dem Heidi Krohn inzwischen im Flur steht, streicht sie erst am Bauch glatt, bevor sie ihre Haare richtet. Sie hat es vor einigen Jahren in einer Zeitschrift gesehen. Eine bodenlange Abendrobe. Der Ausriss liegt auf dem Tisch neben den Knöpfen und dem Schnitt, den Lee dafür aus Zeitungspapier gemacht hat. In der Zeitschrift ist das Kleid hellgrau, darunter steht „Hermès“. „Sie können einfach alles“, sagt Krohn. Zupft am Rock. „Es fällt so schön, oder?“ Lee, blaues Hemd, braune Hose, schwarzweiße Nikes, kniet vor ihr auf dem Boden; Nadeln im Mund. Er streift einige Male mit den Händen über den glänzenden Stoff, steckt ihn dann um. „Ich kürze es noch etwas, dann können Sie besser tanzen“, sagt er durch die letzten Nadeln hindurch. Krohn beäugt sich im Spiegel. Er schaut zu ihr hoch: „You are a beautiful lady.“ Nun strahlt Heidi Krohn. „Sie wollen die Röcke immer kürzen, ich immer verlängern. Aber Sie wissen schon, was Sie tun.“

In vielen deutschen Orten wartet eine Gruppe von Frauen auf Jong Hun Lee. Frauen, die sich für die Bestellungen und Anproben bei derjenigen treffen, bei der er für jeweils eine Woche wohnt. In dieser Woche näht Lee im Esszimmer der Hausherrin Rita Mahr (62), die nun ihre Freundin Krohn in dem neuen Kleid begutachtet. „Besser als gekauft, oder?“ fragt Krohn. „Ja, besser als gekauft“, sagt Mahr. Sie nickt so, dass auch Lee sofort versteht, wie sehr ihr die Abendrobe gefällt.

Nächste Woche zieht er schon weiter. In den nächsten Ort, in die nächste Familie. Es ist eine Bedingung von ihm: Er will nicht im Hotel, sondern im Haus seiner Auftraggeber schlafen. Von vielen hat er die Kinder aufwachsen oder die Ehen auseinandergehen sehen. Bei manchen ist er der Letzte, der geblieben ist.

Neben seinem Bett im Arbeitszimmer von Rita Mahr liegt eine ausgedruckte Tabelle, sein Reiseplan. Das 90-Tage-Visum ist vollständig aufgeteilt. Er arbeitet jeden dieser Tage. Das Prinzip Wochenende ist ihm fremd. Begriffe wieArbeitsrecht oderAusbeutung auch. „Das sind eure Wörter“, sagt Lee. „Warum sollte ich nichts machen, wenn ich doch arbeiten kann?“ Seine nächsten Stationen: Heidelberg, Hechthausen, Berlin, Eberswalde, Hof und Osnabrück. „Den Plan macht immer eine von uns“, sagt Mahr. „Das ist gar nicht so einfach, denn wenn zu viele Mädels Kleider wollen, können sie schon bissig werden.“

Jong Hun Lee näht und näht und näht, wenn er in Deutschland ist – 90 Tage lang, ohne Pause.


In den 90er-Jahren war Lee das erste Mal in Europa. Ein Mann von einer Schweizer Großbank-Niederlassung in Seoul ließ ihn damals einfliegen, eineinhalb Monate Basel. Lee nähte das Hochzeitskleid für die Tochter seines Kunden, die Kleider der Brautjungfern und die ihrer Mütter. Er wurde zum Geheimtipp unter Geschäftsleuten und Diplomaten, immer wieder weiterempfohlen. Bald reiste er zum Nähen nach Österreich, Skandinavien, Deutschland und in die Niederlande.

Herr Lee weiß ganz genau, was er tut, wenn er das Kleid von Frau Krohn umsteckt. Er hat nie etwas anderes gemacht. Die Geschichte seines Lebens ist die Geschichte seiner Arbeit. „Der Mensch ist nichts ohne Arbeit“, sagt Lee. „Für meine Generation war Essen das Wichtigste. Man suchte sich keinen Job aus, man machte einfach etwas. Heute ist Kleidung das Wichtigste für die Menschen. Ich hatte also Glück.“

Mit 14 Jahren verließ er die Eltern, arme Reisbauern auf dem Land, und machte sich heimlich auf nach Daegu, die inzwischen viertgrößte Stadt Südkoreas. Drei Stunden war er mit dem Bus unterwegs. Als er ausstieg, fühlte er sich klein. „So viele Häuser und Autos“, sagt Lee. „Ich wusste nicht, in welche Richtung ich gehen sollte.“ Durch einige Zufälle fand er seine älteste Schwester, die bereits einige Jahre vorher vor der Armut auf dem Land geflüchtet war und in der Stadt geheiratet hatte. „Ich war Nummer fünf“, sagt Lee. Das fünfte von sechs Kindern.

Seine Schwester vermittelte ihn an einen Bekannten mit einer kleinen Näherei. Der junge Jong Hun Lee hatte noch nie etwas genäht. Erst durfte er nur bügeln, mit einem schweren gusseisernen Gerät. Heute lacht er, wenn er ein modernes Bügeleisen in die Steckdose steckt. „Verrückt, wie einfach das sein kann. Es hilft, kein Feuer mehr machen zu müssen, um das Eisen zu erwärmen.“ Lee schlief auf dem Arbeitstisch der Näherei, aß morgens und abends mit der Familie seines Chefs. Das war 1959. Nach dem Koreakrieg waren Industrieanlagen und Infrastruktur zerstört, das Land wirtschaftlich am Ende und die Bevölkerung bitterarm.

Lee blieb einige Jahre in dem kleinen Geschäft. Brachte sich selbst nach und nach das Nähen bei. „Ich war so froh, dass ich Essen und einen Schlafplatz hatte, also habe ich viel und lange gearbeitet.“ Anfang der 70er-Jahre, da war Lee Mitte 20, zog er in die Hauptstadt Seoul. Schon damals eine Millionenmetropole. Es war sein Traum: Wenn schon Stadt, dann die größte. Bald wurde dort die erste U-Bahn-Linie eröffnet, und bald hatte er die ersten eigenen Kunden.

„Es ist unbezahlbar, einen eigenen Schneider zu haben“, sagt Heidi Krohn zu ihrer Freundin Mahr, die jedes Jahr den Besuch des Schneiders über eine Mailingliste ankündigt. 15 Frauen stehen darauf. Es ist nicht leicht, einen Platz auf dieser Liste zu bekommen. „Natürlich müssen wir die Frau mögen und gerne mit ihr ratschen“, sagt Mahr. „Außerdem sind nicht alle geeignet. Man muss ja schon kreativ sein. Mister Lee näht nur, was man ihm mitbringt. Also muss man Farbe, Stoff und Schnitt selbst im Kopf haben.“

„Das ist das Schönste, kreativ zu sein“, sagt Krohn.

„Klar, um das Geld geht es nicht“, sagt Mahr.

„Na ja, so ein Kleid würde hier schon 1000 Euro aufwärts kosten. Oft passen mir die dann aber gar nicht oder die Stoffe sind nicht schön“, sagt Krohn.

Für ihre Hermès-Kleidkopie wird sie Jong Hun Lee etwas mehr als 200 Euro zahlen, den Stoff, den sie selbst besorgt hat, nicht eingerechnet. Außerdem hat sie noch ein Etuikleid mit Jacke bestellt, um das er sich morgen kümmern wird.

Den entscheidenden Tipp bekam Lee von einer befreundeten Haushälterin in Seoul: „Warum nähst du nicht für die Frauen der Amerikaner? Sie beschweren sich die ganze Zeit, dass sie hier nichts zum Anziehen finden.“ In Südkorea gab es damals schon einige US-Militärbasen. Eine der größten war in Seoul. „Als ich das erste Mal das Haus eines Amerikaners betrat, dachte ich nur: Die haben alles“, sagt Lee. „Die Frauen der höheren Soldaten wollten aber Kleider, die sonst keiner hatte. Es gab viele Feste.“ Lee nähte, was sich die Frauen wünschten.

Bald kamen andere Ausländerinnen dazu. Ehefrauen, deren Männer für leitende Posten in den neuen Banken und Elektronik-Fabriken ins Land gekommen waren. „Alle Westler in Seoul kannten mich“, sagt Lee. „Wenn sie mich nicht kannten, hatten sie keine schönen Kleider.“ Er nähte nur für Frauen, Männerkleidung gefiel ihm noch nie. Er nahm 3,50 Dollar am Tag. Für koreanische Verhältnisse war das viel. Die Haushaltshilfe, die ihm den Tipp gab, verdiente 16 Dollar im Monat. Für Ausländer war es günstig.

„So ist es eigentlich geblieben“, sagt Lee. Nur, dass es heute in Südkorea viele Schneider und weniger Ausländer gibt, die dort Bälle veranstalten. Und dass das Leben in Seoul teuer geworden und überall auf der Welt Kleidung aus Asien viel zu billig ist.

Als reisender Schneider ist Herr Lee zugleich Verkörperung wie Gegenkonzept asiatischer Billiglohnarbeit. Er hat nie in einer der vielen Textilfabriken seines Landes gearbeitet. „Ich habe es gut getroffen. Da kann man immer nur eine Sache machen“, sagt er. „Ich mag aber alles: Schnitte, Bügeln und Nähen.“ Herr Lee bildet meistens positive Sätze, auch wenn es um etwas geht, das eigentlich gar nicht so positiv ist.

Diese Fabriken und die vielen neuen Schneider, die haben ihm Jahr für Jahr auch die Kundinnen in seiner Heimat genommen. In Seoul näht er nur noch selten. Den Großteil seiner Kundinnen besucht er im Ausland. Auch sie wollen sparen, müssten das aber nicht mal. Sie mögen keine Billigklamotten, tragen keine nachgemachten Markentaschen und kaufen nicht im Discounter ein. Sie wollen besondere Kleidungsstücke – von ihm. „Wir haben ein klares und ehrliches Verhältnis“, sagt Rita Mahr. „Ich helfe ihm, hier zu arbeiten, und er hilft mir, die Beziehungen zu meinen Freundinnen zu pflegen und ab und an ein tolles, neues Teil im Schrank zu haben.“

Beide Seiten machen ein gutes Geschäft. Für Herrn Lee wie für die Frauen bedeutet das zugleich auch ein positives Minus: weniger Alleinsein.


Er hat nie etwas anderes gemacht. Die Geschichte seines Lebens ist die Geschichte seiner Arbeit.


Das dunkelblaue Kleid, das Jong Hun Lee für Heidi Krohn genäht hat, ist eine Kopie – das Original von Hermès ist hellgrau.


Die Deutschen mag Lee besonders gerne, er findet sie so verbindlich – und sie wissen, dass er am liebsten Käsekuchen und Vanilleeis isst. Er findet sie auch lustig, „weil sie so selten draußen sind und sich abends nach der Arbeit in ihren Häusern einsperren, anstatt Freunde zu besuchen.“ Lee hat sich eine Jacke übergestreift, die er für seine Besuche in Europa angeschafft hat, und läuft zügig durch die Nachbarschaft. Mittagspause.

Jeden Tag geht er nach dem Essen mit seiner Gastfamilie allein 4000 Schritte, immer einen neuen Weg. Nachbarn sieht er selten, die Bürgersteige in der süddeutschen Kleinstadt sind sauber und leer. Er zeigt auf Häuser, die 1920 gebaut wurden und hier von wohlhabenden Menschen bewohnt werden. „In Korea will niemand in alten Häusern wohnen. Alte Häuser sind schlechte Häuser. In Deutschland ist das Alte gut. Hier wollen auch die Frauen immer den gleichen Schnitt. Haben sie ihren Stil gefunden, behalten sie ihn für immer.“

An einem Kiosk hält er an und zeigt auf das gelbe Schild einer Lotterie. „Da habe ich gestern ein Los gekauft“, sagt Lee. Was würde er mit einem Millionengewinn machen? Die Frage wundert ihn. „Nichts. Ich bin ein alter Mann, ich habe keine Träume mehr. Ich habe nur gedacht, dass ich dann meine Tochter anrufen würde, um ihr von dem Gewinn zu erzählen.“ Still geht er weiter.

Nach seinem Spaziergang macht er sich an die letzten Änderungen des Kleids. Die Nähmaschine steht vor einem Regal mit Hunderten von Familienfotos. Kinder, Hochzeiten, Urlaube. Lee wurde mit 23 Jahren zum ersten Mal fotografiert, war nie im Urlaub und lebt mit seiner 40-jährigen Tochter in einem alten Appartement in Seoul, das er inzwischen kaufen konnte. Sie ist nicht verheiratet, das ärgert ihn. Von ihrer Mutter hat er sich vor 20 Jahren getrennt und sie dann nie wieder gesehen.

„Vielleicht habe ich doch einen Wunsch“, sagt Jong Hun Lee. Er hat nun seine Brille auf und sitzt gebeugt vor der ratternden Nähmaschine. „Nicht noch älter werden, das wäre gut. Die Alten können nicht arbeiten. Und sie sind allein.“ Im Flur geht Frau Mahr ans Telefon. „Ja, er ist hier. Na toll, wie immer! Wann kommst du vorbei?“ Lee lächelt auf die Naht in seinen Händen.


Das Prinzip Wochenende ist ihm fremd. Ein Begriff wieArbeitsrecht auch.



Foto: Anne Backhaus

Foto: Anne Backhaus

Foto: Anne Backhaus