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MODERNER HELD


Audio - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 05.08.2021

Analogquellen › PLATTENSPIELER MIT SYSTEM

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Bildquelle: Audio, Ausgabe 9/2021

EXTERN EINHEIZEN: Das aushäusige Netzteil TPN 124 versorgt den Direktantrieb und den Tonarmlift-Motor über ein vierpoliges Kabel mit Strom.

Redner vieler Generationen berufen sich immer wieder auf den Komponisten Gustav Mahler (1860 –1911): „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“, wird dem Sinfoniker gern in den Mund gelegt. Ein schöner und guter Spruch, nur leider nicht von Mahler. Vom fortschrittlich gesinnten Direktor der Wiener Hofoper stammt hingegen folgendes Verdikt: „Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei.“

Was fürs Komponieren und Inszenieren gilt, darf auch für den Plattenspielerbau herangezogen werden. Und wir dürfen uns freuen, dass Thorens mit dem TD 124 DD nun wirklich das Feuer des längst klassischen TD 124 (1957–1968) weitergibt in das dritte Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Und dabei ganz bestimmt nicht aus Bequemlichkeit geschlampt, sondern ein exzellent konstruiertes, analoges Monument der ...

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... Moderne geschaffen hat. Darauf deutet dezent der Zusatz DD wie „Direct Drive“ hin – das Kürzel für seinen Direktantrieb.

Diese Form des Antriebs, bei dem die Achse des Motors der des Plattentellers entspricht und der Teller zum Bestandteil des Motors wird, bricht auf den ersten Blick mit jeder Thorens-Tradition. Schließlich galt die 1883 gegründete Firma nach Anfängen als Spieldosenhersteller doch lange als Gralshüter des Riemenantriebs. Aber: Bereits 1928 reichte man erste Patentschriften für den Direktantrieb von Grammophonen ein.

DIE GROSSE TRADITION

Wie auch immer: Mit dem TD 124, rund 90 000 Mal gebaut, begann die die große Tradition der Thorens-Plattenspieler. Korrekt ausgesprochen heißt er Thorens (mit französischem Nasal-Ausklang) TD wie Tourne Disc, Cent Vingt Quatre wie 124, denn er stammt aus Sainte-Croix im französischsprachigen Schweizer Kan-ton Vaud (Waadt). Mit seinem seinerzeit revolutionären kombinierten Antrieb aus Riemen und Reibrad, mit dem erzstabilen Chassis und der für verschiedene Tonarme offenen Konstruktion setzte der Spieler Maßstäbe in der Übergangszeit von Schellack- auf Mono- (1948) auf Stereo-Schallplatten (1958).

Wer alles über den TD 124 wissen will, dem sei der zweiteilige Prachtband „Schweizer Präzision“ von Joachim Bung (www.joachim-bung.de) empfohlen. Und wer wissen will, wie ein nach allen Regeln der heutigen Schweizer Feiningenieurskunst restaurierter TD 124 klingen kann, dem sei Kontakt zu Sascha Zeier von Riverside Audio Thorens Restaurationen (www.riversideaudio.ch) ans Herz gelegt. Der Autor hatte im Rahmen eines „Swiss Analogue Summit“ Gelegenheit, einen dieser ultimativen TD 124 zu hören – und er hörte und staunte wahrlich nicht schlecht.

DIE DIREKTE NACHFOLGE

Und nun also der TD 124 DD: Direktgetrieben von einem Hightech-Motor eines in Taiwan ansässigen Unternehmens und in stetem interkontinentalen Austausch mit dem neuen Thorens-Inhaber Gunther Kürten immer weiter verfeinert. Dass die von Kürten in höchsten Tönen gelobten Taiwaner ihr Handwerk verstehen, zeigen die exzellenten Messwerte – siehe Labor.

Der ohne Pickup 7990 Euro teure DD ist seinem Urahn wie aus dem Gesicht geschnitten, inklusive der Bremse links vom Teller. Zwar kann man mit dem tropfenförmigen Knebelschalter links vorne nicht mehr auch auf 16 2/3 und 78 rpm stellen, aber wie damals lässt sich die exakte Drehzahl von 33 1/3 beziehungsweise 45 von oben mit einer orangefarben illuminierten Spiegeloptik per Strobo-skop kontrollieren und per Drehrad fein regulieren. AUDIO-Messingenieur Florian Goisl spricht anerkennend von der „präzisesten Feinjustage am Markt“.

Die Strobo-Punktmarkierungen sind auf der Unterseite des 3,5 Kilogramm schweren, mit einer – traditionellen – Gummimatte bewehrten Plattentellers appliziert. Von außen bedienbare Drehräder ermöglichen überdies das exakte waagerechte Ausrichten des Spielers über die vier höhenverstellbaren Füße. Dabei hilft eine kleine, ins grau lackierte obere Teil des Druckgusschassis eingelassene Libelle.

MESSLABOR

Der Thorens TD 124 DD nimmt es mit der Drehzahl genau (Abweichung 0,00%), hält sie vorbildlich (Schwankungen +/- 0,07 %) und glänzt mit Rumpelwerten von 72 dB (Platte) und 82 dB (Koppler). Das Gleichlaufdiagramm mit schlanker, schmaler und hoher Spitze deutet Schultern nur minimal an. Das Ortofon TD 124 ist messtechnisch OK.

DER GEHOBENE TONARM

Neu ist auch der jetzt serienmäßige Tonarm TP 124: Er ist dem EMT 929 mit seinem geraden, vor der Headshell einmal gekrümmten Rohr optisch deutlich nachempfunden. Der EMT 929 wurde nach dem Produktionsende des TD 124 eingeführt und seit Ende der 1960er-Jahre gern genommen. Die Kugellager des TP 124 laufen ohne jedes Spiel und ohne die geringste spürbare Reibung – das ist definitiv gehobene Klasse. Der Lift – mit einem leichtgängigen Knebelschalter rechts vorne zu bedienen – funktioniert mit sirrendem Motor. Ein irgendwie beruhigendes Geräusch, das „Ich schone deine Platte und Nadel“ vermittelt.

Am Ende des mit 15 Gramm mittelschweren 9-Zöllers nimmt der nutzerfreundliche SME-Bajonettanschluss entsprechende Headshells an. Oder der Nutzer flanscht direkt das von Ortofon gebaute, mit Thorens co-gelabelte Moving-Coil-System SPU 124 an. Diese Tondose steht ihrerseits in der Tradition des legendären „Stereo Pick Up“ (SPU) der Dänen, die ja auch eine „Centenary“- Edition davon bauten (begeisterter Test in AUDIO 8/19). Das SPU 124 ist eine minimal verschlankte Version davon, kommt mit moderaterer Auflagekraft von 30 Millinewton aus für 70 µ Tiefenabtastfähigkeit und liefert mit 0,72 Millivolt Ausgangsspannung auch mehr Saft als sein leises Geschwister, das förmlich nach einem MC-Übertrager wispert. Das solo 2000 Euro teure SPU 124 kommt dagegen mit MC-Vorstufen gut klar, die aber – bitteschön – von erlesener Qualität sein sollten.

Apropos: Am neuen Thorens TD 124 DD mischten an Mechanik und Elektronik ja auch die Altmeister Helmut Thiele und Walter Fuchs mit. Letzterer baut wiederum auch für Genuin den genialen Phono-Pre Audio Pearl (AUDIO 3/20), der eigenwilligerweise für MCs nur symmetrische XLR-Anschlüsse bietet. Der TD 124 DD bietet dankenswerterweise neben Cinch auch XLR-Ausgänge. Der 5000 teure Genuin bildet ganz sicher eine Traumstufe für das SPU 124, das mit seiner Spulenimpedanz von nur 4 Ohm gern mit rund 40 Ohm abgeschlossen sein will. Doch ist das Testgerät – leider – längst zurück beim Hersteller.

DIE HIGHENDIGE KLASSE

Doch auch mit dem Gold Note PH10/ PSU10 (2340 Euro, Test in AUDIO 2/21) zeigte die Thorens/Ortofon-Kombination ihre highendige Klasse. Ein extrem langes Hörprotokoll – beim Autor immer schon ein Indiz für einen freudigen Tag im AUDIO-Hörraum – vermerkt zunächst einmal, dass der Thorens TD 124 DD das beim reibradelnden Urahn gewohnte leichte Brummeln im Leerbetrieb aus den Boxen verbannt hat. Jede noch so gut gepresste LP rumpelt da um Zehnerpotenzen mehr. Wenn dann die Musik einsetzte, verflog jeder Verdacht im Nu, hier würde vielleicht jemand einen Nostalgie-Sound reproduzieren: Davon konnte keine Rede sein.

Das Piotr Schmidt Quartet (siehe Vinyl-Rezensionen) klang so transparent und offen, wie das sein muss, jedes noch so kleinste Percussion-Geräusch in A Melancholy“ blieb erhalten, nichts ging im Hintergrund unter. Das Klavier zeigte extrem konkret die hohe Anschlagskultur des polnischen Jazzpianisten Wojciech Niedziela, ohne den geringsten Anflug von Jaulen oder Wimmern – so überträgt das ein Dreher mit exzellentem Gleichlauf.

Klein besetzte Songwriter-Ensembles und große Orchester profitierten von der blitzsauberen, dynamischen und fein nuancierten Zeichnung. Gut, die Stimmwiedergabe und räumliche Verteilung gelang dem hier überragenden Luxman LMC-5 (8/21) noch sensibler und penibler als dem Ortofon SPU 124. Doch als die Tester einige Härte- und etliche Lautstärkegrade mit dem Liquid Tension Experiment hochfuhren, holte die Thorens- Truppe wieder mächtig auf. Mit diesem kraftstrotzenden, unerschütterlichen Antritt katapultierte sich der Thorens TD 124 DD ins pralle Leben. Von wegen „Yesterday’s Hero“ – Held von heute!

FAZIT

Die Nummer muss man erst mal wagen: Eine Legende von anno 1957 mit der (fast) gleichen Typenbezeichnung, mit dem gleichen Design, aber mit neuem Innenleben im Jahr 2021 auf den Markt zu bringen. Thorens hat den TD 124 DD gewagt – und gewonnen. Der neue Direkttriebler im Gewand des alten Reibradlers ist technisch tadellos und steht klanglich voll im Saft. Ich war und bin ein Fan des TD 124 und bin jetzt auch einer des TD 124 DD. Mehr Lob geht nicht.