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Modernes Glas


Sammler Journal - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 11.03.2020

Im Allgemeinen assoziiert man Glas mit Transparenz und Farblosigkeit. In Mannheim wird man bis zum 26. April eines Besseren belehrt. Im Mittelpunkt einer Ausstellung mit Studioglas - objekten aus der Sammlung Engelhorn des mudac Lausanne in den Reiss-Engelhorn-Museen steht das Spiel von Licht und Farbe. Zum Teil erwartet den Besucher ein überraschender Farb rausch.


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Bildquelle: Sammler Journal, Ausgabe 4/2020

Barbara Nanning, Rot und Gold, 2008, Glas, geblasen, heißverformt und geschliffen, 20 x 32 x 20 cm


Glas gehört zu den Alltäglichkeiten, mit denen wir gewohnheitsmäßig und ohne großes Nachdenken um - gehen, seien es Glasscheiben oder ...

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... Trinkgläser. Doch wenn Künstler sich des Materials annehmen, erhält Glas durchaus etwas Sinnliches. Das be - ruht vor allem auf seinen optischen Ei genschaften. Beim Wechsel von klarem zu undurchsichtigem, von durchscheinend zu farbigem, von ge schliffenem zu ungeschliffenem Glas bieten sich unzählige Möglichkeiten, mit denen Künstler aus dem scheinbar kalten Stoff sinnliche Wahrnehmungen erzielen können. Ge rade Studioglas lebt von der optischen Vielschichtigkeit unterschiedlicher Ebenen, der Vielfalt an Formen und Strukturen. Das Spiel des Lichts mit und auf Oberflächen bringt räumliche Tiefe. Dazu kommt ein haptisches Erleben, das Glas kann je nach Bearbeitung fast samtig-weich oder rau sein, glatt und kühl.

GESCHICHTE DES STUDIOGLASES

Im 19. Jahrhundert hatten es der Werkstoff Glas und Arbeiten aus Glas schwer, angemessen anerkannt zu werden. In den Zeiten der Malerfürs - ten - man denke etwa an den Kult um Hans Makart oder Franz von Lenbach - war Glas „für ,wirkliche‘ Kunst nicht seriös genug - und so ganz ist diese Haltung bis heute nicht überwunden“, meint Helmut Ricke im Ka talog eins. Doch in der Epoche der Jahrhundertwende begann sich diese Einstellung zu ändern, Künstler wie Emile Gallé oder Louis C. Tiffany legten die Basis für einen neuen Kunstanspruch, der zur Glaskunst von heute führte. In den 1920er-Jahren begannen Manufakturen wie Orrefors und Kosta in Skandinavien, Leerdam in den Nie - derlanden und Venini in Murano im Kunstglasbereich mit Kunstschaffenden zu sam menzuarbeiten. In Frankreich war es Maurice Marinot, der die eigentlichen Materialwerte des Glases in den Mittelpunkt stellte, vor allem sollte die Entstehung aus der geschmolzenen Masse zu sehen sein. Marinot wird gerne als „Va ter des Studio glases“ bezeichnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg be herrschten zu - nächst Grundsätze wie „form follows function“ die Gestaltung. Damit wur - de zugleich der freie künstlerische Im - puls aus der Glasgestaltung verbannt. Doch in den frühen 1950er-Jahren setzte wieder eine künstlerische Un - ruhe ein, ausgelöst von Fulvio Bian - coni bei Venini, Alois Gangkofner in Waldsassen, den Skandinavier Eric Höglund oder An dries Dirk Copier in Leerdam. Von den USA ausgehend, aber auch durch europäische An - stöße, entwi ckelte sich seit Mitte der 1960er-Jahre eine Bewegung, die sich mit Glas als künstlerischem Material auseinandersetzte. Einer ihrer Auslöser war die Krise der Glasmanufakturen aufgrund der mechanischen Massenfertigung. Da mit wollten sich nicht alle mit Glas Arbeitenden abfinden. Be sonders in der Tschechoslowakei setzten sich Künstler und Künstler - innen intensiv mit neuen Möglich - keiten auseinander. Ein wichtiger Versuchstrend ihrer Glaskunst lag in der Erprobung skulpturalen Aufbaus. Das Thema Glasskulptur „wird fast gänzlich von den Künstlern in der Tschechoslowakei beherrscht“, sagt die Kunsthistorikerin Clementine Schack von Wittenau. „Aus heutiger Sicht kommt es ei nem Vorgang aus der Evolutionsgeschichte gleich, wie sich dort das funktionale Gefäß allmählich zum Objekt, dann zur großformatigen Plastik und Installation wandelt“. Heraus ragend entwickelte sich das Künstlerpaar Jaroslava Brychtová (*1924) und Stanislav Libenský (1921- 2002), dessen frühe Skulptur „Kopf 1“ („Großer Kopf“, 1959) eine Pionierarbeit in gegossenem Glas darstellt. Ih - re klar aufgebaute, geometrisch be - einflusste Komposition ist mehr von abstrakter Malerei als von in der Glaskunst tradierten Formen inspiriert. Bei diesem in Mannheim ausgestellten Objekt ist zum ersten Mal die Transparenz des Glases als Gestal tungs - mittel eingesetzt. Das Künstlerpaar lebte und ar beitete über 50 Jahre zu - sammen und präsentierte bereits auf der Brüsseler Weltausstellung 1958 Studioglas-Elemente, die später als „zoomorphic stones“ in die Kunstgeschichte eingingen. Ihre Forschungen zu den optischen und physikalischen Betrachtungsweisen von Glas brachte Kunst hervor, die we sentlich zur Bildung moderner Glas ästhetik beitrug. Unter den interna tional renommierten tschechischen Künstlern gilt Frantisek Vízner (1936-2011) als Minimalist. Er lernte seit 1951 an den Glasfachschulen in Nový Bor und Železný Brod. Seine Gelbe Schale von 2003 ist ein Beispiel für seine oft in warmen, samtenen Tönen entstandenen Gefäße, die funktionell wirken, aber ihre skulpturale Geltung zeigen und be - wahren. Das formgeschmolzene, ge - schliffene, mattierte und polierte Glas verdeutlicht in seinem streng geo - metrisch gestalteten Aufbau den Wunsch des Künstlers, neue Formen für zeitgenössisch-moderne Ge fäße zu finden. Die Schale mit ih ren ausgewogenen Proportionen und ihren klaren, detailfreien Linien hat Vizner zur Skulptur verwandelt. Die hochglänzend polierte Oberfläche ist außen matt und seidig, wirkt im Inneren fast flüssig und lässt da durch ungewöhnliche Brechungen des Lichtes zu. „Das Kunstwerk entfaltet mit seiner einfachen Form und dieser besonderen Oberfläche eine große meditative Wirkung“, sagt die Kuratorin Eva- Maria Günther. Aleš Vašíček (*1947) gehört in den berühmten Kreis um Libensky an der Prager Akademie für Angewandte Kunst, nachdem er zuvor an der Glasfachschule in Železný Brod war. Seine Arbeiten zeichnen sich durch exakte Proportionen aus, in seine minimalis tisch abstrakten Formen aus geraden Linien, Kurven, Winkeln, unregelmäßigen Formen und Strukturen sind Licht und Schatten einkalkuliert. Die monochrome Glas - skulptur „Skulptur (Genf)“ von 1989 ist formgegossen, geschliffen und po - liert. Im slowakischen Teil begründete Václav Cígler (*1929) die zeitgenössische Glaskunst und bildete eine ganze Generation von Glaskünstlern aus. Als ty pisch für deren glatt polierte Arbeiten findet Eva-Maria Günther: „Sie fangen das Spektrum des Lichts ein und spielen mir dessen Strahlen.“ Ebenfalls in Želesny Brod lernte der slowakische Künstler Josef Tomečko, be vor er in der Klasse für Architekturglas bei Václav Cígler weiterstudierte. Seiner Kunst (Impression, Frühling, 1988) ist das anzusehen: architektonisch- geometrische Designs, Präzision und Perfektion in der Ausführung, strenger Aufbau. Wie bei zeitgenössischen damaligen Glaskünstlern üb lich, spielt das Licht eine wichtige, vielleicht die entscheidende Rolle.

Maurice Ruche, Architektonischer Ku bus, 1975, Acryl - glas, poliert, 20 x 12 x 12 cm


Oben: Tora Urup, Matter Zylinder mit schwimmender Sonne, 2014, massives Glas, mundgeblasen, 5 Ex., 12 x Ø 17 cm


Yann Oulevay, Samen, schimmernd, 2012, Glas geblasen, Diamentschnitt, poliert, innen versilbert, 39 x Ø 31 cm


Oben: Bruno Peinado, Artemishima, 2003, Glas, geblasen, Edition Matali Crasset, 20 Ex. Glasfab 15, 35 x 25 x 25 cm


HARVEY LITTLETON

Die amerikanische Studioglas-Bewegung („Studio Glass Movement“) wird gerne auf Harvey Littleton (1922-2013) und seine beiden 1962 im Toledo Museum of Art in Ohio veranstalteten Workshops zurückgeführt. Da bei zeigte er Glasobjekte, die unabhängig von Glasmanufakturen in seinem Atelier entstanden waren. 1957 war Littleton nach Europa ge - reist, hatte in Murano einige Manufakturen besucht und versucht, selbst Glas zu blasen. 1959 baute er seinen ersten Glasofen. Auf seinem Work shop in Toledo 1962 konnte er dann mit Hilfe eines Ingenieurs den Beweis erbringen, dass auch mit kleinen Öfen eigene Arbeiten entstehen können. 1961 führte er an der Universität von Wisconsin den ersten Studiengang für Glas in den Vereinigten Staaten ein, er war der treibende Geist hinter der amerikanischen Be - wegung. 1962 traf er den deutschen Glaskünstler Erwin Eisch in Frauenau im Bayerischen Wald, der gerade seine erste Ausstellung frei gestal - teter Glasobjekte vorbereitete. Eisch hatte in der familieneigenen Glashütte seit Jahren versucht, seine neuen Vorstellungen zu verwirklichen, die den gewohnten An sichten von Form und Funktion widersprachen. Er wollte mit seinen Arbeiten bewusst eine Ge genposition zum „sinnentleerten Design“ be ziehen, in geradezu revo - lutionärem Zugriff wurde Glas zum skulpturalen Me dium. Mit dem Besuch Littletons bei Eisch gab es nun eine Verbindung zwischen den nach Neuem drängenden Kräften in Europa und amerikanischen Vorstellungen. Erwin Eisch er hielt 1964 eine Einladung nach New York, die Studioglas- Bewegung wurde zu einem ständigen Austausch von Konzepten und technischer Entwick lung zwischen Europa und den USA. Die Vertreter beider Strömungen ga ben dem Material Glas durch Verformen, Verfremden und Ironisieren den Status eines künstlerischen Mediums außerhalb des Kunsthandwerks. Erwähnenswert: Unabhängig von diesen Ent - wicklungen und ohne gegenseitige Kenntnis hatte Volkhard Prechtl im thüringischen Lauscha 1963 den ersten Studioglasofen Europas ge - baut. Der US-Amerikaner Dan Dailey (*1947) promovierte 1970 an der Rhode Island School of Design und ar - beitete später über 20 Jahre mit verschiedenen Glasma nu fakturen zu - sam men, wobei zu Daum in Nancy eine besondere Beziehung entstand. Seine Arbeit „Le Vent/Der Wind“ (1984) ist eine aus Glaspaste hergestellte, unbekleidete und liegende Frau. Dailey ist hier deutlich von der Art déco beeinflusst, vor allem die vom Wind zu rückgewehten und waag recht über den Körper ge führten Haare erinnern in ihren starken linearen Formen an eine Kühlerfigur, die der französische Glasmacher René La - lique in den 1920er-Jahren entworfen hat („Spirit of the Wind“). Während Lalique die Geschwindigkeit eines Autos symbolisierte, bezieht sich Dailey auf die Kraft des Windes. Die liegende Frau trägt einen Ring aus Kristallglas, das ist Glas mit ei nem be - stimmten An teil an Blei, dessen Hö he durch EU-Richtlinien festgelegt ist. Bereits in früheren Arbeiten von Dai - ley sind An klänge an Art dé co zu entdecken, so in ei nem dreidimensio - nalen Wandbild aus Farbglas („Café“, 1979) oder in einer Porträtstudie von Marcel Duchamp (1977). Sie entstanden in der Zeit, als Dailey in Paris lebte und als Designer für die Cristallerie Daum, Nancy ar beitete. Er ist ein gu - tes Beispiel für die kreative Wandelbarkeit von Gla s künstlern, mit seinen phantasievollen, einfallsreichen und witzigen Glas kompositionen, seinen plastischen Wandbildern aus farbigem Flachglas, Metall und anderen Ma terialien, seinen Glasserien für Daum mit Titeln wie „Mann mit Katze“ oder „Frau und Stachelschwein“. Dabei war es das erste Mal, dass diese angesehene Firma einem Künstler für seine individuellen Arbeiten Gläser vorfertigte. Die Rohlinge wurden von Nancy nach Massachusetts ge bracht, wo Dailey und sein Assistent das De kor in Sandstrahltechnik anbrachten.

GLAS UND FARBE

Bei den Gestaltungsmöglichkeiten von Glas spielen hinsichtlich Form und Volumen die Spiegelungen und die Lichtdurchlässigkeit des Materials eine große Rolle. Vor allem, wenn Farbe ins Spiel kommt, die auf die Raumwirkung zielt. Mit einem Ordnungssystem für Farbe beschäftigte sich bereits Leo nardo da Vinci. Er ge - hört zu den Mitbegründern der Farblehre und nahm an, dass Gelb eine „einfache Farbe“ sei, Blau dagegen „eine zu sammengesetzte Farbe aus Licht und Finsternis“. Am Beginn des 18. Jahrhunderts beschäftigte sich Isaac Newton mit Farbtheorien und ex perimentierte mit Prismen. Dabei stellte er fest, dass Weiß zusammengesetzt ist und mit Hilfe von Glas re - genbogenartig in seine Farben zerlegt werden kann. Am Ende dieses Jahrhunderts begann Johann Wolfgang von Goethe seine Farbforschungen, definierte Grundfarben und psychologisierte sie: Blau symbolisiert Kälte und Passivität, Gelb ist warm und leuchtend. Im Laufe der Zeit wurden weitere Farbtheorien aufgestellt, weit verbreitet ist die europäische mit ihren Primärfarben Gelb, Rot, Blau, aus denen sich alle anderen Sekundär- und Tertiärfarben kombinieren lassen. Ob wohl eine Kenntnis von Farbtheorien für das künstlerische Schaffen keine entscheidende Rolle spielt, hat gerade bildende Künstler und Künstlerinnen dieses Phänomen immer wieder zu Experimenten angeregt. Im 20. Jahrhundert gehört der Farbkreis des am Weimarer Bauhaus lehrenden Schweizers Johannes Itten zu den bekanntesten. Da bei steht Gelb oben, die anderen Grundfarben Blau und Rot sind um 120 Grad versetzt daneben angeordnet. Auch Itten beschäftigte sich mit der Gefühls- und Empfindungswelt, über Farben hervorgerufen und be einflusst wird. Heute steht zum Beispiel Rot oft für Gefahr oder Leidenschaft, Blau verspricht Sicherheit und Weite.

Frantisek Vízner, Gelbe Schale, 2003, Glas, formgeschmolzen, geschliffen, mattiert und poliert, Ø 47 cm


Ales Vasícek, Skulptur (Genf), 1989, Glas, formgegossen, geschliffen und poliert, 18 x 43 x 9 cm


Claude Goutin, Die Welle, 1969, Pâte de verre, formgeschmolzen, nachveredelt, 52/120, 14 x 39 x 14 cm


Nach Ittens Farbkreis sind in der Mannheimer Ausstellung die Glasskulpturen angeordnet. Unter dem Titel „Chromatik. Klang der Farbe in der modernen Glaskunst“ präsentiert man ausgewählte Glasarbeiten in attraktiven Farben. Der Be griff Chromatik stammt zu nächst aus der Musik und be zeichnet die Einfügung von Halbtönen zwischen die Ganztonschritte. Analog da zu bedeutet das in der Farben lehre die Veränderung der Grund töne um ei nen Halbton nach oben oder unten. Im Zeughaus der rem-Museen erlebt der Betrachter, wie facettenreich Farbe eingesetzt werden kann, auch unabhängig von der ursprünglichen Thematik. Gerade die Farbkomposition verlangt ho hes Können. Mit dem Beimischen von Metalloxiden entsteht eine Vielfalt an Farbnuancen. Das Wissen um Farbe und deren Wirkung bei Spiegelungen, Lichtbrechungen, Re fle xe machen aus Glasobjekten einzigartige Kunstwerke. Zu sehen sind Arbeiten von den späten 1960er-Jahren bis heute. „Gegenwärtig liegt der Facetten - reichtum der Glasgestaltung in den unterschiedlichen künstlerischen Po - sitionen und in der persönlichen Handschrift des Künstlers“, heißt es im Begleitkatalog. Geometrische, skulp turale Formen werden von malerischen Elementen überlagert.

KÜNSTLERINNEN

Frauen spielen in der Glaskunst ihren wichtigen Part. „Rot und Gold“ (2008) von Barbara Nanning (*1957) ist ein schalenartiges Ob jekt aus weichen fließenden Formen, die organisch strukturiert sind. Nanning verwendet unterschiedliche Glasstärken und formt das Glas zu einer lebendigen Ge stalt mit bewegt wirkenden Rundungen. Dabei setzt die Niederländerin ei ne aufwändige Vergoldungstechnik ein, die bereits in der Spätan - tike praktiziert wurde: Bei dieser Heißverformung wird eine Glasfläche zu nächst rückseitig mit Blattgold be - stückt, erhitzt und darauf eine weitere Glasschicht aufgebracht. Bei „Rot und Gold“ sind verschieden ein gefärbte Gläser miteinander verschmolzen und klassische Handwerkskunst und innovativer Materialeinsatz verbunden. Das vergoldete Glasobjekt gehört zur Serie „Verre églomisé“ (2002-2017). Tora Urups (*1960) „Matter Zylinder“ mit schwim mender Sonne entstand 2014, sie zählt unter den zeitgenössischen Glas künstlerinnen zu den be - deutenden in Skandinavien. Die Dä - nin kam über die Keramik zur Glaskunst. In ihren Ar beiten spiegelt sich die be sondere Rolle von Farbe und Mate rial und de ren Wirkung in Raum und Vo lumen. Der Ausgangspunkt sind tradierte Formen wie Schalen oder Ge fäße. Da bei entstehen Objekte wie aus traumhaft-surrealen Welten. Ih re mund geblasene schwimmende Sonne scheint in einem matten Glaszylinder zu schweben, die Illusion entsteht durch den Gegensatz von mattierten und polierten Glasflächen, die auf die schwingende Sonnenscheibe treffen. Ein schöner Trompe l’oeil-Effekt. Tora Urup gründete 2001 ein Designstudio für Glas und Keramik, sie arbeitet mit japanischen und tschechischen Künstlerinnen zusammen.

Claude Wetzstein, Kavalier, 1970, Pâte de verre, formgeschmolzen, 70/75, 30 x 28 x 8 cm


Oben: Josef Tomečko, Impression/Frühling, 1988, op - tisches Glas, geschnitten und poliert, 34 x 30 x 12 cm


FRANKREICH UND DAUM

Französische Künstler - aber nicht nur sie - arbeiten gerne mit der re - nommierten Cristallerie Daum zu - sammen. Bei Claude Goutins (1930- 2018) „Die Welle“ von 1969 aus Glas - paste ist die Brechung einer Welle festgehalten, Goutin hat die Einzelteile fragmentiert und die entstandenen Flächen und Räume miteinander verschränkt. Die algengrüne Farbe harmoniert mit dem Wassersujet und fängt ein wässrig-glasiges Licht ein. Die Arbeit entstand als Teil einer limitierten Serie von 120 Exemplaren für die Glasmanufaktur Daum Frères in Nancy. Gegenständlich zeigt sich Claude Wetzsteins (1920- 2001) „Ka valier“, ein ab strahierter Reiter aus formgeschmolzener blauer Glaspas te, die an die expressive Farbgebung des Blauen Reiter er - innert (1970). Das Ob jekt ist durch Polieren nach veredelt. Der Franzose Wetzsteins schuf mehrere Reiterplastiken, die in Kleinserien bei Daum erschienen. Wetzstein stammt selber aus Nancy und gehört zu den naturalistischen Abstrakten.

Das geblasene Objekt „Artemishima“ (2003) von Bruno Peinado (*1970) entstand anlässlich des Kunstprojektes „glassfab.“ in Prag Diese Veranstaltung wurde von der Galeristin Na dine Gandy initiiert und von der französischen Designerin Matali Grasset umgesetzt. Mehrere zeitgenössische Künstler erstellten mit Hilfe einer tschechischen Hütte eine Glas - kollektion. Damit sollte auch ein Zeichen gegen den Verlust handwerklichen Könnens gesetzt werden, ein globaler Vorgang, der in vielen Ländern bedrohliche Ausmaße angenommen hat. Das Objekt ist Paperweight und Skulptur, es zeigt Ähnlichkeiten mit einem Cartoonkopf. Und das ist kein Wunder, denn Peinado lässt sich neben literarischen, kunstgeschichtlichen, musikalischen Vorlagen und Sujets aus der Werbung, dem Fernsehen eben auch durch Cartoons und Comics inspirieren. Spezialität und Leidenschaft des Franzosen sind Übergänge und Verwerfungen zwischen Hoch- und Alltagskultur, zwischen Edlem und Ba nalen, diesen Brüchen spürt er nach und lässt sie in seinen Arbeiten sichtbar werden.

Unter den prominenten Künstlern, die sich am Glas versuchten, ist auch Salvador Dalí (Zyklop, 1967). Der Spanier zeigte sich begeis tert von der Durchsichtigkeit der Glas paste. Die schon in der Antike eingesetzte Technik war lange vergessen, ehe sie um 1900 von der Manufaktur Daum im französischen Nancy wie derentdeckt und weiterentwickelt wurde. Nach einem Entwurf wird eine mehrfach verwendbare Brennform mit poröser Wandung hergestellt und innen mit einem Gleitmittel beschichtet. Die Glasrohpaste wird eingestrichen, die Form verschlossen und bei niedrigen Temperaturen in den Ofen gestellt. Das Bindemittel verflüchtigt sich durch die poröse Formwand, die Glasmasse versintert. Nach dem Abkühlen kann das Werk der Form entnommen und poliert werden. Der riesige Zyklop, ein be gabter Schmied mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und Kräften, ist eine Gestalt der griechischen Mythologie und hat nur ein Auge in der Mitte seiner kelchförmigen Stirn - darauf Salvador Dalís Signatur zu se hen. Bei Fotoserien, die mit dem Fo tografen Philippe Halsman entstanden, ließ sich Dalí auch selbst als Zy klop ablichten.

SCHWEIZER GLASKÜNSTLER

Die Sammlung Peter und Traudl En - gelhorn ist in Lausanne beheimatet, da dürfen Schweizer Künstler nicht fehlen. Das Ehepaar hat über Jahrzehnte hinweg eine der bedeutenden Samm lungen zeitgenössischer Glaskunst in Europa mit über 600 Objekten zusammengestellt. Sie spiegelt die gesamte Bandbreite dieser Kunstform wider. Peter Engelhorn war ein Ur enkel des BASFGründers und Gesellschafter des Pharma-Un ternehmens Boehringer- Mannheim und zählte zu den Mitbegründern des Förderkreises der Reiss-Engelhorn-Museen. Seit seinem Tod 1991 widmet sich seine Frau Traudl Engelhorn-Vecchiatto verstärkt den Stiftungen und Vereinen und ebenso der Kooperation zwischen Mannheim und Lausanne. Maurice Ruche stammt aus einer Schweizer Architektenfamilie, das schlägt sich in seinem Objekt „Architektonischer Kubus“ (1975) nieder. Er ar beitet als Bildhauer, Maler, Zeichner und Grafiker. Diese aus trans parentem und magentafarbenem Acryl glas hergestellte Skulptur ist konsequent nach den geometrischen Grundformen Kreis, Quadrat, Zy linder aufgebaut, ihre Bestandteile sind teilweise in Pink eingefärbt und miteinander verschränkt. Acrylglas - auch als Plexiglas be kannt - ist ei ne beliebte Alternative zum herkömmlichen Glas. Es wiegt deutlich we niger und ist um einiges bruchfester. Acrylglas-Zuschnitte können in vielen Varianten eingesetzt werden, von transparent bis undurchsichtig, von weiß oder schwarz bis farbig, und es kann kratzfest hergestellt werden. Auch der Schweizer Yann Ou le vay begann seine Laufbahn mit ei nem Architekturstudium, bevor er zum Glasbläser und Glasdesigner ausgebildet wur - de. Seine Weiterbildung vollendete er in verschiedenen Ländern mit Aufent halten in Mu rano. „Samen, topasfarben“ (2013) und „Samen, schimmernd“ (2012) sind von der Natur inspirierte, sa menartige Ob - jekte, ihre Oberfläche wird häufig durch gezogene und heiß aufgesetzte Glasfäden veredelt. Sa men sind für Oulevay ein Zeichen von Leben, Wachstum und Vermehrung, aber auch Sinnbilder des Widerstands. Deshalb sollen seine Kunstwerke den Betrachter zum Nachdenken und zur Kontemplation über das Leben, dessen Ursprünge und die Einwirkung des Menschen darauf anregen. Eines der Ob jekte ist teilversilbert, um die Wechselbeziehung von Glas und Licht zu zeigen. Das Material wird reflektiert, das Glas leuchtet und gibt einen Einblick in die Schönheit der Natur, eingefangen in Samen.

Vom deutschen Tobias Rehberger stammt das Glasobjekt mit dem exzen trischen Namen „Autobdelygmitsch“ (2003). Es ist ein auf den ersten Blick potentiell verwendbarer Aschenbecher aus blauem Glas, der das Sammeln von Asche zwar er - laubt, aber dessen Reinigung schwierig ist. Es entstand im Rahmen des Kunstprojektes „glassfab.“ der Prager Galerie Gandy. Rehberger, Professor an der Städelschule in Frankfurt, ist ein universeller, international etablierter Künstler und agiert häufig an der Schnittstelle zwischen funktionalem De sign und Kunst. Er entwirft Möbel, Vasen, Lampen, Uhren und setzt sich mit der Frage der Funktion von Kunst ebenso auseinander wie mit den Ei - genschaften der modernen Skulptur. Bewegung und Zeit, das Wechselspiel zwischen positivem und negativem Volumen. Den aktuellen Stand der Entwick lung des Studioglases fasste Helmut Ricke so zusammen: „Die Glas kunst bildet heute einen sehr eigenständigen und besonders reizvollen Zweig der großen internationalen Kunstströmungen, wobei die Diskussion um Kunst oder Kunsthandwerk - ohnehin eher eine deutsche Spezialität - weitgehend ihre Bedeutung verloren hat“.

Salvador Dalí, Zyklop, 1967, Pâte de verre, formgeschmolzen und durch Politur nachveredelt, 95/150 Ex., 50 x Ø 18 cm


Oben: Tobias Rehberger, Autobdelygmitisch, 2003, Böhmisches Kristallglas, geblasen, Edition Matali Crasset, 50 Ex., Glasfab 1, 12 x 30 x 12 cm


Fotos: Sammlung mudac Lausanne, Atelier de numérasation de la Ville de Lausanne

Literatur:

Eva-Maria Günther, Chromatik. Klang der Farbe in der mo dernen Glaskunst, Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim, Regensburg, 2019; Eva- Maria Fahrner-Tutsek, Katalog eins, Glas der Gegenwart, München, 2004; Clementine Schack von Wittenau, Neues Glas und Studioglas, Coburg, Regensburg, 2005; Tobias Rehberger, Home and Away and Outside, Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2014

Ausstellung:

Chromatik. Klang der Farbe in der modernen Glaskunst, rem, Mannheim. Bis 26. April