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Modernes Plädoyer für die Liebe


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 25.05.2019

»WIR - Familie ist, was man draus macht!« uraufgeführt in Hamburg


Artikelbild für den Artikel "Modernes Plädoyer für die Liebe" aus der Ausgabe 3/2019 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Abb. oben: Das Ensemble (v.l.: Veit Schäfer-meier, Steffi Irmen, Kathi Damerow, Janko Danailow, Charlotte Heinke) in einer Tanzszene im DDR-Look – da rockt die kleine Bühne des Schmidtchen, sehr gut eingeleuchtet mit neuer LED-Licht-Technik Foto: Morris Mac Matzen


Nach dem »à la Schmidt Theater«-Manier typisch, gewohnt recht lustigen und skurrilen Entree des Theaterleiters Henning sitzt die versammelte »Publi-kumsfamilie« im ausverkauften Schmidtchen und wartet gespannt auf das neueste Produkt aus der Feder von Franziska Kuropka und Lukas ...

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... Nimscheck. Nimscheck gibt mit dem »WIR«-Musical auch sein Regiedebüt auf der Hamburger Reeperbahn und beide verwirklichen mit ihrem Stück ein klein wenig eigene Lebensgeschichte, wie sie in einem Interview mit dem NDR berichtet haben. Das Duo wurde bereits im vergangenen Jahr beim Deutschen Musical Theaterpreis in der Kategorie »Beste Liedtexte« für »Jana & Janis – Sag einfach Jein« ausgezeichnet und schafft es auch jetzt, mit erfrischenden Einfällen zu begeistern.

So beginnt auch der Auftakt der neuen Musical Comedy »WIR« frisch und modern und alle Darsteller singen in ›Heute ist so ein Tag‹ um die Wette, dass die Fetzen fliegen, wobei sie in immer neue Momentaufnahmen springen und das sehr flexibel einsetzbare Bühnenbild von Florian Bänsch, bestehend aus vier fahr- und drehbaren Element-Wänden, in immer neue Konstellationen bewegen. Hierbei entsteht, selbst auf der kleinen Schmidtchen-Bühne, eine gute Tiefenwirkung. Licht und Sound (Angelo Spiegel und Hanno Petersen) umrahmen gut und lassen die Zuschauer schnell in die kleine Geschichte des Abends eintauchen.

Haus bauen, Baum pflanzen, Kinder kriegen – was für die meisten Paare selbstverständlich scheint, stellt Christian, Magnus, Sabine und Natalie vor eine schier unlösbare Aufgabe. Die beiden frisch verheirateten Paare sind nämlich homosexuell, wünschen sich aber nichts sehnlicher als ein Kind. In ihren Charakter-eigenschaften könnten sie alle nicht unterschiedlicher sein: Großbusige Feuerwehrfrau (Steffi Irmen) trifft auf Yogalady (Charlotte Heinke) und Modezar Glööckler in gutaussehend (Janko Danailow) auf stocksteifen Steuerfachangestellten (Veit Schäfermeier) – so könnte auch eine Überschrift lauten, die die vier in ihrer Konstellation beschreibt. Eine Auslandsadoption, eine Samenspende oder gar Leihmutterschaft kommen für alle beim Thema Kinderwunsch nicht in Frage und die beste Freundin hat auch kein weiteres Interesse daran, ihre gut laufende Karriere in ihrer Arztpraxis aufzugeben, um sich als Brutmutter in diesem Projekt zu versuchen. In ihrer Verzweiflung wegen eines eigenen Kindes suchen die Paare Rat im LGBT-(LesBiTrans)-Begegnungszentrum und treffen dort, angeführt von Kursleiter Norman, herrlich auf den Punkt gespielt von Robin Brosch, mit all ihren Unterschiedlichkeiten und Neurosen das erste Mal aufeinander. Norman und seine Partnerin Marianne (Kathi Damerow) verbinden mit dem ›Regenbogenlied‹ auf der Ukulele nicht nur ihre eigenen Chakren und Leiber, sondern auch die anwesenden Gruppenteilnehmer.

Nach Anlaufschwierigkeiten in der Privatwohnung der Jungs angekommen, singen alle mit ›Bitterfeld‹ über ihre Kindheit und schildern dem Zuschauer so längst verdrängte Bilder der Vergangenheit. Später wird dann auch die beste Freundin des Herrenpaares, Kerstin, über das nun vereinbarte Vorhaben informiert: ein Kind zu zeugen, mit dem Song ›Hier unter 4‹ über das Regenbogenfamilienprojekt. Kerstin (sehr unterhaltsam gespielt von Kathi Damerow) ist zufällig auch die erfolgreichste Gynäkologin am Platz. Wie praktisch!

Alles könnte nun so einfach sein, wäre da nicht das Band der inneren elterlichen Verbindung in Richtung Magnus‘ sehr strengem Vater. Ein gut gespielter Bruch, im Gegensatz zum lustigen Öko-Norman zeigt hier Robin Brosch nochmal sein schauspielerisches Talent und seine Wandlungsfähigkeit.

Die beiden Paare durchwandern nun verschiedenste Bilder und Lebensmomente auf dem Weg, sich geistig mit einer Mutter- bzw. Vaterschaftsrolle auseinanderzusetzen. Sie streiten und kämpfen dabei um die jeweilige Position im Team und ihren ganz eigenen Platz in dieser besonderen Konstellation eines auch für sie neuen Familienmodells. Hinzu kommen die Nebenschauplätze wie Selbstzweifel und der klassische Vater-Sohn-Konflikt.

Kurz vor dem Ende des ersten Akts können sich Sabine und Natalie während eines Besuchs bei der Schwester davon überzeugen, wie anstrengend Kinder sein können, und machen einen innerlichen Rückzieher vom Vorhaben, unbedingt sofort ein Kind haben zu wollen.

Nach einem gemeinsamen Drogentrip zu Beginn des zweiten Teils kommen sich die vier Hauptakteurebesonders körperlich nahe und es kann jetzt schon verraten werden, dass am Ende die Liebe siegt und tatsächlich eine ganz besondere Familie entsteht. Auch können elterliche Ängste, Vorgaben und Richtlinien überwunden werden und die Charaktere spielen sich aus der Abhängigkeit zu den eigenen Eltern frei.

Sie als Leser unseres Magazins sollten sich dieses gelungene Off-Broadway-Stück auf dem Hamburger Kiez nicht entgehen lassen, denn für den Zuschauerbleibt die Stückentwicklung stets spannend: unter welchem Druck und unter welchen gesellschaftlichen Ideologien die Rollen stehen und wie sie sich zum Teil erst stark unterordnen und dann entwickeln. Durch die sehr gute Dialogregie und das spürbar hungrige Regiedebüt von Lukas Nimscheck wird ein wahnsinniges Spieltempo erzeugt, das einfach Spaß macht. Hierzu trägt auch die dynamische Choreographie von Bart de Clercq bei. Er lässt nicht nur Christian (Janko Danailow) ordentlich sexy tanzen, sondern bringt das ganze Ensemble in immer wieder neue und abwechslungsreiche Formationen. Die Kostüme (Frank Kuder & Norman Heidrich) und Maske (Jutta Rogler-Paries) sind sorgsam ausgewählt und treffen für jede Szene den richtigen Geschmack und unterstreichen dezent die Charaktere. Auch die Perücken überstehen die schnellen Wechsel gut.

Kathi Damerow ist am heutigen Abend allein in vier, Robin Brosch in drei Rollen auf der Bühne. Die beiden Hauptrollen (Star des Abends ist die Hardcorelesbe Sabine, liebevoll gespielt von Steffi Irmen) sind fast unentwegt auf der Bühne. Alle Darsteller überzeugen insgesamt durch ihre enorme Spielfreude und extreme Wandlungsfähigkeit, – manchmal haarscharf an der Grenze zum Persönlichen, manchmal jedoch sehr emotional und unter die Haut gehend.

Auch musikalisch (Musik und Buch: Franziska Kuropka & Lukas Nimscheck) kommt »WIR« sehr abwechslungsreich daher.

Einziger Wermutstropfen ist der fehlende Klang von Livemusik, da statische Playbacks verwendet werden. Insgeheim fragt man sich, ob eine Dreier-Kombo das betriebswirtschaftliche Ergebnis wirklich so überstrapaziert hätte.

Dem Publikum und auch dem Rezensenten hat es insgesamt sehr gut gefallen, besonders da das »WIR«-Musical für die gesamte Gesellschaftsbandbreite gemacht wurde und nicht als Zeigefinger-Musical einer Community daherkommt. Jeder Mensch hat Bedürfnisse und es geht um die menschliche Bedürfnispyramide in Reinform, um den Wunsch nach Fortpflanzung und Wiedererkennung und um das einzig Wahre den Menschen verbindende – um Liebe.

Dieser Abend verbindet Liebe mit sehr gut gemachtem Musiktheater.

Abb. unten von oben links:
1. Sabine (Steffi Irmen, l.) und Natalie (Charlotte Heinke, r.) umgarnen Magnus (Veit Schäfermeier, 2.v.r.) und Christian (Janko Danailow, 2.v.l.) im Drogenrausch ihrer Gefühle
2. Die Freunde (v.l.: Janko Danailow, Veit Schäfermeier, Steffi Irmen, Charlotte Heinke) haben die beste Freundin zu Besuch, Frau Doktor Kerstin (Kathi Damerow, Mitte), die immer zu einem schlechten Scherz aufgelegt ist
3. Erstmal wird geheiratet, denn das darf die Regenbogengemeinde jetzt. Das Brautpaar Natalie (Charlotte Heinke, l.) und Sabine (Steffi Irmen, r.)mit Robin Brosch als Beamter und Kathi Damerow als Kellnerin
4. Norman (Robin Brosch, r.) entführt in neue Liebessphären bei seiner Kinderwunschgruppe (Veit Schäfermeier, Janko Danailow)


Fotos (4): Morris Mac Matzen