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MÖGE DIE MACHT IN UNS SEIN


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Cosmopolitan - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 10.08.2022
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Bildquelle: Cosmopolitan, Ausgabe 9/2022

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WIR KÖNNEN ÜBER LEBEN UND TOD UNSERER GESAMTEN SPEZIES ENTSCHEIDEN.

anything you do, I can do bleeding“ tragen wir heute als Spruch auf unseren T-Shirts. Und damit haben wir ja auch recht. Wir Frauen können Unglaubliches: Unser Körper reinigt und regeneriert sich jeden Monat von selbst, wir bauen Menschen in unseren Bäuchen und aus unseren Brüsten fließt anschließend Milch, mit der wir diesen selbst gebauten Menschen ernähren können. Mindestens ein Jahr in den meisten Fällen. Womöglich könnten wir in einem Leben 25 Kinder bekommen, wenn wir hart durchackern würden, quasi dauerschwanger wären. 25 Lebewesen. Das muss man sich mal vorstellen! Mittlerweile ist die Wissenschaft sogar so weit, dass wir theoretisch keinen männlichen Samen mehr brauchen. Dieses Wunder, Leben kreieren zu können, das ist schon was. Und immer, wenn ich mit Männern darüber spreche – also coolen Männern, ...

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anything you do, I can do bleeding“ tragen wir heute als Spruch auf unseren T-Shirts. Und damit haben wir ja auch recht. Wir Frauen können Unglaubliches: Unser Körper reinigt und regeneriert sich jeden Monat von selbst, wir bauen Menschen in unseren Bäuchen und aus unseren Brüsten fließt anschließend Milch, mit der wir diesen selbst gebauten Menschen ernähren können. Mindestens ein Jahr in den meisten Fällen. Womöglich könnten wir in einem Leben 25 Kinder bekommen, wenn wir hart durchackern würden, quasi dauerschwanger wären. 25 Lebewesen. Das muss man sich mal vorstellen! Mittlerweile ist die Wissenschaft sogar so weit, dass wir theoretisch keinen männlichen Samen mehr brauchen. Dieses Wunder, Leben kreieren zu können, das ist schon was. Und immer, wenn ich mit Männern darüber spreche – also coolen Männern, ehrlichen Männern, Männern, die kein Spielchen spielen müssen –, dann erzählen sie mir von diesem tiefen Wunsch, das auch zu können. Und davon, wie traurig es ist, dass sie verdammt dazu sind, Beobachter zu sein.

Dabei halten sie sich doch für Macher. Die eigentlichen Macher sind jedoch wir. Die ersten Macher, the Original Macher. Wir Frauen, nicht die Männer. Und diese – im wahrsten Sinne – Allmacht, die uns die Natur geschenkt hat, ist kaum zu beschreiben: Denn in uns liegt die Fähigkeit, die Menschheit aufrechtzuerhalten – oder auszulöschen. Wir haben die Macht, über Leben und Tod unserer gesamten Spezies zu entscheiden. Würden wir uns (vielleicht sogar aus Protest gegen Männer, die unsere Körper kontrollieren wollen) solidarisch dazu entschließen, keine Kinder mehr zu bekommen, dann wär’s das. Dann gäbe es in rund 100 Jahren keinen einzigen Menschen mehr auf dieser Welt. Doch über diese Allmacht machen wir uns zu wenige Gedanken.

Unbewusst spielt sie allerdings eine riesige Rolle. Einfach, weil Männer sehr wohl um sie wissen und deswegen unendlich viele perfide Handlungsweisen entwickelt haben, auf sie zu reagieren. Kontrolle ist eine. Gewalt die andere. Manchmal kommen sie als Kombination. Leider. Egal, ob wir gar nicht schwanger werden können oder gar nicht schwanger werden wollen: Der internalisierte Zwang, über Frauen zu bestimmen, macht vor keiner Frau halt.

Wo ist was jetzt illegal?

Vor einigen Wochen schrieb ich in einer „Ask me Anything“-Session auf Instagram: „Vergesst nicht: Das Spermium schwimmt zur Eizelle, nicht andersherum.“ Das heißt, wir Frauen sind das Zentrum der Männer. Und aus Wut darauf haben sie sich selbst zum Zentrum unserer Welt gemacht. Denn unsere Allmacht macht Angst. Schreckliche Angst. Nur Menschen, die sich unsicher fühlen, versuchen ihre Kontrolle auszuweiten. Was im Umkehrschluss heißt, dass wir Frauen uns nie unserer bereits erkämpften Rechte sicher sein können. Dass wir achtsam sein müssen, um sie zu behalten. Denn was passiert, wenn wir uns naiv in Sicherheit wiegen, sehen wir am jüngsten Beispiel in den USA: Da wurde Ende Juni „Roe vs. Wade“ gekippt – ein Gerichtsurteil, das Abtreibungen in den USA seit 1973 legalisierte. Nun gab der Oberste Gerichtshof (der zur Mehrheit aus konservativen Männern besteht!) den Bundesstaaten ihre Souveränität zurück, was dazu führte, dass direkt im Anschluss zehn Bundesstaaten Abtreibungen verboten.

AUS WUT ÜBER UNSERE ALLMACHT HABEN MÄNNER SICH ZUM ZENTRUM DER WELT GEMACHT.

In Deutschland könnte man das Abtreibungsgesetz „Grenzzaun mit Schlupflöchern“ nennen. Denn hier sind Schwangerschaftsabbrüche prinzipiell durch den § 218 illegal. Legal werden sie nur, wenn man den obligatorischen Beratungstermin wahrnimmt, dann drei Tage bis zum Eingriff wartet und dies alles innerhalb von 12 Schwangerschaftswochen vollzieht. Zwar wurde vor Kurzem der § 219a gestrichen, was Frauenarztpraxen nun endlich ermöglicht, offen über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren. Doch § 218 bleibt unangetastet, die Kriminalisierung also bleibt.

In Indonesien steht auf Abtreibung zehn Jahre Gefängnis. Ausnahmen gelten nur, wenn die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung entstanden oder man(n) das Wohl der Frau gefährdet sieht. Und auch dieses Recht steht nur verheirateten Frauen zu – nur dann, wenn der Ehemann zustimmt. Doch es gibt andere, bessere Beispiele: In Israel sind Abtreibungen seit 1977 straffrei, Island legalisierte als erstes europäisches Land bereits 1935 die Abtreibung bis zur zwölften Woche, wenn die Gesundheit der Schwangeren gefährdet ist und/oder die sozialen Umstände für einen Schwangerschaftsabbruch sprechen. In Kanada gibt es seit 1988 keinerlei gesetzliche Beschränkungen mehr, das Ganze wird wie jeder andere medizinische Eingriff behandelt.

Ein Verbot bringt nicht mehr Leben, sondern Not

Wo man hinschaut, gelten unterschiedliche Regeln für uns Frauen. In den USA müssen jene, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen wollen, nun teils tagelang mit dem Auto fahren, um in einen Bundesstaat zu gelangen, in dem dies noch möglich ist. Dabei wissen spätestens seit dem Film „Dirty Dancing“ eigentlich alle, dass kein Gesetz dieser Welt eine Frau von einem Abbruch abhalten kann. Wenn sie das Kind wirklich nicht will, dann wird sie einen Weg finden, das Kind nicht zu bekommen. Fertig, aus.

Erste Hinweise auf die Verbreitung von Schwangerschaftsabbrüchen in den frühen Hochkulturen liefert der altägyptische Papyrus Ebers, ca. 1600 v. Chr. Er beschreibt Mittel, durch die „die Frau das Empfangene ausleert im ersten, zweiten oder dritten Zeitabschnitt“. Dafür werden verschiedene Kräutertränke, aber auch Scheideneinspritzungen und Vaginalkugeln angegeben. Im Mittelalter kamen dann noch Hebammen, „Engelmacherinnen“ und „Hexen“ dazu, die allesamt Abtreibungen durchführten. Illegal versteht sich. Dabei verloren auch immer wieder Frauen ihr Leben. Durch Verbluten oder Vergiftungen. Wie heißt es noch? Man kann keine Abtreibungen verbieten, nur sicher machen. So fanden britische Forscher*innen in einer Langzeitstudie heraus, dass etwa die Hälfte aller ungewollten Schwangerschaften mit einer Abtreibung endet. Egal ob die Abbrüche im jeweiligen untersuchten Land legal oder illegal waren.

Wir haben die Wahl

Deswegen ist es auch so verrückt, dass wir uns im Jahr 2022 immer noch darüber Gedanken machen, darüber Texte schreiben, uns darüber öffentlich aufregen müssen. Denn wir reden von rund 40 000 Jahren Menschheitsgeschichte, die mit dem Entstehen des Homo sapiens begann. 40 000 Jahre illegale Abtreibungen in den meisten Ländern dieser Welt haben wir mittlerweile hinter uns. Und realistisch betrachtet werden locker noch viele Hundert Jahre dazukommen, bis auf jedem Fleck dieses Planeten Frauen sicher Abbrüche vornehmen lassen können. Auch, weil die Angst und der Kontrollzwang des Mannes vermutlich nie verschwinden werden. Jedenfalls solange die Wissenschaft nicht auch ihnen die Möglichkeit geben wird, selbst schwanger zu werden. Und das wünsche ich ihnen. Sehr sogar. Auch, um einmal in die missliche Lage zu kommen, eben kein Kind zu wollen.

So wie ich mit 18 Jahren. Ein bisschen selbst verschuldet, weil ich sehr sporadisch die Pille nahm, wurde ich schwanger. In der fünften Woche merkte ich die körperlichen Veränderungen und entschied mich sofort für eine Abtreibung. Nie habe ich den Eingriff bereut. Aber ich hatte eben auch Glück. Nämlich in einem Land zu leben, in dem mir dieser Wunsch erfüllt wurde. Das ist in nur 36 Prozent der Länder dieser Erde der Fall. In Ohio wurde nur wenige Tage nach dem Kippen des Urteils „Roe vs. Wade“ einem zehnjährigen Mädchen, das durch eine Vergewaltigung schwanger geworden war, die Abtreibung verweigert. Sie solle „ihre Schwangerschaft doch als Chance sehen“.

Das Urteil in den USA hat gezeigt, dass jene, die über Gesetze entscheiden, jederzeit längst errungene Rechte zerstören können und damit unfassbare Rückschritte einleiten. Das heißt nicht, in Panik zu verfallen, sondern weiterhin wachsam zu bleiben. Wir müssen unsere Allmacht anerkennen, dürfen uns aber niemals in Sicherheit wiegen. Wir müssen lernen, mit diesen Widersprüchen zu leben und gleichzeitig dafür sorgen, dass wir bei der nächsten Wahl keine Partei an die Spitze bringen, die unsere Allmacht kontrollieren will.

WIR MÜSSEN LERNEN, MIT DEN WIDERSPRÜCHEN ZU LEBEN.