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Moïse, teurer Freund


Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 190/2021 vom 28.09.2021

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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 190/2021

Ein Videocall verbindet die Redaktion in Berlin mit Edmund de Waals Atelier in London, damit wir über Paris sprechen können. Genauer gesagt über den Schauplatz seines neuen Buchs, das Musée Nissim de Camondo in der Rue de Monceau Nr. 63 im 8. Arrondissement. Dort installiert er bald eine Ausstellung mit seinen neuen Keramiken, die er für diesen Ort geschaffen hat. Die Schau konzentriert sich ebenso wie das Buch auf die Familie des Bankiers und Sammlers Moïse de Camondo, eines weitläufigen Verwandten von de Waals Großmutter Elisabeth Ephrussi, die ebenfalls einer kunstsinnigen jüdischen Familie entstammte.

Wie kamen Sie auf die Idee, uns mit Ihrem neuen Buch nach Paris zu bringen und den Grafen Moïse de Camondo vorzustellen?

Eigentlich habe ich Paris nie wirklich verlassen. Vor rund zwanzig Jahren fing ich mit den Recherchen zu meiner Familiengeschichte an. Diese beginnt, in Teilen, in der Rue de ...

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... Monceau, wo meine Pariser Cousins ihr Haus gebaut und gesammelt haben. Daher kenne ich das Hôtel Camondo schon lange. Es ist nur zehn Türen von Charles Ephrussis wundervollem Haus entfernt. Bei meinen Recherchen lief ich immer daran vorbei. Mitunter bin ich heimlich hineingegangen, verbotenerweise, und habe Möbel gestreichelt, um die Geschichte dort zu berühren. So ist es seit Langem Teil meines Lebens.

Wie kam es dann zu dem Buch?

Vor ungefähr fünf Jahren hat mich Olivier Gabet, der Direktor des Musée des Arts Decoratifs, eingeladen, im Musée Camondo auszustellen. Ich habe mich sehr gefreut. Das ist eine enorme Ehre. Als dann die Covid-Pandemie kam und alles stoppte, fand ich mich Anfang vergangenen Jahres alleine in meinem Atelier. Keiner war da, das Telefon klingelte nicht, keine Reisen mehr. Glückselig allein! Ich begann, durch das Atelier zu gehen, und so geschah es, dass ich anfing, mit Moïse de Camondo zu sprechen. Langsam wurden daraus Briefe an ihn. Und dann, ohne dass ich es überdacht oder geplant hätte, wurde daraus ein Buch. Ein unbeabsichtigtes Buch sozusagen.

Zuerst ist es seltsam, Ihre Briefe an Camondo zu lesen, denn er ist ein Fremder, der schon vor fast hundert Jahren verstorben ist. Brief für Brief erfahren wir mehr über ihn, seine Sammlung, seine Familie und ihr grausames Schicksal.

Die Geschichte der Familie ist außergewöhnlich. Und doch in vielerlei Hinsicht parallel zu anderen Schicksalen. Es ist eine weitere jüdische Geschichte, die von Assimilation handelt. In diesem Fall kommt eine wunderbare jüdische Familie von Konstantinopel nach Paris und wird pariserisch, französischer als die Franzosen. Sie verheiraten sich mit anderen Familien, und Moïse stellt eine hervorragende Sammlung französischer Kunstgegenstände des 18. Jahrhunderts zusammen, eine der großartigen, lyrischen Sammlungen, denn er betet die Franzosen an, er betet diesen Moment der französischen Zivilisation an. Und dann stirbt sein einziger Sohn Nissim im Ersten Weltkrieg. »Er gab sein Leben für Frankreich.« Moïse entscheidet, dass er Frankreich sein Haus und seine Sammlung vermachen würde, aus Dankbarkeit. Doch nur wenige Jahre nach seinem Tod 1935 entfaltet sich die Geschichte auf grauenhafte Weise. Moïses einzige Tochter, sein Schwiegersohn und seine Enkelkinder werden nach Auschwitz deportiert und ermordet. So haben wir diese unglaublich schmerzhafte Kollision von Geschichte, von Zugehörigkeit und dem Drang dazuzugehören, dem Willen zur Assimilierung, dem Wunsch nach der Gewissheit, von dem Land, das man liebt, geliebt zu werden. Es sind Geschichten von Brüchen, von Zerrissenheit, Tragödien, die Geschichte der Juden Frankreichs und wie die Franzosen ihre eigenen Mitbürger behandelten.

Sie erzählen die Geschichte anhand des Gebäudes, seiner Objekte und Dokumente.

Die einzige Art, wie ich Geschichten erzählen kann, ist über Orte und Gegenstände. So habe ich die Geschichte erfahren, und so versuche ich sie in diesem besonderen Haus aufzudecken.

Wie würden Sie Moïse de Camondo und seinen Vater, der auf dem Grundstück in der Rue de Monceau im 19. Jahrhundert auch schon ein großes Stadtpalais errichtet hatte, als Sammler charakterisieren?

Moïses Vater gehört derselben Generation an wie mein Urgroßvater. Der eine ließ ein riesiges Palais in Wien bauen, der andere in Paris. Ihre Sammlungen waren … »eklektisch« wäre wohl das höfliche Wort dafür. Damit meine ich, bombastisch, voll von diesem und jenem. Da gab es alle möglichen Möbel des Empire, Gemälde alter Meister und Bilder der Haager Schule, viele Kronleuchter überall, Sie können es sich vorstellen: der Stil der 1870er-Jahre. Als seine Eltern gestorben waren, ließ Moïse das Haus abreißen. Was für ein Akt! Mein Sohn ist gerade hier im Atelier, und ich hoffe, er hört mich nicht. (lacht) Das ist der Moment, in dem man seine Beziehung zu seinen Eltern neu definiert. Moïse reißt das Haus seiner Eltern ab und liefert alles zur Auktion ein. Bemerkenswert: All die Judaika aus dem jüdischen Oratorium gibt er an das Musée de Cluny. Er verschenkt oder verkauft alles. Und dann beginnt er von vorn, mit unglaublicher Präzision und Passion sammelt er französische Kunst des 18. Jahrhunderts. Dazu muss man ein Connaisseur sein, die Dinge sind schwierig zu finden. Man braucht dafür Klarheit der Gedanken. Für ihn wird es ein Akt der Definition seiner selbst. Freud hätte es als einen Akt der Neuerschaffung seiner Identität angesehen.

Das Haus ist ein Rahmen, eine Vitrine, in der Camondo auf brillante Weise sein eigenes Leben zusammenhält.

Sie beschreiben einzelne wandelbare Möbelstücke und ziehen eine Parallele zu den Menschen.

Ich habe so viel Zeit in diesem Museum verbracht, dass mir immer wieder wunderschöne Möbel des 18. Jahrhunderts aufgefallen sind, die eine Metamorphose durchlaufen können. Sie sehen aus wie ein Schreibtisch oder ein Frisiertischchen, aber dann drückt man auf einen Knopf, und eine Schublade kommt heraus, und es eröffnet sich ein ganz anderes Innenleben. Die Möbel können ihren Charakter verändern. Natürlich denke ich dann an diesen jungen Mann, der von Konstantinopel aus in der Pariser Gesellschaft ankommt und sich verändern muss. Ich frage mich, wie war das? Wie fühlt sich das an? Er wird ein weltlicher Franzose und reitet im Bois de Boulogne und tanzt und jagt und geht in die Oper …

… und er sammelt Kunst.

Sammeln ist ein Akt der Selbstdefinition. Es bedeutet, etwas in der Welt zu finden, es auszuwählen und neu zu besitzen. Es in das eigene Energiefeld zu holen und in den eigenen Raum zu bringen. Wenn ich durch das Haus gehe, sehe ich wandelbare Objekte, und ich sehe, wie er sich gewandelt hat.

In seiner Sammlung gibt es chinesische Vasen mit kunstvollen Bronzemontierungen, auch das ist eine Art Neuinterpretation. Haben Sie diese Gefäße gesehen?

Um ehrlich zu sein: Ich habe mir absolut alles dort angeschaut. Es gibt kein einziges Ding, das ich mir nicht ganz genau angesehen hätte. Ästhetisch könnten diese Objekte kaum weiter von dem entfernt sein, was ich selbst als Künstler mache. Feuervergoldete Bronzen des Barocks oder Rokokos als Montierung für chinesisches Porzellan aus dem siebten Jahrhundert – so werden asiatische Objekte europäisch gerahmt. Natürlich ist das gesamte Haus ein Rahmen, eine einzige Vitrine, in der Camondo auf brillante Weise seine Möbel, Bronzen, Tapisserien und Gemälde versammelt und damit sein eigenes Leben rahmt und alles zusammenhält. So kann man sich jemanden vorstellen, der voller Angst davor ist, Dinge in alle Welt verstreut zu sehen, Dinge zu verlieren, und der Angst vor der Diaspora hat. Er will alles zusammenhalten wie mit einer Bronzemontierung.

Gelingt es ihm?

Mit seinem Museum gelingt es ihm. Mit seiner Familie kann er es nicht. Sein herzzerreißendes Scheitern ist der schmerzhafte Kern des Buchs und des Orts. Im Gegensatz zu seiner Familie ist das Haus noch da.

Dieser Gegensatz wird besonders beim Anblick des zerbrechlichen Porzellans deutlich, das Jahrhunderte überdauert hat. Wie schauen Sie auf diesen Teil der Sammlung?

Ich habe große Sympathien für alle Menschen, die sich für Porzellan interessieren. Das ist mein Leben! Camondo hat exquisite Stücke zusammengetragen und ein Porzellankabinett für seine Sammlung mit Buffon-Vogeldekor aus Sèvres eingerichtet. Porzellan kann sehr viel von Brüchen und Gebrochenheit erzählen, aber auch vom Überleben. Vor zwei Jahren war meine Installation »Library of Exile« in Dresden im Japanischen Palais ausgestellt. Teil der Ausstellung war ein Meissen-Service, das ich in Scherben gekauft hatte. Es gehörte zu einer Sammlung, die einer jüdischen Familie 1938 geraubt wurde. Das Service zerbrach bei der Bombardierung Dresdens. Zusammen mit einem japanischen Künstler habe ich einige Stücke mit der Kintsugi-Technik repariert, die sichtbare goldene Linien auf den Stücken hinterlässt, und in Dresden gezeigt. Camondos Porzellankabinett hat mich an all die kaputten Teller in Dresden erinnert. In beiden Fällen dienen die Objekte als Zeugen. Man muss verstehen, was überlebt und was nicht überlebt. Es geht um Besitz und Verlust. Geschichte lässt sich auf alle möglichen Arten erfahren, aber besonders schmerzlich empfindet man sie in Camondos Porzellankabinett mit seiner intakten Sammlung. Verzeihung, das war eine sehr ausgedehnte Antwort, weil es mir so sehr am Herzen liegt.

Das Museum ist nach seinem Sohn Nissim benannt, der mit nur 25 Jahren im Ersten Weltkrieg fiel. Moïse lebte nach seinem Tod noch weitere zwanzig Jahre in dem Haus. Wie ging er mit Nissims Zimmer um?

Wer weiß, wie der Raum vorher aussah. Gleich nach seinem Tod wird er zum Schrein. Ein absolut idealisiertes Zimmer mit Jagdbildern, einem Porträt seines Großvaters über seinem Bett, etwas aus dem Besitz des Dauphin auf dem Kaminsims – reine Projektion. Sicher war Nissim ein liebevoller und charmanter junger Mann, keine Frage. Doch diese Zimmereinrichtung ist ein eindeutiger Versuch, seinen Sohn als perfekten jungen Mann zu verewigen. Das ist ein Akt elterlicher Redaktion.

Ich habe Sympathien für Menschen, die sich für Porzellan interessieren. Es kann von Brüchen erzählen und vom Überleben.

Warum ist die Tochter Béatrice im Haus so wenig sichtbar?

Sie ist mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern ausgezogen. Ihr Zimmer wird daraufhin Moïses Lieblingszimmer, sein Arbeitszimmer, in dem er lebt. Wenn man übrigens von hier aus die Tür zu ihrer Garderobe und ihrem Bad öffnet, abseits des offiziellen Rundgangs, ist alles wie früher, unangetastet, staubig, herzzerreißend.

Sie haben sich in die umfangreichen Archivalien vertieft. Die Dokumente reichen von der Speisefolge beim Dinner bis zur Korrespondenz mit Kunsthändlern. Welcher Fund hat Sie besonders bewegt?

Der Brief von Proust! »Mein lieber Graf, Sie mögen sich nicht an mich erinnern … Wir haben einmal zusammen diniert. Es macht mich traurig zu hören, dass Ihr Sohn vermisst wird, und so sende ich Ihnen innige Grüße, Ihr Nachbar Proust.« Geschrieben auf hellblauem Papier, und auf einmal ist es der Moment, indem man seine Post öffnet, und da kommt dieser Brief, von Proust.

Viele Figuren der Kulturgeschichte spielen in der Familie eine Rolle. Renoir hat Nissims Mutter, Irène Cahen d’Anvers, gemalt, als sie noch ein kleines Mädchen war.

Die Schwierigkeit, eine Geschichte zu erzählen, die sich nicht von einem Namen zum nächsten hangelt, habe ich mit meinen Briefen umgangen. Sie sind persönlich, können egal welche Länge haben, amüsiert oder befremdet sein oder auch liebevoll. Ich habe Briefe geschrieben, weil ich keine Prosa schreiben wollte. Renoir kann dann einfach zufällig auftauchen, es ist diese Art Buch.

Das Buch, mit dem Sie berühmt geworden sind, »Der Hase mit den Bernsteinaugen«, ist mittlerweile in dreißig Sprachen übersetzt worden – und wird dank der Gratisbuchinitiative ab 11. November 10 0000-mal in Wien verschenkt.

Es ist einfach unglaublich und bewegt mich sehr. Fantastisch. Dass meine kleine Familiengeschichte nach zehn, elf Jahren solch ein Nachleben in Wien haben würde!

Ihre Netsuke-Sammlung, die das Buch als ein roter Faden durchzieht, ist in Wien zu sehen.

Ein Teil der Sammlung ist dort als Dauerleihgabe im Jüdischen Museum. Siebzig der Netsuke-Figuren haben wir verkauft, um die Flüchtlingshilfe zu unterstützen. Es ist unfassbar wichtig, Geschichten zu erzählen – und anzuhören – über Flucht und Exil. Man muss das eigene Mitgefühl kanalisieren.

Sie sind eingeladen worden, Ihre eigene Kunst im Musée Camondo auszustellen. Was haben Sie geplant?

Zuerst muss ich sagen, was für eine unglaubliche, aber auch komplizierte Ehre das ist. Hier hat noch keine Ausstellung stattgefunden, und Moïse hat deutlich gemacht, dass er nichts dergleichen in seinem Haus will. Ich versuche also, Dinge zu schaffen, die über die Familie sprechen. Ich habe Briefe auf sehr dünne Teile Porzellan geschrieben. Sie sind wie Papier und durchscheinend. Manche von ihnen finden ihren Weg auf seinen Schreibtisch oder in die Bibliothek. Hier und da gibt es Stücke, mit denen ich mich an ihn oder seine Kinder richte. Für das Porzellankabinett habe ich Schüsseln mit Scherben gefüllt. Für den Hof fertigte ich Steinbänke aus sehr schönem Stein, die alle mit Kintsugi von Gebrochenheit erzählen, wo die Leute sich hinsetzen und nachdenken können. Und auf dem Dachboden, wo ich recherchiert habe, werden ein paar meiner Objekte in Schränken versteckt sein, die man überhaupt nicht sehen kann. Man weiß lediglich, dass sie da sind. Eigentlich hoffe ich, dass die Leute bei ihrem Besuch kaum etwas von mir sehen.

Kann man den kreativen Prozess Ihrer Arbeit als Künstler mit der des Sammlers vergleichen?

Das ist für mich ein Prozess. Wenn wir zusammen durch mein Atelier laufen würden, dann sähen Sie Gefäße und Marmor, Stein und Gold, Vitrinen, Regale und Holzstücke. Wie Ebbe und Flut kommen die Dinge zusammen, damit man sieht, ob sie passen oder nicht, bis sie da sind, wo sie mehr als die Summe ihrer Teile werden. Wenn man durch ein Haus wie das von Camondo geht, merkt man, dass es hier nicht nur um das Dekorieren eines Interieurs geht. Sie spüren die sehr bewusste Kreation einer Atmosphäre, die unterschiedlichste Elemente zum Singen bringt. Diese Kreativität ist sehr gut vergleichbar zu dem, was ich mache, wenn ich eine Installation zusammenstelle. Deshalb mag ich Camondo so! (lacht) Ich spüre eine Verwandtschaft. ×

Dieses Interview ist (auf Englisch) auch als Podcast auf weltkunst.de abrufbar. »Edmund de Waal. Lettres à Camondo«, 7. Oktober bis 15. Mai 2022, Musée Nissim de Camondo, Paris. Das Buch »Camondo. Eine Familiengeschichte in Briefen« erscheint Ende September im Paul Zsolnay Verlag