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MONIRA AL QADIRI: »EIN ALIEN, WO IMMER ICH AUCH LEBE«


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Wohn!Design - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 12.05.2022
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Bildquelle: Wohn!Design, Ausgabe 3/2022

Eigentlich hätte es kaum einen schlechteren Zeitpunkt geben können, um ein Gespräch mit Monira Al Qadiri zu führen. Am nächsten Tag wird sie nach Bilbao reisen, um im dortigen Guggenheim Museum ihre Installation Holy Quarter zu eröffnen, eine Kommissionsarbeit, die sie 2020 für das Haus der Kunst in München schuf. Nebenbei bereitet ihr die Arbeit für die Biennale in Venedig Kopfzerbrechen, sie wird dort erstmals ausstellen: Material-Lieferungen verzögern sich durch die Pandemie, Techniker erkranken. Im August erwartet die Hayward Gallery in London eine Skulptur als Kommissionsarbeit.

Sie schläft schlecht, seit Tagen schon. Nachrichten aus der Ukraine wecken Erinnerungen an den Zweiten Golfkrieg, den sie als Kind in Kuwait miterlebte. Zwischendurch lacht sie auf, kurz und befreiend, als wolle sie manchen Themen, die wir berühren, die Schwere nehmen.

Sie waren sieben Jahre alt, als 1990 der Irak Ihr ...

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... Heimatland Kuwait überfiel und so den Zweiten Golfkrieg auslöste. Weckt der Angriff Russlands auf die Ukraine Erinnerungen?

Ja, sehr schmerzhaft, ich träume davon. Die Situation ist ja fast identisch: total unprovoziert, ein Angriff über Nacht, und dann passiert alles rasend schnell. Kein Weg führt zurück. Wir erleben gerade, wie sich Geschichte wiederholt.

Sie erzählten, dass Sie damals, als Kind, den Krieg nicht wirklich als bedrohlich empfunden hätten und erst später verstanden, was da eigentlich geschah.

Das war eine transformative Erfahrung. Jedes unserer Familienmitglieder erlebte den Krieg ganz unterschiedlich. Ich fand es zunächst einmal aufregend, ich musste nicht zur Schule und verbrachte mit meinen Schwestern die meiste Zeit im Atelier meiner Mutter, der Künstlerin Thuraya Al-Baqsami. Statt zu spielen, malten wir und beobachteten meine Mutter bei ihrer Arbeit. Ich glaube, wäre sie nicht Künstlerin, ich wäre es heute auch nicht. Meine zwei Jahre ältere Schwester und ich gingen einigermaßen unbeschadet durch diese Zeit. Doch meine älteste Schwester, sie war damals 15, wurde schwer traumatisiert. Erst später fragte ich mich, wie es für meine Eltern war, in einem Kriegsgebiet Kinder großzuziehen. Wie es für meinen Vater war, als Diplomat in Kriegsgefangenschaft zu geraten. Noch heute sprechen sie nicht über alles.

Das war sicher sehr prägend.

Ja. Ich erlebte, dass ein Ereignis ganz unterschiedlich wahrgenommen werden kann. So ist es auch mit meiner Kunst, auf ein Werk kann es 100 verschiedene Reaktionen geben. Und das ist okay. Ich kann auch nicht verhindern, dass meine Arbeit im arabischen Raum oft zensiert wird. Das erscheint mir vollkommen willkürlich, aber ich akzeptiere es. Einmal dachte ein Zensor, eine meiner Arbeiten würde den sogenannten Islamischen Staat behandeln. Sein Gedankengang ist mir bis heute schleierhaft. Dagegen wurde mein Musikvideo Wa Waila (Oh Torment, 2008), in dem ich einen Sänger in Männerkostümen mit falschem Bart spiele, nicht zensiert. Die Leute fanden es lustig, das Kino bebte vor Lachen. Es war ein großer Erfolg. Crossdressing ist eines der größten Tabus in der arabischen Welt. Ich war sicher, ich würde damit nicht durchkommen.

Crossdressing spielt in Ihrer Kunst eine zentrale Rolle. Ja, ich komme aus einer sehr patriarchalen Gesellschaft. Das begann während des Golfkriegs. Ich wollte unbedingt ein Mann sein, sie waren die Helden und cool, wir Frauen zu Hause waren es nicht. Ein merkwürdiger Irrglaube. Außerdem fand ich arabische Männer wunderschön, mit ihrem Kopftuch, der Ghutra, und den gestutzten Bärten. Also schnitt ich mir die Haare kurz und kleidete mich wie ein Junge.Ihre Eltern hatten nichts dagegen?

Sie erzogen uns sehr frei. Meine Eltern studierten in den 70er Jahren in Moskau, meine Mutter Kunst am renommierten Surikow-Institut, mein Vater – damals ein glühender Kommunist – Politik. Seine Begeisterung für den gelebten Sozialismus endete recht bald, nicht aber die für eine gleichberechtigte Ehe. Zurück in Kuwait, machte die beiden das zu Außenseitern.

Noch heute muss meine Mutter als Künstlerin um Anerkennung kämpfen, während sie im Ausland hochgeschätzt ist. Dieses Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen nahm ich auch als Kind schon wahr. Es ging mir beim Crossdressing nicht um Geschlechter-Identitäten, sondern darum, machtvoll zu sein. Es ist grundsätzlich so: Wenn ich etwas bewundere, will ich es werden. Ich kann das nicht trennen wie andere Menschen.

Die Kuwaiterin Monira Al Qadiri zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen KünstlerInnen des arabischen Raumes. Nach dem Studium der Intermedialen Kunst an der Tokyo University of the Arts, wo sie 2010 promovierte, zog sie zunächst nach Beirut und lebt heute in Berlin. Ihre Videos, Skulpturen, Installationen und Performances, die sich den Themen Petro-Kulturen und Gender-Identitäten widmen, wurden u. a. auf der Expo 2020 in Dubai, im Haus der Kunst, München, Kunstverein Göttingen, Gasworks, London, Palais de Tokyo, Paris und dem MoMA PS 1, New York, gezeigt.

Bis zum 12. Juni läuft ihre Ausstellung Holy Quarter im Guggenheim Museum, Bilbao, ab 23. April sind ihre Werke auf der 59. Biennale in Venedig zu sehen. Für die Hayward Gallery in London kreiert sie derzeit eine überdimensionale Skulptur, die ab August ausgestellt wird.

Was wollten Sie noch werden?

Als Teenager schaute ich oft japanische Cartoons.Ich war völlig besessen davon und wollte ein Cartoon werden. Also ging ich mit 16 Jahren nach Japan. Da ich noch nicht volljährig war, besuchte ich erst mal eine Sprachschule und später die fantastische Tokyo University of the Arts, um Intermediale Kunst zu studieren. Natürlich war das Leben in Japan kein Cartoon, was mich enorm enttäuscht hat. Die japanische Gesellschaft ist fast noch konservativer als die kuwaitische. Wie schon in Kuwait, war ich wieder ein Alien. 99,9 Prozent der Studenten waren Japaner, viele von ihnen sehr kreativ und talentiert. Keiner von ihnen wurde Künstler. Nach dem Abschluss verwandelten sie sich über Nacht in Sekretäre, Sales-Manager, Werber. In Japan zählt nur Erfolg in der Geschäftswelt, es ist der einzige Weg, um Anerkennung zu erhalten.Das war unglaublich traurig.

Sie blieben zehn Jahre. Wie hat diese Zeit Ihre künstlerischer Arbeit beeinflusst?

Mehr, als mir lieb ist. Lange verband mich mit Japan eine Hassliebe. Der Alltag dort ist hypervisuell. Der Aufwand, mit dem in Geschäften Geschenke verpackt werden, ist eine Kunst, Bankautomaten erklären mit bunten Animationen ihre Funktion. Eine Art visueller Verschmutzung, der man nicht entgehen kann. Auch die Kunst ist hypervisuell. Ein Werk muss in erster Linie im klassischen Sinn schön sein, ein Konzept dahinter, eine Idee oder ein Gedankenprozess sind unwichtig. Die Werke sind wunderschön, aber leer. Ich zog dann für ein paar Monate nach Kuwait und anschließend nach Beirut. Bei einer Ausstellungseröffnung dort betrat ich einen großen Saal, gefüllt mit Menschen, der Künstler sprach drei Stunden.

Das war das Werk. Keine Bilder, nur Philosophie. Ich war völlig geschockt. Diese beiden Erfahrungen führe ich in meiner heutigen Arbeit zusammen: hypervisuelle Werke – Filme, Installationen, Skulpturen –, denen aber ein Gedankenprozess vorausgegangen ist.

Können Sie diesen Prozess beschreiben?

Der Startpunkt meiner Arbeit ist ein Element meiner Vergangenheit, was es für die Gegenwart bedeutet und welche Auswirkungen es für die Zukunft haben könnte, wie ein Zeitbogen. Ich bin der Mikrokosmos, in dem die großen Themen schwingen. Zum Beispiel als ich im Libanon lebte, beschäftigten sich wegen des dortigen Bürgerkriegs viele Künstler mit dem Thema Krieg. Es war das erste Mal, dass ich mit diesem Teil meiner Geschichte konfrontiert wurde. Keiner spricht in Kuwait über den Krieg, er ist ein schmutziges, mittlerweile 30 Jahre altes Geheimnis. Ich tauchte tief ein in das Thema, auch um meine Identität zu ergründen.

Der Rohstoff Öl ist ein wiederkehrendes Element Ihrer Arbeit. Sie selbst bezeichnen sich als post-oil baby. Ein Thema, dass durch den Ukraine-Krieg eine neue Relevanz bekommen hat.

Ja, eine Identitätssuche ist immer ein Prozess des Erinnerns, und manchmal muss man dafür auf die Erinnerungen anderer zurückgreifen. Meine Eltern lernten noch beide Welten kennen: die Vor-und die Nach-Öl-Welt. In den 50er Jahren gab es in Kuwait nur Schotterstraßen, Häuser wurden aus Lehm gebaut. Dann landete dieses Öl-Alien. Ich habe nur die Nach-Öl-Welt kennengelernt, das funkelnde, schicke, futuristische Kuwait. Als ich 2014 mit Alien Technology eine meiner ersten Arbeiten über Öl gemacht habe – einen gigantischen industriellen Ölbohrer in irisierendem Blau, fragten die Leute: »Was hat das mit uns zu tun?«. Sie stellten keine Verbindung her zu dem enormen Reichtum, den die Ölförderung der Golfregion beschert.

Ein paar Wochen später crashte der Ölmarkt – und plötzlich war das Thema für die Bevölkerung extrem relevant. Jetzt schließt sich der Kreis. Die Preise für Öl explodieren, und der Moment ist gekommen, in dem alle Länder ihre Abhängigkeit von Öl überdenken müssen. Die meisten Öl exportierenden Länder unterliegen undemokratischen Regimes – es geht plötzlich nicht mehr nur um die ökologischen Konsequenzen, sondern auch um die politischen.

Alien Technology steht heute in Dubai im Heritage Center, gleich neben Repliken von Perlentaucher-Booten – vor dem Ölboom eine der Haupteinnahmequellen der arabischen Küstenländer. Eigentlich eine schöne Verbindung der Vor-und Nach-Öl-Zeit am Persischen Golf.

Ja, exakt – und ein weiteres Puzzlestück meiner Identität. Mein Großvater väterlicherseits, Issa, war Musiker und unterhielt auf Perlentaucher-Booten die Besatzung mit Gesang und Trommeln. Daneben Alien Technology, mein Selbstporträt. Das bin ich, ein Alien, wo immer ich auch lebe.

moniraalqadiri.com

Dies ist die Pflicht: sich dem All gegenüber in jedem Augenblick verantwortlich zu wissen und sein Äußerstes einzusetzen im Kampf gegen Schwachheit und Lüge, gegen Halbheit und Unwahrhaftigkeit. Dies ist die Mahnung: aus dem Bewusstsein der Einheit heraus sich als Bruder und Freund zu allem Geschaffenen zu beweisen, Milde üben, ohne schwach zu werden, Güte zu zeigen, ohne weichlich zu werden.

FJODOR MICHAILOWITSCH DOSTOJEWSKI

Fjodor Michailowitsch Dostojewski, geboren 1821 in Moskau, gestorben 1881 in Sankt Petersburg, gilt als einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller. Seine Hauptwerke, darunter Schuld und Sühne, Der Idiot und Die Brüder Karamasow, entstanden in den 1860er und 1870er Jahren. Dostojewski schrieb neun Romane, zahlreiche Novellen und Erzählungen. Sein literarisches Werk beschreibt die politischen, sozialen und spirituellen Verhältnisse des Russischen Kaiserreiches, das sich im 19. Jahrhundert fundamental im Umbruch befand – Dosto-dem Anbruch der Moderne geriet. Seine Bücher wurden in mehr als 170 Sprachen übersetzt.

BEST BOOK × 4 WE STAND WITH UKRAINE

Platz 1 der Bestsellerliste der Ukraine: Laut, zornig, schonungslos kritisiert Oksana Sabuschko die gesellschaftlichen Verhältnisse ihres Landes. Drei Protagonistinnen, die Journalistin Daryna, die Partisanin Helzja und die Malerin Wlada, spüren gegen die offizielle Geschichtsschreibung Verschwiegenem, Unausgesprochenem und vergrabenen Geheimnissen nach.Ein komplexes Panorama, überbordend erzählt.Oksana Sabuschko, Museum der vergessenen Geheimnisse Roman. Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil Taschenbuch, 768 Seiten, 14,99 Euro

San Francisco in der Ukraine – so benannt von denen, die in der Heimat bleiben und nicht nach Amerika auswandern wollten. Trotz Willkür und Gewalt, trotz aller Widrigkeiten. Denen begegnet das Mädchen Lena – mit Witz, Ironie, viel Mut und Eigensinn. Und sie versucht zu helfen: herrenlosen Hunden und den Menschen um sie herum, die ein Wunder dringend gebrauchen können. Komisch, schräg, aberwitzig beschreibt die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Tanja Maljartschuk, wie das gelingt.Tanja Maljartschuk, Roman. Aus dem Ukrainischen von Anna Kauk Gebunden, 220 Seiten, 18,90 Euro residenzverlag.com

Marina Zwetajewa, 1892 in Moskau geboren, ging 1922 in die Emigration, lebte in Berlin, Paris und Prag und kehrte 1939 in die Sowjetunion zurück. 1941 nahm sie sich in Jelabuga das Leben. Sie gehört zu den bedeutendsten russischen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Lyrik steht u. a. in der Tradition von Alexander Blok und Rainer Maria Rilke und hat große Ausstrahlung auf die russische Gegenwartslyrik. »O Tränen in den Augen« schrieb sie unter dem Eindruck des Einmarsches der deutschen Wehrmacht in Prag.Aus: Gedichte, aus dem Russischen übersetzt von Christa Reinig, © Wagenbach, 1968

O TRÄNEN IN DEN AUGENWeinen in Liebe und Wut O Böhmen in Tränen, Spanien in Blut.O schwarzer Berg, Erde in Dunkel und Beben, Zeit ist es, Zeit, Zeit, Zeit, Gott das Billet zurückzugeben.Ich sage ab, zu sein.In der Tollhäusler Rasen, sage ich ab zu leben.Mit Wölfen auf den Straßen, sage ich ab zu heulen.Mit den Haien auf Sand, sage ich ab zu schwimmen abwärts zurückgewandt.Ich brauche keine Ohren, Augen brauche ich nicht, auf deine irre Welt eine Antwort: Verzicht.

MARINA ZWETAJEWA

Die Grenze ist unsichtbar.Vielleicht gibt es sie gar nicht, obwohl der alte Petrus steht da, wie eineVogelscheuche und hält alles Gesocks, das so gern nascht, vom Garten fern.

Erzählgedichte der besonderen Art: witzig, nachdenklich, pointiert, sinnlich – virtuos. Eine Poesie, die sich vom »Sozialistischen Realismus« mit frechem Humor und gezielten Tabu-Brüchen absetzt. Juri Andruchowytisch ist einer der Schriftsteller des jungen Europa, vielfach ausgezeichnet. Dies ist sein erster Gedichtband, der in deutscher Sprache erscheint.Juri Andruchowytsch, Gedichte.Aus dem Ukrainischen von Stefaniya Ptashnyk Taschenbuch, 96 Seiten, 17,80 Euro wunderhorn.de

Der Bienenzüchter Sergej lebt im Donbass, wo ukrainische Kämpfer und prorussische Separatisten Tag für Tag aufeinander schießen.Er überlebt nach dem Motto: Nichts hören, nichts sehen – sich raushalten.Ihn interessiert nur das Wohlergehen seiner Bienen. Denn während der Mensch für Zerstörung sorgt, herrscht bei ihnen eine weise Ordnung und wunderbare Produktivität.Doch eines Frühlings bricht er auf:Er will die Bienen in eine Gegend bringen, wo sie wieder in Ruhe Nektar sammeln können. In Freiheit.Ein stiller Roman, der ein scharfes Bild des Konflikts im Donbass zeichnet.Andrej Kurkow, Graue Bienen Roman. Aus dem Russischen von Johanna Marx und Sabine Grebing Gebunden, 448 Seiten, 24,– Euro diogenes.ch

Das Schöne und das Biest

Liebe Leserin, lieber Leser, für gewöhnlich ist der Mai der Monat des sprießenden Neuen, der ausschlagenden Bäume, ist eine Zeit gut gelaunter Vorfreude auf den sich ankündigenden Sommer … in diesem Mai allerdings ist vieles für sehr viele sehr, sehr anders – Freude kann sich nicht einstellen, wenn wir über den Tellerrand des Privaten in eine Welt schauen, die in wenigen Wochen so verändert wurde.

Was in der Ukraine geschieht {Redaktionsschluss dieser Ausgabe ist Mitte April} und an Verbrechen wohl noch begangen wird, macht es schwer, leichtfüßig über jene »schönen Dinge« zu sprechen, die wir Ihnen so gern präsentieren.

Denn zu ihrem Genuss braucht es eine gewisse Leichtigkeit und relative Unbeschwertheit. Erleben auch Sie in diesen Tagen Momente, in denen das Lachen im Hals kratzt, sich Heiterkeit wie Zynismus anfühlt, die Zerrissenheit schon schmerzt? Interior und Kunst, Genuss und Reisen, kurz: Kultur! Kunst! Lebensfreude! – ?

Die schönen Dinge des Lebens – ohne Freiheit gibt es sie nicht.Die Freiheit der Vielfalt, der Auswahl, die Freiheit der Entscheidung. Die Freiheit, einen eigenen Geschmack zu haben und diesem Geschmack unbedrängt Ausdruck zu verleihen. Das Unsägliche erinnert mich nun täglich daran, wie wertvoll genau diese Freiheit ist, dass Gutes & Schönes eben nicht selbstverständlich ist – und wir es bewusst genießen sollten, wenn es uns begegnet.

Die Ukrainerinnen und Ukrainer kämpfen auch für unsere Freiheit, Schönes zu entdecken und zu erleben. Dafür schulden wir ihnen Respekt, Hochachtung, Unterstützung – als Menschen wollen wir ihnen auch künftig zur Seite stehen.

Setzen wir darauf, dass sich alsbald alles zu einem Besseren wendet und wir wieder glauben, lieben, hoffen können.

Kommen Sie gut in den Sommer, mit besten Wünschen, Ihr Christian Peters

cpeters@wohndesign.de Unter aktion-deutschland-hilft.de können Sie schnell und unkompliziert spenden –In einem gelben Wald, da lief die Straße auseinander, und ich, betrübt, daß ich, ein Wandrer bleibend, nicht die beiden Wege gehen konnte, stand und sah dem einen nach so weit es ging: bis dorthin, wo er sich im Unterholz verlor.

DAS GEDICHT robert frost Der unbegangene Weg

Und schlug den andern ein, nicht minder schön als jener, und schritt damit auf dem vielleicht, der höher galt, denn er war grasig und er wollt begangen sein, obgleich, was dies betraf, die dort zu gehen pflegten, sie beide, den und jenen, gleich begangen hatten.Und beide lagen sie an jenem Morgen gleicherweise voll Laubes, das kein Schritt noch schwarzgetreten hatte.

Oh, für ein andermal hob ich mir jenen ersten auf!Doch wissend, wie’s mit Wegen ist, wie Weg zu Weg führt, erschien mir zweifelhaft, daß ich je wiederkommen würde.Dies alles sage ich, mit einem Ach darin, dereinst und irgendwo nach Jahr und Jahr und Jahr:Im Wald, da war ein Weg, der Weg lief auseinander, und ich – ich schlug den einen ein, den weniger begangnen, und dieses war der ganze Unterschied.

Robert Lee Frost, US-amerikanischer Dichter, geboren 1874 in San Francisco, gestorben 1963 in Boston, arbeitete als Englischlehrer und auch als Farmer in Neuengland. Seine Gedichte beschreiben in klassischer Schönheit die Natur und thematisieren die Natur des Menschen. Sie wurden vielfach mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und sind fester Bestand des amerikanischen Literaturkanons und der Weltliteratur. Der in der jetzigen Ukraine geborene Lyriker Paul Celan adaptierte Frosts Gedichte in deutscher Sprache. Übertragung von Paul Celan, in: Paul Celan, . Beda Allemann und Stefan Reichert (Hrsg.), Band 5 © der deutschen Übertragung: Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1983.