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MONKEYTOWN: „Techno ist in einer Methusalem- Situation“


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 13.06.2019

Vor zehn Jahren wurde die erste 12-Inch auf Monkeytown veröffentlicht. Mittlerweile ist das Label des DJ- und Produzententeams Modeselektor eine feste Größe in der internationalen Techno-Szene. Wir haben die Monkeytown-Familie besucht und über Playlisten-Macht, den Vinyl-Hype und die Labelarbeit in Zeiten der Digitalisierung gesprochen.


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Bildquelle: musikexpress, Ausgabe 7/2019

Raymond Merkel, Geschäftsführer


2009 befand sich die Musikindustrie in einer Art Limbus. Die CD-Verkaufszahlen waren wegen illegaler Musiktauschbörsen wie Napster seit etwa 2000 im freien Fall, der nostalgische Vinyl-Hype hatte noch nicht wieder eingesetzt und ...

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... Streamingportale wie Spotify steckten in den Kinderschuhen. Wer zu diesem Zeitpunkt auf die Idee kam, ein eigenes Label zu gründen, musste wahnsinnig sein – oder genial. Auf Sebastian Szary und Gernot Bronsert treffen beide Attribute zu. Die Berliner kennen sich seit Schulzeiten und teilen fast genauso lang ihre Liebe zu elektronischer Musik. 1996 gründen sie das DJ-, Produzenten- und Live-Duo Modeselektor. Mit ihrem eklektischen Sound, der irgendwo zwischen Techno, HipHop und Elektro oszilliert, ziehen sie bald die Aufmerksamkeit von Ellen Allien auf sich. Die DJ, Chefin des Labels BPitch Control und Berliner Szenegröße holt Modeselektor auf ihr damals stilprägendes Label, auf dem später auch Paul Kalkbrenners Soundtrack zum Hype-Film „Berlin Calling“ erscheinen soll.

Modeselektor veröffentlichen ihre ersten beiden Alben HELLO MOM! Und HAPPY BIRTHDAY! auf BPitch Control, ebenso wie das erste von Moderat; ihrem poppigeren Nebenprojekt mit Sascha Ring aka Apparat. Doch die Idee, ein eigenes Label zu gründen, geistert schon länger in ihren Köpfen herum. Gemeinsam mit ihren beiden Freunden Marit Posch und Raymond Merkel gründen sie 2009 schließlich Monkeytown. Während Szary und Bronsert sich hauptsächlich um die künstlerische Seite kümmern, wird Merkel, studierter Musiker und Saxofonist, Geschäftsführer und dritter Inhaber. Posch, studierte Juristin und Musikerin, kümmert sich um das Management. Bis heute hat sich diese Arbeitsteilung nicht geändert, Monkeytown wirkt fast wie eine kleine Familie. Entsprechend nostalgisch werden die vier beim Roundtable in ihrem Berliner Label-Office, als wir die 12-Inch„The Uninvited Guest“ von Siriusmo hervorziehen, den ersten Release auf Monkeytown aus dem Jahr 2009.

Ich habe gelesen, dass ihr von dieser Platte nicht mehr viele habt.
Marit Posch: Nur noch im Iron Stock, also im Tresor. Fünf Stück haben wir noch. Sebastian Szary: Die allererste Monkeytown- Platte! Da sind nur Hits drauf. Die haben wir bei Marit zu Hause am Wohnzimmertisch besprochen.

Auf Discogs kostet die mittlerweile 80 Euro .
Gernot Bronsert: An die Platte kann ich mich noch genau erinnern. Zu der Zeit waren wir noch bei BPitch Control unter Vertrag. Unterwegs am Flughafen haben wir Ellen Allien gestanden: „So, wir haben jetzt ein eigenes Label.“

Wusste sie nicht, dass ihr das Label gründen wolltet?
G: Ne, wir haben uns nicht getraut, es ihr zu sagen. Wir haben es einfach gemacht.

Wie hat sie reagiert?
G: Sie war gefasst, aber dass es ihr nicht gefallen hat, konnte sie nicht verbergen. Sie wusste, dass wir über kurz oder lang unser eigenes Ding machen werden. Du kannst niemanden für immer an dein Plattenlabel binden. Als wir unseren Vertrag mit ihrem Label bekamen, haben wir einfach unterschrieben, weil wir dachten: „Geil!“ Das war 2001.

Wie kam die Zusammenarbeit mit Ellen Allien zustande?
G: Ellen Allien hatte schon immer den richtigen Riecher. Sie hat vor 20 Jahren ihr Label gegründet. So wie heute alle ins Berghain rennen, war BPitch damals das große Ding in Berlin. Sie hat uns gefragt, ob wir eine Platte machen wollen und wir fanden das natürlich cool. Unsere Freunde von der Pfadfinderei, die seit jeher unser Artwork und unsere Visuals für die Live-Shows machen, die haben damals auch für BPitch Control gearbeitet. Wir haben zusammen Partys gemacht und kannten uns. Wir waren die Kumpels der Grafiker, sozusagen.
S: Ellen ist eine echte Westberlinerin. Sie hat das mittransportiert, was vor dem Mauerfall in Westberlin entstanden ist und aus dem Punk-, Elektronik-, Industrial-Gewusel heraus wichtig für die elektronische Musik wurde. Ellen ist eine der essenziellen Elektronik- Personen für Berlin.

G: Sie ist wie ein Verstärker, ein Katalysator, durch den alles einmal durch muss. Sie ist sehr ehrgeizig und unglaublich fleißig. Wenn man überlegt, wie lange sie das schon macht! Sie ist ein totales Energiebündel, ein bisschen verrückt, wie wir alle in der Künstlerwelt. Ohne Ellen Allien wären wir wahrscheinlich nicht aus dem Keller rausgekommen.

Wenn etwas auf BPitch Control veröffentlicht wurde, bekam es ja auch eine gewisse Aufmerksamkeit.
G: Absolut! Wenn heute eine Platte auf Ostgut Ton herauskommt, hören auch alle erstmal rein und denken: „Hui, Hexenwerk!“ Wir haben durch diese Zeit viel gelernt. Vor allem, wie viel Liebe man in so ein Label-Projekt reinstecken kann. Licht und Schatten liegen immer dicht beieinander, wir hätten uns den Vertrag genauer durchlesen sollen. Aber am Ende haben wir einen großen Benefit davongetragen und sind auf keine Weise missgünstig.

Was war das für ein Vertrag? Gibt es da, wie in der Rockmusik, langjährig bindende Verträge?
G: Der Vertrag kam aus genau dieser Neunzigerjahre- Rock-Geschichte. Wir hatten damals keine Berater. Wir sind aber auch von BPitch weggegangen, weil alles so groß und komplex wurde, dass wir Entscheidungen nicht mehr alleine treffen konnten. Damals gab’s nur uns als Band, wir haben auf den BPitch-Partys gespielt und sind dadurch in das Booking reingekommen. Im Prinzip genauso wie wir es später mit Monkeytown, 50 Weapons und jetzt Seilscheibenpfeiler auch gemacht haben. Raymond Merkel: Es gab einen Punkt, an dem die Dinge zerrissen wurden. Da wart ihr bei Magnet in der Booking Agentur und bei BPitch auf dem Label. Die mochten sich nicht. Die Aufgaben wurden größer und es gab den Wunsch, alles an einen Tisch zu bekommen.
G: Die Siriusmo-Platte war der Startschuss für das Label.
R: Dann folgte die erste Moderat-Tour, die technisch aufwendiger war als die DJ-Gigs. Also haben wir uns die Produktion überlegt und bald hatten wir eine In-House- Booking-Agentur. Wir haben die Struktur Stück für Stück aufgebaut, das hat sich organisch entwickelt. Das berühmte „360-Grad-Modell“ war eigentlich immer nötig für den realen Bedarf von Szary und Gernot.

War es nicht eine verrückte Idee, bei der Situation der Musikindustrie im Jahr 2009 ein Label zu gründen?
G: Wir haben gesagt: Jetzt erst recht! Uns waren die Inhalte wichtiger als die Industrie. Klar, war das irre. Aber es hat funktioniert. Monkeytown war eklektisch, poppig, bunt, bewusst an der Fashion vorbei. 50 Weapons entstand als zweiter Strang dazu, weil wir Techno-Platten machen wollten. 50 richtig dicke Platten und danach ist Schluss. Wir hatten 2005 schon eine auf 50 Weapons herausgebracht und 2009, als wir die richtige Struktur hatten, weitergemacht.


„Klar, war es irre, im Jahr 2009 ein Label zu gründen.“


Fünf aus der Monkeytown

Siriusmo
„The Uninvited Guest“ (2009)

Der erste Release auf dem Label. Wir schrieben damals: Siriusmo „formuliert in den sechs relativ kurzen Tracks seine Auffassung von Electro Rock, Post-Acid, Niedlichkeits- und Noveltymusik und anderer Crazyness in der elektronischen Musik aus“. Stimmt immer noch.

Modeselektor
Monkeytown (2011)

Das dritte Album der beiden Chefs und das erste auf dem eigenen Label, das auch noch genauso heißt. Ein halbes Dutzend Featurings beteiligt sich an einer Mischung aus Techno, HipHop, advanced Electronics, Future Soul und Breakcore. Greatest Hit:„German Clap“.

Modeselektor with Thom Yorke
„This“ (2012)

Hier wird das Beste aus den Modeselektorund Radiohead-Welten in einen Track gegossen. Thom Yorkes klagende Stimme zu einem unheilvoll dräuenden Backing. Radioselektor sozusagen.

Moderat
II (2013)

Das Album, das die Fusionsband aus Modeselektor und Apparat (Sascha Ring) in den Mainstream katapultiert hat. Poppige Melodien zu postmodernem, elektronischem Sounddesign. Die ganze Welt dreht durch.

Dark Sky
Imagin (2014)

Debütalbum des Duos aus London, das die richtigen Schlüsse aus den Entwicklungen der elektronischen Musik der Zeit gezogen hat. Bassmusik, psychedelisch, ambient, ultra deep und leicht dystopisch. (ko)

In der Zeit kam auf eurem Sublabel 50 Weapons viel mehr raus als auf Monkeytown, oder?
M: Weil es mehr Singles waren. Bei Monkeytown geht es darum, langfristig mit jemandem zusammenzuarbeiten. Eigentlich geht es um Alben.

Was sind eure Auswahlkriterien für Monkeytown-Künstler?
G: Es geht nicht nur um Musik. Es geht auch darum: Wofür steht der Mensch mit dem, was er macht? Zum Beispiel Omar Souleyman. Da fanden wir das ganze Phänomen fett. Das wollten wir einfach mitnehmen für unser Portfolio.
S: Weil es einfach geile Mucke ist.
G: Wir sind in Berlin aufgewachsen, wo es viele Araber und Türken gibt. Souleyman kommt aus Syrien, spricht kein Englisch. Zu sehen, wo diese Hochzeitsmusik herkommt, ist interessant. Leider konnten wir mit der Platte nicht so arbeiten, wie wir wollten, weil er viele Interviews nicht gemacht hat, aus Angst. Das Feuilleton stand Spalier, aber er hat abgesagt.
R: Ich sehe das im Nachhinein kritisch. Es gab ein großesexcitement , uns ist es aber nicht gelungen, mit dem Künstler eine Geschichte zu erzählen und einen politischen Zusammenhang herzustellen.
S: Das war eine schwierige Zeit, 2015.
M: Um auf deine Grundfrage zurückzukommen: Die Klammer ist elektronische Musik, und fast alle Künstler kommen aus unserem sozialen Kontext.
G: Wir haben selten Demos released, die von außen kamen.
M: Außer FJAAK. Ansonsten kannten wir alle vorher.

Die „Techno-Boyband“ FJAAK habt ihr entdeckt und aufgebaut. Ist das ein Anspruch, den ihr als Label habt?
M: Das ist unser Ziel. Wie aktuell Catnapp, die haben wir unter unsere Fittiche genommen und wollen ihr Debütalbum herausbringen, um sie auf die Reise zu schicken.
R: Wir suchen Dinge, dieunique sind. Wenn man uns ein Demo schickt und schreibt: „Hör dir die mal an, die klingt wie Siriusmo“, dann ist das schon ein Fehler.
M: Raymond und ich sind studierte Musiker, Gernot und Szary machen seit 30 Jahren Musik. Wir haben viel gehört und sind schnell gelangweilt von gängigen Sachen.
R: Es ist ein ehrlicher, künstlerischer Anspruch.

Wie läuft die Labelarbeit ab?
M: Gernot und Szary sind die klassischen A&Rs. Und ab da mehr oder weniger raus aus dem Alltag.
G: Wir sind die Alltagsflüchtlinge.
M: Wir sprechen uns ab, aber es wird nicht alles abgesegnet. Bei der Musik liegt die Entscheidung bei Gernot und Szary.
R: Wir beide sind die Businessabteilung, aber mit einem hohen künstlerischen Verständnis.
G: Die beiden sind unsere Berater.
R: Auf vielen Ebenen. Zum Beispiel für die neue Modeselektor-Kampagne: Was ist das Thema, was erzählen wir, wie soll das Artwork aussehen, wie funktioniert die Show im Zusammenhang damit? Der Input kommt durch die beiden und die Pfadfinderei. Es wird aber stark moderiert und organisiert von uns.
M: Wir geben auch Input zum Tracklisting, zu möglichen Remixern. Es ist ein Austausch.

Gernot und Szary, seid ihr als Künstler genervt von der Businessseite der Labelarbeit?
G: Vergangenes Jahr haben wir unser Album gemacht und unser Team hat uns wirklich den Rücken freigehalten. Wir konnten uns im Studio einschließen. Es liegt direkt neben dem Büro – was eigentlich ein Fehler ist.
M: Aber sie könnten sich theoretisch komplett rausziehen. Null Business, kein Stress. R: Es ist eine Stärke, dass wir diese familiäre Atmosphäre und ein künstlerisches Verständnis haben. Je größer eine Struktur wird, desto mehr muss man Dinge kodieren und verliert dabei die Spontaneität.
M: Der Nachteil ist, dass wir uns um viel mehr kümmern, als ein normales Label. Managementangelegenheiten, Beratung beim Artwork. Normalerweise wird so was einfach bestimmt und da kommen nicht 20 WhatsApp-Nachrichten nach 21 Uhr.
G: Ich sage immer, ich will nichts damit zu tun haben und kümmere mich nur um die künstlerische Seite. Und wenn’s so weit ist, bin ich derjenige, der die 20 WhatsApp- Nachrichten schickt: „Was ist hier los? Seid ihr alle verrückt?“(lacht) Man lernt dazu, weil dir die anderen ständig den Spiegel vorhalten. Man erkennt Potenziale und akzeptiert andere Meinungen. Seit ich aus dem Kinderzimmer raus bin, mache ich nichts anderes. Ich hatte keine Möglichkeit, eine normale soziale Entwicklung zu erfahren, sondern ich stand gleich im Club. Das ist ein Paralleluniversum. Man braucht einen Reality Check und da hatten wir Glück mit unserem Team.
M: Vor allem, dass wir auch offen sagen können: „Das ist Schwachsinn, denk mal einen Tag darüber nach und dann reden wir noch mal.“ Das ist nicht selbstverständlich.

Wie haben sich die Aufgaben und die Anforderungen eines Labels durch die Digitalisierung verändert?
M: Wir denken mehr darüber nach, was und ob wir etwas rausbringen. Da waren wir in den Anfangszeiten blauäugiger und unstrukturierter. Wir haben damals mehr nach Gefühl gearbeitet.
S: Wir hatten keine Parameter.
M: Wie wir an einen Release herangehen hat sich verändert, allein durch die Formate.

Kannst du das konkretisieren?
M: Wahrscheinlich wollt ihr jetzt hören, dass das Physische nicht mehr relevant ist.

Marit Posch, Labelmanagerin


Das kann man so bei uns nicht sagen. Es ist krass Release-abhängig. Bei Seilscheibenpfeiler ist das Verhältnis von physisch zu digital 80 zu 20. Bei Monkeytown gibt es Künstler, bei denen ist es komplett andersrum. Bei Modeselektor und Moderat ist es 50:50. Und das hat sich über die Jahre nicht geändert.

Welche Bedeutung haben Vinyl- Releases?
G: Der Markt ist übersättigt. Jeder hat die Möglichkeit, Vinylplatten herauszubringen – durch Bandcamp und Crowdfunding. Die Orderzahlen vom Handel sind gering …
M: … und es legen immer weniger DJs mit Platten auf.
G: Vor zwei, drei Jahren ging dieser „Vinyl only“-Hype los, aber das waren nur eine Handvoll DJs. Von denen, die die großen Festivals und Clubs bespielen, legt keiner mit Platten auf. Außer Sven Väth, aber der hat das schon immer gemacht.
R: Wir finden es immer noch toll, Platten zu machen. Wir versuchen die direkten Vertriebswege zu stärken, also unseren Webshop und Bandcamp. Aber wir machen alles in limitierteren Stückzahlen.
S: Für mich wird mit Vinyl ein Impuls getriggert, wenn die Testpressung unseres Albums kommt. Bei Vinyl kommen Musik und Physik zusammen. Dann ist es in Stein gemeißelt. Es ist so, wie es ist. Nur noch zu manipulieren mit irgendwelchen Tesafilm- Abklebungen.

Welche Rolle spielt Streaming für euch?
M: Eine große. Dadurch, dass es das Label schon zehn Jahre lang gibt und wir einen relativ großen Backkatalog haben, deckt Streaming unsere Fixkosten. Zum Beispiel Siriusmos Album COMIC wurde 2017 veröffentlicht, das heißt, er hat vergangenes Jahr kein Album herausgebracht. Trotzdem bekommt er relativ hohe Beträge ausbezahlt.
R: Der Segen beim Streaming ist, dass eine große Menge an Musik für jeden für zehn Euro verfügbar ist und erfolgreiche Produkte lange Zeit Traffic erzeugen. Da hat man anfangs zwar viel weniger Geld als früher, nimmt es aber zuverlässig Monat für Monat ein. Ein Teil des Streaming-Konsums ist ja auch „on top“, viele Leute kaufen Platten und nutzen trotzdem Spotify. Der Fluch ist, dass es nur bei sehr erfolgreichen Sachen funktioniert. Um dasselbe Geld zu verdienen, wie beim Verkauf einer Platte, müsste ein 10-Track-Album ungefähr 200 Mal gestreamt werden. Das macht das Leben für kleinere Special-Interest- Alben viel schwieriger, weil die viel seltener gehört werden als zum Beispiel ein Moderat-Album.

Wie wichtig sind Spotify-Playlisten für euch?
R: Eine große Playlist ist wie ein populärer Radiosender.
M: Man muss unterscheiden: Es gibt von Spotify kuratierte Playlisten. In die will man natürlich rein, weil die sehr viele Follower haben. Für unsere Musik gibt es nicht so viele relevante Playlisten. Aber wenn man da drin ist, sieht man schon, dass die Kurve nach oben geht. Dann gibt es die Playlisten, die von Usern zusammengestellt werden. Dafür gibt es Agenturen, die pitchen. Das machen wir nicht, weil das auch superteuer ist.

Also gibt es auch Influencer im Techno-Bereich?
M: Logisch. Guck dir mal Four Tet an und seine Playlist. Die hat 63.000 Follower, wenn du da drin bist, ist das natürlich gut! Ich bin selber ein heavy User von Spotify und ich entdecke total viel Musik. Jede Playlist von einem privaten User ist eigentlich ein kleiner Plattenladen. So muss man das sehen.

Wie hat sich die Techno-Szene in den vergangenen zehn Jahren verändert?
G: Ich sehe immer noch die Begeisterung der jungen Leute. Die Drogen sind die gleichen. Ich finde es heute versexter als früher. Gerade bei dem derberen Techno- Kram ist der Style-Faktor mehr im Fokus. Die Leute gehen sonntags ins Berghain und bleiben bis Montagfrüh, das war früher nicht anders.
S: Techno befindet sich in einer Methusalem- Situation. Ich beobachte das speziell bei unserem Lieblingsplattenladen Hard Wax in Berlin. Ich habe neulich einen richtigen Schrecken gekriegt, als ich gesehen habe, bei wie vielen Releases „Reissue“ steht. Es gibt so eine Reissue-Kultur, da ist man drin hängengeblieben. Es stechen aber immer mal wieder krasse Releases heraus, die wirklich was Neues wollen. Ich bin gespannt, wo sich das hinentwickelt.
G: Bis zum Jahr 1997 ist alles gesagt worden im Techno, danach war nur noch Reissue.(lacht) Musikalische Neuerungen gibt’s natürlich immer wieder. Aber die Großen gucken danach, was auf den Love-Parade- Wagen lief.
S: Wie in der Musikinstrumentenindustrie. Die großen Firmen stellen Geräte her, die so klingen wie 303 und 909.
G: Bei Techno passiert viel unbewusst. Das ist ja nicht wie bei einem Konzertbesuch, wo du hingehst und dir eine Band anhörst. Du erlebst etwas, und es wird etwas in dir ausgelöst. Ein Techno-Fan, der richtig hart raven geht, den interessiert nicht, wer den Track gemacht hat. Den interessiert auch nicht, warum der Track so klingt. Der ist im Idealfall wohltemperiert auf dem Dancefloor und findet es einfach richtig geil, dass da ein Flow ist, und dass er einfach nicht nachdenken muss …
S: … und der Track soll dich physikalisch bearbeiten …
G: … absolut! Techno ist eine physikalische Musik. Das ist natürlich heute durch Technologie noch besser umsetzbar als 1997, aber inhaltlich und von der Idee her ist es genau das Gleiche.
M: Vor allem so Leute wie FJAAK, die waren in den 90ern Babys! Die kennen die Musik von damals gar nicht. Die entdecken jetzt die neue Musik und die alte. Das ist doch super.


FOTO: BIRGIT KAULFUSS

FOTO: BIRGIT KAULFUSS