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Monsterland


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 08.03.2019

Pop Ein Dokumentarfilm lässt zwei Männer zu Wort kommen, die glaubhaft davon berichten, wie Michael Jackson sie als Kinder systematisch sexuell missbraucht habe. Wird das Vermächtnis des größten Stars des späten 20. Jahrhunderts das überleben?


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 11/2019

Mutmaßliches Jackson-Opfer Robson 1990
Tanzen wie sein Idol


AP IMAGES / PICTURE ALLIANCE

In einem besonders erschütternden Moment des Dokumentarfilms »Leaving Neverland« berichtet Wade Robson, wie Michael Jackson erst seine und dann die Freundschaft seiner Eltern gesucht habe; wie er sie alle, Eltern, Schwester, sogar die Großeltern, nach Kalifornien habe ...

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... einfliegen lassen, wie sie zusammen Zeit auf Jacksons Ranch Neverland verbracht hätten und schließlich, nach ein paar Tagen, die Eltern und die Großeltern weggeschickt worden seien, auf eine Reise durch die Nationalparks. Dann erzählt er, wie er, zu dem Zeitpunkt sieben Jahre alt, in Jacksons Schlafzimmer auf allen vieren auf dem Bett kniete. Wenn Wade sich umdrehte, so berichtet er in dem Film, habe er gesehen, wie hinter ihm der damals größte Popstar der Welt masturbierte. Guckte er nach vorn, blickte er auf einen Pappaufsteller der Märchenfigur Peter Pan. Ausgerechnet Peter Pan.

Es war diese Figur, die über die Jahrzehnte immer wieder geholfen hat, das merkwürdige Verhalten des Popstars zu erklären. Wie Peter Pan wolle Jackson, so hieß es, eben eine ewige Kindheit ausleben, und deswegen seien seine besten Freunde Kinder.

Sicher, es hatte immer wieder Gerüchte über Kindesmissbrauch gegeben und auch zwei juristische Verfahren. Die erste Klage, 1993 eingereicht vom Vater des damals 13-jährigen Jordan Chandler, endete mit einer Zahlung von angeblich 23 Millionen Dollar. Das Verfahren wurde eingestellt. In einem zweiten Verfahren aus dem Jahr 2005 ging es um den damals 13-jährigen Gavin Arvizo, diesmal kam es zum einem Strafprozess, der jedoch mit Freispruch endete.

Als Jahrhundertmusiker, als verschroben wirkender Weltstar, als Kunstfigur und als derjenige Schwarze, der die lange noch gültigen Rassenschranken des Popbetriebs Anfang der Achtzigerjahre vollends überwunden und ein weißes Massenpublikum erobert hatte, als Sohn eines grausamen, prügelnden Vaters, also selbst Opfer, kam Michael Jackson bis zu seinem Tod 2009 trotz aller Gerüchte, Vorwürfe und Verfahren letztlich relativ unbeschadet davon.

Wer nun die Dokumentation »Leaving Neverland« sieht, die der amerikanische Bezahlsender HBO unlängst ausgestrahlt hat, kann sich das nicht mehr vorstellen. Der Film hinterlässt das Gefühl, dass wir, die Öffentlichkeit, es uns mit Michael Jackson zu leicht gemacht haben. Vier Stunden lang zertrümmern die ehemaligen Kinderfreunde Jacksons, Wade Robson und James Safechuck, sowie deren Angehörige so präzise wie übereinstimmend in ihren Erzählungen das Peter-Pan-Bild des kinderlieben Popstars, der manchmal vielleicht ein paar Grenzen überschritten, aber es nicht böse gemeint habe.

Wovon Robson und Safechuck berichten, ist systematischer, minutiös geplanter, nach festgelegten Mustern vollzogener und durch Drohungen, Täuschung und Abhängigkeiten abgesicherter sexueller Missbrauch.

Interessanterweise brauchte es trotz zweier Verfahren erst einen Dokumentarfilm, damit diese Erkenntnis das Bewusstsein der Öffentlichkeit erreichen konnte. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass dies auch bei dem R&B-Sänger R. Kelly der Fall ist, dessen angebliche Vergehen fast zeitgleich öffentlich verhandelt werden. Kelly wird seit Jahrzehnten des sexuellen Missbrauchs verdächtigt, er soll sich an jungen Frauen vergangen haben. Auch hier gab es einen Prozess – und auch hier waren die Instrumente des Rechtsstaats nicht in der Lage, dem Recht seine Geltung zu verschaffen.

Der Fall R. Kelly hat vor ein paar Wochen gezeigt, dass ein Dokumentarfilm (»Surviving R. Kelly«) deutlich schlagkräftiger sein kann als das Rechtssystem. Erst die mediale Prozessführung durch den Film verschaffte den Opfern eine vernehmbare und ernst zu nehmende Stimme und führte dazu, dass Kelly als Musiker teilweise öffentlich boykottiert wird (ob das wünschenswert ist, ist eine andere Frage) und das juristische Prozedere wieder anrollt (SPIEGEL 11/2019).

Die Jackson-Dokumentation »Leaving Neverland« ist auch ein Produkt der Post-Weinstein- und #MeToo-Ära. Sie wäre vor ein paar Jahren wahrscheinlich so noch nicht möglich gewesen. Als Film durchaus ein Meisterwerk, aber als Mittel zur Wahrheitsfindung wirft der Film zumindest Fragen auf. Wade Robson, ein Australier, heute 36 Jahre, kleidete sich schon als Fünfjähriger wie Michael Jackson und konnte bald tanzen wie sein Idol. Bei einem Konzert lernte er Jackson kennen, tanzte mit ihm auf der Bühne, wurde mit sieben dessen »bester Freund«, wie es der Sänger ausdrückte. Er besuchte ihn aus Australien immer wieder auf der Neverland Ranch in Kalifornien und zog ein paar Jahre später mit seiner Mutter gegen den Willen des Vaters nach Los Angeles. Robson sagt, er sei von Jackson im Alter zwischen 7 und 14 Jahren regelmäßig missbraucht worden.

Sänger Jackson 1997: Die Rassenschranken des Popbetriebs überwunden


DAVE HOGAN / GETTY IMAGES

Weltstar Jackson, Begleiter Safechuck 1988 in London: »Besondere Freundschaft«


EUGENE ADEBARI / REX / SHUTTERSTOCK

Er wusste zunächst nichts von James Safechuck, einem ehemaligen Kinderschauspieler, heute Anfang vierzig, der Jackson 1986 beim Dreh für einen Pepsi-Werbespot kennengelernt hatte. Die beiden Jungen begegneten sich während dieser Jahre nur flüchtig. Sie waren Konkurrenten um die Gunst des Stars und litten, wenn er seine Aufmerksamkeit einem anderen zuwandte.

Der Regisseur Dan Reed, ein Engländer, dessen Filme sonst häufig von Krieg und Terrorismus handeln, hat betont, dass »Leaving Neverland« keine Dokumenta - tion über Michael Jackson sei, sondern ein Film über die beiden Opfer und ihre Familien sowie die zerstörerischen Auswirkungen des Missbrauchs. Der Film liefert keine neuen Beweise. Konsequent meidet Reed jeden Aspekt von Jacksons Leben oder Werk, der nicht unmittelbar mit den sexuellen Beziehungen zu tun hat.

Der erste Teil handelt zunächst vom »Grooming«, wie Robson und Safechuck es nennen. Es beschreibt die nahezu identischen Muster, mit denen Jackson die Freundschaft der Jungen und das Vertrauen der Eltern gewann. Jackson wusste, dass es zuallererst die Eltern waren, die mit der Freundschaft des Stars zu ihren Kindern einverstanden sein mussten. Und er wusste, wie man sie beeindruckt.

Es bleibt in den Interviews mit beiden Müttern unverständlich, wie sie in Gegenwart des Weltstars jegliche Aufsicht über ihre Söhne aufgaben. Joy Robson, Mutter von Wade, erzählt relativ ungerührt davon, wie sie bei ihrem ersten Besuch, als die Familie auf die Neverland Ranch eingeflogen wurde, den siebenjährigen Wade bei Jackson zurückließen und zu einer Tour durch die Nationalparks aufbrachen, die Jackson organisiert hatte. Während also die Eltern und Großeltern durch den Grand Canyon staksten, übte Michael Jackson Oralsex an Wade aus. Bald sei es auch umgekehrt gewesen, erzählt Robson heute. Der Siebenjährige musste den Erwachsenen oral befriedigen.

Die zweite Phase von Jacksons System
bestand darin, die Kinder von den Eltern unmerklich zu separieren. Mit der Zeit befanden sich die Gästehäuser, in denen die Eltern untergebracht waren, immer weiter in der Peripherie des Ranchgeländes.

»Manchmal«, so Joy Robson, »habe ich Michael und Wade den ganzen Tag auf der Ranch gesucht und nicht gefunden.« Jackson unterhielt in den Gebäuden auf dem Gelände, vom Bahnhof der Rancheisenbahn bis zum Kino, Privaträume mit einem Bett. James Safechuck macht an einer Stelle des Films eine erzählerische Tour durch Neverland und zählt die Gebäude auf. Er endet jedes Mal mit einem lakonischen: »Auch da hatten wir Sex.« Darin zeigt sich auf gruselige Art immer noch die Wahrnehmung eines Kindes, das offenbar glaubt, aktiver Teilnehmer bei seinem eigenen Missbrauch zu sein. Neverland wurde zu Monsterland.

Beide, Robson und Safechuck, betonen, dass die sexuellen Begegnungen, die sie mit Michael Jackson hatten, immer zärtlich und nie gegen ihren Willen verlaufen seien. Auch das ist eine Vorstellung, die der Zuschauer erst in seinem Kopf zurechtrücken muss. Die Jungen glaubten, der Sex gehöre zu dieser »besonderen Freundschaft «, und es betrübte sie eher, wenn er nicht sofort stattfand. Schon früh impfte ihnen Jackson ein, dass sie niemals etwas erzählen dürften. Ihr Freund würde sonst für den Rest seines Lebens ins Gefängnis gehen und die Jungen auch, alles wäre zerstört. Das wollten die beiden auf keinen Fall.

»Es fühlte sich nie so an, als würde er mir etwas tun oder dass mir irgendwas Schlechtes passiert«, sagt Robson. »Ich habe Michael geliebt, Michael hat mich geliebt, das war eine Sache, die nur uns etwas anging. That’s it.« Safechuck und Robson waren sich noch als Erwachsene sicher, dass sie ihr Geheimnis über Michael Jackson mit ins Grab nehmen würden.

Als Jackson 1993 zum ersten Mal verklagt wurde, waren beiden sofort bereit, für ihren Freund vor den Ermittlern auszusagen. Niemals habe Jackson so etwas getan. Robson und Safechuck kannten das mutmaßliche Opfer Jordy Chandler flüchtig, sie hatten ihn manchmal gesehen, er war irgendwann da, wo sie früher gewesen waren, er hatte sie verdrängt, der neue Nummer-eins-Junge. Zwölf Jahre später, 2005, als es zur zweiten Anklage kam, hatten sie nur noch sporadischen Kontakt zu Jackson. Der Superstar war nicht mehr so interessiert an ihnen.

Robson war Anfang zwanzig und in - zwischen als Tänzer und Choreograf bekannt, er arbeitete für Britney Spears und ’N Sync. Jackson meldete sich vor dem Prozess aus dem Nichts bei beiden, wollte, dass sie wieder zu seinen Gunsten aussagen. Safechuck lehnte unter Qualen ab, was zum Zerwürfnis führte. Robson hingegen sagte erneut für Jackson aus, diesmal sogar vor Gericht. Er habe das gern gemacht, sagt Robson heute. Plötzlich, nach all der Machtlosigkeit, war da ein Gefühl von Stärke. Er war es, der Michael Jackson retten konnte.

Thomas Mesererau, einer von Jacksons damaligen Anwälten, sagt, er habe Robson als ersten Zeugen der Verteidigung gebracht, weil er so überzeugend gewesen sei. Genauso überzeugend offenbar, wie er heute in der Dokumentation das Gegenteil dessen sagt, was er damals behauptet hat.

Ein Wort der Klarheit inmitten all der Konjunktive: Für die meisten, die sich die vier Stunden Interview mit Safechuck und Robson ansehen, dürfte danach kein Zweifel an der Wahrheit ihrer Aussagen bestehen. Zu präzise, zu übereinstimmend ist es, was sie erzählen, und zu klar sind die Muster von Jacksons Verhalten zu erkennen.

Und trotzdem sind die beiden schlechte Zeugen. Warum sollte man jemandem glauben, der jahrzehntelang, teilweise unter Eid, das Gegenteil behauptet hat? Jemandem, der die anderen mutmaßlichen Opfer, Jordan Chandler und Gavin Arvizo, im Stich gelassen hat, als sie die Demütigungen einer Klage gegen Jackson aushalten mussten? Können ihre unbewiesen Aussagen auf einmal mehr wert sein als ein über Monate mühevoll errungenes Gerichtsurteil?

Hier beginnen die Probleme erst richtig: Entweder vertraut man dem Rechtsstaat und seinen Institutionen. Dann muss man auch die Ergebnisse seiner Wahrheits - findung akzeptieren. Dazu gehört, dass Michael Jackson vor dem Gesetz als unschuldig zu gelten hat, so schwer zu ertragen das sein mag.

Vielleicht aber sind die Fälle von R. Kelly und Michael Jackson auch ein An - zeichen dafür, dass die Instrumente des Rechtsstaats bei der Art sexueller Vergehen, die in letzter Zeit öffentlich verhandelt werden, mit den Mitteln der medialen Anklage kaum mithalten können.

Regisseur Reed (M.) mit Klägern Robson (l.), Safechuck
Mediales Revisionsverfahren


TAYLOR JEWELL / INVISION / AP / PICTURE ALLIANCE

Missbrauch ist ein Verbrechen, über das zu reden für die Opfer äußerst schwierig ist. Er ist oft schwer zu beweisen, weil es kaum Zeugen gibt und die Beweismittel zumeist verschwunden sind, wenn der Fall erst Jahre später aufgeklärt werden soll. Und bei Pädophilie weiß das Opfer oft lange gar nicht, dass es Opfer ist.

Man kann die Dokumentarfilme über R. Kelly und Michael Jackson als eine Art mediales Revisionsverfahren lesen. Es hat allerdings seine eigenen Regeln. Die Vorgehensweise folgt der #MeToo-Mechanik unserer Zeit. Nichts muss bewiesen, keine weiteren Zeugen müssen gehört werden. Der Regisseur Reed sagt, er habe während der jahrelangen Arbeit an dem Film nichts gefunden, was ihn an der Aussage von Safechuck und Robson habe zweifeln lassen.

Und wie könnte man Männern, die als Kinder regelmäßig Sex mit einem Erwachsenen haben mussten, vorwerfen, dass sie viel Zeit brauchten, um über ihre Erlebnisse sprechen zu können? Wer, der dies nicht erlebt hat, will das beurteilen?

In ihren Zwanzigern litten sowohl Robson wie auch Safechuck unter Depressionen, sie bekamen Panikattacken, sie tranken zu viel, Safechuck begann, Kokain und Opioide zu nehmen. Ihre Familien waren inzwischen an der Beziehung der Söhne zu Michael Jackson zerbrochen. Vor allem die Familie Robson scheint heute komplett zerrüttet zu sein.

Beide heirateten, doch erzählten ihrer Ehefrau nichts. Sie wurden Vater, und Robson sagt, dass er erst angesichts des eigenen Sohns richtig habe erkennen können, was Jackson ihm angetan hatte. 2013 begab er sich in Therapie und schaffte es schließlich, über den Missbrauch zu reden. Da war Michael Jackson seit vier Jahren tot.

Robson verklagte die Jackson-Erben. Safechuck hörte davon und klagte ebenfalls. Doch die Klagen scheiterten zunächst an einem Formfehler und befinden sich heute in der Revision. Die Tatsache, dass beide Geld wollen, macht ihre Aussagen in der Dokumentation nicht unbedingt überzeugender, aber auch nicht unglaubwürdig. Sie eröffnete den Jackson-Anwälten die Möglichkeit, hart auf die beiden einzuprügeln. Es gehe wie immer nur um Jacksons Geld, ließen sie verlauten, das ist die Verteidigungslinie der Jacksons seit der ersten Klage 1993. Robson und Safechuck seien überführte Lügner, man könne die Geschichte nicht um 180 Grad drehen. Den Sender HBO haben die Jackson-Anwälte verklagt.

Offenbar musste der Popstar erst sterben, bevor die beiden darüber reden konnten. Safechuck sagt, er wisse nicht, ob er es sonst geschafft hätte. Im Rechtsstaat gilt der Grundsatz, dass einem Toten kein Strafprozess gemacht werden kann. Der medialen Gerichtsbarkeit ist das egal.

Und so steht die Öffentlichkeit nun vor den Trümmern der großen Popfigur Michael Jackson. Die britische BBC fühlte sich genötigt, Gerüchten entgegenzutreten, sie hätte Jacksons Songs vom Sender verbannt. Es kam einem ja fast schon folgerichtig vor: Nach der medialen Prozessführung durch einen Dokumentarfilm nun ein Medienhaus als Richter. Was in Reeds Film berichtet wird, dürfte die grausame Wahrheit sein, und es ist gut, dass sie endlich bei uns angekommen ist. Doch da es keine Beweise gibt, kann sie nur jeder für sich selbst bewerten.

Die letzte Rettung für Michael Jackson als Popstar könnte sein, auf die Trennung zwischen Werk und Autor zu verweisen: Was kann »Billy Jean« dafür, wenn sein Erfinder ein systematischer Päderast war? Diese Trennung indes war besonders im Pop schon immer wohlfeil. Stärker als in anderen Kunstformen bestand das Kunstwerk des Pop nicht nur im eigentlichen Werk, sondern in einer Gesamtheit aus Werk, Person, Mode, Sprache, Haltung, Botschaft. Der Absender war stets Teil seines Werks. Gerade in #MeToo-Zeiten, in denen manchmal kleine moralische Vergehen für einen Boykottaufruf gegen Künstler genügen, ist es wichtig, die Taten, die Michael Jackson nun offenbar doch begangen hat, deutlich von Lappalien abzugrenzen.

Es wird in den nächsten Jahren interessant sein zu sehen, ob dieses Jahrhundertwerk, die möglicherweise monströsen Akte seines Schöpfers überlebt. Oder ob der Mensch Michael Jackson die Figur Michael Jackson für immer zerstört hat.

Video
Recherchen im Neverland

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