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MONSTRÖSES MULTIVERSUM


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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 24.08.2022
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Beim Blick auf das offizielle Festival-Plakat wird man stutzig: „Wacken 2022, 4.-6. August“ steht da zu lesen. Dabei hat das größte deutsche Metal-Event aktuell bereits von Montag an einige Programmpunkte zu bieten und beschallt spätestens ab Mittwoch – also ganze vier Tage lang – weite Teile des härtesten Ackers der Nation in voller Lautstärke. Auch davon abgesehen stellt sich bei der Ankunft auf dem Gelände nicht, wie bei der Rückkehr auf viele andere Festivals, das „Alles beim Alten“-Gefühl ein. Ganz im Gegenteil: Hier hat sich einiges verändert! Im Infield thronen zwar nach wie vor Faster- und Harder-Bühne als Herzstück nebeneinander, die Louder Stage wurde jedoch ein ganzes Stück davon abgesetzt und findet sich jetzt – von Schleusen abgetrennt – am rechten Rand des Hauptgeländes. Statt des riesigen Bullhead City-Zelts stehen W:E:T- und Headbangers Stage nun „oben ohne“ da (was den Namen ...

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... „Wacken Evolution Tent“ endgültig ad absurdum führt). Wackinger- und Wasteland Stage wurden indes weiter aufgewertet und warten – neben atmosphärischem Drumherum – mit vollwertigem, stilistisch abgestimmtem Programm auf, während im Areal „Welcome to the jungle“ Lesungen stattfinden. Wer sich ins Dorf wagt, findet dort die Metal Church sowie die neue LGH Clubstage (LGH steht für „Landgasthof“) mit weiterem Zusatzprogramm. Beergarden und die 2019 eingeführte History Stage sucht man indes vergebens, während versponserte Areale sowie die Markenpräsenz auf dem Gelände zu explodieren scheinen. Team METAL HAMMER schnürt die Siebenmeilenstiefel und versucht, in der spannenden, doch herausfordernden Gemengelage den Überblick zu behalten...

MITTWOCH, 3.8.

Wo sich früher alles im Zelt drängte, gehen die Veranstalter 2022 neue Wege: Mit dem regulären Ticket kann man dem Treiben vor den kleinen und mittleren Bühnen beiwohnen; wer 66,66 Euro draufzahlt, darf sich im neuerdings geöffneten Infield am Programm auf der Louder Stage erfreuen – wenn man nicht, wie so viele an diesem Tag, nach dem Anreisestau noch unzumutbare drei oder mehr Stunden in der prallen Sonne an der Bändchenausgabe ansteht...

W:E:T & HEADBANGERS STAGE

Das Zelt mag fort sein, auf den beiden Bühnen jedoch tobt das gewohnte Spektakel: Beim Metal Battle treten zunächst internationale Gruppen, die den Wettbewerb in ihren Heimatländern für sich entscheiden konnten, in 20-Minuten-Slots gegeneinander an (Interview mit den Gesamtgewinnern: siehe Kasten). Vom gleichen kraftstrotzenden Schlag sind The Iron Maidens, bei denen der Name Programm ist. Ob eisenharte Maiden-Jünger bei einer Coverband die Nase rümpfen? Denkbar, aber nicht bei diesem beeindruckenden Act! Die Tribute-Damen lassen mit ‘The Trooper’, ‘2 Minutes To Midnight’ und Co. zuverlässig die Gemüter des Publikums in Erinnerungen schwelgen. Wie von allen guten Geistern verlassen schreit sich Kirsten Rosenberg bei ‘Children Of The Damned’ die letzten Aerosole aus dem Leib, während uns Lead-Gitarristin Courtney Cox mit ihrer Riff-Darbietung in die Knie zwingt. Perfekt zur untergehenden Sonne zocken danach die Japaner Loudness, die sich von der Klaus Meine-Gedächtniskappe über Bandana und Basecap bis hin zur echten Mütze in Sachen Kopfbedeckung kreativ zeigen. Fronter Minoru Niihara legt exzentrische Posen an den Tag und animiert die Meute früh zum Mitklatschen. Einige der Stücke warten zudem mit angenehmem Maiden-Flair und „Oh-oh“-Mitsing-Passagen auf. Das Quartett bewirbt nicht nur sein 2021 erschienenes aktuelles Album SUNBURST, sondern reist mit ‘In The Mirror’ auch in die eigene Vergangenheit und zaubert dazu ordentlich Bewegung auf den staubigen Acker. Nach Nippons Gesandtschaft zeigt Michael Monroe, dass Finnland meisterlich rockt. Mit einem Set, das des aktuellen, zehnten Albums genauso gedenkt wie essenziellen Karriere-Klassikern (Demolition23!, Hanoi Rocks!) setzt Monroe zur Vollbedienung an. Auch bei den zwei Cover-Zugaben gibt es nichts zu meckern. Für das von der Band gesungene ‘Blitzkrieg Bop’ begibt sich der Meister persönlich ans Schlagzeug, bevor CCRs ‘Up Around The Bend’ den Sack zumacht. Dieses glamouröspunkige Rock’n‘Roll-Konzert des agilsten 60-jährigen, fächerwedelnden, spagatierenden Saxofonfrontmanns lässt die Wehmut über das verpasste, parallel in der Berliner Waldbühne stattfindende The Rolling Stones-Gastspiel (fast) vergessen. Als letztes großes Highlight landen die schwedischen AOR-Fanatiker The Night Flight Orchestra auf der Bühne. Das bierselige Publikum ist sicht- und hörbar dankbar für die volle Ladung Achtziger Jahre-Power – schon ab dem ersten zuckersüßen Keyboardriff wird getanzt und gegrölt. Spätestens der smart in der Mitte des Sets platzierte Kracher ‘Satellite’ entkräftet das Gefühl, die feierwütigen Wackinger hätten bald Lust, den Weg zurück ins Camp anzutreten. Müssen sie auch nicht – direkt nebenan läutet schon die Metal-Disco einen weiteren Festival-Tag ein...

LOUDER

Nach dem Stelldichein der letztmaligen Metal Battle-Gewinner, den lettischen Folk-Metallern Varang Nord, sowie den aufstrebenden Heavy-/Power-Heroen Brothers Of Metal aus Schweden sind die Leute heiß auf Gloryhammer. Doch die Fantasy-Truppe verspätet sich aufgrund eines Anreisehorrors um knapp eine Stunde. Laut Bassist James „Hoots“ Cartwright fiel der Eurowings-Flugs aus London aus, weshalb die Band nach Birmingham fahren und von dort aus nach Düsseldorf fliegen musste. Mit Zug, Shuttle und Polizeieskorte durch den Stau ging es weiter. Der neue Angus McFife, Sozos Michael und Co. schaffen es gerade rechtzeitig, um überhaupt noch auftreten zu können, und konzentrieren sich daher auf die größten Hits: ‘Hootsforce’, ‘Universe On Fire’, ‘Angus McFife’ und ‘The Unicorn Invasion Of Dundee’. Sozos kommt mit seinen braunen Locken metallischer rüber als Thomas Winkler, agiert stimmlich, charismatisch und in den Ansagen aber (noch) nicht ganz auf dem Level seines geschassten Vorgängers. Nach vier Songs müssen die Hammerschwinger die „Mama“ Louder Stage schon wieder räumen. Alsbald präsentiert sich den sonnengepeinigten Zuschauern das imposante Bühnenbild von Epica. Zwei stählerne Schlangenköpfe schicken Feuerstöße über die Köpfe der Menge, die den Hitzebeschuss mit Freude entgegennehmen. Frontfrau Simone Simons liefert sich stimmungsvolle Gesangswechselspiele mit Mark Jansen – die Mischung aus Symphonic Metal und Deathgrowls geht selten so schön auf wie hier. Doch das wahre Highlight ist Keyboarder Coen Janssen, der mit energiegeladener Präsenz epochale Melodien an der Klaviatur zaubert. Noch hymnischer drehen naturgemäß Avantasia auf. Zu Beginn verspricht Tobias Sammet noch „Wir reden heute Abend nicht zu viel, heute wird gespielt“ – doch er wird nicht müde zu betonen, wie viel es ihm bedeutet, nach zweieinhalb Jahren Wacken-Pause auf dieser Bühne zu stehen. Abwechslungsreicher geraten die stilvoll animierten Backdrops, die so schnell durchwechseln wie Sammets Kopfbedeckungen und Gastsänger: Besonders schön ist es, Ronnie Atkins wieder in Aktion zu sehen und Bob Catleys würdevolle Rock-Manierlichkeiten zu beobachten. Adrienne Cowan begeistert als Biest und Schönheit in Personalunion, Jørn Lande liefert wie gewohnt, Eric Martins verpasste Einsätze sind mittlerweile ein Running-Gag, während Ralf Scheepers (Primal Fear) Michael Kiskes Fußstapfen mit testosterontriefendem Metal-Feuer ausfüllt. Nach allerlei Lieblingsliedern von ‘Reach Out For The Light’ bis ‘Let The Storm Descend Upon You’ verabschieden die Pioniere des Wacken Wednesday sich und das selige Publikum in die lauwarme Nacht.

METAL BATTLE

Nach zwei Jahren Zwangspause fand endlich auch wieder der Prestige-trächtigste internationale Newcomercontest statt: Am Mittwoch- und Donnerstagnachmittag wurde auf der W:E:T- und Headbangers Stage der METAL BATTLE ausgefochten – und SABLE HILLS zum Sieger gekürt.

Der vom Wacken Open Air organisierte Clash der Musikkulturen war bereits Karriere-Sprungbrett für Bands wie Battle Beast, Torture Squad oder Hammercult: Neben einem verlockenden Cash-Preis ist der Wettbewerb die optimale Gelegenheit, um mit Promotern und/oder Labels ins Gespräch zu kommen. Auch dieses Jahr war die Konkurrenz hart – die besten vertragslosen Bands aus 28 Ländern traten gegeneinander an und hauten sich im übertragenen Sinne ihre Riffs auf die Mützen. Wir ließen es uns nicht entgehen, ein paar Worte mit den diesjährigen Gewinnern zu wechseln: Sable Hills aus der japanischen Hauptstadt Tokio.

Hey Jungs, Gratulation zum Sieg! Wie fühlt es sich für euch an, Gewinner des Metal Battle 2022 zu sein?

Auf der Bühne in Wacken zu spielen, ist ein absoluter Kindheitstraum! Dementsprechend können wir es kaum glauben, dass wir den Metal Battle wirklich gewonnen haben. Es lässt sich kaum in Worte fassen. Wir haben zwar schon Erfahrung mit Festivals in Japan gemacht, aber das waren nie richtige Metal-Festivals. Wacken ist unser erstes!

Ist die Metal-Szene in Japan anders als hier?

Absolut! In Japan sind die Leute etwas schüchtern, sie gehen nicht so ab wie hier. Das ist natürlich durch Corona noch schlimmer geworden, niemand mosht oder singt mehr laut mit. Sie stehen einfach nur da. In Europa hingegen sind die jungen Menschen viel passionierter und wilder! Gestern die Show zu spielen, war einfach wahnsinnig, die Leute sind richtig abgegangen! Außerdem ist die Szene generell um einiges kleiner – vor allem, was Metalcore betrifft. In den letzten Jahren ist allerdings viel passiert, und mehr Leute interessieren sich dafür. Auch aus anderen Ländern kommt immer mehr Interesse an japanischen Metal-Bands.

Wie würdet ihr eure Musik beschreiben? Verwendet ihr auch typisch japanische Elemente?

Wir spielen Metalcore gemischt mit Melodic Death Metal mit süßen japanischen Melodien. Wenn wir Musik schreiben, lassen wir uns von Musik aus Animes und Videospielen inspirieren. Da wird viel mit traditionellen japanischen Melodien gearbeitet, und das findet seinen Weg in unsere Musik.

Spielt ihr noch mehr Shows in Europa, jetzt, da ihr schon mal hier seid?

Ja, glücklicherweise schon! Wir sind in den nächsten Tagen auf einer kleinen Tournee, spielen ein paar Konzerte in kleinen Locations, zum Beispiel in Tschechien. Aber auch auf dem Summer Breeze! Darauf freuen wir uns schon riesig!

Plant ihr, bald wieder nach Europa zu kommen?

Ja, auf jeden Fall! Das wird nicht das letzte Mal gewesen sein. Sobald wir mit unserer neuen Musik fertig sind, versuchen wir, zurückzukommen! H

SIMON LUDWIG

DONNERSTAG, 4.8.

Die Schlange an der Bändchenausgabe hat sich verkrümelt, das Wetter zeigt sich schwitzig-schwül, und die Stimmung steigt: Willkommen zum ersten offiziellen Festival-Tag, der mit der traditionell besetzten „Night to remember“ im Infield lockt und auf den kleineren Bühnen ein erlesenes Kontrastprogramm bietet.

W:E:T & HEADBANGERS STAGE

Nach den letzten Zuckungen des Metal Battle beginnen um Viertel nach drei die längeren Slots. Die Doppelbühnen halten eine schöne Auswahl düsterer, tödlicher und schwarzer Kost für Fans von Härterem und Hartem bereit – begonnen mit einer Band, die schon auf der Full Metal Cruise in ihren Bann zog: Mister Misery. Und, siehe da: Die Horrormetaller liefern auch bei subtropischen Temperaturen ab. Erneut beweisen die Schweden, dass sie live kraftvoller und härter klingen als auf Platte. War auf dem Schiff noch Bassist Alister der Blickfang, agieren heute alle gleich energiegeladen. Prognose: Jedes Jahr werden sie nun eine Bühne größer. Der norwegische Black Metal von Mork hingegen entfaltet bei Sonne und Hitze nicht seine volle Anziehungskraft – doch höllische Temperaturen rufen nach frostigen Riffs und infernalen Gesängen! Im Publikum machen Headbanger ordentlich Wind, während das Corpsepaint von Thomas Eriksen und Kollegen dem Schwitzsatan trotzt. Dolk von Kampfar gastiert im Kapuzenpulli und legt sich brutal ins Zeug – leider bleibt sein Mikro stumm. Die folgenden Gaerea stehen bei vielen zu Recht hoch im Kurs: Die in schwarz und mit gesichtsverhüllenden Kapuzen gekleideten Portugiesen spielen sich die Seele aus dem Leib und kreieren mit ihrem melodieverliebten Schrammeln einen derart starken Sog, dass Mitnicken und -skandieren zur Pflicht gerät. Der beseelt agierende Guilherme Henriques bezeichnet den ersten Wacken-Gig seiner Truppe als Ehre und sinkt zum Beweis immer wieder ergriffen auf die Knie. Dunkle Wolken am Himmel flankieren den Szenenwechsel – auf Black- folgt Death Metal: Wenn sich der Staub vom Acker macht und der Pit für die nächste lokale Wetterkatastrophe verantwortlich ist, sind Vomitory am Werk. Die schwedische Truppe erobert die zerstörungslüsterne Meute im Sandsturm. Dabei gilt: Je schneller die Bassdrum, desto staubiger der Pit. Dem Bild flegelhafter Kotzbrocken wird die Truppe zuletzt doch gerecht, als uns die starre Miene und die fast den Mageninhalt leerenden Growls des Frontmanns nichts anderes zu verstehen geben als: „Go hard or go home!“ Das drohende Unwetter fällt aus, doch bei Pestilence bleibt die Stimmung stürmisch – trotz gleißenden Sonnenscheins. Der teils orchestrierte Death Metal der Niederländer sorgt für Staubwolken im Pit, während Stücke wie ‘Twisted Truth’ die Nackenmuskulatur massieren. Patrick Mameli punktet mit deutschen Ansagen, begrüßt aber auch die „international friends“ und erntet vor ‘Land Of Tears’ Jubel. Am meisten geht, wenn die sägenden Melodien zu treibenden Brechern werden und richtig Schub entfalten. Nach dem Todesblock übernimmt wieder die Black Metal-Fraktion – allen voran Kampfar. Laut Frontmann Dolk, der eine Norwegenflagge im Schritt trägt, spielen sie zum fünften Mal in Wacken. Seine eisige Präsenz und die erhabene Musik peitschen die Meute an und trösten über den hölzernen Drumsound hinweg. „Danke, dass ihr statt bei Mercyful Fate bei uns seid – ich selbst hätte das nicht gemacht!“, unkt der Blonde vor der schamanischen neuen Single ‘Urkraft’. Der Smasher ‘Mylder’ (mit „Helvete!“-Rufen) überzeugt spürbar mehr Leute. Doch die schwarze Messe ist noch längst nicht gelesen: Rotting Christ werden mit Sprechchören gefordert. Vor perfekter Kulisse – die Dunkelheit bricht an, und der Halbmond steht am Himmel – schlägt der wuchtige, rituelle Black Metal des eifrig bangenden Quartetts richtig ein. Sakis Tolis animiert bei ‘Apage Satana’ zum Mitklatschen, bevor er mit ‘King Of A Stellar War’ der Vergangenheit huldigt. Die Griechen kriechen mit ihrer von dunklen Chören gesäumten Atmosphäre unter die Haut, geben aber auch ballernd Schub – herrlich! Kurz vor Mitternacht liefern die Deather Belphegor schaurige Unterhaltung: Optisch besonders gut machen sich dabei die Feuerstöße in Form umgedrehter Kreuze direkt hinter Growler und Gitarrist Helmuth Lehner – beste Unterhaltung für alle Freunde satanistischer Symbolik. Doch die Österreicher können es auch ruhig und rein akustisch sowie melancholisch-atmosphärisch. Und damit gute Nacht!

LOUDER

Nach heiteren Aufwärmkonzerten der Nordlichter Torfrock und der – aktuell ungewohnt metallisch aufspielenden – Mittelalter-Fans Corvus Corax rocken Thundermother die Bühne. Das schwedische Frauenquartett hat sich eine stramme Fan-Gemeinschaft erspielt, was nicht zuletzt daran zu erkennen ist, dass sich trotz brütender Hitze eine beeindruckende Menge bildet. Dies belohnen die Donnermütter mit Hits aus dem klassischen Repertoire und Material vom neuen BLACK AND GOLD – passend zu ihren schwarzgoldenen Bühnen-Outfits. Auch Hämatom haben sich herausgeputzt: In Fliege und Frack servieren uns die vier Himmelsrichtungen mit ihrem Akustik-Gig zu BERLIN neben ihrem üblichen Programm eine Zugabe der nostalgischen Art. In die Zwanziger Jahre zurückversetzt, kitzelt Sänger Thorsten „Nord“ mit seinem Hüftschwung zu ‘Beweg dein’ Arsch’ die letzten Kräfte aus den Körpern der tanzwütigen Gäste. Doch auch der Coversong ‘Kids’ steht bei der Menge – dem Lautstärkepegel nach zu urteilen – hoch im Kurs. Einmal mehr stellt man fest: Stilistische Diversität wird auf dem Acker großgeschrieben! Rose Tattoo ziehen die Zügel nur dezent an. Stoisch und abgeklärt riffen sich die Australier durch ihr Set. Doch man merkt, dass die „AC/DC für Underdogs“ nicht mehr die Jüngsten sind. Das routinierte Programm von Angry Anderson und Co. mag authentisch sein, könnte jedoch mehr Feuer vertragen. Bei ‘Rock ’n’ Roll Is King’, ‘Scarred For Life’ und vor allem ‘We Can’t Be Beaten’ kommt tatsächlich so etwas wie Stimmung auf. Weiter hinten wehen bisweilen Klänge der Harder Stage rüber, was sich wohl nicht komplett vermeiden lässt, im Gegensatz zu den Vorjahren aber in Grenzen hält. Angenehmer Nieselregen kühlt den Holy Ground nun kurz ab – sonst wären Overkill wohl auch etwas zu derb gekommen. Für ihren Auftritt stimmt nun alles: Gewohnt energetisch verprügeln die Thrash-Urgesteine die Meute. Frontmann Bobby „Blitz“ Ellsworth zeigt sich stimmsicherer als manch ein METAL HAMMER-Autor an diesem Tag. Zum Schluss bekundet der Lockenkopf: „Drei Jahre. Wir haben euch vermisst!“ – keine Floskel, sondern sichtlich ehrlich gemeint. Seit 42 Jahren stehen die Veteranen auf der Bühne und zeigen keine Spur von Müdigkeit – Highlight: ‘Ironbound’. Danach stellt sich die Frage: Was wäre, wenn man Musical, Wrestling-Kampf und Splatter-Streifen zusammenführen und diese Show metallisch untermalen würde? Wer dabei auf monströse, kostümierte Gestalten mit obszönem Sinn für Humor trifft, sieht wohl die Show von Gwar: In einem Blutbad satirischer Gefühle erleben wir die szenische Skalpierung manch eines politischen Kopfs zu gern gehörten Titeln wie ‘Sick Of You’ oder dem finalen ‘If You Want Blood (You’ve Got It)’. Visuell wie klanglich geht es hier maximal brutal zu – der krönende Abschluss auf der Louder Stage.

FASTER & HARDER

Bei der traditionellen Festival-Eröffnung und Begrüßung der Menge feiern die Wacken-Chefs Holger Hübner und Thomas Jensen zunächst „die geilste Crew“ und „die geilsten Fans“. Doch damit nicht genug: Vor dem letzten Song von Skyline soll für die geplante Serie zur Geschichte des Wacken Open Air eine Szene auf der Bühne gedreht werden. So macht das Infield zunächst zu Metal- und Rock-Schlagern wie ‘2 Minutes To Midnight’, ‘You Shook Me All Night Long’, ‘The Boys Of Summer’, ‘What I’ve Done’ und ‘Detroit Rock City’ gehörig Party – und wundert sich dann eben nicht darüber, dass sich neben den Musikern Holger Hübner-Doppelgänger Charly Hübner seltsam aufführt. Hernach reichen Cirith Ungol Kult-Metal für Connaisseure an. Am derbsten geht dabei Night Demon-Bassist Jarvis Leatherby ab. Die Kalifornier überzeugen mit tightem, fett dröhnendem Sound. Die optische Ähnlichkeit von Sänger Tim Baker mit Rob Halford gibt weitere Pluspunkte. Hier und da hat das Quintett sogar einen Refrain zum Mitsingen dabei (‘Legions Arise’, ‘Join The Legion’). Doch nach spätestens drei Liedern hat man den Kniff geschnallt. So früh am Tag verpuffen die Tolkien-Fans fast – nachts auf einer kleineren Bühne würden die Proto-Doom-Metaller viel größere Wirkung entfalten. Zurück nach Deutschland: Der Vorhang fällt für Grave Digger. Doch, was ist das? Statt den Gladbeckern steht erst eine Kapelle mit Dudelsack und Trommlern vor der Menge. Die True-Metaller bringen für ihr zwei Jahre verspätetes 40. Jubiläum Verstärkung mit, um Songs wie ‘The Clans Will Rise Again’ oder ‘Excalibur’ noch einprägsamer zu gestalten. Aber auch ohne den schottischen Zusatz sorgen Chris Boltendahl am Mikrofon und Axel Ritt an der Gitarre für Stimmung. Wenig später betritt eine weitere deutsche Metal-Legende die Bühne: Udo Dirkschneider. Nach überlangem Intro startet der ehemalige Accept-Sänger mit ‘Starlight’ in den fortgeschrittenen Nachmittag. Das Publikum wirkt noch etwas müde und hält sich dezent zurück, was sich beim Achtziger-Klassiker ‘Midnight Mover’ schlagartig ändert. Mitgrölen ist nun bei jedem Song Pflicht, wobei der Meister selbst trotz seiner 70 Jahre sämtliche Anwesenden mit seiner ikonischen Reibeisenstimme übertönt. .

Als sich danach eine Horde Jomswikinger zum Schildwall formiert, wachsen Spannung und Vorfreude – und entladen sich, als der Überraschungs-Act Guardians Of Asgaard direkt unterhalb des Wacken-Schädels zwischen beiden Bühnen erscheint und sich als Amon Amarth zu erkennen gibt. Beim höchstgelegenen Auftritt der Wacken-Historie feiern die Schweden ein Best Of-Programm sowie den Release ihres neuen Albums. Ohne viel Drumherum schlagen ‘The Pursuit Of Vikings’, ‘Get In The Ring’ und Co. wie beim Club-Konzert direkt und schonungslos ein. Johan Hegg strahlt der untergehenden Sonne entgegen in ein tosendes Meer aus Pits und Crowdsurfern. Eine sehr gelungene wie machtvolle Überraschung! Legendär geht es weiter: Mercyful Fate bitten zur Audienz und konzentrieren sich bei ihrem Klassiker-Set auf ihre Ursprünge, sprich die Phase von 1982 bis 1983. Während Ur-Gitarrist Hank Shermann mit Basecap und Biker-Jacke optisch eher eine Ugly Kid Joe-Zugehörigkeit suggeriert, gibt King Diamond in roter Robe und mit Knochenkreuzmikroprothese (die er auch zum simulierten Gitarrenspiel nutzt) den zum Stufenbautenbühnenbild passenden Zeremonienmeister. Epische (Twin-)Gitarrensoli, das von Metallica bekannt gemachte ‘Evil’ und ein neuer Song mit dem schönen Namen ‘The Jackal Of Salzburg’ lassen Fan-Herzen höher schlagen als des Kings Kopfstimme und befeuern die Vorfreude auf neues Studiomaterial. Kaum haben sich uninformiert Vorbeistreunende womöglich gefragt, seit wann Ghost plötzlich so geil hart und laut sind, ist es auch schon Hohepriesterzeit: Für Judas Priest hat sich das Infield deutlich gefüllt. Die Birminghamer Legende beginnt mit dem standesgemäßen ‘War Pigs’-Introgruß an die Kollegen Black Sabbath und schwingt sich alsbald in ein ihre 50-jährige Amtszeit repräsentativ abdeckendes Set. Rob Halford zeigt sich stimmlich in guter Form, und Gitarrist/ Produzent Andy Sneap fügt sich inzwischen mit Matte und Lederkluft als Ersatzspieler auch visuell besser ein. Im direkten Vergleich mit der intimen Berlin-Show vor ein paar Monaten gewinnt letztgenannte zwar auf musikalischer Ebene, jedoch wird man hier mit einer massiven Licht-Show und der gigantischen beweglichen Teufelsstimmgabel dem lebenden Legendenstatus auch visuell gerecht. Warum es dabei deutlich leiser als bei Mercyful Fate zugeht, weiß wohl nur der Antichrist höchstpersönlich...

FREITAG, 5.8.

Der frühe Freitag präsentiert sich wolkenverhangen und regnerisch. Die Angst vor einem möglichen Schlam(m)assel geht um. Die Gummistiefel stehen bereit, doch im weiteren Verlauf fängt sich das Wetter und entwickelt sich unerwartet sonnig.

W:E:T & HEADBANGERS STAGE

Trotz verregnetem Beginn gilt: Slope’scher Hardcore am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen! Doch es verwundert nicht, dass auch die brasilianischniederländischen Death Metal-Sirenen Crypta ihr Publikum mit „Rain or shine, right?“ willkommen heißen. Die leichten Schauer sind aushaltbar, aber lästig. Für akustische Nervennahrung kommt das Quartett hingegen vollends auf: Jéssica di Falchi ersetzt die erst im April ausgeschiedene Sonia Anubis vorübergehend an der Gitarre – und hat sich diesen Platz redlich verdient. Der Wachmacher-Gig der kompetenten Damen fällt kräftig bis vollmundig, doch durchgehend dunkel aus – ein wahrer Genuss. Einen helleren, schrilleren Energie-Kick liefern Lost Society. Früh übt sich bekanntlich – genau das demonstrieren uns die finnischen Jungspunde, die seit zwölf Jahren im Geschäft sind, ohne Kompromisse. Im Unterhaltungspaket mit inbegriffen sind die euphorischen, gesanglichen wie rhetorischen Ausbrüche von Vollblut-Entertainer Samy Elbanna. Verschmitzt macht er der Menge in ‘Riot’ eine Ansage, um von Kopfnicken auf -rotation zu beschleunigen: „If that’s all you’ve got, we can stop it right now, but you’ll get one more chance to see how you use this – use it wisely!“ Die danach aufspielendenNürnberger Freedom Call sind für ihre gutgelaunten Shows bekannt und daher nach drei Jahren Pandemie besonders gern gesehen. Sänger Chris Bay trifft mit seinen Zwischenbekundungen in diesen Zeiten den richtigen Ton: „Wenn alle Leute der Welt Metalheads wären, wäre diese friedlicher!“ Nach dem erwartbaren Zustimmungsgrölen stimmt die Truppe mit ‘Metal Is For Everyone’ eine schöne, mutmachende Hymne auf eine bessere Zukunft an. Im Publikum sieht man vereinzelt Freudentränen, mitnichten jedoch beim knallharten Autor Blumann (hust). Der Nachmittag bleibt entspannt – das tut ja auch mal gut. Schöne Stoner-Western-Akustik liefern Me And That Man unter der Führung von Adam Darski aka Nergal von Behemoth, der abends komplett gegensätzliche Musik darbietet. Nachmittags spielt der Pole mit seinem Nebenprojekt erholsame Balladen und führt die von der Vorgruppe angesprochene Thematik mit Solidaritätsbekundungen für die Ukraine fort. Der unbequemen Realität kann das Publikum mit Genretypischen, aber unterhaltsamen „Ich bin frei und fahre auf dem Highway“-Nummern entfliehen. Nach diesen zahmen Klängen ziehen Cattle Decapitation die Zügel wieder an und zermörsern die Meute: Das Fünfergespann macht mit seinem Deathgrind keine Gefangenen. Ab dem ersten Ton ist klar: Hier kommt keiner lebend raus! Die Band gibt alles und verteilt jede Menge Magenschläge. Verschnaufpausen: Fehlanzeige. Das muss man abkönnen – genau wie den Gutturalgesang und die Pigsqueals von Travis Ryan am laufenden Band. Zudem tritt der Schlagzeuger gefühlt keine Double-, sondern eine Quadruple-Bassdrum. Welch unmenschlich brutaler Sound! Die Sabbath-Aficionados kommen eher bei Lucifer auf ihre Kosten: Das deutschschwedische Quintett spielt unfassbar tight – besonders die Saitenfraktion um die Gitarristen Martin Nordin und Linus Björklund sowie Bassist Harald Göthblad sticht hervor und leistet exzellente Arbeit. Dahinter trommelt Nicke Andersson als Fels in der Brandung und über allem schwebende Szeneikone entspannt groovend alles weg. Dazu betört die im schwarzen Lederanzug umwerfend aussehende Johanna Sadonis mit ihrem kraftvollen Organ. Zwar ist nach 40 Minuten schon Schluss, doch somit steigt die Hit-Dichte, und die beglückten Zuschauer können sich nach ‘Midnight Phantom’, ‘Crucifix (I Burn For You) ’, ‘Wild Hearses’ und ‘Dreamer’ direkt den Soundcheck von Satan antun. Währenddessen nimmt der Wind zu und bedeckt alles mit einer dünnen Erdschicht. Die Okkultmetaller servieren dazu schnelle, chaotisch anmutende Riffs. Der Gesang von Brian Ross könnte mehr auf den Punkt kommen – dafür kitzelt der Brite mit seiner coolen, schnoddrigen Schnauze ein ums andere Mal ein Lächeln aus den Fans heraus. Danach rufen Nasty zum Sonnen-Mosh: Wenn der schönste Sandsturm des Tages gekürt werden müsste, ginge der Preis ohne Zweifel an die Hardcore-Truppe. In weniger als 15 Minuten toben die Zuschauer wie von Sinnen in einem Pit, der animalischbrachiale Züge annimmt. Selbst etwas interaktiv wird es, als Matthias Tarnath sein Mikrofon in die Menge reicht und einzelne Fans zu Wort und Growl kommen lässt. Allen Qualen des staubigen Nachhustens zum Trotz – das war es wert! Ziemlich mitgenommen von der Nackenklatsche wird es Zeit, die letzten Sonnenstrahlen des Tages zur behaglichen Musik von Soen zu genießen. Mit seinem progressiven Minnesang zieht Joel Ekelöf in stoischer Manier in seinen Bann. Zu Titeln wie ‘Lucidity‘ schmettert uns die vom einstigen Opeth-Schlagzeuger Martin Lopez formierte Supergroup ihren ausgewogenen Mix härteren Anschlags mit bedachter Sanftmut entgegen. Bei ‘Lotus’ sorgen Soen zudem für Gänsehautmomente und abenddämmernde Besinnlichkeit, indem sie jenen Titel der Ukraine widmen und buchstäblich dazu Flagge zeigen. Geografisch bleiben wir in Schweden, jedoch wird es finsterer: Nach stilechtem Edith Piaf-Intro präsentieren Tribulation Death, Düsternis und metallische Melancholie mit viel glamourös-poetischem Gefühl für großgestiges Drama und Gitarrenmelodien. Visuell steht die Schwarz-Weiß-Ästhetik des filmischen Expressionismus Pate, und begierig begrüßen Band und Publikum die langsam einsetzende Dunkelheit. Die Trennung von Gitarrist Jonathan Hultén kann das Quartett auf gesamte Konzertdauer gut kompensieren, und mit einer gemeinsamen Band-Verbeugung am vorderen Bühnenrand endet dieser Gig so stilbewusst klassisch, wie er begonnen hat. Für Freunde der Finsternis stehen eine Viertelstunde später schon Tiamat bereit: Die schwermütigen Schweden bemühen sich in der ersten Set-Hälfte noch um die Herausstellung ihrer härteren Seite, doch spätestens, nachdem Sänger/Gitarrist Johan Edlund ein Handy-Foto des Publikums für seine Frau knipst, wird es gefühlvoller. Nachtblaues Bühnenlicht ist die perfekte Kulisse für die nun eher The Sisters Of Mercy-, Depeche Mode- oder Iggy Pop-Nähe demonstrierenden Songs. „Deep Purple haben ‘Smoke On The Water’“, scherzt Edlund kurz vor Ende, „wir haben ‘The Sleeping Beauty’!“, bevor man mit ‘Gaia’ das Set zu einem würdigen Höhepunkt und anmutigen Abschluss führt. Bei Mantar geht es zwar grundsätzlichdüster weiter, doch die Bremer kochen die Menge zunächst mit dem Bette Midler-Schmachtfetzen ‘The Rose’ als Intro weich. Alsdann setzt es Menschenhass deluxe — oder, wie es Sänger/Gitarrist Hanno Klänhardt ausdrückt: „Erotik aus der Hansestadt“. Neben fein rumpelnden Blackened Doom-Tracks wie ‘Hang ’Em Low (So The Rats Can Get ’Em)’, ‘Grim Reaping’ oder ‘Era Borealis’ animiert das Duo die Menge mit Ansagen à la: „Umso mehr ihr auf die Kacke haut, desto mehr hauen wir auf die Kacke. Und umso mehr wir auf die Kacke hauen, desto besser für alle.“ Wie wahr, und wie fantastisch! Zum nötigen Runterkommen vor dem Schlafengehen bleiben danach noch einige Wackinger beim spaßigen Cover-Reigen des omnipräsenten Mambo Kurt hängen.

LOUDER

Dank Nieselregen herrscht zur Mittagsstunde auch im Louder-Areal überschaubarer Andrang. Dies ermöglicht einen Blick auf die unterhalb des Publikumsbereichs liegende Bühne sowie beste Sicht auf die Stoner-Punks Bokassa. Sie beenden ihre Sommertournee und bewerben wörtlich wie musikalisch die folgende Konzertreise, auf der sie in jeder deutschen Stadt vorbeischauen wollen. Der Gig enthält etwas zu viel Gequatsche (etwa die Ansage, jeder „Crew-Guy“ sähe aus wie Clutchs Neil Fallon) – vor allem jedoch pumpen die Norweger ihre wuchtigen Riffs (‘Hereticules’) in die Meute und bringen die Anwesenden zum gepflegten Mitnicken. Hits wie das eingängige ‘So Long, Idiots!’ mit seinen „Oh-oh“s schlagen ein. Hierzulande hat die Truppe lediglich noch etwas Aufbauarbeit vor sich. Eine Stunde nach Lars Ulrichs Lieblingen darf die irische Alternative Rock-Instanz Therapy? ran. Zuletzt vor sechs Jahren auf dem heiligen Acker, setzt es warmen Willkommensapplaus. Mit coolen Cover-Songs von Joy Division (‘Isolation’) und Hüsker Dü (‘Diane’) steigert sich die heutige Gig-Geburtstags-Party von Schlagzeuger Neil Cooper im Set-Verlauf und dürfen zum großen Finale TROUBLEGUM-Treffer wie das Taylor Hawkins gewidmete ‘Die Laughing’ oder das um ein passendes The Beatles-Song-Zitat-Intro angereicherte ‘Nowhere’ nicht fehlen. Lediglich der Sound des Trios ist heute weniger kompakt als seine Kompositionen. Bereits zum siebten Mal beglücken sodann Stratovarius den Holy Ground – erstmals vor 24 Jahren. Bei Klassikern wie ‘Black Diamond’ oder ‘4000 Rainy Nights’ singt die Menge entsprechend textsicher mit oder bespielt das Luft-Keyboard. Trotzdem gerät der heutige Auftritt nicht zur Retroveranstaltung: Gleich drei Stücke vom kommenden Album SURVIVE stehen auf dem Programm. Die Finnen um Timo Kotipelto präsentieren sich motiviert und grundsympathisch – beim Finale ‘Hunting High And Low’ strahlt die Sonne so kräftig wie den ganzen Tag noch nicht. Überraschend voll ist es danach bei Rapper Alligatoah, dessen Auftrittsankündigung für Furore sorgte. Die Skepsis der Menge (und des Autors) löst sich jedoch bald auf: Die Musik bleibt zwar unmetallisch, aber der Sprachvirtuose ist sich seiner Stellung bewusst und bringt zwischen den Songs ironische Ansagen. Die Show kracht basslastig rein, und so sieht man Viking-Metaller und Corpsepaint-Träger gleichermaßen dazu hüpfen – war wohl doch kein Booking-Fehler, sondern vielmehr ein nettes Kontrastprogramm für zwischendurch. Nach dem Stilschock muss ein Klassiker zur Traumabewältigung her: Venom! Immer sympathisch, weil gewagt, wenn eine Band mit ihrem bekanntesten Song startet – so weckt das letzte verbliebene Gründungsmitglied Cronos mit ‘Black Metal’ die Menge. Der 59-Jährige bleibt leider nur bei den ersten beiden sowie dem letzten Stück stimmsicher; teilweise ist die Show extrem leise. Macht aber nichts: ‘Countess Bathory’ und ‘Witching Hour’ machen auch so Spaß. Nur der um zehn Minuten verfrühte Schluss ist schade – man hätte noch mindestens eine Stunde weiterhören wollen. Als nächste übernehmen Phil Campbell And The Bastard Sons die Bühne. Tatsächlich ist der einzige Nicht-Campbell in der Band der neue Sänger Joel Peters, mit dem ein würdiger Nachfolger für Neil Starr gefunden wurde. Joel schafft es, sowohl Lemmy-artige Whiskey-Vokalitäten als auch in seiner eher an klassischem Hard Rock orientierten Stimmlage zu singen. Das macht die ausschließlich aus Motörhead-Stücken bestehende Setlist zu einer echten Tour de force – mal rau und rotzig (wie etwa bei ‘Overkill’), mal fast traditionell metallisch (‘Going To Brazil’), aber immer verdammt gut! Den Schlusspunkt setzen nach Mitternacht die Nachteulen ASP, die damit (und dem wenige Stunden später folgenden M’Era Luna-Stelldichein) zwei Shows an einem Tag spielen – eine respektable Leistung!

FASTER & HARDER

Nachdem die finnischen Eurovision-Stars Blind Channel den Festival-Morgen eröffnet haben, springen die schwäbischen Energiebündel Kissin’ Dynamite auf die Bühne. Dass es an diesem Mittag regnet, ist ihnen offensichtlich egal – genau wie dem Publikum, das sich auch zu dieser „frühen“ Uhrzeit schon zahlreich versammelt hat. Die Band um die Gebrüder Braun befeuert dieses mit einer ausgewogenen Mischung aus klassischem Material wie etwa (dem lyrisch etwas fragwürdigen) ‘Sex Is War’ und neuen Songs von NOT THE END OF THE ROAD. Ganz egal, was gespielt wird – die Ohrwurmdichte ist hoch! Wenig später geht es auf der Zwillingsbühne mit einer weiteren deutschen Festival-Konstante weiter: Kadavar. Die Berliner Fuzz-Rocker eröffnen ihr viel zu kurzes Set mit dem BERLIN-Klassiker ‘Lord Of The Sky’ – und von der ersten Sekunde an zünden Lupus, Tiger und Dragon ein wahres Riff-Feuerwerk. Highlight ist bei diesem definitiv ‘Die Baby Die’. Gesang und Gitarre kämpfen um die akustische Vormachtstellung, was zu einem fulminanten Finale führt. Beweisführung abgeschlossen: Kadavar sind aktuell eine der besten deutschen Livebands! Düsterer wird es bei der Performance von Lacuna Coil: Mit der Mischung aus den harschen Shouts von Andrea Ferri und dem melodiösen, fast symphonischen Gesang von Cristina Scabbia kommen die Italiener auch trotz des musikalischen Wechsels beim mittlerweile gut gefüllten Infield an. Bester Beweis dafür: Das kollektive Mitgegröle beim 2002er-Hit ‘Heaven’s A Lie’. Dieser wird sogar in einer moderneren Version dargeboten, denn zum Jubiläum von COMALIES hat die Band das Album neu eingespielt – und präsentiert auch ‘Tight Rope’ live im neuen Gewand. Von Mailand wechseln wir nach Maryland, und damit zu Clutch. Das Quartett aus dem schönen Örtchen Germantown kredenzt gnadenlos groovenden Hard-Stoner-Blues Rock und dürfte mit immanentem Soul- und Funk-Faktor wohl auch die einzige Gruppe des Festivals sein, die einen ständig irgendwelche (imaginierten) Bläsersätze hören lässt. Das Black Sabbath-Cover ‘Lord Of This World’ gefällt genauso wie der zwei Stücke umfassende Ausblick auf das kommende neue Album, was Clutchs Allzylinder-Feuerkraft nur weiterhin unterstreicht. Oder, wie es Metal-Privatier Tom Küppers im Vorbeigehen formuliert: „Diese Band ist eine Waffe!“ Apropos: Wenn At The Gates SLAUGHTER OF THE SOUL am Stück spielen, wird es episch – vor allem, wenn man Dark Tranquillitys Mikael Stanne im Publikum erspäht, der sich tatsächlich die gesamte Show ansieht. Kein Wunder: Seine Landsleute bieten ihr Kultalbum bei Kaiserwetter mit dem nötigen Druck dar und erfreuen sich stetig mehr Zuspruchs. Stålhammar-Ersatz Patrik Jensen macht seine Sache unauffällig gut. ‘Suicide Nation’ und die Folgekracher schlagen ein und brechen Nacken. Tompa Lindberg fragt indes Fachwissen ab: „Wir spielen das ganze Album – welcher Song kommt jetzt?“ Natürlich das bejubelte ‘Nausea’! Zum folgenden ‘Need’ peitscht der Fronter die Meute noch mal an und empfängt geballte Fäuste sowie Crowdsurfer. Einziger Malus: In die 15 verschenkten Minuten hätten noch ein paar neuere Stücke (etwa ‘To Drink From The Night Itself’) gepasst. Hypocrisy knüpfen danach an ihr Live-Album DESTROYS WACKEN an: 24 Jahre nach dem darauf festgehaltenen Gig haben sich Band und Festival weiterentwickelt: Peter Tägtgren fährt ein Karriere-umspannendes Best Of ab – leider ohne alle Alben zu berücksichtigen. Immerhin rumpelt ‘Impotent God’ vom Debüt neben dem unterschätzten ‘Don’t Judge Me’ (CATCH 22), modernen Klassikern wie ‘Eraser’ und Aktuellem. Eine Historie und Spannweite, die nostalgisch und niederträchtig Schädel zum Schrauben bringt. Unpassend zwischen zwei düsteren Kapellen tragen alsbald Saltatio Mortis und Hämatom auf der mittigen Balkonbühne ihren Song-Battle aus und rauben damit der Amon Amarth-Überraschung die Einzigartigkeit, treffen aber bierselig den Party-Nerv. Als danach Nergal seine zweite Show an diesem Tag absolviert, glänzen satanische Symbole in der Sonne. Behemoth bieten Dampf und Feuer, Kunstblut und blau-gelbe Bengalos auf und erklären zu Letzteren: „When the enemy is at your door, you’re ‘Off To War!’“, bevor ebendieser neue Song erklingt und ‘Conquer All’ die Mission der Polen auf den Punkt bringt. Mit ‘Ov My Herculean Exile’ präsentieren sie ein zweites Stück des kommenden Albums, bevor zu ‘Christians To The Lions’ Seifenblasen wie Crowdsurfer über die Menge segeln und der Exzentriker zu ‘Bartzabel’ die Teufelsmitra zur Schau trägt. Ob es wirklich die größte Menge ist, vor der Behemoth je gespielt haben, bleibt ungewiss – dass die Truppe große Unterhaltung liefert, beweist diese Darbietung einmal mehr. Ähnliches gilt für In Extremo, deren ‘Feuertaufe’ die Kulisse perfekt beschreibt („Immer wenn die Sonne untergeht, immer wenn der Mond am Himmel steht...“). „Welche Band kann es sich leisten, die Hits am Anfang zu spielen?“, tönt Micha Rhein vor dem mitgegrölten ‘Vollmond’, bevor er die Durchhaltemoral seiner Truppe preist, zu ‘Liam’ zum Mitklatschen anregt und mit dem Antikriegslied ‘Lieb Vaterland, magst ruhig sein’ den emotionalen Höhepunkt setzt. Der beste Moment des von Flammen gesäumten Mittelalterspektakels ist jedoch ‘Sternhagelvoll’, zu dem gefühlt das gesamte Infield (erst mit, später ohne Band-Begleitung) mitsingt – lautere Chöre hat Wacken dieses Jahr nicht gehört! Das anschließende Feuerwerk garantiert neuerliche Jubelstürme und bereitet auf den folgenden Headliner vor: Es war an der Zeit, dass Slipknot ihren Weg aufs Wacken Open Air finden – 23 Jahre nach dem Debüt sind sie längst keine jungen Hüpfer mehr, sondern haben sich als eine der größten Metal-Bands der Welt etabliert und mindestens zwei Generationen von Headbangern mitgeprägt. Entsprechend knüppelvoll und heftig geht es auf dem Infield zu, während sich die Bühne in eine Fabrik des Wahnsinns verwandelt, in der alles blinkt und rotiert, entflammt oder verprügelt werden kann. Corey Taylors Ansagen schweißen zusammen, während DJ Sid Wilson mit abgetrenntem Kopf für Grusel sorgt. Die neue Single ‘The Dying Song (Time To Sing)’ schlägt voll ein, der Fokus liegt aber auf den ersten vier Alben inklusive Mitsinghymnen wie ‘Dead Memories’ und Zerstörungsorgien der Marke ‘The Heretic Anthem’. Der „Jump the fuck up!“-Moment in ‘Spit It Out’ dürfte in die Wacken-Geschichte eingehen! Dort gehören auch The Halo Effect hin: Der erste Deutschland-Auftritt der Band (und ihr vierter vollwertiger überhaupt) gerät zum Triumphzug. Noch vor Veröffentlichung ihres Debüts fesseln sie das Feld mit Melodic Death Metal-Schmeichlern wie ‘Conditional’ oder ‘In Broken Trust’. Klar, Mikael Stanne und Co. (mit Patrik Jensen für den noch angeschlagenen Jesper Strömblad) haben das Genre miterfunden – entsprechend kann das harmonische Zusammenspiel der Recken nicht verwundern, diese Premieren-Feier aber als Versprechen einer goldenen Zukunft genommen werden. Jene sei auch Feuerschwanz gegönnt, die zum Tagesabschluss ihren spritzigen ersten Hauptbühnenauftritt in Wacken bestreiten – es wird nur für heute der letzte sein...

KURIOSE ÜBERFLIEGER

Mit einem Heißluftballon von Hamburg nach Wacken inklusiver exklusiver Ticket-Verlosung via METAL HAMMER: Auf solch eine Idee können eigentlich nur Hämatom kommen! Sicher gelandet, geben uns Schlagzeuger Süd und Gitarrist Ost Auskunft darüber. Letzterer fliegt – genau wie Kollege West – eigentlich gar nicht so gerne, und blieb daher am Boden. Wer nun denkt, bei der Aktion handele sich um einen einmaligen Werbe-Gag, liegt daneben: Der Ballon gehört Hämatom! „Eigentlich planen wir, den Nightliner ganz wegzulassen und nur noch mit diesem Ding zu reisen”, scherzt Ost. „Die fünfstellige Investition muss sich ja lohnen!“ In voller Montur schwitzen die beiden Herren bei 35 Grad im Backstage-Bereich, freuen sich aber sehr auf die anstehenden Shows. Diese haben sie in zwei separate Konzerte (plus einen Überraschungs-Gig) aufgeteilt, da das Akustikalbum BERLIN die Fan-Gemeinde gespalten hat. So erzählen es die Bayreuther, sind sich aber darin einig, sehr stolz auf die ungewöhnliche Platte zu sein. Doch so viel sei verraten: Das kommende Album wird wieder ein typisches Hämatom-Werk.

FLORIAN BLUMANN