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MOONSPELL VS. ROTTING CHRIST


Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 15.01.2020

Wenn 23 Menschen knapp zwei Monate gemeinsam in einem Nightliner verbringen, kann „Welcome to hell!“ schon mal zum Standardgruß geraten. Der Gründer der griechischen Gruppe ROTTING CHRIST bezeichnet die gemeinsame Tournee mit den Portugiesen MOONSPELL (sowie den Schweizern Silver Dust) deshalb als (geglücktes) „Experiment“. Doch beide Bands teilen mehr als nur einen Bus. Deshalb baten wir FERNANDO RIBEIRO (l.) und SAKIS TOLIS (r.) beim Stopp in Berlin an einen Tisch – als Auftakt unserer neuen Gesprächsrubrik „Schlagabtausch“.


Artikelbild für den Artikel "MOONSPELL VS. ROTTING CHRIST" aus der Ausgabe 2/2020 von Metal Hammer. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 2/2020

Eure Bands waren 1996 schon mal zusammen auf Tour, seitdem seid ihr Freunde. ...

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... Daraus resultierte auch Fernandos Gastauftritt auf Rotting Christs ‘Among Two Storms’. Könnt ihr euch noch an eure erste Begegnung erinnern? Wir erinnern uns an alles! Wenn etwas zum ersten Mal geschieht, bewahrt man es im Herzen. Mit Menschen unterwegs zu sein, die wie wir aus dem Süden Europas stammen und dieselbe Mentalität teilen, ist wichtig für uns. Sonst könnten wir es kaum zwei Monate lang in einem Bus aushalten. Das wäre Chaos… …vielleicht auch Krieg! Als wir Moonspell zum ersten Mal trafen, waren wir fast noch Kinder. Wir hatten recht ähnliche Erfahrungen gemacht, eine vergleichbare Geschichte und ähnliche psychologische Dramen aus unserer Kindheit erlebt. Ehrlich gesagt war die Tour damals eine große Entdeckung: Sakis und ich hatten uns in den Neunzigern als Brieffreunde kennengelernt! Zuvor hatten er und Rotting Christs damaliger Bassist Jim () uns zu einem Plattenvertrag bei einem griechischen Label verholfen. Die gemeinsamen Wurzeln reichen tief, und die Tournee verstärkte unseren Bund weiter. Wir sprachen viel über unsere ähnlichen Erfahrungen: Portugal hatte in den Achtzigern nur zwei Fernsehkanäle, wir sahen polnische Cartoons in schwarz-weiß – Sakis ist ebenfalls genau damit aufgewachsen! Portugal und Griechenland könnten trotz geografischer wie kultureller Unterschiede Nachbarn sein, doch mental sind wir beide mehr als das. Es ist vielmehr, als würden wir im selben Haus leben.

Was macht diese Mentalität konkret aus?
FR: Wir kommen gerade aus dem Norden, gestern spielten wir in Dänemark. Auch dort gibt es tolle Fans, doch wir Südländer sind emotionalere Menschen. Wir Portugiesen tragen – ich weiß nicht, ob das auch für Griechen gilt – unser Herz auf der Zunge. Das kann mal besser und mal schlechter sein, doch wir sprechen immer die Wahrheit.
ST: Daher geht es sehr chaotisch zu, vor allem bei uns Griechen. Auf der anderen Seite ist es, wie Fernando sagte: Alles ist voller Seele und Gefühl! Wir teilen solche Momente am liebsten mit Fans, anstatt uns für etwas Höheres zu halten.
FR: Weder Rotting Christ noch Moonspell sehen irgendetwas als selbstverständlich an. Alben wie Geschichte sind Zeugnisse unserer Freiheit – das manifestiert sich bei beiden Bands, etwa im Wandel der Musik. Ich kenne Rotting Christ seit 1989 oder 1990 und rufe Sakis hin und wieder an. Unsere Freundschaft geht über Tourneen hinaus. Als die Griechen in Portugal Europameister wurden, musste ich an ihn denken: Am anderen Ende der Leitung brach die Hölle los, Sakis stand irgendwo von 30.000 Leuten umringt! Doch ich rufe ihn auch an, um über Rotting Christs neue Alben zu sprechen.

Beide Bands blicken auf eine lange Geschichte zurück und hatten es anfangs schwer…
ST: Ja, aber das finde ich an Moonspell so großartig: Diese Band hat immens viel für ihr Land getan! FR: Obrigado!
ST: Das ist ernst gemeint: Sie haben viel erreicht, sich zu Recht einen Platz in der Geschichte ihres Landes gesichert. Sie hatten mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie wir. Unsere Länder liegen nicht im Herzen Europas – habt ihr eine Ahnung, wie schwer dadurch alles wird? Zehn Mal so schwer wie für eine deutsche Band! Man muss viel mehr investieren, allein für Flüge und um überhaupt dorthin zu kommen, wo Interesse besteht. Doch das magische Wort ist Leidenschaft!
FR: Ich erinnere mich an unsere Zeit bei Century Media. Sie waren innovativ und suchten nicht nur in Zentraleuropa nach Bands, sondern auch im Süden. Erinnerst du dich, wie du im Auto von Athen nach Dortmund gefahren bist, um den Platten-Deal zu kriegen? Wir haben gerade unsere Biografie veröffentlicht…

…und auch das verbindet euch: Beide Bands haben mit Autor Dayal Patterson Autobiografien veröffentlicht – mit Kommentaren des jeweils anderen…
FR: Wer Bücher über andere Bands liest, erhält viel mehr Einblicke als nur das übliche „Wir begannen klein, jetzt sind wir groß“. Moonspell und Rotting Christ teilen auch hier eine gemeinsame Geschichte: Wir sind Bands, die kämpfen mussten! Deshalb geht es mir wie Sakis: Auch ich versuche, Kraft zu sparen, wir nehmen nichts als gegeben. Wir sind verrückt nach unserer Musik, egal, ob Black- oder Gothic Metal; Rotting Christ bewegen sich vielleicht mehr in eine satanische, dämonische Richtung. Wir haben fast 30 Jahre auf dem Buckel, Rotting Christ noch mehr. Es geht um Qualität und die Freiheit, Visionen umzusetzen. Dafür muss man einen Preis bezahlen.
ST: Ein großer Preis!
FR: Wir helfen uns dabei gegenseitig: Ich weiß, dass ich Sakis um Hilfe bitten kann, wenn ich ein Problem habe. Andersrum genauso. Wir beide kennen unsere Rollen in Moonspell und Rotting Christ und sind uns unseres „Opfergeists“ gewahr. Doch diese Tournee war bisher ein Erfolg für beide, mit ausverkauften Shows und großen Spielstätten. Offenbar kommen Rotting Christ etwas besser an, doch die Einheit beider Bands zählt!
ST: Die Atmosphäre ähnelt sich, das Gefühl während der Shows. Die Promoter hätten nicht so viele Leute erwartet – das sagen nicht nur einige, sondern alle! Der Geist, der beiden Bands innewohnt, ist ebenso spürbar wie die Qualität, ob musikalisch, bei der Show, dem Licht oder den Spielstätten.

Ihr teilt nicht nur Mentalität und Gefühl in der Musik, sondern auch einige Themen: Beide Bands stellen sich gegen Religion und haben Probleme mit Autoritäten. Wie ist das entstanden?
ST: Natürlich haben wir Probleme, ehrlich gesagt mag ich das!
FR: Griechenland ist anders als das römisch-katholische Portugal. Eigentlich sind Staat und Kirche gesetzlich getrennt, doch die Praxis ist eine andere. Unser Album 1755 widmet sich dem Moment, als das Miteinander von Gesellschaft, Kirche und Krone in eine Krise schlitterte. Ich bin in meinen Ansichten gegen die Kirche nicht so extrem, doch für mich waren die bösesten Menschen immer katholisch. Ich glaube, der Mensch hat Gott und Teufel erfunden, um eigenen Nutzen daraus zu ziehen. Die Geschichte Portugals zeigt, wie eng Menschen mit Gott und Schicksal verbunden waren. Das Land wurde erst mit den Kreuzzügen geboren. Unsere Geschichte erlaubte uns keine andere Sichtweise, wir hatten keinen Luther, keinen Protestantismus. Erst das Erdbeben von 1755 brachte die Leute zum Nachdenken, wie all das geschehen konnte, wenn Gott doch so gut ist. Das orthodoxe Griechenland ist anders…
ST: Das ist eine lange Geschichte. Wir hatten oft mit Problemen zu kämpfen, doch in meinen Augen ist das Christentum heute nicht das größte Problem. Dennoch behalten wir als Band unsere Haltung bei, mit der wir auch wir begonnen haben. Manchmal muss man extrem sein, wenn man Dinge ändern will. Das kostet uns einiges – etwa, wenn Shows abgesagt werden…
FR: Ich habe auf dieser Tournee mit mehr Problemen gerechnet und bin etwas enttäuscht.
ST: Die neue Religion ist Geld! Was denkt ihr, was vereint Europa? Es ist Geld, das ist heute der einzige Gott. Deshalb denke ich momentan nicht mehr, dass klassische Religionen ein großes Problem darstellen. Okay, in Griechenland wohnt ihnen noch immer große Macht inne, doch das wahre Problem sehe ich aktuell in Banken und Bankern.

Düstere Frontmänner: Rotting Christs Sakis Tolis…


… und Moonspells Fernando Ribeiro.


Eure Hauptbotschaft beinhaltet Freiheit?
ST: Darum geht es ganz bestimmt. Je weiter man sich nach Osten bewegt, desto mehr leiden die Menschen unter Einschränkungen: In Istanbul hatten wir auf dieser Tournee Besucher, die aus dem Iran geflohen sind. Ihnen blieb keine Wahl: Hätten sie in ihrem Land diese Art Musik gehört, wären sie eingesperrt worden. Die Botschaft ist noch immer aktuell und muss verbreitet werden – wenn nicht mehr in Europa, dann eben an anderer Stelle!
FR: Auch die Türkei ist heute ein kompliziertes Land, dort gibt es viele Interventionen durch Religion. Heute wird vermutlich die Religion der Moslems als gefährlicher angesehen, doch man muss nur etwas in der Geschichte zurückgehen und schon weiß man, dass das Christentum kaum anders war. Die Gefolgsleute von Jesus gingen nicht mit Bibeln in andere Länder und sangen Lieder mit den Einheimischen. Sie verbrannten Häuser, vergewaltigten Frauen – all das ist nicht so lange her! Religion teilt Menschen in meinen Augen, statt sie zu vereinen. Die Kreuzzüge waren Machtkämpfe um Land! Es ging nicht um Gott, sondern darum, sich etwas anzueignen. Auch wir Portugiesen haben Blut an den Händen: Wir sind nach Brasilien und Afrika gereist, um dort unsere Gedankenmodelle zu verbreiten. Heute ist die Welt auch aufgrund des Imperialismus’ aus dem Gleichgewicht. Unseren Ländern ging es kollektiv darum, sich auszubreiten; andere Menschen wurden als nicht gleichwertig angesehen. Heute ändert sich das langsam, auch in Portugal.

Ihr seid beide Menschen mit starken Meinungen und Charisma – geborene Frontmänner! Entstehen solche Rollen natürlich oder musstet ihr erst hineinwachsen?
FR: Alle auf dieser Tournee arbeiten hart. Sakis und ich sind vielleicht so etwas wie die Säulen, die Atlanten. Leute nennen uns Anführer, doch vielleicht machen sie auch nur Spaß; wir sehen es nicht ganz so…
ST: Eigentlich bevorzuge ich es, wenn jemand anderer die Leitung innehat. Ich bleibe lieber mit meinen Töchtern zu Hause und richte mich nach Anweisungen wie „Sei um fünf am Flughafen!“. Doch wenn ich etwas angehe, dann mit Leidenschaft! Ich habe viele Dinge in meinem Leben dafür geopfert. Die Leute denken, dass wir auf solchen Tourneen nächtelang Spaß haben. Doch ich bin 48 Jahre alt und kann nicht mehr jede Nacht Bier trinken. Wenn ich heute über die Stränge schlage, bin ich am nächsten Tag krank.
FR: Damals ging das. Heute haben wir dafür keine Energie mehr. Diese Anführerrolle, wenn man es so nennen möchte, beinhaltet hauptsächlich Arbeit, nicht nur Vergnügen.
ST: Vergnügen ist für mich, wenn die Show gut läuft und ich das Strahlen in den Gesichtern der Fans sehe. Das ist für mich der Grund, von so weit weg hierherzukommen.
FR: Das sehe ich genauso. Wir haben zu Hause jede Menge Spaß mit unseren Familien – oder im Wasser. Auf Sakis’ Instagram-Seite gibt es dieses Foto von ihm im griechischen Meer… Das ist das einzige Foto, auf dem er wirklich glücklich und entspannt aussieht. Ich habe ähnliche Fotos von mir mit meiner Familie. Tourneen sind harte Arbeit, unser Büro ist jeden Tag an einem anderen Ort.

Zwei Südländer, die sich verstehen: Traute Einigkeit vor dem Berlin-Konzert


Im Vergleich zu den ersten Tourneen hat sich vieles geändert, oder?
FR: 1996 konnten wir nicht feiern, da wir kein Geld hatten.
ST: Ich erinnere mich noch genau daran, wie wir an einer Tankstelle anhielten. Wir konnten uns nicht einmal ein Sandwich für jedes Band-Mitglied leisten und haben alles, was wir gekauft haben, untereinander geteilt.
FR: Corpus Christi!
ST: Das sind wahre Geschichten, waren echte Probleme. Doch wir haben sie nicht als so schlimm wahrgenommen. Damals war die Welt noch eine andere: Man konnte ohne Geld überleben. Heute ist das anders. Wer kein Geld hat, stirbt. Doch wir sind immer noch da, und das in einem Stück!

Und ihr habt es in Spielstätten wie diese geschafft!
FR: Weder Rotting Christ noch Moonspell wollen auf der Straße sterben. Daher müssen wir diese Tournee beenden. (lacht) Wir haben ein paar harte Tage überstanden, besonders in der Türkei, Rumänien und den Balkanstaaten. Doch beide Bands gehen als Sieger aus dieser Tour hervor: Entgegen aller Wetten und Grenzen, Polizei, Rassismus und Geld – der einzige Gig, den wir absagen mussten, war tragischerweise der in Athen. Doch wir konnten das Wetter nicht kontrollieren. Ich bat Sakis, dem Hurrikan Einhalt zu gebieten, doch er schaffte es nicht…
ST: So etwas kommt in Athen alle paar Jahre vor – und dann trifft es genau den Show-Tag! Unglaublich! Vielleicht schneit es, wenn wir zurückkehren; ich habe keine Ahnung, was dort gerade los ist.


Foto: K. Riedl

Fotos: K. Riedl, E. Segarra (PR), F. Silva (PR)