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Mord an Sissi:Das furchtbare Geheimnis hinter der süßen Märchen-Fassade


die aktuelle Krimi - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 07.12.2019
Artikelbild für den Artikel "Mord an Sissi:Das furchtbare Geheimnis hinter der süßen Märchen-Fassade" aus der Ausgabe 6/2020 von die aktuelle Krimi. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: die aktuelle Krimi, Ausgabe 6/2020

Romy Schneider ist Sissi. Aber war die Kaiserin, die sie spielte, in Wirklichkeit so wie Romy in dem Liebesmärchen? War sie so unglaublich glücklich? Lebte sie tatsächlich in einer Traum-Ehe? Die Wahrheit ist furchtbar: Die Kaiserin war ihr Leben lang eine Getriebene, ständig auf der Flucht. Ihr Mann ging fremd. Ihr Sohn erschoss seine junge Geliebte. Sissi selbst wurde von einem feigen Mörder erstochen! Aber vielleicht war der Tod eine Erlösung für sie …

Das Attentat am Genfer See. Der italienische Anarchist Luigi Lucheni stieß der Kaiserin eine spitze Feile ins Herz


Keine Königin und keine Kaiserin war ...

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... je so unglücklich. Keine vom Schicksal so gestraft wie Sissi. Sie sehnte sich nach dem Tod. Aber der ließ sie jahrelang weiter leiden. Dann schickte er ihr einen Mörder an den Genfer See …

Manchmal hat man das Gefühl, dass der Weihnachtsmann Konkurrenz bekommen hat. Denn Jahr für Jahr, rund um die Bescherung, erscheint wie aus einem Märchen Sissi in unseren Wohnzimmern: die junge Romy Schneider.

Und wenn dann auf einmal der fesche Karlheinz Böhm auftaucht, der den Kaiser Franz Joseph spielt, sind Millionen vor ihren Fernsehschirmen augenblicklich wie verzaubert. Mit klopfendem Herzen erleben sie den Beginn der größten Liebe der Neuzeit mit, die so anrührend ist, als sei sie ein Geschenk des Himmels.

Ein Weihnachtsfilm. Zum Träumen schön. Noch nie haben sich zwei Menschen mit so einer Innigkeit geliebt wie Sissi und Franz Joseph. Mit schwelgerischen Bildern erzählt dieser opulente Kostümfilm das Liebesmärchen von dem jungen Kaiser Franz Joseph von Österreich und der erst 15-jährigen Elisabeth in Bayern, genannt „Sisi“ (im Film „Sissi“), aus dem Dorf Possenhofen am Starnberger See. Sie war seine Cousine …

Beide laufen sich an einem warmen Augusttag des Jahres 1853 an einem rauschenden Bach in Bad Ischl in die Arme. Und schlagartig spüren sie, dass sie füreinander bestimmt sind. Bereits drei Tage später wird in der Kaiser-Villa von Bad Ischl Verlobung gefeiert.

Die Tatwaffe im Sissi-Museum. Weil der Täter kein Geld für einen Dolch hatte, benutzte er dieses Mordinstrument


Was will der Franz mit diesem Fratz? Seine Mutter, Erzherzogin Sophie, ist außer sich.

Es gibt herzzerreißende Szenen im Film, an denen sich viele nicht sattsehen können. Wenn Sissi mit einem Strauß roter Rosen strahlend in Franz Josephs Arbeitszimmer erscheint und sich folgender Dialog entspinnt: „Franzl, ich gehe gleich wieder. Ich hatte nur so große Sehnsucht. Ich wollte dich auch fragen, ob du mich noch magst?“ – „Gar nicht mehr!“ – „Warum denn nicht?“ – „Weil du dich den ganzen Tag nicht um mich gekümmert hast.“ – „Du kümmerst dich nicht um mich. Du sitzt immer nur an deinem Schreibtisch und regierst!“ Dann verlieren sich die zwei Liebenden in einem innigen Kuss.

Bei einem Ball wird Sissi ohnmächtig. Nach der Untersuchung am nächsten Tag sagt ihr Leibarzt: „Majestät, Sie sind nicht krank, Majestät erwarten ein Kind.“ Sofort springt Sissi aus dem Bett und rennt im Nachthemd durchs Schloss zu ihrem Mann. „Franzl, Franzl …“ – „Sissi, was ist denn geschehen?“ – „Franzl, wir kriegen ein Kind!“ Wenn sich dann die Liebenden berauscht in den Armen liegen, ist in den Wohnzimmern vor Rührung kein Halten mehr.

Es gibt aber auch ergreifende Momente des Schreckens: Sissi vor der geöffneten Tür von Franz Josephs Arbeitszimmer. Sie hört, wie Tante Sophie ihrem Sohn eröffnet: „Sissi hat eine schwere Lungenerkrankung. Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Sie muss rasch weg aus Wien, in ein heilendes Klima. Vielleicht geschieht ein Wunder …“ Dann betritt Sissi das Zimmer. Aber nicht sie braucht Trost, sondern ihr Franzl, der sich getroffen an Sissi schmiegt und seinen Kopf auf ihre Brust legt, als würde er gleich in Tränen ausbrechen.

Mit der Kraft der Sehnsucht schafft Sissi später in ihrem „Exil“ auf der griechischen Insel Korfu das Wunder: Sie besiegt den lauernden Tod! Als sie wieder vor ihrem Franzl steht, so schön wie nie, kann man beinahe ihre Herzen klopfen hören. Vor lauter Anspannung traut sich keiner, sich zu rühren. Dann die Erlösung: Wie auf ein geheimes Zeichen fliegen sie einander in die Arme.

„Sissi, du darfst nie wieder fort. Nie wieder!“ Noch nie ist bei einem Film so viel geweint, geschnäuzt und geschluchzt worden.

Was aber ist Wahrheit, was Fiktion? Alles in diesem Liebesmärchen ist den großen Gefühlen untergeordnet, dem Zuckerguss zum Träumen – auch die Wahrheit.

Der Kino-Dreiteiler „Sissi“ endet nach den ersten gemeinsamen Ehe-Jahren. Nicht ohne Grund. Denn mit jedem weiteren Jahr wäre aus dem Liebesmärchen ein Liebesdrama geworden.

Aus dem Traum ein Albtraum – mit Tränen, Blut und Verzweiflung …

Denn hinter der Fassade dieser vermeintlich großen Liebe verbirgt sich eine Ehe-Hölle, aus der nur Kaiser Franz Joseph unbeschadet entkommen kann. Sissi wird ihr ganzes Leben lang eine zutiefst unglückliche Frau sein. Sie ist nur noch auf der Flucht. Vor ihrem Mann und vor sich selbst.

Tatort: das Schloss Schönbrunn in Wien. Mit dem Tag, an dem Sissi hier einzieht, sollte ihr Leben eine furchtbare Wende nehmen. Statt Liebe erwartet sie ein Jahr lang härtester Drill, beinahe noch schlimmer als beim Militär.

Unter dem Regiment ihrer sadistischen Schwiegermutter, der Erzherzogin Sophie, wird Sissi so auf ihre Pflichten als zukünftige Kaiserin hingetrimmt. Am liebsten hätte die Tante der ungeliebten Schwiegertochter das menschenverachtende spanische Hofzeremoniell mit einem Rohrstock eingebläut, unter das sie sich als Kaiserin bedingungslos unterwerfen muss. Es sei wie die zehn Gebote der Bibel, bekommt sie zu hören. Wer auch nur ein Gebot übertrete, lande in der Hölle. Die Erzherzogin lässt an Sissi kein gutes Haar. Sie zieht über ihre bäuerliche Erziehung her und ihr „unmögliches“ Benehmen. Selbst an ihren Zähnen hat die Tante etwas auszusetzen: Die seien gelb und ungepflegt. Pfui!

Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Sissi bei einem Spaziergang in Bad Kissingen. Er besuchte seine Frau, die zur Kur war


Karlheinz Böhm und Romy Schneider in dem Liebesmärchen: Die Kino-Wahrheit war ein wenig geschönt


Das Schloss Schönbrunn in Wien. Als Sissi hier einzog, erfror ganz langsam ihre Liebe


Die Kaiserfamilie im Park von Schloss Gödöllö in Ungarn mit den Kindern Rudolf, Gisela und der kleinen Marie Valerie


Nach dem Sohnes wollte auch sie sterben Selbstmord

Das junge, unerfahrene Mädchen, das Sissi war, schien ihrer Schwiegermutter hilflos ausgeliefert. Wenn Sissi allein in ihrem Bett lag, weinte sie vor Erschöpfung und Enttäuschung. Genauso schlimm wie der tagtägliche Drill war die Verachtung, die Sissi von allen Seiten entgegenschlug. Selbst die kleinsten Lakaien sahen in ihr nur ein Dummchen vom Land. Keiner nahm sie ernst. Hinter ihrem Rücken machten sie sich lustig über das „Hascherl“. Sissi verlor allmählich ihre Fröhlichkeit, ihre Unbeschwertheit und ihre Selbstsicherheit. Sie fing an zu zittern, wenn ihr Menschen zu nahe kamen und wenn sie angegafft wurde. Aber niemand bemerkte es. Von einer Sozialen Phobie sollten Psychologen da später sprechen.

Das änderte sich auch nicht nach der Traum-Hochzeit im April 1854 in der Wiener Augustinerkirche. Beinahe wie im Albtraum nahm Sissi die drei Tage danach wahr, weil alle Welt ständig wissen wollte, ob die Hochzeitsnacht vollzogen worden sei. Ob es endlich geklappt hätte.

Die junge Kaiserin schämte sich zu Tode. Als sie dann schwanger war, zwang die rabiate Schwiegermutter sie, mit ihr unter Menschen zu gehen. Sie schleppte Sissi durch belebte Parks, damit jeder ihren Bauch sehen konnte: „Das Volk hat ein Anrecht darauf! Schließlich ist die einzige Aufgabe, die eine Kaiserin hat, für Erben zu sorgen. Mehr nicht.“ Mit 21 Jahren hatte Sissi bereits drei Kinder zur Welt gebracht, als wollte sie ihre Pflicht möglichst schnell hinter sich bringen. Das vierte Kind, zehn Jahre später, Marie Valerie, verdankte ihr Leben einer Erpressung (siehe vorletzte Seite der Geschichte ). In ihrem Mann hatte Sissi so gut wie keinen Rückhalt. Er, der staubtrockene Bürokrat, der sich hinter seinen Akten verschanzte, stand jeden Morgen um 4.30 Uhr auf, aß seine Hühnersuppe und kümmerte sich um die Probleme Österreichs. Ausschließlich. Die Sorgen von Sissi überließ er seiner Mutter.

Als der Attentäter Sissi in die Brust sticht, fällt sie zu Boden. Sie steht auf, putzt den Staub ab und geht weiter


Einer der Herzschlagmomente im Film: Kaiser Franz Joseph setzt Sissi die Kaiserkrone auf


„Sissi, Maman (der Kaiser sprach Mama französisch aus ) ist immer für dich da …“ „Warum nicht du, Franzl?“ Warum der Drache? – hätte sie ihn am liebsten gefragt.

Die Schwiegermutter war omnipräsent. Selbst wenn Sissi einmal mit Franz Joseph allein war, konnte sie nicht sicher sein, dass „Maman“ nicht plötzlich unangemeldet in die Privaträume schneite.

Erzherzogin Sophie – und nicht Sissi – war im Leben ihres Sohnes die wichtigste Person. Mit seiner Mutter besprach der Kaiser alles, sogar die wichtigsten politischen Entscheidungen.

So hatte sich Sissi ihr neues Leben bestimmt nicht erträumt. Wenn es tatsächlich einmal die große Liebe war zwischen Franz Joseph und Sissi – dann dürfte das Glück in dieser Zeit die ersten Blessuren bekommen haben.

Bereits zwei Wochen nach der Hochzeit hatte die junge Kaiserin desillusioniert gedichtet: „Ich bin erwacht in einem Kerker, und Fesseln sind an meiner Hand“. Wie ein Hilfeschrei lesen sich diese Zeilen: „Ich bin eine Gefangene im Kerker Schönbrunn. Und ich bin todunglücklich …“ Ihr Unglück sollte noch viel schlimmer werden ! Auf dem Weg nach Ungarn erkranken ihre beiden Töchter an der Ruhr. Gisela, die jüngere, kann gerettet werden. Die zweijährige Sophie starb nach stundenlangem Todeskampf in ihren Armen. Von da an verweigert Sissi alle öffentlichen Auftritte. Sie schließt sich in ihren Gemächern ein. Sie reitet stundenlang wie eine Besessene – manchmal zwanzig Kilometer.

Sie wandert, bis die Kräfte sie verlassen. Hauptsache, weg aus ihrem Gefängnis! Nur wenige Monate nach dem Tod ihrer Erstgeborenen ist Sissi wieder schwanger.

Rudolf kommt zur Welt, der ersehnte Thronfolger. Für Sissi ist damit ihre Pflicht als Kaiserin erfüllt.

Eines Tages muss sie hilflos miterleben, wie Bedienstete auf Befehl der Erzherzogin ihre Kinder aus ihren Zimmern tragen. „Du bist zu jung und zu unreif und daher nicht in der Lage, die Kinder ordentlich zu erziehen“, weist Tante Sophie sie zurecht. Sissi fleht ihren Mann an, etwas zu unternehmen.

„Franzl, ich bin die Mutter!“ „Sissi, Maman will doch nur das Beste für die Kinder, vor allem für den Thronfolger. Das verstehst du hoffentlich!“ Viel später sollte Sissi über ihre Schwiegermutter schreiben: „Sie war eine wirklich böse Frau, die mit mir schimpfte wie mit einem Schulkind. Die jeden bespitzeln ließ, die ihren Sohn dominierte und mir meine Kinder nahm, um sie in der kaiserlichen Kinderkammer selbst zu erziehen.“ Ausgerechnet in der Zeit der größten politischen Krise bahnte sich die größte private an: Nicht einmal sechs Jahre nach ihrer Hochzeit tauchten Gerüchte auf, dass der Kaiser eine Geliebte hätte (und die sollte nicht die letzte bleiben). In der feinen Gesellschaft wurde der Name dieser polnischen Gräfin längst getuschelt.

Die Nachricht von der Affäre ihres Franzl traf Sissi mit der Wucht eines Tsunamis, der die Welt ihrer Gefühle mit sich riss und unrettbar zerstörte. Sissi hatte da sicherlich die Bilder ihrer Mutter vor Augen, mit der sie jetzt das gleiche Schicksal teilte. Jeder am Starnberger See wusste von den Affären Herzog Max in Bayerns, ihres Vaters. Und von seinen unehelichen Kindern. (Auch der Kaiser hatte mindestens ein uneheliches Kind. Diese Tochter heiratete später den berühmten Wiener Komponisten Alban Berg.)

Das Hotel „Beau Rivage“ in Genf. Hier stieg Kaiserin Sissi mit ihrer Hofdame am 9. August 1889 unter dem Pseudonym Gräfin von Hohenembs ab


Die Schiffs-Anlegestelle am Genfer See. Die Schwerverletzte schaffte es gerade noch auf den Raddampfer …


Der Attentäter hatte kein Geld für einen Dolch Deshalb benutzte er eine Feile!

Den Liebesverrat ihres Mannes verkraftete Sissi nicht. Die Kaiserin wurde krank. Die Symptome glichen zunächst eher einer Grippe: Husten, Fieber, Kraftlosigkeit. Als der Husten sich nicht besserte, wurde der Lungenarzt Dr. Skoda gerufen. Seine Diagnose war erschreckend. Die Kaiserin müsse augenblicklich in ein wärmeres Klima, sonst überstehe sie den Winter nicht. Sie leide an einer lebensbedrohlichen Lungenerkrankung. Dr. Skoda schickte die Kaiserin nach Madeira.

War Sissi wirklich krank oder suchte sie – wie Gerüchte lauteten – nur nach einem Grund, aus Wien zu fliehen? Befeuert wurden diese Gerüchte, als Kaiser Franz Joseph zur Jagd nach Bad Ischl aufbrach. Und das sogleich nach der schockierenden Diagnose von Dr. Skoda …

War es die gesunde Luft auf Madeira oder die große Distanz zwischen ihr und der Eiseskälte ihres untreuen Mannes? Es ist anzunehmen, dass alles ineinanderspielte. Denn mit jedem Tag auf der Insel besserte sich Sissis Befinden. Als sie nach Monaten auf dem Rückweg nach Hause war, stand die Kaiserin an der Reling ihres Schiffes und schaute beinahe niedergeschlagen hinaus aufs Meer.

Ob sich Majestät nicht wohlfühle, fragte eine ihrer Begleiterinnen. „Mir graut davor, wieder zurück in meinen Kerker zu müssen“, war Sissis Antwort.

Kaum zurück in Wien, fing sie wieder an zu husten. Wieder wurde Dr. Skoda gerufen. Seine Diagnose war dieses Mal genauso schockierend: fortschreitende Schwindsucht! Die Kaiserin müsse noch einmal in ein milderes Klima. Nach Absprache mit ihr einigte man sich auf die griechische Insel Korfu. Und es gab nicht wenige, die in Dr. Skoda einen Verbündeten der Kaiserin vermuteten.

Sissi war insgesamt beinahe zwei Jahre weg vom Wiener Hof. Als sie zurückkam, war sie ein anderer Mensch. Aus dem verunsicherten jungen Mädchen war eine selbstbewusste Frau geworden. Und eine Schönheit.

Von nun an lebte sie nur noch ihr eigenes Leben. Was richtig ist, bestimmte sie. Sie rebellierte gegen die strenge Etikette am Hof. Gegen die verhasste Schwiegermutter.

Und gegen ihren Mann, mit dem sie allenfalls noch so etwas wie Freundschaft verband. Sex mit dem Kaiser gab es schon lange nicht mehr.

Da konnte er noch so heftig an ihrer Schlafzimmertür scharren. Aber sie hatte Mitleid mit dem armen Mann. Zum Ausgleich führte sie ihm eine vorzeigbare Geliebte zu: die Burgschauspielerin Katharina Schratt.

Mit einem Gedicht drückte Sissi aus, was sie von Sex und Liebe hielt: „Für mich keine Liebe, für mich keinen Wein, die eine macht übel, der andere macht spei’n“.

Sissi war entsetzt, als sie nach ihrer Rückkehr ihren kleinen Sohn Rudolf in einem militärischen Ausbildungs-Camp fand, dessen Qualitätsmerkmal die unmenschliche Schinderei war.

– „Du musst Rudolf da rausholen“, verlangte Sissi von ihrem Mann.

– „Unmöglich, ein Thronfolger muss …“ – „Er ist ein Kind, gerade mal sieben …“ Zum ersten Mal drohte sie dem Kaiser: – „Wenn Rudolf bleiben muss, dann gehe ich!“ Der Kaiser gab klein bei.

In Sissis neuem Leben gab es von nun an nur noch die Pflege ihrer Schönheit, von der bald ganz Europa sprach. Dafür quälte sie sich beinahe bis über die Grenzen des Erträglichen.

Jeden Tag ritt sie stundenlang, machte Gewaltmärsche, bis sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Sie ließ im Schloss Turngeräte einbauen, an denen sie sich täglich quälte.

Eine Kaiserin, die schwitzt. Ein Skandal! Sissi steht um fünf Uhr morgens auf, nimmt ein kaltes Bad und geht an die Turngeräte.

Polizisten führten den Hilfsarbeiter Luigi Lucheni ab. Dabei grinste Sissis Attentäter frech


Sissi galt damals als schönste Frau Europas. Sie lebte für ihr Aussehen: Sport bis zum Exzess und radikale


Der Sarg mit der ermordeten Sissi auf dem Weg zur Kapuzinergruft. Tausende säumten die Straßen


Nach seinem Suizid wurde Lucheni der Kopf abgetrennt und nach Auffälligkeiten untersuch


In der Kapuzinergruft ruht Kaiser Franz Joseph (Mitte) neben Sissi (links) und Thronfolger Rudolf (rechts)


Nach dem Frühstück (Eier, kaltes Fleisch, Kaffee und ein Glas Wein) werden ihre Haare gerichtet, die beinahe bis zu den Knöcheln fallen und die sie stolz trägt wie der Papst seine Tiara. Manchmal dauert die Pflege ein paar Stunden. Ebenso das Einschnüren und Anziehen.

Ihre Wespentaille (knapp 50 Zentimeter) ist beinahe bis zur Ohnmacht in ein Korsett gezwängt. Sissi kann kaum noch atmen.

Abends badet sie in warmem Wasser mit Olivenöl und acht Pfund Salz. Vor dem Einschlafen lässt sie sich rohes Fleisch auf ihr Gesicht legen. Ihre Ärzte warnen sie, dass ihre extreme Lebensweise, ihr radikales Fasten, ihr radikaler Sport (sie wiegt bei einer Größe von 1,72 m kaum 48 Kilo), selbstzerstörerisch ist.

Die Kaiserin hält nichts mehr am Wiener Hof. Rastlos reist sie durch die Welt: Italien, Portugal, England, Algerien, Ägypten, Marokko – und öfter Korfu, das zu ihrer Sehnsuchts- Insel geworden ist. Sie lässt sich oberhalb des kaiserlichen Gesäßes ein Tattoo stechen: ein Adler mit offenen Schwingen. Und in einer Hafenkneipe einen Anker auf ihre Schulter. Die Kaiserin raucht. Um ihre seelischen und körperlichen Leiden (Melancholie, schmerzhafte Hungerödeme) erträglicher zu machen, spritzt sie sich Kokain. Das Besteck fand sich in ihrem Nachlass. Mit 30 lässt Sissi sich nicht mehr fotografieren, weil sich ersten Fältchen zeigen. Mit 40 lässt sie sich nicht mehr malen.

Nur ein einziges Mal in ihrem Leben ist ihr politisch etwas Vorzeigbares gelungen: Sie ebnet den Weg zu einem Ausgleich zwischen dem aufständischen Ungarn und Österreich. Sissi, die in ihrem Herzen Ungarin ist und sich öfter in Budapest aufhält als in Wien, lernt einen gut aussehenden Grafen kennen … Eine gefährliche Bekanntschaft, denn Julius Andrássy war Anführer der Revolte gegen Kaiser Franz Josephs Österreich.

Der schöne Rebell wurde Freund und Berater von Sissi – aber nicht ihr Geliebter, wie viele glaubten. Auch wenn es kein Alleingang war, so hatten doch Kaiserin Sissi und Graf Andrássy den Weg mitbereitet, der Ungarn und Österreich zur Doppelmonarchie führen sollte. Mit einer kleinen Erpressung schaffte es Sissi, den Kaiser an den Verhandlungstisch zu locken. „Wenn du mit mir zu Verhandlungen nach Ungarn kommst, schenke ich dir noch einen Thronfolger“, versprach sie. Franz Joseph kam mit! Es wurde eine Tochter: Marie Valerie.

Dann schlug das Schicksal erneut zu – mit einer Härte, an der Sissi zerbrechen sollte: Ihr Sohn Rudolf hatte im Jagdschloss in Mayerling ein Blutbad angerichtet. Er erschoss seine 17-jährige Geliebte Mary Vetsera. Und dann sich selbst! Von da an trug Sissi nur noch Schwarz. „Mama neidet Rudolf den Tod und sehnt ihn Tag und Nacht herbei“, notierte die jüngste Tochter in ihrem Tagebuch.

Nach ihrem 30. Lebensjahr ließ sich die eitle Kaiserin nicht mehr ablichten. Hier sehen wir das letzte Foto von Sissi (links im Bild)


Gerichtsmediziner schnitten dem Mörder den Kopf ab und legten ihn in Formaldehyd

9. September 1889. Die Kaiserin steigt mit ihrer Hofdame, Gräfin Sztaray, unter dem Pseudonym Gräfin von Hohenembs, im Luxushotel „Beau Rivage“ in Genf ab. Sie will keinen Polizeischutz, obwohl man sie darauf hinweist, dass es für eine Kaiserin nicht ungefährlich sei, allein auf die Straße zu gehen.

Ihr Oberhofmeister hat von der Reise nach Genf dringend abgeraten, weil ihm bekannt ist, dass sich in der Stadt die gefährlichsten Anarchisten herumtreiben. „Die Schweiz gewährt sogar solchem Gesindel Asyl …“ „Wenn es mich trifft, trifft es mich“, entgegnet die Kaiserin lakonisch.

10. September. Sissi und ihre Hofdame verlassen am Mittag das Hotel. Die Kaiserin will die Zeit bis zur Abfahrt ihres Raddampfers nach Caux für einen Stadtbummel nutzen. Ihr Schiff fährt um 13.40 Uhr ab.

Sissi kauft einen Musikautomaten und 24 Schallplatten. Dann setzen sie sich in ein Straßencafé am Quai du Mont-Blanc. Sie essen Eis. Zur gleichen Zeit postiert sich der italienische Anarchist Luigi Lucheni nahe der Anlegestelle. Der ungepflegte Mann (mit einem abgewetzten Hut im Genick) beobachtet von Weitem die Kaiserin – sein Opfer! Eigentlich wollte Lucheni den italienischen König Umberto I.umbringen. Doch er hatte kein Geld für die Reise nach Rom. Sein Ersatzopfer, der Herzog von Orléans, der in Genf erwartet wurde, hatte seinen Besuch kurzfristig abgesagt. Dann las der Hilfsarbeiter in einer Zeitung, dass die österreichische Kaiserin Gast im „Beau Rivage“ wäre. Dann bringe ich halt die um, muss er sich bestimmt gedacht haben: „Mit einem Kaiserinnen-Mord habe ich viel mehr Aufmerksamkeit als mit einem ermordeten Herzog.“ Aus der Ferne sieht der Anarchist, dass die Damen sich erheben und Richtung Anlegestelle gehen. Er greift in die Innentasche seiner Jacke, in der das Mordwerkzeug steckt. Eine Feile, die er angespitzt hat. Für einen Dolch fehlte ihm das Geld.

Bis 2000 wurde der konservierte Kopf des Mörders im Naturhistorischen Museum verwahrt, später auf dem Wiener Zentralfriedhof beerdigt


Als die Kaiserin an ihm vorbeigehen will, stürzt er sich auf sie und sticht zu. Sie fällt zu Boden. Geschockt rappelt sie sich mithilfe der Hofdame auf, wischt sich den Staub vom Rock. Sie spürt einen Schmerz in der Brust, geht aber weiter aufs Schiff. „Vielleicht wollte der Kerl mir die Uhr wegnehmen“, sagt sie sich wohl. Auf dem Schiff bricht Sissi zusammen.

Der Kapitän lässt die ohnmächtige Kaiserin ins Hotel bringen. Um 14.40 Uhr stirbt sie. Der Stich mit der Feile traf die Herzkammer. Der Einstich war so klein, dass nur ein paar Tropfen Blut austraten.

Schreiend zieht der Mörder durch die Straßen: „Tod der Aristokratie!“ Luigi Lucheni wird verhaftet und zu lebenslanger Gefängnisstrafe verurteilt. Später erhängt er sich mit einem Gürtel. „Der Tod war eine Erlösung für meine Mutter“, schreibt Sissis Tochter Marie Valerie. Sissi wird in der Kapuzinergruft in Wien beigesetzt. Im Nachhinein sieht es wie eine späte Rache des Hofes aus. Denn Sissi hatte verfügt, dass sie niemals bei den Königen liegen wollte …


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