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MORGEN, MORGEN, NUR NICHT HEUTE


Hohe Luft - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 08.07.2021

Artikelbild für den Artikel "MORGEN, MORGEN, NUR NICHT HEUTE" aus der Ausgabe 5/2021 von Hohe Luft. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Hohe Luft, Ausgabe 5/2021

BEVOR ICH MICH an diesen Text setzen konnte, musste ich unbedingt noch die Waschmaschine starten. Und den Tisch wischen, das Wohnzimmer aufräumen, mir einen Kaffee machen. Warum ich das musste? Damit ich mir selbst gegenüber eine Ausrede hatte, nicht zu arbeiten – also diesen Text nicht zu schreiben. Stattdessen habe ich mich mit Dingen beschäftigt, die zwar wichtig, aber nicht wirklich dringend sind. Ich habe prokrastiniert.

Sie kennen das bestimmt: Man hat etwas Dringendes auf seiner To-do- Liste, doch statt es sofort zu erledigen, macht man es lieber später. Oder morgen oder übermorgen oder einfach nie. Prokrastination bedeutet so viel wie Aufschub. In dem lateinischen Wort procrastinatio steckt das Adverb cras für »morgen«. Wir schieben dann auf, wenn wir uns ein Ziel setzen, aber nicht damit beginnen, es auch zu erreichen.

Besonders gern schieben wir unangenehme Aufgaben auf, und das geht am ...

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... besten, wenn wir uns die Zeit zur Erledigung dieser Aufgaben frei einteilen dürfen. Neben Freiberufler- *innen sind Studierende besonders oft von Prokrastination, auch »Studentensyndrom« genannt, betroffen: Sie müssen selbst entscheiden, wann sie lernen oder Hausarbeiten schreiben, und viele geraten dann kurz vor der Klausur oder dem Abgabetermin unter Stress, weil sie zu spät angefangen haben. Während der Pandemie arbeiten mehr Menschen von zu Hause aus und sind dort freier in der Gestaltung ihres Arbeitstages. Das heißt aber auch, dass es leichter ist, sich ablenken zu lassen und die anstehenden Aufgaben auch mal aufzuschieben.

Im alltäglichen Sprachgebrauch verwenden wir Prokrastination gleichbedeutend mit Aufschieberei, doch in der psychologischen Forschung spricht man erst dann von Prokrastination, wenn tatsächlich eine Arbeitsstörung vorliegt. Jede*r schiebt mal etwas auf. Behandlungsbedürftig ist es, wenn man ständig aufschiebt und darunter leidet. Pathologisches Aufschieben wirkt sich auf das Arbeits- und Sozialleben aus: Man bekommt nichts erledigt, die Aufgaben lassen einen aber auch nicht los, und die quälenden Gedanken daran vermiesen einem die Freizeit. Im schlimmsten Fall fällt man durch Prüfungen und vermasselt so sein Studium oder verliert seinen Job, weil man die Aufgaben auf den letzten Drücker und mit entsprechend schlechteren Ergebnissen fertigstellt.

Wer aufschiebt, ist nicht unbedingt faul

Hat man sehr viel Zeit für die Erledigung einer Aufgabe, ist es leicht, den Beginn aufzuschieben – schließlich hat man noch ewig Zeit. Mit einer knappen Deadline im Kopf lässt sich hingegen schwerer prokrastinieren. Deshalb ist ein bekanntes Mittel gegen das Aufschieben die Verknappung der Arbeitszeit. Die »Prokrastinationsambulanz« der Universität Münster rät betroffenen Studierenden unter anderem auch dazu, ihr Arbeitsverhalten klar zu strukturieren und sich realistische, also eher kleine Ziele zu setzen.

Doch selbst wenn es noch keine dramatischen Ausmaße annimmt, kennt man die tückischen Gefühle, die einem das Aufschieben oft beschert. Man entscheidet sich aus irgendwelchen Gründen dagegen, etwas sofort zu erledigen, doch die dadurch »gewonnene« Zeit fühlt sich gar nicht gut an, weil man ständig im Hinterkopf hat, dass man eigentlich etwas anderes tun sollte. Im Nachhinein wünscht man sich womöglich, man hätte es gleich angepackt und abgehakt, statt sich mit dem schlechten Gewissen zu quälen. Dabei sind Aufschieber*innen oft gar nicht demotiviert oder untätig.

Der US-amerikanische Philosoph John Perry bezeichnet sich selbst als notorischen Aufschieber und hat einen Weg gefunden, zu prokrastinieren und dabei trotzdem effektiv zu sein – und deshalb auch kein schlechtes Gewissen zu haben. Perry fiel nämlich auf, dass er gar nicht faul herumliegt, wenn er eine anstehende Aufgabe nicht angeht, sondern dass er stattdessen oft etwas anderes, weniger Dringendes tut. Mit »strukturierter Prokrastination« macht man sich den eigenen Tatendrang zunutze, der einen zwar nicht das Wichtigste, aber dafür andere Sachen erledigen lässt, meint Perry. Je weiter unten eine Aufgabe auf der To-do-Liste steht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sie erledigt, um eine andere Aufgabe zu vermeiden.

Perry räumt ein, dass zu seiner Methode ein wenig Selbsttäuschung gehört, was die Priorisierung der anstehenden Aufgaben angeht. Doch sein Ansatz weist auf einen wichtigen Punkt hin, nämlich die Frage, ob Aufschieben aus Faulheit geschieht. »Morgen, morgen, nur nicht heute« sagen laut Sprichwort »alle faulen Leute«. Aber Faulheit ist nur ein möglicher Grund von vielen, um Dinge aufzuschieben.

Manchmal kann man sich nicht durchringen, etwas anzufangen, weil einen die Aufgabe überfordert und man das Gefühl hat, vor einem riesigen Berg zu stehen. Vielleicht hemmt einen auch Angst – beispielsweise davor, nicht genügend Leistung zu bringen und zu versagen, oder auch davor, einen Arzttermin zu vereinbaren, vor dem man sich fürchtet. Oder es ist die Tätigkeit an sich, die einfach zu unangenehm oder schambehaftet ist, wie etwa sich bei jemandem zu entschuldigen, den man enttäuscht hat. Einige von uns sind »Erregungsaufschieber*innen«: Sie brauchen den Druck, den ein immer kleiner werdendes Zeitfenster verursacht, um aktiv zu werden. Das gibt ihnen einen regelrechten Kick.

Die Zeit für sich arbeiten lassen

Es könnte aber auch sein, dass es sich einfach nicht nach dem richtigen Zeitpunkt anfühlt, etwas Bestimmtes zu tun. Sagt man nicht auch: »Alles hat seine Zeit«? Manchmal schiebt man in der Hoffnung auf, morgen wäre ein besserer Tag, um aktiv zu werden. Morgen bin ich motivierter, ausgeschlafener, ein anderer Mensch … Aus so einer Haltung kann Naivität sprechen oder reiner Selbstbetrug. Doch andererseits kann es auch klug sein, etwas nicht sofort zu erledigen, sondern abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln.

»Welche Verspätung, mit dem Leben anzufangen, wenn man aufhören muss!«

Seneca

In unserer westlichen Kultur ist das beherzte Zupacken sehr viel höher angesehen als Abwarten und Zaudern. Einflussreiche Philosophen wie Immanuel Kant (1724–1804) sind eher dafür bekannt, Fleiß und Disziplin zu predigen, statt die Dinge locker anzugehen. In der chinesischen Philosophie des Daoismus kennt man hingegen das Prinzip »Wu wei«, was so viel wie Nichthandeln bedeutet. Damit ist nicht gemeint, gar nichts zu tun, sondern eher, nicht gegen den als natürlich aufgefassten Lauf der Dinge anzugehen. Es bringt demnach nichts, etwas durchsetzen zu wollen, wenn die Umstände dafür (momentan) ungünstig sind. Handelt man hingegen mit dem »Flow«, wie man es nennen könnte, kommt man viel besser und müheloser ans Ziel.

»Getting things done« – das Mantra unserer Zeit

An »Wu wei« zu denken kann zum Beispiel dann hilfreich sein, wenn man dazu neigt, vorschnell Entscheidungen zu treffen und immer alles sofort erledigen zu wollen. Dieses Phänomen, quasi das Gegenteil der Prokrastination, gibt es nämlich auch, bekannt als »Präkrastination«. Vielleicht möchte man eine Sache vom Tisch haben, aber wenn man es genauer betrachtet, ist die Zeit dafür noch gar nicht reif. Vielleicht fehlen einem noch wichtige Informationen für eine Entscheidung, die, wenn man wartet, viel leichter zu treffen ist, weil plötzlich alles ganz klar ist. Kurz gesagt: Abzuwarten und zu beobachten, wie sich die Dinge entwickeln, kann manchmal die bessere Wahl sein.

In unserer Leistungsgesellschaft aber hat das »Getting things done«- Mantra einen hohen Stellenwert und großen Einfluss. Zahlreiche Ratgeber geben Anweisungen, wie man Aufschieberei und Co. endlich in den Griff bekommt und seine To-dos effizient abarbeitet. Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen gelten als Wege zum Erfolg. So schiebt man zwar nicht die Arbeit auf, doch dafür läuft man Gefahr, alles andere aufzuschieben – nämlich das, was das Leben schön macht.

Erst arbeiten, dann leben?

Dafür taugt der Begriff Prokrastination vielleicht nicht so gut, denn dabei denken wir eher daran, unangenehme Dinge zu vermeiden. Doch auch Schönes lässt sich aufschieben, und in unserer Gesellschaft wird auch genau das an vielen Stellen verlangt. Nach dem Motto: Jetzt muss ich mich richtig reinhängen, aber wenn das Projekt geschafft ist, werde ich Zeit haben, um durchzuatmen, Sport zu machen, mit der Familie zu verreisen … Aber nach dem Projekt steht ein neues Projekt an. Und danach ist wieder irgendetwas.

Viele von uns haben eine »protestantische Arbeitsmoral« verinnerlicht und fühlen sich verpflichtet, heute zu arbeiten und erst später die Belohnung dafür zu bekommen – das Himmelreich beziehungsweise profaner: die Rente. Und Letztere ist heute leider so gar nicht mehr sicher. Die jüngeren Generationen äußern daher zu Recht immer mehr Unbehagen mit diesem Prinzip und sehen es nicht ein, warum sie das gute Leben so lange aufschieben sollten, bis sie für vieles, was Spaß macht, vielleicht schon zu alt sind. Außerdem sehen sie vielfach auch keinen Sinn mehr darin. Anders als in der Generation ihrer Eltern sieht das Zukunftsversprechen für die Jüngeren nicht mehr so rosig aus.

Der klassische Lebenslauf von festem Job mit Aufstiegschancen, Eigenheim, Vermögensaufbau, Wohlstand im Alter etc. ist selten geworden. Die Arbeitswelt ist flexibler geworden und dadurch auch unsicherer als in den Generationen zuvor. Folgt man dem US-amerikanischen Soziologen Richard Sennett, so sorgt die Flexibilisierung der Arbeitswelt im Kapitalismus dafür, dass immer mehr Menschen in prekären Verhältnissen arbeiten, was sich wiederum auf den Arbeitsethos auswirkt. Wenn die Bindungen zwischen Arbeitnehmer*in und Job schwächer werden, so Sennett, so werden es auch klassische Werte der Arbeitswelt wie Verlässlichkeit und Loyalität sowie die Bereitschaft, die eigenen Bedürfnisse zugunsten der Arbeit zurückzustellen.

Einerseits ist das Versprechen auf das späte Glück also selbst brüchig geworden, andererseits fragen sich heute aber auch einige, ob sie so lange warten wollen oder ob es nicht besser wäre, beides jetzt zu haben: ein erfülltes Leben und gute Arbeit, für die man nicht irgendwann später entschädigt werden muss.

Nichtsdestotrotz können wir nicht alles sofort haben und tun, obwohl wir uns im Zeitalter des Internets immer mehr daran gewöhnen, dass alles jederzeit verfügbar sein muss. Aber wir leben nicht nur in der Gegenwart, sondern malen uns auch immer schon die Zukunft aus. Es macht Spaß, Pläne zu schmieden und sich auf etwas zu freuen. Doch das große – ja, existenzielle – Problem am Aufschieben von Schönem ist, dass wir nicht wissen, wie viel Zeit uns noch bleibt. Wir leben, als würde es ewig so weitergehen, doch vielleicht erleben wir das Später, auf das wir hoffen, einfach gar nicht mehr.

Das Ende ist ungewiss

Ein beliebtes Motiv in Filmen und Büchern ist die todkranke Person, die erfährt, dass sie nicht mehr lange leben wird. Diese Figuren ändern daraufhin ihr ganzes Leben, hören auf zu arbeiten und fangen an, sich ihre persönlichen Lebensträume zu erfüllen – im Rahmen dessen, was in ihrem Gesundheitszustand möglich ist. Obwohl solche Geschichten oft etwas kitschig sind, zeigen sie dennoch recht anschaulich auf, was sich verändert, wenn man plötzlich nicht mehr davon ausgeht, noch genügend Zeit für all das zu haben, was auf der eigenen »Bucket List« steht.

»Welche Verspätung, mit dem Leben anzufangen, wenn man aufhören muss!«, heißt es in der Schrift »Von der Kürze des Lebens« des stoischen Philosophen Seneca (ca. 1–65 n. Chr.). Schon in der Antike beobachtete er das widersprüchliche Verhalten seiner Mitbürger: Sie klagten über ihre zu kurze Lebenszeit und gingen dennoch verschwenderisch mit ihr um, indem sie unentwegt arbeiteten und Vermögen anhäuften, Kriege führten, dem Ruhm hinterherjagten und sonstigen Geschäften nachgingen.

Zeit für Ruhe und Muße wähnten sie in einem unbestimmten Rentenalter, das viele zu der Zeit gar nicht erreichten. Dabei sei die eigene Lebenszeit der Ort, »wo der Geiz die einzige Gelegenheit hat, in ehrbarer Gestalt aufzutreten«. Für Seneca ist das Leben nicht zu kurz, wenn man es richtig zu nutzen weiß. Es ist nicht das Ziel, möglichst lange da zu sein, sondern möglichst viel aus der Zeit zu machen, die man hat. Und damit muss man heute anfangen, nicht irgendwann, denn irgendwann ist ungewiss. Laut Seneca nutzt man sein Leben dann am besten, wenn man Zeit für sich selbst und die Philosophie hat.

Der Wiener Philosoph Robert Pfaller zieht aus der Endlichkeit des Daseins vielmehr die Notwendigkeit, das Leben in vollen Zügen zu genießen – wann immer es geht und so intensiv wie möglich. Und damit meint er auch »unvernünftiges« Verhalten wie Feiern, Trinken, Rauchen, Sex … Man lebt nur einmal, warum sollten wir uns zurückhalten und irgendetwas aufsparen? Dem kann man natürlich allerhand entgegensetzen, etwa dass es nicht schadet, auch an morgen zu denken, vor allem wenn man auch Verantwortung für andere trägt.

Doch gerade während der Corona-Pandemie mussten beziehungsweise müssen wir die Erfahrung machen, wie es ist, wenn wir ganz vieles von dem aufschieben müssen, was das Leben lebenswert macht. Das gemeinsame Essen, die Feiern, die Freunde, Urlaubsreisen – all das kommt zwar gerade langsam wieder, doch fühlte es sich durch die Maßnahmen schon so an, als müsse man vor allem auf die schönen Erlebnisse verzichten, während man aber weiterhin im Alltag funktionieren und arbeiten muss.

Warten auf … was?

Gerade Jugendliche und junge Erwachsene leiden stark darunter, dass ihnen eine wichtige, prägende Zeit »geklaut« wird. Wenn die Abifeier ausfällt, der Start ins Studium ohne Campusleben auskommen muss, man seine Identität nicht mehr im Zusammensein mit der Clique finden darf, sind das Beispiele für Dinge, die man nicht oder nur sehr schwer aufschieben kann. Manches kommt nicht wieder, wenn der Zeitpunkt dafür verstrichen ist. Andernfalls kann man auch ewig auf den perfekten Moment warten, etwa um eine große Entscheidung zu treffen, ein Kind zu bekommen, den Job zu wechseln – ohne dass dieser Moment jemals kommt. Und hinterher fragt man sich dann womöglich: Warum habe ich es nicht einfach gemacht? •

[LEKTÜRE]

_

LUCIUS ANNAEUS SENECA

Vom glückseligen Leben und Von der Kürze des Lebens

NICOL, 2019 Zwei Aufsätze des stoischen Philosophen Seneca, der auch als Lehrer Kaiser Neros wirkte.

_

JOHN PERRY

Einfach liegen lassen

GOLDMANN VERLAG, 2015 Der emeritierte Stanford-Professor über »effektives Arbeiten durch gezieltes Nichtstun«.